Stimmt es, dass …?
„Endstation Brandenburger Tor, dieser Zug fährt in wenigen Minuten zurück zum Hauptbahnhof.“
Stimmt es, dass es in Berlin eine U-Bahn mit nur drei Stationen gab?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt. Die U55 fuhr vom 8. August 2009 bis März 2020 im Inselbetrieb auf einer 1,8 Kilometer langen Strecke mit den drei Bahnhöfen Hauptbahnhof, Bundestag und Brandenburger Tor, ohne Verbindung zum übrigen U-Bahn-Netz.
Eine U-Bahn-Linie mit nur drei Bahnhöfen klingt eher nach einer Spielzeugbahn als nach einer Hauptstadt.
Trotzdem pendelte in Berlin mehr als zehn Jahre lang genau so eine Linie unter dem Regierungsviertel.
Dieser Mythos-Check zeigt, wie die U55 entstand, wie sie funktionierte und warum es sie heute nicht mehr gibt.

Die Fakten in Zahlen
1,8 km
Streckenlänge
mit drei Bahnhöfen
2½ Minuten
Fahrzeit
von Endstation zu Endstation
6200
Fahrgäste
nutzten die U55 im Schnitt pro Tag
Die Gesamtkosten für das Teilstück der U55 betrugen 320 Millionen Euro, davon förderte der Bund 170 Millionen Euro.
Drei Bahnhöfe, eine Linie
Die U55 war eine Linie der Berliner U-Bahn zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof.
Dazwischen lag nur ein einziger weiterer Bahnhof, der U-Bahnhof Bundestag.
Vom 8. August 2009 bis zum 17. März 2020 verkehrte sie im Inselbetrieb, also ohne Anschluss an das übrige U-Bahn-Netz.
Die Strecke war 1,8 Kilometer lang.
Sie ist Teil der Verlängerung der Linie U5 vom Alexanderplatz nach Westen.

Die Kanzler-U-Bahn
Diese Verlängerung wurde auch Kanzler-U-Bahn genannt.
Der Name spielte auf den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl an, weil der Bau auf Betreiben der Bundesregierung im Hauptstadtvertrag geregelt worden war.
Die ursprünglichen Planungen stammen aber schon aus dem 200-Kilometer-Plan der West-Berliner Verwaltung von Mitte der 1950er Jahre.
Nach der Wiedervereinigung wurden sie so angepasst, dass die U5 den neuen Hauptbahnhof und das Regierungsviertel erreicht.
Für den Bundestag war eine großzügige Verteilerebene mit direkten Zugängen zum Kanzleramt und zum Paul-Löbe-Haus vorgesehen.
Gut zu wissen
Die Linie bekam die Nummer U55, um die Fahrgäste nicht zu verwirren. Mit der eigentlichen U5 hatte sie bis zum Lückenschluss keine Verbindung.
Der Bahnhof Bundestag liegt nicht vor dem Reichstagsgebäude, sondern vor dem Paul-Löbe-Haus des Bundestages. Deshalb passt der Name Bundestag auch besser zur Lage als der alte Planungsname.
Baustopp und Neustart
Im Jahr 1995 begann der Bau.
2002 stoppte der Berliner Senat das Projekt aus finanziellen Gründen, als die Stationen Hauptbahnhof und Reichstag bereits im Rohbau fertig waren.
Um die Rückzahlung von 170 Millionen Euro Fördergeld des Bundes zu vermeiden, beschloss der Senat 2003 eine Fortführung bis zum Brandenburger Tor.
Die Arbeiten verzögerten sich wegen des hohen Grundwasserstands am Brandenburger Tor.
Ein vorübergehender Betrieb zur Fußball-WM 2006 wurde diskutiert, aber nicht verwirklicht.
Filmkulisse im Rohbau
Während des Baustopps wurde der fertige Rohbau des Bahnhofs Bundestag anders genutzt.
Er diente als Veranstaltungs- und Filmdrehort, unter anderem für Teile der Filme Resident Evil und Æon Flux.
Im April und Mai 2008 wurde dort Mozarts Zauberflöte aufgeführt.
Von Ende Oktober bis Mitte November 2008 zeigte das Bundesforschungsministerium dort die Ausstellung Weltmaschine über den Teilchenbeschleuniger am CERN.
Der Name Bundestag geht auf den Ältestenrat des Bundestages zurück, als Planungsname war Reichstag vorgesehen.
Pendeln im Zehn-Minuten-Takt
Ab dem 9. August 2009 wurde die Strecke im Pendelbetrieb bedient.
Der Zug fuhr zwischen 4:45 Uhr und 0:45 Uhr alle zehn Minuten, sonntags ab 5:45 Uhr.
Er startete jeweils zur Minute 0 am Brandenburger Tor und zur Minute 5 am Hauptbahnhof.
Die Fahrt dauerte zweieinhalb Minuten, und pro Schicht war nur ein Fahrer im Einsatz.
Im Durchschnitt nutzten rund 6200 Fahrgäste am Tag die Linie, erwartet worden waren 6400.
Per Kran in den Tunnel
Weil die U55 keinen Anschluss an das übrige Netz hatte, konnten die Züge nicht über Schienen anreisen.
Am 23. und 24. Juli 2009 wurden die Wagen deshalb mit einem Kran durch eine Öffnung an der Minna-Cauer-Straße auf das Gleis herabgelassen.
Ursprünglich waren acht Wagen vom Typ F79 für die Strecke angepasst worden, meist fuhren aber nur zwei davon.
Am Hauptbahnhof gab es eine kleine Hilfswerkstatt ohne Arbeitsgruben.
Im März 2017 wurden die Wagen gegen modernisierte Fahrzeuge vom Typ D aus den 1950er Jahren mit grünen Kunstledersitzen getauscht.
Technik im Kleinformat
Auch technisch war die U55 eine Besonderheit.
Am Hauptbahnhof gab es eine Weichenanlage, die von Hand bedient wurde.
Weil auf der eingleisigen Strecke nur ein Zug fuhr, reichte eine vereinfachte Zugsicherung ohne Hauptsignale.
Am Bahnhof Bundestag fehlten wegen der geringen Fahrgastzahlen zunächst sogar die Rolltreppen, sie wurden erst im zweiten Halbjahr 2018 nachgerüstet.
Vom 4. Juni bis zum 10. Dezember 2018 ruhte der Betrieb wegen Bauarbeiten für den Anschluss an die U5.
Das Ende der Insel
Im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie wurde der Betrieb der U55 am 18. März 2020 eingestellt.
Wieder befahren wurde die Strecke erst mit der Verlängerung der U5 am 4. Dezember 2020.
An diesem Tag ging der Abschnitt vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor in Betrieb.
Damit ging die U55 in der Linie U5 auf.
Für den neuen Kreuzungsbahnhof Unter den Linden mit der U6 wurde der U-Bahnhof Französische Straße geschlossen.
Teuer und umstritten
Die U55 war nicht unumstritten.
Allein für den Abschnitt zwischen Alexanderplatz und Hauptbahnhof waren Baukosten von etwa 650 Millionen Euro veranschlagt.
Weil auf diesem Abschnitt parallel die Stadtbahn verläuft, wurde die Notwendigkeit der Linie häufig in Frage gestellt.
Für die Strecke bis zur Turmstraße wurde ein Kosten-Nutzen-Wert von 1,79 ermittelt, und Werte über 1 gelten als wirtschaftlich.
Langfristig soll die U5 im Westen über Moabit und die Jungfernheide bis zum ehemaligen Flughafen Tegel verlängert werden.
Das Fazit
Der Mythos stimmt.
Von 2009 bis 2020 fuhr in Berlin die U55 mit nur drei Bahnhöfen zwischen Hauptbahnhof, Bundestag und Brandenburger Tor.
Sie war ein Inselbetrieb ohne Verbindung zum übrigen Netz, und ihre Wagen kamen per Kran in den Tunnel.
Entstanden war die Mini-Linie, weil das Land Berlin die Fördergelder des Bundes nicht zurückzahlen wollte.
Seit dem 4. Dezember 2020 ist die Strecke ein Teil der verlängerten U5.
Von der Dampflok bis heute
Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.
Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.
Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.
Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.
Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.
Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.
Zwischen Technik und Menschen
Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.
Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.
Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.
Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.
Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.
Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.
