Wiesbadens verschwundene Bahnhöfe und der Güterbahnhof West
Bis 1906 standen in Wiesbaden drei Kopfbahnhöfe nebeneinander. Dazu kamen der Rheinbahnhof in Biebrich und der Güterbahnhof West, auf dem heute das Künstlerviertel liegt.

Lage: Taunus-, Rhein- und Ludwigsbahnhof lagen nebeneinander an der Rheinstraße in Wiesbaden. Status: Alle fünf Anlagen sind stillgelegt, die Gebäude der drei Innenstadtbahnhöfe sind abgerissen. Heute: Der heutige Hauptbahnhof Wiesbaden ist in Betrieb; auf den alten Flächen stehen unter anderem das Museum Wiesbaden, das RheinMain CongressCenter und das Künstlerviertel.
Wiesbaden hatte bis 1906 drei Kopfbahnhöfe nebeneinander, den Taunusbahnhof, den Rheinbahnhof und den Ludwigsbahnhof.
Sie wurden 1906 durch den neuen Hauptbahnhof ersetzt, der in Betrieb ist und hier nicht Thema ist.
Dazu kommen zwei weitere stillgelegte Anlagen, der Rheinbahnhof in Biebrich und der Güterbahnhof West.
Der Rheinbahnhof Biebrich ist nicht mit dem heutigen Bahnhof Wiesbaden-Biebrich an der rechten Rheinstrecke zu verwechseln.
Freie Bilder gibt es nur vom Taunusbahnhof und vom Güterbahnhof West, vom Rheinbahnhof, vom Ludwigsbahnhof und vom Rheinbahnhof Biebrich sind keine verzeichnet.
Der Taunusbahnhof von 1840
Der Taunusbahnhof war der erste Bahnhof der damaligen nassauischen Hauptstadt Wiesbaden.
Er wurde am 10. März 1840 zusammen mit dem letzten Teilstück der Taunus-Eisenbahn eröffnet, der planmäßige Betrieb nach Frankfurt begann am 13. April 1840.
Damit zählte er nur viereinhalb Jahre nach der ersten deutschen Strecke von Nürnberg nach Fürth zu den Pionieren deutscher Bahnhöfe.
Der Kopfbahnhof lag an der Ecke Rheinstraße und Wilhelmstraße und war Beginn und Endpunkt der Strecke nach Frankfurt.
Das Empfangsgebäude stammte vom Mainzer Architekten Ignaz Opfermann, der auch die anderen Hochbauten der Strecke entwarf.
Es ähnelte dem Frankfurter Gegenstück am anderen Ende der Strecke, war aber etwas kleiner, weil auf die Pavillons an den Enden der Flügelbauten verzichtet wurde.
Auf dem zweigeschossigen Mittelbau stand ein Uhrturm, in der Mitte lagen Empfangshalle und Fahrkartenschalter, in den Flügeln Warteräume und Gepäckabfertigung.
Schon bald wurde bemängelt, dass der Bahnhof dem wachsenden Verkehr nicht gewachsen war.
Kritisiert wurden außerdem die Umgebung, ein Gewerbegebiet, und das Fehlen eines Fürstenzimmers.
Erst 1897 errichtete die Stadt Wiesbaden einen kleinen Anbau als Fürstenzimmer, der zum Bahnsteig hin nur mit einem Vorhang abgeschlossen war.

Der Rheinbahnhof von 1857
Der Rheinbahnhof war ein Kopfbahnhof und Ausgangspunkt der Nassauischen Rheinbahn, die heute Teil der rechten Rheinstrecke ist.
Der erste Abschnitt nach Rüdesheim wurde am 11. August 1856 eröffnet, Endbahnhof in Wiesbaden-Nähe war zunächst Biebrich-Mosbach.
Erst am 11. Februar 1857 ging die Verlängerung nach Wiesbaden und damit der Rheinbahnhof in Betrieb.
Ein dreigeschossiges Empfangsgebäude im klassizistischen Stil ersetzte 1868 ein Provisorium, eine andere Angabe nennt dafür schon den 1. Oktober 1866.
Das Gebäude stand nicht an der Stirnseite, sondern westlich und parallel zu Gleisen und Bahnsteigen.
Von den drei Empfangsgebäuden der Nachbarbahnhöfe war es das repräsentativste.
Am 15. November 1889 kam die Langenschwalbacher Bahn dazu, die heutige Aartalbahn, die zwischen Rheinbahnhof und Langenschwalbach, dem späteren Bad Schwalbach, in Betrieb ging.
Das Empfangsgebäude überdauerte die Stilllegung von 1906 noch sechs Jahrzehnte und wurde 1969 für eine Erweiterung der Rhein-Main-Halle abgerissen.
Der Ludwigsbahnhof von 1879
Der Ludwigsbahnhof war der Bahnhof der Hessischen Ludwigsbahn in Wiesbaden.
Der Kopfbahnhof war Ausgangsbahnhof der heutigen Ländchesbahn nach Niedernhausen, wo Anschluss an die Main-Lahn-Bahn bestand.
Er wurde am 1. Juli 1879 eröffnet und lag östlich von Rheinbahnhof und Taunusbahnhof an der Rheinstraße.
Als Empfangsgebäude wurde die Bankiersvilla Mons umgebaut.
1906 wurde der Bahnhof geschlossen, die Gleisanlagen wurden beseitigt und das Empfangsgebäude abgerissen.
Auf dem Gelände steht seit 1915 das heutige Landesmuseum.
So sah es vorher aus: drei Bahnhöfe nebeneinander
Alle drei Bahnhöfe standen im Bereich des heutigen Messegeländes, des RheinMain CongressCenters, und des Landesmuseums.
Jeder hatte seine eigene Güterabfertigung, und alle drei reichten für die stark gewachsene Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr aus.
Ein Bahnhofsneubau wurde notwendig, um die wachsenden Fahrgastzahlen der aufstrebenden Kurstadt zu bewältigen.
Niedergang: der neue Hauptbahnhof
Vorplanungen für einen Durchgangsbahnhof wurden verworfen, weil er fast drei Kilometer weiter vom Stadtzentrum entfernt gelegen hätte.
Der Hauptbahnhof wurde stattdessen von 1904 bis 1906 als Kopfbahnhof nach Plänen von Fritz Klingholz gebaut.
Er liegt etwa 800 Meter südlich der alten Anlagen, andere Angaben nennen 700 Meter.
Am 15. November 1906 wurde er eröffnet, und der Taunusbahnhof wurde geschlossen.
Auch Rheinbahnhof und Ludwigsbahnhof gaben ihren Betrieb damit auf, ihre Gleisanlagen wurden beseitigt.
Die Wilhelmstraße wurde 1910 nach Süden bis zur Ringstraße und zum neuen Bahnhof verlängert, in Form einer breiten Allee unter dem Namen Kaiserstraße, heute Friedrich-Ebert-Allee.
Auf den ehemaligen Gleisanlagen entstand ab 1913 eine öffentliche Grünanlage, die Reisinger-Anlagen und Herbert-Anlagen.
An der Stelle des Bahnhofskopfs des Taunusbahnhofs wurde 1957 die Rhein-Main-Halle eröffnet, die 1969 auf dem Gelände des Rheinbahnhofs erweitert wurde.
Der Rheinbahnhof Biebrich
Der Rheinbahnhof Biebrich war ein Kopfbahnhof in Biebrich, dem heutigen Wiesbaden-Biebrich, an dem die Bahnstrecke Curve–Biebrich der Taunus-Eisenbahn endete.
Die Strecke bediente den Rheinhafen und wurde am 3. August 1840 eröffnet.
Sie war 1,5 Kilometer lang und führte von Biebrich Curve, dem heutigen Wiesbaden Ost, ohne Zwischenstation zum Bahnhof.
Der Bahnhof hatte vor allem in der Anfangszeit Bedeutung im Güterverkehr.
Er lag unmittelbar hinter der nassauischen Grenze, während der benachbarte Hafen von Kastel im Großherzogtum Hessen lag.
Das erste Empfangsgebäude stammte von Ignaz Opfermann und war ein zweigeschossiges Bauwerk mit Uhrturm auf dem First, dazu gab es einen Pferdestall.
Der Name wechselte von Biebrich über Biebrich Rheinbahnhof zu Wiesbaden-Biebrich Rheinbahnhof, den er seit dem 1. März 1927 trug.
Schon damals wurde der Bahnhof so oft mit dem Bahnhof Wiesbaden-Biebrich verwechselt, dass die Reichsbahndirektion Mainz ihre Mitarbeiter anwies, nur Frachtsendungen mit eindeutig ausgefüllten Frachtbriefen anzunehmen.
Schon vor 1908 wurde der Personenverkehr eingestellt, in diesem Jahr wurde die Strecke um knapp einen Kilometer verkürzt und der Bahnhof zurückverlegt.
Das erste Empfangsgebäude am Rheinufer wurde 1908 abgerissen.
Das neue Dienstgebäude an der heutigen Wilhelm-Kalle-Straße nutzt heute die Betriebskrankenkasse der Chemischen Fabrik Kalle.
1930 wurde der Bahnhof als selbständige Betriebsstelle aufgehoben, dem Bahnhof Biebrich-Ost unterstellt und als Abfertigungs-Hilfsstelle weiter betrieben.
An ihn erinnert heute die Straße Am Rheinbahnhof.
Der Güterbahnhof West
Der Güterbahnhof Wiesbaden West war der Hauptgüterbahnhof der Stadt und lag an der Grenze von Wiesbaden zu Dotzheim.
Er zweigte von der Aartalbahn ab.
Die Güterabfertigungen der alten Bahnhöfe reichten am Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr aus, also wurde ein neuer zentraler Güterbahnhof nötig.
Die preußische Staatseisenbahn wollte ihn etwa 800 Meter südlich der bestehenden Anlagen bauen.
Der Magistrat widersprach, weil er Staub und Lärm nicht so nah am Kurbetrieb haben wollte, und plädierte für ein Gelände im Westen an der Aartalbahn.
Die Eisenbahnverwaltung lehnte das zunächst ab, weil dieses Gelände etwa 50 Meter höher liegt als das des Hauptbahnhofs.
Im Mai 1900 entschied Kaiser Wilhelm II. bei einer Besprechung vor Ort zugunsten des Standorts im Westen, obwohl der zuständige Minister einwandte, dies koste zwei bis drei Millionen Mark mehr.
Ein Teil der Mehrkosten trug die Stadt Wiesbaden.

Die für den Hauptbahnhof neu trassierte Aartalbahn wurde am 2. Mai 1904 in Betrieb genommen.
Der Güterbahnhof wurde am 28. November 1904 eröffnet und zweigte nördlich des Bahnhofs Waldstraße von der Strecke ab.
Die Anbindung an den Bahnhof Curve folgte erst am 1. Oktober 1906.
Die meisten Güterzüge kamen aus Richtung Mainz, von der rechten Rheinstrecke oder von der Taunus-Eisenbahn und mussten durch Wiesbaden Ost fahren.
Dann überwanden sie eine relativ steile Rampe zum höher gelegenen Güterbahnhof, oft mit einer zweiten Lokomotive.
Die Güter wurden mit Fuhrwerken vom Güterbahnhof in die Stadt verteilt, das Kurviertel blieb vom Güterverkehr nahezu unbehelligt.
Ein Gleisanschluss führte zum benachbarten Kasernengelände, auf dem sich heute das Europaviertel befindet.



Mit dem Niedergang des Güterverkehrs auf der Schiene ab den 1960er Jahren wurde der Güterbahnhof Ende des 20. Jahrhunderts aufgegeben.
2006 wurde er eisenbahnrechtlich freigestellt, der Betriebszweck Eisenbahn war damit aufgehoben.
Nach dem Abriss der Bauten und Gleise entstand auf dem Gelände ein neuer Stadtteil mit dem Namen Künstlerviertel.

So sieht es jetzt aus
Vom Taunusbahnhof und vom Rheinbahnhof ist nichts mehr vorhanden, ihre Standorte gingen in den Rhein-Main-Hallen auf.
Auf dem Gelände des Ludwigsbahnhofs steht das Museum Wiesbaden.
Der Rheinbahnhof Biebrich ist als Straßenname Am Rheinbahnhof und im Dienstgebäude der Betriebskrankenkasse noch fassbar.
Der Güterbahnhof West ist abgeräumt und überbaut, auf dem Gelände liegt das Künstlerviertel.

Vorher und nachher auf dem Gelände des Güterbahnhofs West


Die Geschichte in Daten
1840: Am 10. März wird der Taunusbahnhof mit dem letzten Teilstück der Taunus-Eisenbahn eröffnet, am 13. April beginnt der planmäßige Betrieb.
1840: Am 3. August wird die Strecke Curve–Biebrich zum Rheinbahnhof Biebrich eröffnet.
1857: Am 11. Februar geht der Rheinbahnhof Wiesbaden in Betrieb.
1868: Das klassizistische Empfangsgebäude des Rheinbahnhofs ersetzt ein Provisorium.
1879: Am 1. Juli wird der Ludwigsbahnhof eröffnet.
1889: Am 15. November wird die Langenschwalbacher Bahn zum Rheinbahnhof in Betrieb genommen.
1897: Die Stadt baut ein Fürstenzimmer am Taunusbahnhof an.
1904: Am 28. November wird der Güterbahnhof West eröffnet.
1906: Am 15. November eröffnet der neue Hauptbahnhof, die drei alten Bahnhöfe werden geschlossen.
1908: Der Rheinbahnhof Biebrich wird zurückverlegt und sein erstes Empfangsgebäude abgerissen.
1913: Auf den alten Gleisanlagen entsteht eine Grünanlage.
1915: Auf dem Gelände des Ludwigsbahnhofs entsteht das heutige Landesmuseum.
1927: Der Rheinbahnhof Biebrich heißt seit dem 1. März Wiesbaden-Biebrich Rheinbahnhof.
1930: Der Rheinbahnhof Biebrich wird als selbständige Betriebsstelle aufgehoben.
1957: Die Rhein-Main-Halle wird eröffnet.
1969: Das Empfangsgebäude des Rheinbahnhofs wird für die Erweiterung der Rhein-Main-Halle abgerissen.
2006: Der Güterbahnhof West wird eisenbahnrechtlich freigestellt.
Häufige Fragen
Gibt es die alten Wiesbadener Bahnhöfe noch?
Warum steht der Hauptbahnhof an anderer Stelle?
Was steht heute an der Stelle der alten Bahnhöfe?
Was ist aus dem Güterbahnhof West geworden?
Ist der Rheinbahnhof Biebrich der heutige Bahnhof Wiesbaden-Biebrich?
Von den fünf Anlagen sind die Gebäude der drei Innenstadtbahnhöfe abgerissen, übrig sind Straßennamen, Grünanlagen und Neubauviertel.
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