Die stillen Halte des Waldsteinexpress zwischen Münchberg und Zell

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die stillen Halte des Waldsteinexpress zwischen Münchberg und Zell

Die Lokalbahn Münchberg–Zell fuhr von 1902 bis 1971 mit Personen und hieß im Volksmund Bockela. Von ihren Halten ist wenig geblieben, in Sparneck nur das Granit-Schild.

Das Empfangsgebäude des ehemaligen Bahnhofs Zell im Fichtelgebirge, Aufnahme von 2013.
Das Empfangsgebäude des ehemaligen Bahnhofs Zell im Fichtelgebirge, Aufnahme von 2013. Foto: Vizinal, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1902
Eröffnung am 18. Oktober
1962
Letzte Dampflok
1971
Letzter Personenzug am 25. September
1972
Gleise bis Zell zurückgebaut

Lage: Landkreis Hof und Landkreis Wunsiedel, Oberfranken, Bayern. Status: Personenverkehr 1971 eingestellt, nur ein Reststück ab Münchberg dient als Firmengleis. Heute: Bahnhöfe Weißdorf und Zell sind Wohnhäuser, in Sparneck blieb das Granit-Bahnhofsschild.

Die Bahnstrecke Münchberg–Zell hieß auch Waldsteinexpress, im Volksmund Bockela.

Sie verband die Stadt Münchberg über Weißdorf und Sparneck mit der Gemeinde Zell.

Der Personenverkehr endete 1971, die Gleise bis Zell wurden 1972 abgebaut.

Nur ein Stück ab Münchberg blieb als Firmengleis zum Umspannwerk Mechlenreuth erhalten.

Der Münchberger Bahnhof ist weiterhin in Betrieb und kommt hier nur als Ausgangspunkt vor.

Freie Fotos aus der Betriebszeit fehlen, die Bilder zeigen den heutigen Zustand.

Der lange Weg zur Bahn

Münchberg hatte schon 1848 Anschluss an die Ludwig-Süd-Nord-Bahn.

Am 1. Juni 1887 folgte die Strecke Münchberg–Helmbrechts.

Ab dem 1. April 1886 fuhren Karriolposten von Sparneck nach Münchberg, damit die Einwohner die Früh- und Mittagszüge erreichten.

Am 24. Februar 1889 trat in Sparneck ein Eisenbahnkomitee zusammen, dem Vertreter aus Münchberg, Sparneck, Zell, Reinersreuth und Immerseiben angehörten.

Den Vorsitz hatte der Münchberger Bürgermeister Friedrich Schoedel.

Ein erster Antrag vom 18. März 1889 wurde abgelehnt.

Auch weitere Bittschriften blieben erfolglos, zuletzt die vom 1. Oktober 1895.

Zwischenzeitlich wären die Gemeinden sogar bereit gewesen, die Bahn als Privatprojekt zu bauen.

Am 10. März 1900 wurde der Bau genehmigt.

Noch am selben Tag telegrafierte der Münchberger Stadtschreiber Ludwig Zapf nach Sparneck, Weißdorf und Zell.

In den Gemeinden wurde die Nachricht mit Freudenschüssen, Fackelumzügen und Glockenläuten gefeiert.

Bau und Eröffnung

Im August 1901 fanden die ersten Vermessungen statt.

Am 10. September begannen die Bauarbeiten.

Der Unterbau war im Februar 1902 fertig, danach wurden die Gleise verlegt.

Am 7. September 1902 war die Trasse für Arbeitszüge befahrbar.

Am 14. Oktober gab es die erste Testfahrt, drei Tage später fanden erste Freifahrten für die Bevölkerung statt.

Am 18. Oktober 1902 wurde die Strecke offiziell in Betrieb genommen.

Für die Bahnhofsgebäude in Weißdorf und Sparneck übernahm man Pläne, die für die zeitgleich gebaute Strecke Falls–Gefrees entstanden waren.

Zell erhielt ein Hauptgebäude mit Ladehalle und Wartesaal, ein Nebengebäude mit Abortanlagen und eine Lokremise.

Eiben

Der Haltepunkt Eiben hatte nur eine Sitzbank, die in das Stationsschild integriert war.

Der Haltepunkt ist verschwunden.

Im Wald ist ein Überrest der Haltestelle zu sehen, eine Gedenktafel erinnert an sie.

Überrest der Haltestelle Eiben im Wald, Aufnahme von 2010.
Überrest der Haltestelle Eiben im Wald, Aufnahme von 2010. Foto: PeterBraun74, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Reinersreuth

Der Halt Reinersreuth erhielt ein hölzernes Wartehäuschen, das nach der Stilllegung verschwand.

Wichtiger war das Industriegleis zu den Granitwerken.

Es war 582 Meter lang und führte auf das Werksgelände.

Vorher mussten die geschliffenen Granitblöcke auf unzureichend ausgebauten Wegen nach Münchberg gebracht werden.

Die Wagen wurden zuerst auf das Anschlussgleis geschoben und dann mit einer Seilwinde zum Verladegleis gezogen.

Das Werk bediente die Bahn bis Mai 1972.

Weißdorf

Auch Weißdorf bat im März 1889 um Aufnahme in die Planungen.

Der Sparnecker Bürgermeister zögerte zunächst, weil die Verlängerung höhere Frachtkosten bringen konnte, stimmte dann aber einstimmig zu.

Das Bahnhofsgebäude in Weißdorf steht noch, in ihm sind Wohnungen untergebracht.

Es befindet sich in Privatbesitz.

Der heutige Zustand des Weißdorfer Bahnhofs, in Privatbesitz, Aufnahme von 2010.
Der heutige Zustand des Weißdorfer Bahnhofs, in Privatbesitz, Aufnahme von 2010. Foto: PeterBraun74, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Flurbereinigter Streckenabschnitt vor Weißdorf, Aufnahme von 2010.
Flurbereinigter Streckenabschnitt vor Weißdorf, Aufnahme von 2010. Foto: PeterBraun74, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Sparneck

In Sparneck begann die Bahnidee: Hier trat das Eisenbahnkomitee zusammen.

Im Juni 1981 beschloss die Gemeinde den Abriss des Empfangsgebäudes.

Das Gebäude wurde 1982 abgebrochen.

Erhalten blieb das aus Granit gearbeitete Bahnhofsschild.

Das Ortsschild des Sparnecker Bahnhofs ist die einzige Spur des abgerissenen Bahnhofs, Aufnahme von 2010.
Das Ortsschild des Sparnecker Bahnhofs ist die einzige Spur des abgerissenen Bahnhofs, Aufnahme von 2010. Foto: PeterBraun74, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Bahnbrücke bei Sparneck, Aufnahme von 2010.
Bahnbrücke bei Sparneck, Aufnahme von 2010. Foto: Adrian Roßner @ QS, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Zell

Zell war die Endstation.

Der Bahnhof besteht aus einem Hauptgebäude mit Ladehalle und Wartesaal.

Dort sind heute Wohnungen untergebracht.

Die Gemeinde hatte schon vor dem Bahnbau Kutschfahrten nach Münchberg eingerichtet, die bald von pferdegezogenen Omnibussen abgelöst wurden.

Die Fahrt kostete 1886 70 Pfennig.

Betrieb und Fahrzeuge

Am 31. Dezember 1906 wies das Projekt einen Fehlbetrag von 1.985 Mark auf.

Im Winter 1941 musste der Betrieb wegen großer Schneeverwehungen eingestellt werden.

Am 14. April 1945 wurde die Brücke über die Kirchenlamitzer Straße gesprengt, auch dann ruhte der Betrieb.

Von 1902 bis mindestens 1906 war die Lokomotive D XI auf der Strecke unterwegs.

Bis 1935 kam die GtL 4/4 zum Einsatz, danach Einheitsdampfloks der Baureihe 64.

Im November 1954 fuhren erstmals Schienenbusse der Baureihe VT 95 auf der Strecke.

Die letzte Fahrt einer Dampflokomotive fand am 29. September 1962 statt, danach übernahmen Dieselloks der Baureihe V 100.

Das Ende der Bahn

1971 begannen Passagierzählungen, um den Bedarf an Bussen nach der Betriebseinstellung zu errechnen.

Am 25. September 1971 fuhr ein letzter Personenzug von Zell nach Münchberg, auf Initiative des Hofer Eisenbahnclubs mit einer Dampflokomotive der Baureihe 86.

Die Stilllegung wurde mit zu hohen Unterhaltskosten von etwa einer Million Mark begründet.

Die Trasse diente zunächst als Streckenrangiergleis weiter.

Das Bemühen der Lokalbahn-Arbeitsgemeinschaft Fichtelgebirge-Frankenwald, die Strecke als Museumsbahn zu erhalten, blieb erfolglos.

Vom 21. August bis 8. September 1972 wurden die Gleise zwischen Streckenkilometer 1,7 und Zell zurückgebaut.

Bahnbrücke der Lokalbahnstrecke Münchberg–Zell, Aufnahme von 2010.
Bahnbrücke der Lokalbahnstrecke Münchberg–Zell, Aufnahme von 2010. Foto: — Adrian Roßner @ QS, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sieht es jetzt aus

Der ehemalige Bahndamm verfällt zunehmend.

Stellenweise ist er durch Flurbereinigung oder private Neubauten fast vollständig verschwunden.

Das Streckenstück bis Kilometer 1,7 blieb als Firmengleis für das Umspannwerk Mechlenreuth erhalten.

1973 wurde darauf ein Transformator geliefert.

Beim Bau der Münchberger Südumgehung 2001 wurde zunächst kein Bahnübergang eingebaut, die Straße musste für Transporte mehrere Tage gesperrt werden.

Am 11. Oktober 2018 fuhr erstmals nach vielen Jahren wieder ein Zug auf dem Reststück, um einen Transformator zu liefern.

Am 30. August 2022 entgleiste dort ein leerer Tragschnabelwagen und beschädigte das Gleis stark.

Zwischen März und Juni 2024 ließ der Eigentümer Tennet das Gleis samt Bahnübergang erneuern und baute erstmals einen Bahnübergang in die Südumgehung ein.

Reststück der Linie vom Bahnhof Münchberg zum Umspannwerk, Aufnahme von 2010.
Reststück der Linie vom Bahnhof Münchberg zum Umspannwerk, Aufnahme von 2010. Foto: PeterBraun74, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Teilstück der Trasse, das von der Bundesstraße zerschnitten wird, Aufnahme von 2010.
Teilstück der Trasse, das von der Bundesstraße zerschnitten wird, Aufnahme von 2010. Foto: PeterBraun74, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Deutlich sichtbarer Anstieg der Trasse im Gelände, Aufnahme von 2010.
Deutlich sichtbarer Anstieg der Trasse im Gelände, Aufnahme von 2010. Foto: PeterBraun74, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Erhöhter weiterer Verlauf der Trasse, Aufnahme von 2010.
Erhöhter weiterer Verlauf der Trasse, Aufnahme von 2010. Foto: PeterBraun74, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

1886: Karriolpost von Sparneck nach Münchberg ab dem 1. April.

1889: Eisenbahnkomitee in Sparneck am 24. Februar.

1900: Genehmigung des Baus am 10. März.

1902: Offizielle Inbetriebnahme am 18. Oktober.

1954: Erste Schienenbusse VT 95 im November.

1962: Letzte Dampflok am 29. September.

1971: Letzter Personenzug am 25. September.

1972: Rückbau der Gleise vom 21. August bis 8. September.

1982: Abbruch des Bahnhofsgebäudes Sparneck.

2018: Erster Zug auf dem Reststück am 11. Oktober.

2024: Erneuerung des Reststücks zwischen März und Juni.

Woher kommt der Name Waldsteinexpress?
Die Strecke trug diesen Namen, im Volksmund hieß sie Bockela. Mehr zur Herkunft ist nicht belegt.
Was ist vom Bahnhof Sparneck übrig?
Nur das aus Granit gearbeitete Bahnhofsschild.
Gibt es noch Gleise?
Ein Reststück bis Kilometer 1,7 dient als Firmengleis zum Umspannwerk Mechlenreuth und wurde 2024 erneuert.
Wann endete der Personenverkehr?
Am 25. September 1971 mit einem letzten Sonderzug.
Wurde eine Museumsbahn versucht?
Die Lokalbahn-Arbeitsgemeinschaft Fichtelgebirge-Frankenwald wollte die Strecke als Museumsbahn erhalten, das Vorhaben blieb erfolglos.

Der Waldsteinexpress hat nur Spuren hinterlassen.

Wer ihnen folgt, findet Wohnhäuser, einen Granitschild und eine Gedenktafel im Wald.

Quellen und Bildrechte

Bahnstrecke Münchberg–Zell (Wikipedia)

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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