Stimmt es, dass …?
„Die Weiche wird gleich umgestellt, der Fahrdienstleiter legt sich dafür mit ganzer Kraft in den Hebel.“
Stimmt es, dass es noch Stellwerke aus der Kaiserzeit gibt?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Ja, das stimmt. Die Deutsche Bahn betrieb 2025 noch 523 mechanische Stellwerke, und einige davon stammen noch aus der Zeit der Länderbahnen vor 1920.
Wer an einem kleinen Bahnhof aus dem Zugfenster schaut, entdeckt manchmal ein Häuschen mit großen Fenstern und Drahtseilen, die an den Gleisen entlanglaufen.
Darin arbeitet oft noch Technik, die Weichen und Signale mit reiner Muskelkraft bewegt.
Ob einige dieser Anlagen tatsächlich noch aus der Kaiserzeit stammen, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
523
mechanische Stellwerke
bei der Deutschen Bahn im Jahr 2025
1867
erstes Stellwerk in Deutschland
mechanisch, in Betrieb genommen in Stettin
1905
Baujahr in Goslar
zwei Stellwerke, in Betrieb bis Oktober 2023
Im Jahr 2020 waren es noch 651 mechanische Stellwerke, im Jahr 2023 noch 565.
Was ein Stellwerk leistet
Ein Stellwerk ist die Schaltzentrale eines Bahnhofs, denn von hier aus werden Weichen und Signale gestellt.
Es sorgt zugleich dafür, dass ein Signal erst dann Fahrt zeigen kann, wenn die Weichen richtig liegen.
Diese sogenannte Signalabhängigkeit verhindert, dass ein Zug auf einen falsch eingestellten Weg geschickt wird.
Je nach Bauart geschieht das mit Hebeln und Drahtseilen, mit Relais oder mit Computern.

Muskelkraft statt Mausklick
In einem mechanischen Stellwerk bewegt der Bediener Weichen und Signale mit der Kraft seiner eigenen Arme.
Er legt dazu Hebel auf einer Hebelbank um, deren Bewegung über Drahtzugleitungen bis hinaus an die Gleise übertragen wird.
In Deutschland werden dafür praktisch ausschließlich Doppeldrahtzugleitungen mit Drahtseilen von 5,5 Millimetern Stärke verwendet.
Die Hebel sind farbig gekennzeichnet, in Deutschland etwa blau für Weichen, rot für Signale und grün für Fahrstraßen.
Gut zu wissen
Das erste elektromechanische Stellwerk in Deutschland ging 1896 in Berlin-Westend in Betrieb. Die Bauart Siemens und Halske von 1912 wurde zur Grundlage fast aller elektromechanischen Stellwerke im deutschsprachigen Raum.
Im Jahr 2013 betrieb die Deutsche Bahn 130 verschiedene Typen von Stellwerken. Bei einem Drittel der Anlagen galt die technische Lebensdauer damals als bei Weitem überschritten.
Die Anfänge im 19. Jahrhundert
Die ersten mechanischen Stellwerke entstanden um 1850 in Großbritannien.
In Deutschland nahm die englische Firma Saxby und Farmer im Jahr 1867 in Stettin das erste Stellwerk in Betrieb, das Weichen und Signale zentral stellen und sichern konnte.
Im übrigen Mitteleuropa folgten erste mechanische Stellwerke ab etwa 1870.
Im 19. Jahrhundert unterschieden sich die Anlagen noch stark von Hersteller zu Hersteller.
Kaiserzeit und Länderbahnen
Die Kaiserzeit reichte von der Reichsgründung 1871 bis 1918, und in dieser Zeit betrieben die einzelnen deutschen Länder ihre eigenen Staatsbahnen.
Diese sogenannten Länderbahnen bestanden bis 1920 und gingen danach in der Deutschen Reichsbahn auf.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden in den deutschen Ländern einheitliche Regelbauarten für Stellwerke eingeführt.
In Preußen entstand zwischen 1911 und 1915 die Bauart Einheit, aus der später weitere Bauformen entwickelt wurden.
Hunderte Hebelstellwerke im Einsatz
Mechanische Stellwerke sind weltweit im Verschwinden begriffen, in Dänemark oder den Niederlanden gibt es sie bei Vollbahnen gar nicht mehr.
In Deutschland betrieb die Deutsche Bahn im Jahr 2025 dagegen noch 523 mechanische Stellwerke.
Die Zahl sinkt stetig, denn 2020 waren es noch 651 und 2023 noch 565.
Bei der Ausbildung neuer Fahrdienstleiter stellte die Bahn fest, dass viele dieser Anlagen teilweise noch aus der Zeit der Länderbahnen stammen.
Ein Beispiel aus Goslar
Wie lange solche Technik durchhält, zeigt der Bahnhof Goslar am Harz.
Dort waren bis zum 13. Oktober 2023 zwei mechanische Stellwerke der Bauart Jüdel in Betrieb, die im Jahr 1905 eröffnet worden waren.
Sie arbeiteten damit rund 118 Jahre, bevor ein elektronisches Stellwerk ihre Aufgabe übernahm.
Beide Gebäude stehen unter Denkmalschutz, und der Bahnhof wird nun aus Göttingen ferngesteuert.
Weitere Zeugen der Kaiserzeit
Auch in München blieben Stellwerke aus dem 19. Jahrhundert lange im Dienst.
Im Rangierbahnhof Laim liefen ein mechanisches Stellwerk von 1894 und eines von 1900 bis zum Dezember 2008.
Seitdem steuert dort ein elektronisches Stellwerk die Gleise, das an die Münchner Betriebszentrale angeschlossen ist.
Die in Goslar verwendete Bauart Jüdel geht auf die Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel und Co. zurück, die 1873 in Braunschweig gegründet wurde.
Alte Technik, neue Ausbildung
Weil noch so viele Hebelstellwerke arbeiten, braucht die Bahn weiterhin Menschen, die sie bedienen können.
Die DB InfraGO bildet deshalb im historischen, denkmalgeschützten Lehrstellwerk Kornwestheim wieder Fahrdienstleiter aus.
Gleichzeitig treibt die Bahn den Austausch voran und nahm 2025 nach eigenen Angaben 60 Stellwerke in Betrieb, nach jeweils 40 in den Vorjahren.
Ein elektronisches Stellwerk steuerte Anfang 2006 im Schnitt 236 Stelleinheiten, ein mechanisches dagegen nur 14.
Das Fazit
Der Mythos stimmt, denn in Deutschland arbeiten noch Hunderte mechanische Stellwerke.
Einige von ihnen stammen noch aus der Zeit der Länderbahnen, also aus der Epoche vor 1920, zu der die Kaiserzeit gehört.
Das Beispiel Goslar zeigt, dass Anlagen aus dem Jahr 1905 noch bis 2023 Züge sicher durch den Bahnhof leiteten.
Nach und nach werden sie durch elektronische und digitale Stellwerke ersetzt, doch ganz verschwunden ist die Kaiserzeit auf der Schiene noch nicht.
Die Bahn als Teil des Alltags
Für Millionen Menschen gehört die Bahn ganz selbstverständlich zum Tag dazu.
Sie bringt Pendler zur Arbeit, Schüler zur Schule und Familien zu Ausflügen.
Am Bahnsteig treffen sich für einen Moment die unterschiedlichsten Lebenswege.
Der eine liest, die andere telefoniert, ein Dritter döst vor sich hin.
So ist der Zug nicht nur ein Fahrzeug, sondern ein Stück gelebter Alltag.
Und genau das macht die Bahn zu einem so besonderen öffentlichen Ort.
Kleine Dinge, große Wirkung
Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.
Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.
Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.
In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.
Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.
So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.
