Stimmt es, dass …?
„Der Bahnbus über Hameln nach Detmold steht vor dem Empfangsgebäude bereit und hält unterwegs an über 100 Haltestellen.“
Stimmt es, dass die Bundesbahn eigene Busse betrieb?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Stimmt es, dass …?
Kurz gesagt
Das stimmt. Die Deutsche Bundesbahn betrieb mit dem Bahnbus einen eigenen Omnibus-Linienverkehr, um 1950 auf rund 750 Linien mit etwa 1000 eigenen Bussen, und 1957 war das Liniennetz etwa 50.000 Kilometer lang.
Wer an die Bahn denkt, denkt an Schienen, Gleise und Bahnhöfe.
Dass die Bundesbahn jahrzehntelang auch mit weinroten Bussen über Land fuhr, ist vielen heute kaum noch bewusst.
Dieser Mythos-Check zeigt, wie der Bahnbus entstand, wie groß er wurde und was aus ihm geworden ist.

Die Fakten in Zahlen
750
Buslinien
betrieb die Bundesbahn um 1950
50.000 km
Liniennetz
erreichte der Bahnbus im Jahr 1957
1904
Mecklenburg
Buslinie einer Bahn nach Marlow
Um 1950 waren auf dem Netz rund 1000 eigene Omnibusse der Bundesbahn und über 300 Busse von Fremdunternehmen unterwegs.
Busse im Dienst der Bahn
Als Bahnbus wurde der Omnibus-Linienverkehr der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn bezeichnet.
Heute heißen die Regionalbusgesellschaften der Deutschen Bahn zusammen DB Regio Bus.
Lange Zeit war der Überlandlinienverkehr in Deutschland allerdings Sache der Post.
Ihr Busverkehr hieß zunächst Kraftpost und später Postreisedienst und löste die Postkutschen ab.
Verträge mit den Staatsbahnen sorgten dafür, dass parallel zu Eisenbahnstrecken keine Postbusse fuhren.

Die ersten Linien
Schon 1904 richtete die Mecklenburgische Friedrich-Franz-Eisenbahn eine Omnibuslinie ein.
Sie verband den Bahnhof Dettmannsdorf-Kölzow mit der Stadt Marlow, die so Anschluss an das Eisenbahnnetz bekam.
In Sachsen richteten die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen ab 1913 eigene Kraftomnibuslinien zur Ergänzung des Bahnnetzes ein.
Nach 1920 gingen diese Linien an die KVG Sachsen und wurden ohne Bezug zur Eisenbahn weiterbetrieben.
Die Deutsche Reichsbahn begann 1933 unter dem Namen Kraftomnibus-Verkehr der Deutschen Reichsbahn mit eigenen Linien.
Gut zu wissen
Selbst für die Bahnbusse gab es eigene Buchfahrpläne für jede Linie. Darin standen alle Haltestellen und immer die Abfahrtszeiten jeder Fahrt.
Zeitweise waren auch Gepäckanhänger im Einsatz, zum Beispiel zwischen Hannover Hauptbahnhof und dem Flughafen Hannover. Eine Besonderheit waren Hängerzüge, deren Anhänger einen Übergang zum Zugfahrzeug hatten und als Vorgänger der Gelenkbusse gelten.
Wozu die Busse dienten
Die Busse der Reichsbahn erfüllten verschiedene Aufgaben.
Sie erschlossen Orte, zu denen sich eine neue Eisenbahn nicht mehr lohnte, denn nach dem Ersten Weltkrieg wurden kaum noch neue Strecken eröffnet.
Sie ersetzten stillgelegte Bahnstrecken und schwach besetzte Züge außerhalb des Berufsverkehrs.
Manche Linien fuhren parallel zur Bahn, erreichten aber Ortschaften, die weit vom Bahnhof entfernt lagen.
Auf den ersten Abschnitten der Reichsautobahnen richtete die Reichsbahn ab 1935 sogar einen Omnibus-Schnellverkehr ein, etwa von Frankfurt am Main über Darmstadt nach Mannheim und Heidelberg.
Das große Netz der Bundesbahn
Nach dem Zweiten Weltkrieg richteten sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR neue Linien ein.
In der DDR übernahmen bis 1954 die neu gegründeten kreiseigenen Verkehrsbetriebe diese Linien.
Die Bundesbahn dagegen baute ihr Busnetz kräftig aus, oft als Ersatz für stillgelegte Strecken oder unrentable Züge.
Um 1950 hatte sie auf rund 750 eigenen Linien etwa 1000 eigene Omnibusse und über 300 Busse von Fremdunternehmen im Einsatz.
1957 erreichte das Liniennetz etwa 50.000 Kilometer.
Gummibahner mit Streckenkenntnis
Jede Bundesbahndirektion hatte eine eigene Bahnbusverkehrsstelle, der unter anderem Kraftwagenbetriebswerke unterstanden, kurz Kbw genannt.
Ein Großteil der Busfahrer war verbeamtet.
Scherzhaft wurden die Fahrer bei der Bundesbahn auch Gummibahner genannt.
Nicht selten kannten Busfahrer über 20 Linien mit teils über 1000 Haltestellen.
Viele übernachteten am Endpunkt der Linie in Dienst- oder Privaträumen, um am Morgen die Rückfahrt anzutreten.
Lange Linien übers Land
Manche Bahnbuslinien waren erstaunlich lang.
Eine Linie führte zum Beispiel von Hannover über Hameln und Lemgo nach Detmold und hatte über 100 Haltestellen.
Andere Linien verbanden Hannover mit Kassel, mit Goslar und Clausthal-Zellerfeld oder sogar mit Hamburg.
Viele dieser langen Strecken wurden im Laufe der Zeit eingestellt oder werden nur noch auf Teilstücken bedient.
In den 1950er Jahren fuhren viele Busse zudem noch mit Personenanhängern im Linienverkehr.
Weinrot und später Himbeerrot
Der Fuhrpark bestand aus Fahrzeugen fast aller namhaften deutschen Bushersteller.
Am stärksten vertreten waren Daimler-Benz, MAN, Büssing, Magirus-Deutz und Kässbohrer Setra.
Bis Mitte der 1980er Jahre setzte sich der Bestand fast ausschließlich aus Standard-Überlandbussen von MAN, Daimler-Benz und Magirus-Deutz zusammen.
Die typische Farbe der Busse bezeichnete die Bundesbahn als Weinrot.
Später folgten weitere Farbvarianten, und ab 1984 setzte sich für neue Fahrzeuge Himbeerrot durch.
Bahn und Post fahren zusammen
In den 1970er Jahren suchten Bahn und Post nach Wegen, ihre Busdienste wirtschaftlicher zu betreiben.
Am 18. März 1976 wurden Bahn- und Postbusse zur Omnibusverkehrsgemeinschaft Bahn/Post zusammengeführt.
Der Postreisedienst hatte kurz zuvor, im Jahr 1974, mit 435 Millionen Fahrgästen die höchste Beförderungszahl seiner Geschichte erreicht.
Auf Beschluss des Bundeskabinetts wurden zum 1. Januar 1981 alle Busdienste von Bahn und Post bei der Bundesbahn zusammengefasst.
Dafür entstanden in 19 Regionen eigene, von der übrigen Bahn getrennte Busgesellschaften.
Vom Bahnbus zu DB Regio Bus
Nach und nach wurden die Bahnbus-Bereiche in selbstständige Regionalbusgesellschaften umgewandelt.
Sie standen zunächst unter dem Dach der Vereinigten Bundesverkehrsbetriebe, deren Gesellschafter Bundesbahn und Bundespost waren.
1994 gingen die Anteile der Bundesbahn auf die Deutsche Bahn AG über.
In den 1990er Jahren wurden vier Regionalbusunternehmen verkauft, etwa 1992 die Regionalbus Augsburg und 1995 der Regionalverkehr Köln.
Die übrigen Gesellschaften bilden heute die Sparte DB Regio Bus innerhalb der DB Regio AG.
Das Fazit
Der Mythos stimmt.
Die Bundesbahn betrieb mit dem Bahnbus jahrzehntelang einen eigenen Omnibus-Linienverkehr.
Um 1950 waren es rund 750 Linien, und 1957 war das Netz etwa 50.000 Kilometer lang.
Die Wurzeln reichen bis 1904 zurück, und schon die Reichsbahn betrieb ab 1933 eigene Buslinien.
Heute fahren die Nachfolger als Regionalbusgesellschaften unter dem Namen DB Regio Bus.
Ein Blick in die Zukunft
Die Bahn von morgen soll noch pünktlicher, digitaler und bequemer werden.
Neue Stellwerke steuern den Verkehr aus der Ferne und in Echtzeit.
Moderne Züge fahren leiser, sparsamer und mit mehr Platz für Rad und Gepäck.
Das Netz wird an vielen Stellen ausgebaut, damit mehr Züge fahren können.
Auch die Bahnhöfe werden Schritt für Schritt barrierefrei und freundlicher.
So entsteht nach und nach die Bahn, die sich viele Fahrgäste wünschen.
Von der Dampflok bis heute
Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.
Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.
Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.
Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.
Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.
Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.
