Stimmt es, dass …?
„Im folgenden Tunnel beziehen wir unseren Strom von der Decke, bitte keine Sorge, der Stromabnehmer kennt den Weg.“
Stimmt es, dass es in Tunneln Stromschienen an der Decke statt Fahrdrähten gibt?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt teilweise. In vielen Tunneln ersetzt eine starre Deckenstromschiene die übliche Oberleitung aus Tragseil und Fahrdraht, doch in das Aluminiumprofil ist meist ein ganz normaler Rillenfahrdraht eingeklemmt, sodass der Stromabnehmer weiterhin an einem Fahrdraht schleift.
Wer auf freier Strecke nach oben schaut, sieht über den Gleisen ein Geflecht aus Seilen, Drähten und Auslegern.
In manchen Tunneln wirkt die Decke dagegen erstaunlich aufgeräumt, weil dort nur eine schmale Schiene zu hängen scheint.
Ob es in Tunneln wirklich Stromschienen statt Fahrdrähten gibt, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
8–12 m
Stützpunktabstand
deshalb vor allem in Tunneln sinnvoll
1300 mm²
Kupferäquivalent
rund sechsmal mehr als bei einer Kettenoberleitung
250 km/h
Testfahrten
im Koralmtunnel mit Deckenstromschiene
In der Deckenstromschiene steckt meist ein normaler Rillenfahrdraht, eingeklemmt in ein Aluminiumprofil.
Die klassische Oberleitung braucht Platz
Eisenbahnfahrleitungen sind in der Regel als sogenanntes Kettenwerk ausgeführt.
Dabei hängt der Fahrdraht an einem darüber verlaufenden Tragseil, das ihn in möglichst gleichmäßiger Höhe hält.
Diese Konstruktion braucht Platz nach oben, den es in engen Tunneln nicht immer gibt.
Genau dort kommt eine Alternative ins Spiel, die an der Tunneldecke befestigt wird.

Die Stromschiene an der Decke
In Sonderfällen kann eine Stromschiene ein Teilstück einer Oberleitung bilden.
Das gilt etwa in Werkstatthallen, auf Brücken oder in Tunneln mit eingeschränktem Lichtraumprofil.
Ein Beispiel ist der Tunnel der Nord-Süd-Fernbahn in Berlin, wo die Wechselspannung von 15 Kilovolt über eine Deckenstromschiene zugeführt wird.
Auch bei Straßenbahnen wird in Tunnelstrecken in jüngerer Zeit oft kein Fahrdraht mehr gespannt, sondern eine Deckenstromschiene vorgesehen.
Fachleute sprechen dabei auch von einer Oberleitungsstromschiene oder Stromschienenoberleitung.
Gut zu wissen
Stromschienen für elektrische Bahnen bestehen heute meist aus Aluminiumlegierungen mit eingewalzter, verschleißfester Lauffläche aus Edelstahl. Bei der Deckenstromschiene hält das Aluminiumprofil den eingeklemmten Fahrdraht.
Der Begriff Stromschiene hat viele Varianten. Man spricht unter anderem auch von dritter Schiene, Kontaktschiene oder Fahrstromschiene.
Im Inneren steckt doch ein Fahrdraht
Wer genauer hinschaut, entdeckt allerdings einen Haken am Mythos.
Konstruktiv wird bei einer Deckenstromschiene meist ein normaler Rillenfahrdraht in ein Trägerprofil aus Aluminium eingeklemmt.
Der Stromabnehmer schleift also auch hier an einem Fahrdraht, nur dass dieser nicht an Seilen hängt, sondern starr gehalten wird.
Ersetzt wird demnach vor allem das Kettenwerk aus Tragseil und Hängern, nicht der Fahrdraht selbst.
Die Vorteile im Tunnel
Eine Deckenstromschiene lässt sich einfacher verlegen, auch im Bereich von Weichen.
Sie verträgt größere Betriebsstromstärken, sodass teilweise auf zusätzliche Speiseleitungen verzichtet werden kann.
Außerdem gilt sie als elektrisch und mechanisch betriebssicherer als eine herkömmliche Fahrleitung.
Auch die Kosten für die Instandhaltung sind geringer.
Wegen ihrer hohen Verfügbarkeit wird sie ausdrücklich auch aus Gründen der Betriebssicherheit eingesetzt.
Teurer im Bau, günstiger im Tunnel
Der Bau einer Deckenstromschiene kostet mehr als der einer normalen Fahrleitung.
Bei unterirdischen Anlagen gleicht sich das aber aus, weil die niedrigere Bauhöhe kleinere Tunnelquerschnitte erlaubt.
Die Stützpunkte müssen allerdings eng beieinanderliegen, und zwar im Abstand von etwa 8 bis 12 Metern.
Deshalb ist ihr Einsatz im Allgemeinen nur in Tunneln sinnvoll.
Mehr Kupfer, weniger Kabel
Eine Deckenstromschiene hat normalerweise einen Querschnitt von 1300 Quadratmillimetern Kupferäquivalent.
Das ist rund sechsmal mehr als bei einer Kettenoberleitung.
In langen Tunneln können deshalb Kabel, die sonst parallel zur Oberleitung verlegt werden, entfallen oder zumindest reduziert werden.
Die starre Schiene übernimmt so gleich mehrere Aufgaben auf einmal.
Von Kopenhagen bis nach Salzburg
Auf der Stammstrecke der S-Bahn Kopenhagen zwischen Hauptbahnhof und Østerport wurde die Deckenstromschiene sogar zwischen den Tunnelabschnitten weitergeführt, um häufige Wechsel der Fahrleitungsbauart zu vermeiden.
Weil sie wenig Einbauhöhe braucht, setzt man sie auch beim Umbau älterer Tunnel mit engem Lichtraumprofil ein, etwa im Gemmenicher Tunnel oder im Arlbergtunnel.
In Salzburg führt eine Deckenstromschiene unter der alten Bahnhofshallenkonstruktion hindurch, die aus Gründen des Denkmalschutzes erhalten blieb.
In Betriebswerken und an Ladegleisen kann die Stromschiene sogar geschwenkt oder angehoben werden, damit Hebeböcke und Kräne arbeiten können.
Mit Tempo unter der Koralpe
Ein aktuelles Beispiel ist der Koralmtunnel zwischen Graz und Klagenfurt, der mit etwa 32,9 Kilometern der längste Eisenbahntunnel Österreichs ist.
Für die Energieversorgung der Züge wurde dort eine Deckenstromschiene vorgesehen, deren Einbau im März 2024 begann.
Bei einer wochenlangen Testphase, die Mitte Juni 2025 abgeschlossen wurde, gab es unter anderem Hochtastfahrten bis 250 Kilometer pro Stunde.
Seit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember 2025 läuft der reguläre Betrieb.
Personenfernzüge brauchen zwischen Graz und Klagenfurt seitdem nur noch 41 Minuten.
Nicht zu verwechseln mit der dritten Schiene
Die Deckenstromschiene ist etwas anderes als die bodennahe Stromschiene, die bei vielen U-Bahnen neben dem Gleis liegt.
Solche bodennahen Stromschienen erlauben in Tunneln ebenfalls ein kleines Lichtraumprofil, bergen aber Gefahren für Menschen und Tiere im Gleisbereich.
Hochgeschwindigkeitsverkehr oberhalb von etwa 150 Kilometern pro Stunde ist mit ihnen kaum möglich.
Dafür gelten Stromschienen als deutlich verschleißfester und robuster gegenüber entgleisten Stromabnehmern, die bei einer Oberleitung regelmäßig schwere Schäden anrichten.
Die Deckenstromschiene hängt dagegen oben wie eine Oberleitung und wird auch wie diese über einen Stromabnehmer auf dem Dach abgegriffen.
Das Fazit
Der Mythos stimmt teilweise, denn in vielen Tunneln hängt statt einer klassischen Oberleitung eine starre Deckenstromschiene.
Ersetzt wird dabei vor allem das Kettenwerk aus Tragseil und Hängern, weil es in engen Tunneln zu viel Platz braucht.
In das Aluminiumprofil ist aber meist ein ganz normaler Rillenfahrdraht eingeklemmt, sodass der Stromabnehmer weiterhin an einem Fahrdraht entlanggleitet.
Die Lösung ist robuster, braucht weniger Wartung und bietet deutlich mehr Leitungsquerschnitt als eine herkömmliche Oberleitung.
Dass sie auch für hohe Geschwindigkeiten taugt, legen die Testfahrten mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde im Koralmtunnel nahe.
Die Bahn und der Klimaschutz
Kaum ein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn.
Sie fährt in Deutschland zu einem großen Teil mit Strom aus erneuerbaren Quellen.
Ein voll besetzter Zug verbraucht je Reisenden viel weniger Energie als das Auto.
Wer von der Straße auf die Schiene wechselt, spart spürbar Treibhausgase.
Deshalb gilt die Bahn als ein wichtiger Baustein der Verkehrswende.
Jede zusätzliche Fahrt mit dem Zug ist damit auch ein kleiner Beitrag fürs Klima.
Warum die Bahn für das ganze Land zählt
Die Bahn bringt Tag für Tag sehr viele Menschen sicher ans Ziel.
Sie verbindet große Städte mit kleinen Dörfern und hält so das Land zusammen.
Bei Wind und Wetter fährt sie, wenn andere Verkehrsmittel längst stehen.
Ein gut gefüllter Zug ersetzt viele Autos und entlastet damit die Straßen.
Zugleich schont die Schiene die Umwelt, weil sie je Reisenden wenig Energie braucht.
So ist die Bahn weit mehr als ein Verkehrsmittel, sie ist ein Stück Daseinsvorsorge.
