Stimmt es, dass …?
„Nächster Halt Musée d’Orsay, Ausstieg für Impressionisten, Fernzüge nach Bordeaux fahren hier leider seit 1939 nicht mehr.“
Stimmt es, dass das Musée d’Orsay früher ein Bahnhof war?
→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.
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Kurz gesagt
Das stimmt. Das Musée d’Orsay in Paris steckt in der früheren Gare d’Orsay, einem Fernbahnhof, der zur Weltausstellung 1900 eröffnet und bis 1939 für Fernzüge in den Südwesten Frankreichs genutzt wurde.
Unter einem riesigen Glasdach stehen heute Skulpturen, an den Wänden hängen berühmte Gemälde.
Wer genau hinsieht, erkennt in der Halle noch die Form eines großen Bahnhofs.
Ob im Pariser Musée d’Orsay wirklich einmal Züge ankamen, zeigt dieser Mythos-Check.

Die Fakten in Zahlen
1900
Weltausstellung
Eröffnung des Bahnhofs nach Plänen von Victor Laloux
12.000 t
Metall
wurden im Gerüst des Bahnhofs verbaut
3,8 Mio.
2023
Besucher im bisherigen Rekordjahr des Museums
Die Bahnhofshalle war 40 Meter hoch, 138 Meter lang und 32 Meter breit.
Ein Bahnhof für die Weltausstellung
Das Musée d’Orsay ist ein Kunstmuseum am Südufer der Seine, gegenüber dem Tuileriengarten.
Das Gebäude war ursprünglich ein Pariser Fernbahnhof, die Gare d’Orsay.
Erbaut wurde er von dem Architekten Victor Laloux, eröffnet im Jahr 1900 kurz nach Beginn der Weltausstellung.
Zunächst trug der neue Kopfbahnhof sogar den Namen Gare d’Orléans.
Bis 1939 fuhren von hier Fernzüge in den Südwesten Frankreichs.

Näher an die Stadtmitte
Die Bahngesellschaft Compagnie du chemin de fer de Paris à Orléans hatte ihren alten Bahnhof weit im Südosten der Stadt, an der Stelle der heutigen Gare d’Austerlitz.
Sie wollte deshalb einen Bahnhof bauen, der näher am Zentrum lag.
Im Jahr 1897 erhielt sie die Genehmigung für einen Kopfbahnhof an der Stelle des Palais d’Orsay, das 1871 während der Pariser Kommune ausgebrannt war.
Der Staat überließ ihr das Grundstück für 10,5 Millionen Franc.
Unter drei Entwürfen wurde 1898 der von Victor Laloux ausgewählt, und noch im selben Jahr begannen die Bauarbeiten.
Gut zu wissen
Die Strecke zur Gare d’Orsay war anfangs mit Stromschienen elektrifiziert, nach dem Vorbild einer Bahnstrecke in Baltimore in den USA. Nach der Umstellung auf Oberleitung mit 1500 Volt Gleichspannung wurden die ersten Elektroloks Mitte der 1920er Jahre abgestellt.
Im Jahr 1978 kaufte der französische Staat das Gebäude für 80 Millionen Franc und stellte es unter Denkmalschutz. Die Innengestaltung des Museums stammt von der italienischen Architektin Gae Aulenti.
Ein Palast aus Stein und Stahl
Der Bahnhof sollte sich in die elegante Umgebung am Seineufer einfügen.
Laloux verkleidete die Metallkonstruktion deshalb mit großen Steinquadern und reich verzierten Fassaden.
Hohe Statuen erinnerten an die Zielorte Bordeaux, Toulon und Nantes.
Für das Stahlgerüst wurden 12.000 Tonnen Metall verbaut, der ganze Komplex ist 173 Meter lang.
In die Flügel zog außerdem das Hotel Palais d’Orsay mit 370 Betten ein.
Elektrisch statt mit Dampf
Der Bahnhof lag am Ende einer rund 3,4 Kilometer langen, zweigleisigen Strecke entlang der Seine.
Um die Innenstadt vom Qualm der Dampflokomotiven zu verschonen, bekam diese Strecke Stromschienen.
Elektrolokomotiven zogen die Züge bis in den Bahnhof, gewechselt wurde die Lok jeweils an der Gare d’Austerlitz.
Ausgeführt wurde die Technik von einer französischen Firma, die zum US-Konzern General Electric gehörte.
Weil keine Dampfloks zu erwarten waren, gestaltete man das Innere in hellen Farben und mit feinen Verzierungen.
Zur modernen Ausstattung gehörten elektrische Gepäckaufzüge und Fahrsteige.
Zu kurz für lange Züge
Die große Halle aus Stahl und Glas überspannte 6 der insgesamt 18 Gleise.
Mit immer stärkeren Lokomotiven wurden die Züge aber länger als die Bahnsteige.
Die Umgebung mitten in der Stadt ließ keine Verlängerung der Bahnsteige zu.
Viele Fernzüge endeten deshalb wieder an der Gare d’Austerlitz.
Am 2. November 1939 verlor die Gare d’Orsay auch den letzten Fernverkehr, nur Nahverkehrszüge hielten noch.
Pakete, Heimkehrer und Filmkulissen
Im Zweiten Weltkrieg diente der Bahnhof als Zentrum für Pakete an Kriegsgefangene.
Im Jahr 1945 kamen hier heimkehrende Kriegsgefangene, Überlebende der Konzentrationslager und Zwangsarbeiter an.
Im Ballsaal des Hotels kündigte Charles de Gaulle am 19. Mai 1958 seine Rückkehr in die französische Politik an.
Der leere Bahnhof wurde zum Drehort, etwa 1962 für den Film Der Prozeß von Orson Welles.
Auch Bernardo Bertolucci drehte hier 1970 für seinen Film Der große Irrtum.
Später nutzten ihn ein Auktionshaus und von 1972 bis 1981 ein Theater.
Abriss oder Museum
Architekten wie Le Corbusier plädierten zeitweise dafür, das Gebäude abzureißen.
Nach der Schließung des Hotels 1973 wurde auch über einen Hotelneubau nachgedacht.
Weil das Interesse am 19. Jahrhundert wuchs, kam der Bahnhof aber 1973 in ein ergänzendes Denkmalverzeichnis.
Am 22. Oktober 1977 wurde auf Initiative von Präsident Valéry Giscard d’Estaing die Umwandlung in ein Museum beschlossen.
Am 1. Dezember 1986 eröffnete Präsident François Mitterrand das Musée d’Orsay.
Kunst unter dem Glasdach
Beim Umbau blieb die Architektur von Laloux erhalten, die Haupthalle wurde weitgehend freigelegt.
Das alte Glasdach sorgt heute für eine helle, große Galerie.
Auf 16.000 Quadratmetern zeigt das Museum mehr als 4000 Werke, die meisten aus der Zeit zwischen 1848 und 1914.
Zwischen der Eröffnung im Dezember 1986 und dem Dezember 2005 besuchten über 51 Millionen Menschen das Haus.
Im Jahr 2023 kamen mit mehr als 3,8 Millionen Menschen so viele Besucher wie nie zuvor.
Ganz verschwunden ist die Bahn trotzdem nicht, denn unter dem Quai Anatole France halten bis heute Züge der RER-Linie C an der Station Musée d’Orsay.
Das Fazit
Der Mythos stimmt.
Das Musée d’Orsay ist in der früheren Gare d’Orsay untergebracht, einem Kopfbahnhof, der zur Weltausstellung 1900 eröffnet wurde.
Weil die Züge für die Bahnsteige zu lang wurden, endete dort 1939 der Fernverkehr.
Nach Jahrzehnten als Kulisse, Auktionshaus und Theater öffnete 1986 das Museum.
Unter dem Gebäude halten sogar bis heute Nahverkehrszüge, ein Rest Bahnhof ist also geblieben.
Zwischen Technik und Menschen
Die Bahn ist ein Zusammenspiel aus ausgefeilter Technik und vielen Händen.
Hinter jedem pünktlichen Zug stehen Lokführer, Fahrdienstleiter und Werkstätten.
Sie sorgen dafür, dass Signale stehen, Weichen greifen und Türen schließen.
Die beste Technik nützt wenig ohne die Menschen, die sie bedienen und warten.
Umgekehrt entlastet moderne Technik die Beschäftigten bei ihrer schweren Arbeit.
Erst beide zusammen bringen den Verkehr Tag für Tag sicher ans Ziel.
Von der Dampflok bis heute
Die Eisenbahn hat sich in fast zwei Jahrhunderten enorm verändert.
Am Anfang stand die schnaubende Dampflok, langsam und rußig, aber revolutionär.
Später kamen der elektrische Antrieb und immer schnellere Züge hinzu.
Aus einfachen Holzbänken wurden bequeme Sitze mit Steckdose und Klimaanlage.
Vieles, was heute selbstverständlich wirkt, war früher undenkbarer Luxus.
Dieser lange Weg zeigt, wie sehr die Bahn mit der Zeit gegangen ist.
