Stimmt es, dass …?
„Bitte beachten Sie: Wegen einer Entgleisung im Güterbahnhof verzögert sich die Weiterfahrt um einige Minuten.“
Stimmt es, dass entgleisen im übertragenen Sinn von der Bahn kommt?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Ja, das stimmt. Entgleisen bedeutet zunächst, dass ein Zug aus den Gleisen springt, und erst im übertragenen Sinn steht es dafür, dass jemand vom erwünschten Verhalten abweicht.
Wenn eine Rede aus dem Ruder läuft oder ein Gast sich danebenbenimmt, sagt man gern, er sei entgleist.
Das Wort klingt nach Bahnhof, nach Schienen und nach einem Zug, der vom Weg abkommt.
Ob das übertragene entgleisen tatsächlich von der Eisenbahn stammt, zeigt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
14. Jh.
Wort geleise
ursprünglich Radspur oder Pfad
2
Bedeutungen
aus den Gleisen springen und im Verhalten abweichen
1908
Gleichung nach Nadal
beschreibt, wann ein Rad aufklettert
Nach der Definition des Eisenbahn-Bundesamts zählt sogar ein Fahrzeug, das sich selbst wieder aufgleist.
Was eine Entgleisung ist
Bei einer Entgleisung verlässt ein Schienenfahrzeug unkontrolliert seine spurführende Bahn, also das Gleis.
Umgangssprachlich sagt man auch, der Zug sei aus den Schienen gesprungen.
Das Gegenteil nennen Eisenbahner Aufgleisen oder Eingleisen, also das ordnungsgemäße Aufsetzen eines Fahrzeugs auf die Schienen.
In Deutschland zählt die Entgleisung zu den gefährlichen Ereignissen im Bahnbetrieb.

Schon ein Rad reicht
Das Eisenbahn-Bundesamt definiert eine Entgleisung als das Abgleiten oder Abheben eines Fahrzeugs von der Fahrbahn.
Das gilt sogar dann, wenn sich das Fahrzeug selbst wieder aufgleist.
Dass bereits das Abheben eines Rades als Entgleisung zählt, hängt mit den früher üblichen Achsgleitlagern zusammen.
Für ein entgleistes Fahrzeug verlangen die internationalen Regeln des Eisenbahnverbands UIC eine spezielle Untersuchung.
Gut zu wissen
Die Definition einer Entgleisung ist im deutschsprachigen Raum nicht einheitlich. In der Schweiz spricht man erst dann davon, wenn ein Rad bis auf die Fahrfläche der Schiene angehoben wird und die Schienen anschließend verlässt.
Auch der sogenannte zweispurige Lauf eines Fahrzeugs gilt nach der Definition des Eisenbahn-Bundesamts als Entgleisung. Die deutsche Definition entspricht damit der Festlegung der UIC.
Vom Gleis in die Sprache
Wörterbücher kennen das Verb entgleisen in zwei Bedeutungen.
Zuerst meint es, dass ein Fahrzeug aus den Gleisen springt.
Im übertragenen Sinn bedeutet es, von der bisherigen oder gesellschaftlich erwünschten Verhaltensweise abzuweichen.
Gebildet ist das Verb aus dem Substantiv Gleis, und die übertragene Bedeutung baut auf dem Bild des Zuges auf, der seine Spur verliert.
Das Gleis ist älter als die Bahn
Spannend ist, dass das Wort Gleis selbst älter ist als die Eisenbahn.
Es geht auf das spätmittelhochdeutsche geleise zurück, das im 14. Jahrhundert eine Radspur oder einen getretenen Pfad bezeichnete.
Dahinter steht das mittelhochdeutsche leis oder leise für Spur, das im heutigen Deutsch verschwunden ist.
Erst mit der Eisenbahn wurde das Gleis zum Fahrweg aus zwei parallel verlaufenden Schienen.
Eine Spur bis ins Lateinische
Das Bild vom Abweichen aus der Spur ist sehr alt.
Mit dem althochdeutschen waganleisa für Wagenspur ist das lateinische lira für die Ackerfurche verwandt.
Das lateinische delirus bedeutete verrückt, wörtlich etwa geistig neben der Spur.
Das Bild vom Menschen, der aus der Spur gerät, ist also schon in der Sprache der Römer angelegt.
Aufsteigen und Aufklettern
In der Schweiz unterscheiden Fachleute zwei Arten, wie ein Rad die Schiene verlässt.
Beim Aufsteigen rollt der Spurkranz über ein Hindernis, etwa eine nicht fest anliegende Weichenzunge, und wird dadurch angehoben.
Beim Aufklettern ist die Reibung zwischen Rad und Schiene so groß, dass sich das Rad an der Schiene hochschiebt, bis es auf der anderen Seite herunterfällt.
Die Bedingungen dafür beschrieb der französische Ingenieur François-Joseph Nadal bereits 1908 in einer Gleichung.
Viele mögliche Ursachen
Zu einer Entgleisung können Fehler am Fahrzeug führen, etwa Schäden an Rädern und Achsen oder an den Drehgestellen.
Auch überhöhte Geschwindigkeit oder ein missachtetes Signal können die Ursache sein.
Auf der Strecke gehören abgenutzte Schienen, nicht verriegelte Weichen, Fremdkörper im Gleis und Gleisverwerfungen durch Hitze zu den Gefahren.
Schon ein übersehener Hemmschuh, der in das Herzstück einer Weiche gerät, führt sicher zur Entgleisung.
Wenn Menschen entgleisen
Im Alltag entgleisen vor allem Reden, Feiern und Diskussionen.
Wer sich im Ton vergreift, leistet sich eine verbale Entgleisung.
Das Bild passt, denn wie ein Zug, der seine Spur verliert, weicht der Mensch dabei vom erwarteten Verhalten ab.
Anders als ein Zug lässt sich eine sprachliche Entgleisung aber meist mit einer Entschuldigung wieder aufgleisen.
Das Fazit
Der Mythos stimmt, denn das übertragene entgleisen baut auf dem Bild des Zuges auf, der aus den Gleisen springt.
Wörterbücher führen die übertragene Bedeutung als zweite Bedeutung neben dem Entgleisen von Schienenfahrzeugen.
Das Wort Gleis selbst ist allerdings älter und bezeichnete ursprünglich eine Radspur oder einen Pfad.
Das Bild vom Menschen, der aus der Spur gerät, ist also uralt, seine heutige Form verdankt es aber der Eisenbahn.
Der Zug als umweltfreundliche Wahl
Wer mit dem Zug fährt, entscheidet sich fast immer für die grünere Variante.
Die Schiene führt viele Menschen gleichzeitig mit wenig Energie ans Ziel.
Sie braucht weniger Fläche als eine Autobahn und zerschneidet die Landschaft weniger.
Auch in der Stadt hält die Bahn die Luft sauberer und die Straßen freier.
Jeder Umstieg vom Auto in den Zug ist ein Gewinn für die Umwelt.
So verbindet die Bahn das Reisen mit einem guten Gewissen.
Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet
Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.
Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.
Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.
Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.
Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.
So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.
