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Am Bahnhof wartet man die Verspätung jetzt nüchtern ab
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (gefühlt: knochentrocken)

Ein Betroffener zieht Bilanz. Die Flasche ist leer, der Zug ist weg. Foto: wpa (Symbolbild)
Berlin (wpa) – Die Deutsche Bahn weitet das Alkoholverbot auf alle Bahnhöfe aus. Damit erleben Fahrgäste ihre Verspätung künftig bei vollem Bewusstsein.
An 30 Bahnhöfen gilt die Regel bereits. Die restlichen folgen schrittweise.
Kritiker warnen vor den Folgen. Zum ersten Mal müssten Reisende die Anzeigetafel klar im Kopf verarbeiten.
Klar im Kopf ist die Tafel schwerer zu ertragen. Nüchtern zählt jede Minute doppelt.
„Nüchtern liest sich ‚90 Minuten‘ völlig anders“, sagt Pendler Sven Delfs. „Vorher war das eine Zahl. Jetzt ist es ein Schicksal.“
Die Zahl blieb gleich, die Wirkung nicht. Ernüchtert steht Herr Delfs vor der Tafel.
Die Bahn verteidigt den Schritt. Man wolle die Sicherheit erhöhen und das Miteinander verbessern.
Sicherer wird das Warten nicht, nur klarer. Verbessert wird das Miteinander der Wartenden.
Ausgenommen bleiben Bahnhofsgaststätten. Da darf weiter getrunken werden, allerdings nur im Sitzen und unter Aufsicht.
Im Sitzen und unter Aufsicht klingt nach Kur. Getrunken wird kontrolliert, gewartet weiter.
Ein Sprecher sieht darin kein Problem. „Wer auf seinen Zug wartet, hat ohnehin genug Zeit für ein Restaurant.“
Zeit für ein ganzes Menü ist eingeplant. Der Zug kommt frühestens zum Dessert.
Für den Bordverkauf im Zug ändert sich nichts. Da bleibt Bier erlaubt.
Verboten ist das Warten mit Bier, erlaubt das Fahren damit. Nur fährt der Zug seltener, als er hält.
Betroffen sind bundesweit rund 1.900 Bahnhöfe. Die Umsetzung soll bis 2028 abgeschlossen sein.
Bis 2028 wird das Verbot verteilt. So lange dauert auch manche Verspätung gefühlt.
Das Personal berichtet bereits von neuen Erfahrungen. Erstmals stellen Fahrgäste sachliche Rückfragen.
„Früher haben die Leute geschimpft und sind weitergezogen“, sagt Servicemitarbeiter Kai Sydow. „Heute wollen sie Erklärungen.“
Herr Sydow hat auf die Erklärungen keine Antwort. Die Tafel hatte sie auch nüchtern nicht.
1.900 Bahnhöfe, 30 schon nüchtern, Umsetzung bis 2028, im Zug bleibt das Bier. Herr Delfs liest die 90 Minuten jetzt klar im Kopf, und Herr Sydow soll erklären, was auch nüchtern keine Erklärung hat.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Sicherheitsdienst zur Durchsetzung des Verbots: 41.000 Euro im Jahr – Schließung des Servicepunkts: 38.000 Euro gespart +++
+++ Fahrgastauskunft ist nicht Bestandteil des Leistungsverzeichnisses +++
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