Stimmt es, dass Berlin eine eigene Bahnstrecke zum Friedhof hatte?

Stimmt es, dass …?

„S-Bahn nach Stahnsdorf über Dreilinden, Ausstieg zum Südwestkirchhof, bitte gedenken Sie leise.“

Stimmt es, dass Berlin eine eigene Bahnstrecke zum Friedhof hatte?

→ Ein Mythos auf dem Prüfstand.

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Kurz gesagt

Das stimmt. Von 1913 bis 1961 fuhr die sogenannte Friedhofsbahn von Wannsee nach Stahnsdorf, gebaut vor allem für den großen Südwestkirchhof, und neben Trauergästen reisten auch die Särge mit der Bahn.

Mit der S-Bahn zur Arbeit, zum Einkaufen oder ins Grüne, das kennt jeder.

In Berlin gab es aber auch eine Strecke, die vor allem für einen Friedhof gebaut wurde.

Was es mit der Berliner Friedhofsbahn auf sich hat, zeigt dieser Mythos-Check.

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Foto: Christian Liebscher, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die Fakten in Zahlen

1913

Eröffnung

der Friedhofsbahn von Wannsee nach Stahnsdorf

206 ha

Südwestkirchhof

einer der größten Friedhöfe der Welt

13.8.1961

Mauerbau

seitdem fährt auf der Strecke kein Zug mehr

An einem der großen Gedenktage im Eröffnungsjahr stiegen in Stahnsdorf allein 3870 Fahrgäste aus.

Eine Bahn für einen Friedhof

Die Bahnstrecke von Berlin-Wannsee nach Stahnsdorf wird auch Friedhofsbahn genannt.

Die eingleisige Strecke wurde 1913 eröffnet und gehörte von Anfang an zum Netz der Berliner Vorortbahnen, der heutigen S-Bahn.

Sie führte vom Bahnhof Wannsee über Dreilinden zum Bahnhof Stahnsdorf.

Ihre wichtigste Aufgabe war die Anbindung des großen Südwestkirchhofs in Stahnsdorf.

Seit 1928 fuhren die Züge elektrisch mit Strom aus einer seitlichen Stromschiene.

Brücke Friedhofsbahn Teltowkanal 1
Foto: Lienhard Schulz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Zu wenig Platz für Gräber

Nach einem Gesetz vom 18. Mai 1895 mussten die evangelischen Kirchenverbände in Berlin für ausreichend Grabplätze sorgen.

Die kleinen Friedhöfe in der Stadt und den Vororten reichten auf Dauer nicht aus.

Der Berliner Stadtsynodalverband kaufte deshalb große Flächen für neue Friedhöfe vor der Stadt.

Einer davon war der Südwestkirchhof in Stahnsdorf, der 1909 eröffnet wurde.

Mit rund 206 Hektar gilt er als zehntgrößter Friedhof der Welt.

Gut zu wissen

Der Bahnhof Stahnsdorf hieß zuerst Stahnsdorf Friedhof, ab 1926 Stahnsdorf Reichsbahn und ab 1948 nur noch Stahnsdorf. Das Empfangsgebäude wurde 1976 gesprengt.

Das größte Bauwerk der Strecke war die Brücke über den Teltowkanal mit 62 Metern Spannweite. Nach der Wende wurde auch über eine Verlängerung bis zur S-Bahn nach Teltow nachgedacht.

Die Kirche bezahlt die Strecke

Im November 1902 bat die Berliner Stadtsynode die preußische Staatsbahn um eine Bahnlinie zum Friedhofsgelände.

Als Ausgangspunkt wurde der Bahnhof Wannsee gewählt, der gute Verbindungen in die Stadt bot.

Die Staatsbahn erklärte sich 1908 bereit, die Strecke zu betreiben, wenn die Synode Bau und Grundstücke bezahlt.

Am 21. Oktober 1909 wurde der Vertrag geschlossen, für den Bau wurden 1,7 Millionen Mark veranschlagt.

Ein Grundstücksunternehmen und ein preußischer Prinz überließen der Synode sogar Land kostenlos, damit die Strecke gebaut werden konnte.

Särge im Güterwagen

Die Bahn brachte nicht nur Trauergäste zum Friedhof, sondern auch die Verstorbenen.

Am Bahnhof Halensee gab es eine Sammelstelle, an der die Särge in gedeckte Güterwagen verladen wurden.

Die Wagen fuhren nach Wannsee und wurden dort an die planmäßigen Güterzüge nach Stahnsdorf gehängt.

Anfangs waren es etwa zehn Särge am Tag, für die 1930er Jahre rechnete man mit rund 60.

Die Kosten waren in den Bestattungskosten enthalten, anfangs 5 bis 15 Mark für Kinder und 20 Mark für Erwachsene.

Trauernde und Ausflügler

Wie viele Menschen die Züge nutzten, hing stark von den Beisetzungen ab.

Im Jahr 1914 stiegen in Stahnsdorf werktags zwischen 600 und 1400 Fahrgäste aus.

Besonders viele kamen am Buß- und Bettag und am Totensonntag.

Sonntags, wenn meist keine Beisetzungen stattfanden, nutzten viele Ausflügler die Strecke.

Bei einer Zählung im Jahr 1922 zählte man in Stahnsdorf an Sonn- und Feiertagen 4140 Fahrgäste.

Umbettungen mit der Bahn

Für den geplanten Bau einer Nord-Süd-Achse sollten ab Ende der 1930er Jahre mehrere Berliner Friedhöfe aufgegeben werden.

Rund 15.000 Grabanlagen von drei Berliner Kirchhöfen wurden dafür vermessen und abgebaut.

Per Bahn wurden sie nach Stahnsdorf gebracht.

Im Laufe des Zweiten Weltkriegs endeten diese Umbettungen.

Die Sammelstelle in Halensee wurde im Krieg zerstört.

Das Ende an der Mauer

Von 1945 bis 1948 war die Strecke unterbrochen, weil die Brücke über den Teltowkanal gesprengt worden war.

Stahnsdorf lag nach dem Krieg in der sowjetischen Zone, und ab 1952 durften West-Berliner ohne Passierschein nicht mehr einreisen.

Im Januar 1953 stellte die Reichsbahn den Verkehr ein, auf Drängen der evangelischen Kirchengemeinde fuhren ab September 1954 wieder Züge.

In der Nacht zum 13. August 1961, mit dem Bau der Mauer, endete der Zugverkehr endgültig.

Die Gleise wurden später abgebaut, die Brücke über den Teltowkanal 2018 entfernt, und konkrete Pläne für eine Wiedereröffnung gibt es nicht.

Ein Zug für Särge in London

Eine Bahn zum Friedhof gab es nicht nur in Berlin.

In London wurde 1852 in Woking, etwa 48 Kilometer südwestlich der Stadt, der Friedhof Brookwood angelegt, damals der größte Friedhof der Welt.

Am 13. November 1854 eröffnete direkt neben dem Bahnhof Waterloo der eigene Bahnhof London Necropolis.

Die Totenzüge brachten Särge und Trauergesellschaft gemeinsam bis zu einem Bahnsteig auf dem Friedhofsgelände.

Am 16. April 1941 wurde der Bahnhof bei einem deutschen Luftangriff größtenteils zerstört, nur das Empfangsgebäude steht noch.

Das Fazit

Der Mythos stimmt.

Berlin hatte mit der Friedhofsbahn von Wannsee nach Stahnsdorf eine Strecke, die vor allem für einen Friedhof gebaut wurde.

Sie fuhr ab 1913 als Teil des Vorortnetzes und brachte Trauergäste, Ausflügler und in Güterwagen auch die Särge zum Südwestkirchhof.

Mit dem Mauerbau 1961 endete der Verkehr, heute ist die Trasse teilweise ein Wanderweg.

Ganz einzigartig war die Idee nicht, denn in London fuhren schon ab 1854 Züge zu einem großen Friedhof.

Warum sich der Blick aufs Detail lohnt

Der Bahnbetrieb steckt voller kleiner Dinge, die kaum jemand bewusst wahrnimmt.

Und doch hängt der reibungslose Ablauf oft genau an diesen Kleinigkeiten.

Ein einziges Bauteil kann darüber entscheiden, ob ein Zug rollt oder steht.

Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter dem Alltag eine erstaunlich feine Technik.

Dieses Zusammenspiel unzähliger Teile ist die eigentliche Leistung der Bahn.

Es lohnt sich, dem scheinbar Selbstverständlichen einmal Beachtung zu schenken.

Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet

Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.

Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.

Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.

Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.

Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.

So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.

Häufige Fragen

Hatte Berlin wirklich eine Bahn zum Friedhof?
Ja, die Friedhofsbahn von Wannsee nach Stahnsdorf, eröffnet 1913, diente vor allem dem Südwestkirchhof.
Wurden auch Särge mit der Bahn gefahren?
Ja, sie wurden am Bahnhof Halensee in gedeckte Güterwagen verladen und mit Güterzügen nach Stahnsdorf gebracht.
Wer bezahlte die Strecke?
Den Bau und den Grunderwerb trug die Berliner Stadtsynode, den Betrieb übernahm die preußische Staatsbahn.
Fährt die Friedhofsbahn heute noch?
Nein, seit dem Mauerbau im August 1961 fährt dort kein Zug mehr, konkrete Pläne für eine Wiedereröffnung gibt es nicht.
Gab es so etwas auch anderswo?
Ja, in London fuhren ab 1854 Züge vom Bahnhof London Necropolis zum Friedhof Brookwood.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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