Der Bahnhof Überlingen Ost: Ein Prunkbau mit Drachenköpfen, an dem kein Zug mehr hält
Überlingen Ost liegt am Ausgang eines 615 Meter langen Tunnels und ist seit 2001 aufgelassen. Die Strecke lebt weiter, das aufwändige Empfangsgebäude steht unter Denkmalschutz.


Lage: Mühlenstraße in Überlingen, am Ausgang des Ost-Tunnels der Bahnstrecke Stahringen–Friedrichshafen (Bodenseegürtelbahn). Status: Haltepunkt seit 2001 aufgelassen, die Strecke ist in Betrieb. Heute: Das Empfangsgebäude ist in Privatbesitz, der Bahnsteig ist öffentlich nicht zugänglich.
Überlingen Ost ist ein Sonderfall unter den stillen Bahnhöfen: ein aufgelassener Halt an einer Strecke, auf der weiter Züge fahren.
Der Ostbahnhof liegt an der Bahnstrecke Stahringen–Friedrichshafen, die im Kursbuch als Bodenseegürtelbahn läuft.
Seit 2001 hält dort kein Zug mehr, der Haltepunkt wurde aufgelassen.
Die Strecke selbst ist nicht stillgelegt, die Züge nutzen heute den Halt Überlingen im offenen Einschnitt zwischen den beiden Tunneln.
Dieser Beitrag trennt deshalb zwischen dem lebenden Streckennetz und dem aufgelassenen Ostbahnhof.
Freie Fotos aus der Betriebszeit liegen nicht vor, die Bilder zeigen das Gebäude seit 2007.
Die Strecke: Ein Gürtel um den See
Der Name Bodenseegürtelbahn war spätestens 1883 geläufig, als sich der Eisenbahnring um den See zu schließen begann.
Die Vollendung verzögerte sich, vor allem wegen einzelstaatlicher Interessen auf deutscher Seite, bis 1901.
Heute steht der Begriff nur noch für die deutsche Verbindung von Radolfzell über Friedrichshafen nach Lindau.
Die Strecke Stahringen–Friedrichshafen ist 51,780 Kilometer lang, eingleisig und nicht elektrifiziert.
Sie entstand als Lückenschluss zwischen dem Netz der Großherzoglich Badischen Staatseisenbahnen und dem der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen.
Der Abschnitt von Stahringen nach Überlingen ging am 18. August 1895 in Betrieb.
Am 2. Oktober 1901 erreichte die Strecke den Friedrichshafener Stadtbahnhof.
Entstehung: Zwei Tunnel unter der Stadt
Im November 1897 schlossen das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg einen Staatsvertrag über die Weiterführung der Strecke nach Friedrichshafen.
Im Herbst 1898 begannen die Bauarbeiten an zwei Tunneln, die Überlingen unterqueren.
Sie wurden gleichzeitig von der West- und von der Ostseite der Stadt in den weichen Molassefels getrieben.
Die beiden Röhren trafen sich in einem rund 160 Meter langen offenen Einschnitt, in dem heute der Halt Überlingen liegt.
Der Ost-Tunnel misst 615 Meter.
Der Seubertweg am Portal trägt den Namen von Adolf Seubert, dem Ingenieur der beiden Eisenbahntunnel.
Der Ostbahnhof entstand direkt am Ausgang des Ost-Tunnels, an der Mühlenstraße.
Mit dem Besuch des badischen Großherzogs Friedrich I. und des württembergischen Königs Wilhelm II. in einem Sonderzug wurde das zweite Teilstück der Strecke eröffnet, und damit auch der Bahnhof Überlingen Ost.
Als Baujahr des Empfangsgebäudes ist 1901 genannt.

So sah es vorher aus: Ein aufwändiges Haus für einen kleinen Halt
Das Empfangsgebäude ist ein ein- und zweigeschossiger Bau aus Sandsteinquadern mit Walmdächern, über dem östlichen Teil sitzt ein Satteldach.
Die Gestaltung nutzt Elemente der Neugotik und des romantisierenden Landhausstils.
Die Straßenseite ist dreiteilig und hat mehrere Kreuzstockfenster sowie zwei mit Säulen getragene Rundbögen am Eingang.
Darüber liegt eine Plattform mit Balustrade und einer steinernen Adlerfigur.
An der Westseite sitzt ein Eck-Balkonerker mit Rundbogen.
Die Fassade zum Bahnsteig ist zweiteilig und zeigt mehrteilige Rundbogenöffnungen und das badische Wappen.
Am aufwändigsten ist die Ostfassade mit dreiteilig gekuppelten Rundbogenfenstern auf Säulen.
Dazu kommt ein Ziergiebel aus bearbeiteten, rot bemalten Balken mit vier geschnitzten Drachenköpfen und Konsolen.
Unter dem Traufgesims läuft ein Konsolenfries um das gesamte Gebäude.
Die weit überstehenden Walmdächer werden von Drachenköpfen getragen, die Fenstersäulen sind mit Akanthus geschmückt.
Die Architektur orientiert sich an der Baukunst Überlingens um 1500.
Im Unterschied zu den meisten anderen Empfangsgebäuden der Strecke ist es für einen Haltepunkt ungewöhnlich aufwändig gestaltet.

Niedergang: Vom Bahnhof zum Gebäude ohne Gleisanschluss
Im Dezember 1944 wurde der Bahnhof zum Haltepunkt herabgestuft.
Seit 1975 war das Empfangsgebäude unbesetzt.
Die Bahnhofsgaststätte schloss Ende der 1970er Jahre.
Danach verkaufte die Deutsche Bundesbahn das Gebäude im Jahr 1984.
Es befindet sich seitdem in Privatbesitz.
Im Jahr 2001 eröffnete der Halt im Einschnitt, damals Überlingen Mitte genannt, heute nur noch Überlingen.
Damit wurde der Haltepunkt Überlingen Ost komplett vom Bahnverkehr getrennt und aufgelassen.

So sieht es jetzt aus
Der rund 130 Meter lange Bahnsteig ist größtenteils erhalten, aber öffentlich nicht mehr zugänglich.
Das Empfangsgebäude steht zusammen mit dem benachbarten Tunnelportal als Teil der Sachgesamtheit Bodenseegürtelbahn unter Denkmalschutz.
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bezeichnet es als Denkmal von überregionaler Bedeutung.
Sie förderte die Sanierung des Mauerwerks und die Instandsetzung der Zierelemente aus Naturstein am Dach.
Zum Jahr der Förderung gehen die Angaben auseinander: Genannt werden 2014 und 2015.
Zur Nutzung gehen die Angaben ebenfalls auseinander: Genannt werden ein Bürogebäude und ein Wohn- und Geschäftshaus.
Auf dem Gelände des Bahnhofs fährt heute kein Zug mehr.

Vorher und nachher
Zwischen den beiden Aufnahmen vom November 2011 und April 2022 liegt die teilweise Instandsetzung des Gebäudes.
Sie betraf Mauerwerk und Zierelemente, wie sie die Denkmalförderung beschreibt.
Der Halt selbst blieb in dieser Zeit ohne Zugverkehr.
Die Stationen im Stadtgebiet heute
Im Stadtgebiet Überlingen gibt es heute die Stationen Überlingen Therme, Überlingen und Überlingen-Nußdorf, dazu den inaktiven Ostbahnhof.
Der Halt Überlingen Therme hieß früher Westbahnhof und wurde nach der Eröffnung der Bodensee-Therme im November 2003 umbenannt.
Auf der Strecke verkehren weiter Regionalzüge, der Regional-Express RE3 hält in Überlingen.
Seit 2019 laufen Planungsarbeiten für den Ausbau und die Elektrifizierung der Strecke.
Die Geschichte in Daten
1895: Die Teilstrecke Stahringen–Überlingen geht am 18. August in Betrieb.
1897: Baden und Württemberg schließen im November den Staatsvertrag zur Weiterführung nach Friedrichshafen.
1898: Im Herbst beginnen die Bauarbeiten an den beiden Tunneln unter Überlingen.
1901: Als Baujahr des Empfangsgebäudes ist 1901 genannt, am 2. Oktober ist Friedrichshafen Stadt erreicht.
1944: Im Dezember wird der Bahnhof zum Haltepunkt herabgestuft.
1975: Das Empfangsgebäude ist seit diesem Jahr unbesetzt.
1984: Die Deutsche Bundesbahn verkauft das Gebäude.
2001: Der Halt Überlingen im Einschnitt eröffnet, Überlingen Ost wird aufgelassen.
2014/2015: Das Gebäude wird mit Förderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz teilweise instand gesetzt.
Häufige Fragen
Hält in Überlingen Ost noch ein Zug?
Ist die Strecke stillgelegt?
Kann man den Bahnsteig betreten?
Wem gehört das Empfangsgebäude?
Wie lang ist der Ost-Tunnel?
Warum ist das Gebäude so aufwändig gestaltet?
Überlingen Ost zeigt, wie ein Bahnhof seine Strecke überlebt: Die Gleise sind in Betrieb, nur der Halt ist erloschen.
Geblieben ist ein Denkmal, das die Bauweise der Bahn um 1900 auf kleinem Raum zeigt.
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