Stimmt es, dass …?
„Wir erreichen unser Ziel in derselben Zeitzone, die innere Uhr darf also entspannt sitzen bleiben.“
Stimmt es, dass es bei Zugreisen keinen Jetlag gibt?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt weitgehend. Ein Jetlag entsteht vor allem, wenn man sehr schnell mehrere Zeitzonen überquert, und das kommt bei Bahnreisen kaum vor, doch auf sehr langen Strecken wie der Transsibirischen Eisenbahn muss sich auch die innere Uhr nach und nach umstellen.
Wer nach einem Langstreckenflug tagelang müde ist, nachts wach liegt und mittags gähnt, kennt den Jetlag aus eigener Erfahrung.
Bahnfans behaupten gern, dass es so etwas im Zug gar nicht geben könne.
Ob die Schiene die innere Uhr wirklich schont, klärt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
5 Stunden
Zeitverschiebung
ab dieser Differenz spüren fast alle Reisenden Beschwerden
7
Zeitzonen
liegen zwischen Moskau und Wladiwostok
144 Stunden
Fahrzeit der Transsib
rund sechs Tage für 9288 Kilometer
Zwischen der Westeuropäischen Zeit und der Moskauer Zeit liegen nur drei Stunden.
Was ein Jetlag eigentlich ist
Als Jetlag bezeichnet man eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus, die nach Langstreckenflügen über mehrere Zeitzonen auftritt.
Das Wort setzt sich aus dem englischen jet für Düsenflugzeug und lag für Zeitdifferenz zusammen.
Im Deutschen ist zuweilen auch vom Zeitzonenkater die Rede.
In der internationalen Klassifikation der Schlafstörungen zählt der Jetlag zu den zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen.
Schon die Definition verrät also, dass das Flugzeug bei diesem Leiden eine zentrale Rolle spielt.

Die innere Uhr kommt aus dem Takt
Der Körper folgt einer inneren Uhr, deren Sitz Fachleute in einem Teil des Hypothalamus ausgemacht haben, dem Nucleus suprachiasmaticus.
Diese Uhr läuft nicht exakt im 24-Stunden-Takt und wird täglich durch äußere Zeitgeber wie helles Licht und Mahlzeiten nachgestellt.
Der wichtigste Zeitgeber beim Menschen ist der Wechsel von Hell und Dunkel.
Nach einer schnellen Reise über mehrere Zeitzonen passt die innere Uhr nicht mehr zur neuen Ortszeit, weil sie sich nur träge verstellen lässt.
Dann geraten Rhythmen wie Schlafenszeit, Hormonproduktion und Körpertemperatur durcheinander.
Gut zu wissen
Bei Dunkelheit schüttet der Körper vermehrt das Hormon Melatonin aus, bei hellem Licht dagegen weniger. Deshalb gilt Tageslicht als wichtiger Helfer, wenn sich die innere Uhr an eine neue Ortszeit gewöhnen muss.
Die erste landesweite Sommerzeit wurde am 30. April 1916 im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn angeordnet. Dass sie gerade landesweit kam, gilt auch wegen der praktischen Schwierigkeiten im länderübergreifenden Eisenbahnverkehr als kein Zufall.
Typische Beschwerden und ihre Dauer
Die häufigsten Beschwerden sind Ein- und Durchschlafstörungen, Müdigkeit, Schwindelgefühl, Stimmungsschwankungen und Appetitlosigkeit.
Auch die Leistungsfähigkeit bei körperlichen und geistigen Aufgaben kann sinken.
Die spürbaren Beschwerden verschwinden meist nach wenigen Tagen.
Messbare Werte wie Körpertemperatur und Hormonstatus brauchen dagegen bis zu zwei Wochen, um sich anzupassen.
Bei einer Zeitverschiebung von mehr als fünf Stunden nehmen fast alle Reisenden Beschwerden wahr, wie stark sie ausfallen, ist aber sehr unterschiedlich.
Warum der Weg nach Osten härter ist
Auch die Richtung spielt eine Rolle, denn Reisen nach Osten werden gewöhnlich als anstrengender empfunden.
Wer nach Osten reist, muss früher aufstehen, als es die innere Uhr gewohnt ist.
Für viele Menschen ist es aber leichter, abends länger aufzubleiben, als morgens früher aus dem Bett zu kommen.
Reisen nach Westen verlängern den Tag dagegen, was sich meist besser verkraften lässt.
Europa ist zeitlich klein
In Deutschland gilt die Mitteleuropäische Zeit, die der Weltzeit UTC um eine Stunde voraus ist.
In Großbritannien heißt die Zonenzeit Greenwich Mean Time, dort ist es eine Stunde früher als in Deutschland.
Die Osteuropäische Zeit liegt eine Stunde später als die Mitteleuropäische Zeit, die Moskauer Zeit zwei Stunden später.
Wer mit dem Zug durch Europa reist, überquert deshalb meist nur eine oder zwei Zeitzonengrenzen.
Eine solche Verschiebung liegt weit unter den fünf Stunden, ab denen fast alle Reisenden Beschwerden spüren.
Zeitzonen im Zeitlupentempo
Entscheidend für den Jetlag ist nicht nur, wie viele Zeitzonen man überquert, sondern auch, wie schnell das geschieht.
Ein Flugzeug überspringt mehrere Zeitzonen innerhalb weniger Stunden, ein Zug braucht für dieselbe Distanz oft Tage.
Die innere Uhr bekommt bei der Bahnreise also mehr Gelegenheit, sich unterwegs am Tageslicht und an den Mahlzeiten zu orientieren.
Wie gut das im Einzelfall gelingt, ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Die Transsib als Härtetest
Die längste Probe aufs Exempel bietet die Transsibirische Eisenbahn zwischen Moskau und Wladiwostok.
Die Strecke ist 9288 Kilometer lang, und eine Fahrt dauert in der Regel 144 Stunden, also sechs Tage.
Wladiwostok liegt sieben Zeitzonen östlich von Moskau.
Im Schnitt verschiebt sich die Ortszeit auf dieser Reise also um gut eine Stunde pro Tag.
Wer dagegen fliegt, legt nur die Luftlinie von 6430 Kilometern zurück und erlebt die ganzen sieben Stunden Zeitverschiebung auf einen Schlag.
Ganz ohne Umstellung geht es nicht
Auch eine langsame Reise nach Osten verlangt von der inneren Uhr, sich Schritt für Schritt umzustellen.
Licht spielt dabei eine Schlüsselrolle, denn der Zeitpunkt, zu dem helles Licht auf den Körper wirkt, beeinflusst die Anpassung besonders stark.
Zu den verbreiteten Empfehlungen gehört, am Tagesrhythmus des Zielorts teilzunehmen und viel Zeit im Freien zu verbringen.
Ebenso wird geraten, auf Schlafmittel und Alkohol zu verzichten.
Diese Ratschläge beruhen allerdings meist auf Erfahrung und sind nicht durch medizinische Studien belegt.
Der kleine Zeitsprung ohne Reise
Eine ähnliche Umstellung erleben viele Menschen zweimal im Jahr ganz ohne Koffer, nämlich bei der Zeitumstellung.
Kritiker der Sommerzeit führen an, dass die Anpassung an den neuen Tagesrhythmus mindestens mehrere Tage dauere.
Für die Eisenbahn war die Uhrzeit schon immer eine heikle Sache, weil Fahrpläne über Grenzen hinweg zusammenpassen müssen.
Die Schweiz führte die Sommerzeit wie ihre Nachbarstaaten erst 1981 ein und vermied so eine Wiederholung des Zeitchaos von 1980, das unter anderem grenzüberschreitende Bahnfahrpläne betroffen hatte.
Das Fazit
Der Mythos stimmt weitgehend, denn ein klassischer Jetlag entsteht durch das schnelle Überqueren mehrerer Zeitzonen, wie es vor allem bei Langstreckenflügen vorkommt.
Bei Bahnreisen innerhalb Europas bleibt die Zeitverschiebung meist bei ein oder zwei Stunden und damit weit unter der Schwelle, ab der fast alle Reisenden Beschwerden spüren.
Auf sehr langen Strecken wie der Transsib verteilt sich die Umstellung auf mehrere Tage, ganz verschwinden muss sie deshalb aber nicht.
Ein Durcheinander der inneren Uhr ist also auch im Zug nicht völlig ausgeschlossen, es dürfte aber meist milder ausfallen als nach einem Langstreckenflug.
Wer mit der Bahn reist, kommt deshalb in aller Regel mit einer weitgehend pünktlichen inneren Uhr an, auch wenn der Zug selbst einmal Verspätung hat.
Kleine Dinge, große Wirkung
Im Bahnbetrieb entscheiden oft die kleinen Dinge über den großen Ablauf.
Eine klare Ansage, ein sauberer Bahnsteig, ein pünktlicher Anschluss.
Für sich genommen wirken diese Dinge unscheinbar und beinahe nebensächlich.
In der Summe machen sie den Unterschied zwischen Ärger und Freude.
Wer sie beachtet, macht das Reisen für alle ein Stück angenehmer.
So zeigt sich Qualität bei der Bahn gerade im scheinbar Nebensächlichen.
Ein Blick in die Zukunft
Die Bahn von morgen soll noch pünktlicher, digitaler und bequemer werden.
Neue Stellwerke steuern den Verkehr aus der Ferne und in Echtzeit.
Moderne Züge fahren leiser, sparsamer und mit mehr Platz für Rad und Gepäck.
Das Netz wird an vielen Stellen ausgebaut, damit mehr Züge fahren können.
Auch die Bahnhöfe werden Schritt für Schritt barrierefrei und freundlicher.
So entsteht nach und nach die Bahn, die sich viele Fahrgäste wünschen.
