Standpunkt
„Auf Gleis sieben fährt ein Fernzug ein, vorne sitzt wie immer ein Mensch, und die Technik schaut mit.“
Sollte in schnellen Fernzügen wieder ein zweiter Lokführer mitfahren?
→ Ein Standpunkt zur Besetzung des Führerstands.
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Worum es geht
Nein. Ein zweiter Mensch im Führerstand würde den Personalmangel verschärfen, ohne die Sicherheit so zu erhöhen wie gute Technik. Wichtiger ist, dass schnelle Züge überall lückenlos technisch überwacht werden.
Im Führerstand eines Zuges sitzt in Deutschland in der Regel nur ein Mensch, der Triebfahrzeugführer.
Früher war das anders, auf Dampflokomotiven arbeiteten Lokführer und Heizer gemeinsam.
Nach schweren Unfällen stellt sich deshalb immer wieder die Frage, ob eine zweite Person mehr Sicherheit brächte.
Dieser Standpunkt prüft, ob schnelle Fernzüge wieder doppelt besetzt sein sollten.

Früher zu zweit
Zum Triebfahrzeugpersonal gehörten früher neben dem Lokführer der Beimann, heute Triebfahrzeugbegleiter genannt, oder auf Dampflokomotiven der Heizer.
Der Heizer verrichtete körperliche Schwerarbeit, schon Stunden vor der Abfahrt schaufelte er Kohle und schürte das Feuer.
Mit dem Ende der Dampflokomotive verlor dieser Beruf seine Aufgabe.
Triebfahrzeugführer können eine Fahrt auch als Lotse oder Beimann begleiten, statt selbst am Fahrpult zu sitzen.
Hat ein Zug keinen eigenen Zugführer, ist der Triebfahrzeugführer zugleich Zugführer.

Die Sicherheitsfahrschaltung
Damit ein einzelner Lokführer sicher fahren kann, überwacht die Sicherheitsfahrschaltung, kurz Sifa, seine Dienstfähigkeit.
Dabei hält er ein Pedal oder einen Taster gedrückt und muss den Druck mindestens alle 30 Sekunden kurz unterbrechen.
Geschieht das nicht, warnt das System zunächst optisch und nach 2,5 Sekunden auch akustisch.
Nach weiteren 2,5 Sekunden löst die Sifa eine Zwangsbremsung aus.
Sie sorgt dafür, dass ein Zug auch dann anhält, wenn der einzige Mensch im Führerstand ausfällt.
Die Technik als Aufpasser
Die punktförmige Zugbeeinflussung überwacht, ob Signale und Geschwindigkeitsbeschränkungen eingehalten werden und ob der Lokführer aufmerksam ist.
Sie schließt die Sicherheitslücke zwischen Signal und Fahrzeug, für die Lokführer sonst ohne technische Unterstützung allein verantwortlich wären.
Um mit guter Bremsausrüstung innerhalb von 1000 Metern halten zu können, ist die Geschwindigkeit bei klassischen Signalen auf 160 km/h begrenzt.
Schnellere Fahrten werden in Deutschland deshalb durch eine kontinuierliche Zugbeeinflussung geführt.
Die Linienzugbeeinflussung zeigt Fahrauftrag, Höchstgeschwindigkeit und verbleibenden Bremsweg im Führerstand an und kann in die Steuerung eingreifen.
Das Unglück von Santiago
Im Juli 2013 entgleiste bei Santiago de Compostela in Spanien ein Hochgeschwindigkeitszug in einem Gleisbogen.
Er war mit mehr als dem Doppelten der erlaubten 80 km/h unterwegs, 80 Menschen starben und 140 wurden verletzt.
Der Lokführer sollte den Zug an diesem Tag allein führen.
Rund zwei Minuten vor dem Bogen nahm er bei 199 km/h einen Anruf des Zugführers an, obwohl Telefonate während der Fahrt nur in dringenden Notfällen erlaubt waren.
Der Zug entgleiste schließlich mit 179 km/h.
Was in Santiago fehlte
Die Strecke war nur bis Kilometer 80,3 mit dem europäischen Zugsicherungssystem ETCS ausgerüstet.
Danach galt nur das spanische System ASFA, das bei Signalen, die freie Fahrt zeigten, erst oberhalb von 200 km/h eine Zwangsbremsung auslöste.
Eine entscheidende Lücke lag also in der Technik, die den Zug vor dem gefährlichen Bogen nicht bremste.
Bemerkenswert ist zudem, dass die Ablenkung ausgerechnet von einem Kollegen an Bord kam.
Eine zweite Person ist also nicht automatisch ein Gewinn, entscheidend ist eine lückenlose Überwachung.
Der Blick ins Cockpit
In Verkehrsflugzeugen übernimmt der Kopilot die Verantwortung, wenn der Kapitän im Flug nicht mehr handlungsfähig ist.
Alle Mitglieder einer Cockpitbesatzung sind gleichermaßen für die Flugdurchführung qualifiziert.
Ein Zug kann dagegen im Notfall einfach anhalten, ein Flugzeug nicht.
Genau deshalb reicht auf der Schiene eine Technik, die den Zug bei Ausfall des Lokführers zum Stehen bringt.
Der Vergleich mit dem Cockpit trägt daher nur begrenzt.
Der Mangel an Lokführern
Schon heute fallen Züge aus, weil Personal fehlt.
So musste etwa das Unternehmen Vias ab der Jahresmitte 2024 wegen Personalmangels erneut viele Fahrten auf der Rheingaulinie ausfallen lassen.
Die Ausbildung zum Eisenbahner im Betriebsdienst dauert in der Regel drei Jahre, ein Quereinstieg meist zehn bis vierzehn Monate.
Eine Doppelbesetzung in schnellen Zügen würde viele zusätzliche Lokführer binden.
Diese Kräfte würden an anderer Stelle fehlen, wo sonst ganze Züge ausfallen.
Wo eine zweite Person hilft
Es gibt Situationen, in denen ein zweiter Mensch im Führerstand sinnvoll ist.
Bei Einweisungen auf neuen Strecken oder Fahrzeugen lernen Lokführer von erfahrenen Kollegen.
Auch bei Sonderfahrten oder auf Strecken ohne moderne Zugbeeinflussung kann eine Begleitung helfen.
Die Linienzugbeeinflussung sollte nach früheren Plänen bis 2030 auf das Nachfolgesystem ETCS umgestellt werden.
Je schneller solche Systeme flächendeckend kommen, desto weniger hängt die Sicherheit an der Aufmerksamkeit eines einzelnen Menschen.
Die Bahn und der Klimaschutz
Kaum ein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn.
Sie fährt in Deutschland zu einem großen Teil mit Strom aus erneuerbaren Quellen.
Ein voll besetzter Zug verbraucht je Reisenden viel weniger Energie als das Auto.
Wer von der Straße auf die Schiene wechselt, spart spürbar Treibhausgase.
Deshalb gilt die Bahn als ein wichtiger Baustein der Verkehrswende.
Jede zusätzliche Fahrt mit dem Zug ist damit auch ein kleiner Beitrag fürs Klima.
Was ein Bahnhof für eine Stadt bedeutet
Ein Bahnhof ist für viele Städte weit mehr als nur ein Verkehrsbauwerk.
Er ist oft das Erste, was Reisende von einem Ort zu sehen bekommen.
Rund um den Bahnhof entstehen Geschäfte, Cafés und ein reges Treiben.
Er verbindet die Stadt mit der weiten Welt und die Welt mit der Stadt.
Ein gepflegter Bahnhof ist deshalb auch eine Visitenkarte des Ortes.
So prägt er das Bild einer Stadt weit über die Gleise hinaus.
Was die Fahrgäste davon haben
Am Ende zählt für den Fahrgast vor allem eines: sicher und pünktlich anzukommen.
Jede kleine Verbesserung im Betrieb macht seine Reise ein wenig angenehmer.
Ein sauberer Zug und eine klare Anzeige nehmen ihm Sorge und Hektik.
Ein freundlicher Halt bleibt oft länger in Erinnerung als die Fahrt selbst.
So entsteht aus vielen Einzelheiten am Ende ein rundes Reiseerlebnis.
Und wer sich gut aufgehoben fühlt, steigt beim nächsten Mal gern wieder ein.
Pro und Contra
Dafür
+ Zwei Menschen bemerken manche Fehler eher als einer.
+ Bei einem medizinischen Notfall könnte die zweite Person sofort eingreifen und Hilfe organisieren.
+ Bei hohen Geschwindigkeiten bleibt für Fehler nur sehr wenig Zeit.
+ Eine zweite Person könnte Funkverkehr und Störungen übernehmen, während der Lokführer sich aufs Fahren konzentriert.
+ Nicht jede Strecke ist schon mit moderner, durchgehender Zugbeeinflussung ausgerüstet.
+ Junge Lokführer könnten auf schwierigen Strecken von erfahrenen Kollegen lernen.
Dagegen
− Es fehlen schon heute Lokführer, eine Doppelbesetzung würde den Mangel verschärfen.
− Sifa und Zugbeeinflussung überwachen Aufmerksamkeit und Tempo auch bei nur einem Menschen im Führerstand.
− In Santiago lag die Lücke in der Technik, und die Ablenkung kam ausgerechnet von einem Kollegen.
− Zwei Personen können sich gegenseitig ablenken oder sich blind aufeinander verlassen.
− Die zusätzlichen Kosten würden Tickets verteuern oder das Angebot verringern.
− Geld für mehr Personal im Führerstand fehlt womöglich beim Ausbau moderner Zugsicherung.
Unterm Strich
Der Wunsch nach einem zweiten Menschen im Führerstand ist verständlich, gerade nach schweren Unglücken.
Doch die Lehre aus Santiago lautet vor allem, dass schnelle Züge eine lückenlose technische Überwachung brauchen.
Eine Doppelbesetzung würde den Personalmangel verschärfen und dennoch nicht alle Fehler verhindern.
Besser ist es, Zugsicherung und Ausbildung zu stärken und eine zweite Person gezielt dort einzusetzen, wo sie wirklich hilft, etwa bei Einweisungen.
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