Die Untereichsfeldbahn: Von Wulften nach Leinefelde, geteilt durch die Grenze
Die Nebenbahn von Wulften über Duderstadt nach Leinefelde wurde 1945 an der Zonengrenze zerschnitten. Im Westen ist sie Radweg, in Duderstadt ein Museumsgleis, in Thüringen ein stiller Bahndamm.


Lage: Wulften in Niedersachsen über Duderstadt und Teistungen nach Leinefelde in Thüringen. Status: 1945 an der Zonengrenze unterbrochen, im Westen 1996 offiziell stillgelegt, im Osten 2001 ohne Personenverkehr. Heute: Radwege, am Bahnhof Duderstadt ein Museumsgleis.
Die Untereichsfeldbahn, amtlich die Bahnstrecke Wulften–Leinefelde, war eine eingleisige, nicht elektrifizierte Nebenbahn in Niedersachsen und Thüringen.
Sie zweigte in Wulften von der Strecke Northeim–Nordhausen ab und führte über Duderstadt nach Leinefelde.
Nach 1945 trennte die Zonengrenze die Strecke zwischen Duderstadt und Teistungen.
Im Westen wurde sie abgebaut, im Osten fuhr noch bis 2001 ein Personenzug.
Dieser Beitrag geht die Halte Duderstadt, Gieboldehausen, Teistungen und Worbis einzeln durch.
Freie Fotos aus der Betriebszeit sind selten, das älteste hier ist von 1998, der Rest zeigt den heutigen Zustand.
Wie die Strecke entstand
Erste Bemühungen um einen Bahnanschluss für Duderstadt gab es ab Mitte des 19. Jahrhunderts.
Auch Worbis hoffte damals auf einen Bahnknoten, doch 1867 wurde die Halle-Kasseler Bahn über das südlichere Leinefelde geführt.
Ab 1870 gab es neue Pläne für eine Strecke von Leinefelde über Duderstadt und Katlenburg zur Hannöverschen Südbahn.
1887 begann der Bau, zunächst von Wulften nach Duderstadt.
Dieser Abschnitt ging 1889 in Betrieb.
Die Fortsetzung von Duderstadt nach Leinefelde folgte am 1. September 1897.
Sie wurde nur als Nebenbahn betrieben.
So sah es vorher aus: Zugpaare, Ziegeleien, Güter
1944 bedienten sechs bis sieben Zugpaare die Strecke.
Etwa die Hälfte der Züge fuhr durchgehend, die übrigen begannen oder endeten in Duderstadt.
Im Westen wurden in Gieboldehausen landwirtschaftliche Produkte wie Zuckerrüben, Getreide und Tabak verladen, dazu Brennstoffe und andere Waren.
Im Osten hingen mehrere Ziegeleien an der Strecke, bei Teistungen bestand sogar ein Anschlussgleis zu den zwei Ziegeleien des Ortes.
1958 fuhr noch eine durchgehende Personen- und Eilzugverbindung von Duderstadt über Gieboldehausen und Wulften nach Hannover.
Das Ende: Grenze, Rückbau, 2001
1945 wurde der Abschnitt Duderstadt–Teistungen als Folge der deutschen Teilung unterbrochen.
1947 demontierte die sowjetische Seite die Strecke nördlich von Worbis als Reparationsleistung.
Bereits 1950 wurde sie bis Teistungen wieder aufgebaut, um mehrere Ziegeleien anzuschließen, auch der Personenverkehr kam zurück.
Im Westen fuhr der Personenverkehr bis zum 26. Juli 1974, der Güterverkehr endete am 2. Januar 1995.
Am 29. Februar 1996 wurde die Strecke offiziell stillgelegt.
Im Osten endete der lokale Güterverkehr zum 31. Dezember 1994, nachdem die Ziegelei 1992 stillgelegt worden war.
Der Personenverkehr auf dem Thüringer Abschnitt wurde im Juni 2001 aufgegeben.
Zuletzt bediente die Erfurter Bahn die Strecke im Auftrag der DB mit Dieseltriebwagen des Typs Regio-Shuttle.
Mehrere Anläufe, die Lücke nach der Grenzöffnung zu schließen, scheiterten.
Duderstadt
Der Bahnhof Duderstadt wurde 1889 am südlichen Stadtrand zunächst als Endbahnhof eröffnet.
Mit der Weiterführung nach Leinefelde 1897 wurde daraus ein Durchgangsbahnhof.
Er bestand aus Empfangsgebäude, Güterschuppen, mehrgleisigem Lokschuppen und zahlreichen Gleisanlagen mit zwei Bahnsteigen.
1945 wurde Duderstadt wieder Endbahnhof, und die Hoffnung auf einen Lückenschluss von etwa 3,5 Kilometern nach Teistungen erfüllte sich auch nach der Wiedervereinigung nicht.
Der Güterverkehr endete 1995, nach anderer Angabe 1996, und der Bahnhof wurde endgültig geschlossen.

Das weitläufige Gelände lag lange brach, und das Empfangsgebäude war mit einem Metallzaun von den Gleisen getrennt.
Anfang 2012 erwarb der Chef von Otto Bock das Bahnhofsareal samt Empfangsgebäude.
Im Haus befindet sich heute unter anderem eine Kinder- und Jugendarzt-Gemeinschaftspraxis.
Seit 2014 wurde das Gelände im Projekt Areal Bahnhof aufgewertet.
Der Zaun verschwand, auf dem Brachgelände wurden neue Gleise verlegt, und dort stehen jetzt historische Schienenfahrzeuge, darunter zwei Uerdinger Schienenbusse und ein Speisewagen.
Dazu kamen Parkplätze für 30 Autos, ein neuer Bahnsteig und eine Überdachung, die an ein altes Bahnsteigdach erinnern soll.
Das Areal soll als Lebendiges Denkmal die Erinnerung an die Bahnstrecke wachhalten.


Unmittelbar nördlich lag der Bahnhof der Gartetalbahn, einer Schmalspurbahn, die 1907 von Rittmarshausen bis Duderstadt fertiggestellt wurde.
Dort gab es einen Bahnsteig mit kleinem Stationsgebäude, einen Lokschuppen, einen Güterschuppen und eine Drehscheibe.
1931 wurde der Bahnverkehr auf diesem Abschnitt endgültig eingestellt, der Bahnhof wurde komplett zurückgebaut.
Das Gelände wurde zum Teil überbaut und ist als Bahnhof nicht mehr erkennbar.
Der Lokschuppen des Staatsbahnhofs ist längst abgerissen, existiert aber als Modellbausatz weiter.
Gieboldehausen
Der Bahnhof Gieboldehausen wurde 1889 mit der Teilstrecke Wulften–Duderstadt eröffnet.
Er lag bei Streckenkilometer 8,16 im Hahletal auf etwa 150 Metern Höhe, und die nächsten Bahnhöfe waren Rollshausen im Süden und Bilshausen im Nordwesten.
Der Weg vom Dorf zum abseits gelegenen Bahnhof führte über die Bahnhofstraße.
Unweit des Bahnhofs entstand mit dem Gasthof zum Bahnhof eine Bahnhofsgaststätte.
Zum Bahnhof gehörten zwei Durchgangsgleise sowie ein Ladegleis mit Rampe und Ladestraße.
Das Empfangsgebäude hatte Dienstraum, Warteraum und Schalterhalle, und ein Stellwerk der Bauform Jüdel ging 1909 in Betrieb.

1974 wurde der Personenverkehr wegen sinkender Auslastung eingestellt, 1984 der Güterverkehr.
1989 fuhr noch einmal ein Jubiläumsdampfzug über die Strecke.
Bis 1994 wurde die Reststrecke für Rangierfahrten genutzt.
Das Empfangsgebäude wurde 1975 abgerissen, an seiner Stelle entstand ein Kornhaus.
2002 wurde der Abschnitt bis auf wenige Schienenreste zurückgebaut.
Heute führt ein neuer Radweg am ehemaligen Bahnhofsgelände entlang.
An einer Lagerhalle erinnern ein Wandbild und ein aufgestelltes Eisenbahnhauptsignal an den Bahnhof.


Teistungen
Der Bahnhof Teistungen wurde 1897 mit dem Streckenabschnitt Duderstadt–Leinefelde eröffnet.
Zu ihm gehörten ein Empfangsgebäude mit Güterschuppen und kleinem Stellwerk, ein Wohnhaus und ein Abort.
Es gab ein Durchgangs- und ein Kreuzungsgleis mit je einem einfachen Bahnsteig sowie ein Ladegleis mit Ladestraße, Rampe und Lademaß.
Mit der Teilung Deutschlands wurde Teistungen Endbahnhof.
Der Ort liegt direkt an der Landesgrenze, und etwa fünf Kilometer entfernt liegt Duderstadt.
In der Nähe lag der Grenzübergang Duderstadt/Worbis, auf dessen Gelände seit 1995 das Grenzlandmuseum Eichsfeld steht.
Der Bahndamm nördlich von Teistungen verläuft heute teilweise am Grenzlandwanderweg des Museums.


Der Personenverkehr zwischen Teistungen und Leinefelde endete im Juni 2001, und der Abschnitt wurde in den mittleren bis späten 2000er Jahren abgebaut.


Worbis
Der Bahnhof Worbis liegt am westlichen Stadtrand bei Streckenkilometer 34,94 am nördlichen Fuß des Klien auf etwa 340 Metern Höhe.
Die nächsten Bahnhöfe waren Wintzingerode im Nordwesten und Breitenbach im Süden.
1905 hatte er zwei Bahnsteiggleise von 298 Metern Länge, zwei weitere Gleise von 185 und 154 Metern und zwei kürzere Stumpfgleise.
Zum Gebäudebestand gehörten ein Empfangsgebäude mit Güterschuppen und Lagerhaus, ein Kleinlokschuppen, Beamtenwohnungen und ein Abort.
Ein Stellwerk kam nach 1909 dazu und wurde 2001 außer Betrieb genommen.
1947 war Worbis nach der Demontage der Strecke nördlich des Ortes kurzzeitig Endbahnhof.


Nach dem Ende des Personenverkehrs am 9. Juni 2001 wurde der Bahnhof geschlossen.
Vom Bahnhof existiert nur das Empfangsgebäude mit den Nebengebäuden, für das die Stadt noch ein Nutzungskonzept sucht.
Zwischen Worbis und Wintzingerode ist die ehemalige Trasse mit der Ortsumgehung der B 247 überbaut.
Bei Breitenbach unterbricht die Südharzautobahn die Trasse.

So sieht es jetzt aus
Der Abschnitt Wulften–Duderstadt wurde von 2001 bis 2005 weitgehend abgebaut.
Von Wulften bis Rollshausen dient die Trasse vollständig als Radweg.
In Duderstadt hat sich ein Industrieunternehmen über die Trasse hinaus verbreitert.
Zwischen Leinefelde und Duderstadt ist die ehemalige Trasse heute weitgehend Teil des Unstrut-Hahle-Radwegs.
2013 prüfte das niedersächsische Verkehrsministerium die Strecke als eine von 73 möglichen Reaktivierungen.
Im Oktober 2013 fiel sie aus der Liste, weil die Gleise weitgehend demontiert und der Bahndamm teilweise bebaut sind und die Kosten deshalb zu hoch wären.
Am besten bleibt man auf öffentlichen Wegen.
Vorher und nachher: Worbis
Das Bild vom Anfang zeigt es deutlich: 1998 fuhr in Worbis noch ein Triebwagen ein.
Heute steht dort das leere Empfangsgebäude, und die Gleisreste liegen im Industriegelände.
Der Personenverkehr endete 2001.
1889: Wulften–Duderstadt wird eröffnet.
1897: Am 1. September folgt Duderstadt–Leinefelde.
1945: Die Strecke wird an der Zonengrenze zwischen Duderstadt und Teistungen unterbrochen.
1947: Die sowjetische Seite demontiert die Strecke nördlich von Worbis.
1950: Die Strecke wird bis Teistungen wieder aufgebaut.
1974: Letzter Personenzug im Westen am 26. Juli.
1996: Am 29. Februar wird die Strecke im Westen offiziell stillgelegt.
2001: Letzter Personenzug im Osten im Juni.
2014: Am Bahnhof Duderstadt entsteht das Museumsgleis.
Wie hieß die Strecke offiziell?
Warum endete die Strecke bei Teistungen?
Was gibt es heute in Duderstadt?
Kann man die Strecke wandern?
Wird die Strecke reaktiviert?
Die Untereichsfeldbahn zeigt, wie eine Grenze eine Strecke teilt und wie lange danach noch Spuren bleiben.
Im Westen erinnern ein Museumsgleis und ein Wandbild an den Betrieb, im Osten ein Bahndamm, der an der Grenze endet.
Bahnstrecke Wulften–Leinefelde (Wikipedia) · Bahnhof Duderstadt (Wikipedia) · Bahnhof Gieboldehausen (Wikipedia) · Teistungen (Wikipedia) · Bahnhof Worbis (Wikipedia) · Grenzlandmuseum Eichsfeld (Wikipedia)
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