Bahn-Slam · Stimmt es, dass …?
„Sehr geehrte Fahrgäste, wegen des Wintereinbruchs kommt es zu Verspätungen. Schuld ist nicht der Schnee. Schuld ist, was er anrichtet.“
Stimmt es, dass die Bahn im Winter wegen Schnee ausfällt?
→ Nicht der Schnee stoppt den Zug – sondern das, was er mit Weichen, Draht und Bäumen macht.
Lesezeit: 7 Minuten · Mythen-Check · Technik
Kurz gesagt
Nicht ganz. Der Schnee selbst ist selten das Problem – ein Zug pflügt durch eine dünne Schneedecke ohne Mühe. Was den Verkehr lahmlegt, ist, was der Winter mit den beweglichen und empfindlichen Teilen macht: Weichen frieren ein, Oberleitungen vereisen, und unter der Schneelast brechen Äste und Bäume auf Gleise und Draht. Die Bahn heizt deshalb rund 50.000 Weichen, hält Räumzüge bereit und schickt im Winter fast 18.000 Menschen in den Einsatz. Ganz verhindern lässt sich der Winter trotzdem nicht.
Es schneit seit dem Morgen, und die Anzeige füllt sich mit roten Zeilen.
„Verspätung wegen Wintereinbruch“, steht da, und im Wartebereich sagt jemand den Satz, den alle denken: „Ein bisschen Schnee, und nichts geht mehr.“
Der Satz ist verständlich – und trifft doch nicht den Kern.
Denn ein Zug pflügt durch eine Handbreit Schnee, ohne mit der Wimper zu zucken.
Was ihn stoppt, ist nicht der Schnee auf der geraden Strecke, sondern das, was der Winter mit den empfindlichen Teilen macht.

Das eigentliche Problem: die Weichen
Eine Weiche ist der bewegliche Teil des Gleises – zwei Schienen, die sich verschieben, um den Zug auf ein anderes Gleis zu lenken.
Zwischen diesen Schienen muss ein schmaler Spalt frei bleiben, sonst klemmt sie.
Genau dort setzen sich Schnee und Eis fest.
Eine eingefrorene Weiche lässt sich nicht mehr stellen – und schon steht der Verkehr auf einem ganzen Knoten.
Deshalb hat die Bahn rund 50.000 ihrer Weichen mit einer Heizung ausgestattet, die meisten davon elektrisch.
Allein diese Weichenheizungen kosten jeden Winter rund 44 Millionen Euro Strom.
Die Bahn im Winter, in Zahlen
≈ 50.000
beheizte Weichen
die meisten elektrisch beheizt
44 Mio. €
Strom pro Winter
nur für die Weichenheizungen
≈ 18.000
Menschen im Wintereinsatz
räumen Bahnsteige, Gleise und Weichen
0 °C
ab hier vereist die Weiche
wenn Nässe im Spalt gefriert
Räumzüge
stehen bereit
schwere Loks und Schneepflüge an Knotenpunkten
Quellen: Bundeswirtschaftsministerium (Weichenheizungen), Handelsblatt, ingenieur.de, Deutsche Bahn (Wintervorbereitung). Zahlen gerundet.
Draht, Äste und festgefrorene Türen
Die Weiche ist nicht der einzige Schwachpunkt.
Die Oberleitung kann vereisen; dann bekommt der Stromabnehmer keinen sauberen Kontakt, und der Zug bleibt ohne Saft stehen.
Noch gefährlicher ist der Schneebruch: Unter der Last nassen Schnees brechen Äste und ganze Bäume und stürzen auf Gleise und Draht.
Ein einziger Baum kann eine Strecke stundenlang sperren.
Dazu kommen Kleinigkeiten mit großer Wirkung: festgefrorene Türen, vereiste Bremsen, Eisbrocken, die von Zügen abfallen und Weichen blockieren.
Warum die Bahn manchmal vorsorglich ausdünnt
Bei angekündigten schweren Wintereinbrüchen streicht die Bahn im Fernverkehr manchmal vorsorglich Züge aus dem Fahrplan.
Das klingt paradox, hat aber einen Grund: Ein bewusst leichterer Fahrplan lässt sich auch bei Störungen halten, statt dass alles nach und nach zusammenbricht.
Weniger Züge, die dafür fahren, sind für die Fahrgäste besser planbar als ein voller Fahrplan, der reihenweise ausfällt.
Warum es andere Länder scheinbar besser können
In der Schweiz oder in Skandinavien fährt die Bahn auch bei viel Schnee erstaunlich zuverlässig.
Das liegt nicht an besserem Wetter, sondern an besserer Vorbereitung: mehr beheizte und abgedeckte Weichen, robustere Technik, konsequenter Rückschnitt der Bäume am Gleis.
Wo Winter jedes Jahr sicher kommt, lohnt sich diese Ausrüstung – in Deutschland ist starker Schnee vielerorts die Ausnahme.
Und wo gespart wird, rächt sich der erste harte Frost.
Das Urteil
Halb wahr. Die Bahn fällt im Winter aus – aber fast nie wegen des Schnees selbst.
Schuld sind vereiste Weichen, vereiste Oberleitungen und Bäume, die unter der Schneelast brechen.
Dagegen hilft heizen, räumen und zurückschneiden. Ganz verhindern lässt sich der Winter nicht – aber vieles davon ist eine Frage der Vorbereitung, nicht des Wetters.
Häufige Fragen zur Bahn im Winter
Fällt die Bahn wirklich wegen Schnee aus?
Warum sind Weichen im Winter so ein Problem?
Was tut die Bahn dagegen?
Was ist Schneebruch?
Warum fährt der ICE bei Schnee manchmal gar nicht?
Warum kann die Schweiz das besser?
Kann Eis die Oberleitung lahmlegen?
Quellen
Bundeswirtschaftsministerium: „Pünktlich trotz Schnee und Eis: Weichenheizungen“; Handelsblatt: „Eingeschneite und vereiste Weichen behindern Bahnverkehr“; ingenieur.de zur Weichenheizung; Deutsche Bahn: Wintervorbereitung.
Zahlen gerundet. Stand: September 2026.
Weiterfahrt
→ Stimmt es, dass Hitze die Gleise verbiegt? – das Sommer-Gegenstück
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