Die stillen Halte der Überwaldbahn: Viadukte, Tunnel und eine Solardraisine
Von Weiher bis Wahlen: Die Überwaldbahn im Odenwald verlor 1983 ihre Reisenden und 1994 ihre Güterzüge. Zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach fahren heute Draisinen.


Lage: Odenwald, Überwald, Strecke von Mörlenbach nach Wahlen. Status: Strecke stillgelegt, unter Denkmalschutz zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach. Heute: Solardraisinen zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach, Radweg zwischen Unter-Wald-Michelbach und Wahlen.
Die Überwaldbahn führte von Mörlenbach im Weschnitztal über den Odenwald nach Wahlen und war rund 15,9 Kilometer lang.
Heute fährt zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach eine Draisinenbahn, der übrige Teil der Strecke liegt still.
Dieser Beitrag nimmt die Halte Weiher, Kreidach, Wald-Michelbach, Unter-Wald-Michelbach, Aschbach, Affolterbach und Wahlen einzeln in den Blick.
Mörlenbach, der Ausgangspunkt, ist ein bestehender Halt an der Bahnstrecke Weinheim–Fürth und gehört deshalb nicht zu den stillen Bahnhöfen.
Alte freie Fotos gibt es nur vom Bahnhof Wald-Michelbach aus dem Eröffnungsjahr, alle übrigen Bilder zeigen den heutigen Zustand.
Wie die Überwaldbahn entstand
Schon 1867 gab es erste Bestrebungen, den Überwald an das Eisenbahnnetz anzuschließen.
Aus mehreren Varianten wurde schließlich eine Bahn gewählt, die in Mörlenbach an die Strecke Weinheim–Fürth anschließt.
Die Bauarbeiten begannen im Frühjahr 1898.
Gebaut wurde die Strecke von der Preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinschaft.
Zwischen Weiher und Wald-Michelbach musste die Trasse in bergigem Gelände den Anstieg der Kreidacher Höhe überwinden.
Dafür waren mehrere Viadukte und zwei Tunnel nötig.
Die Stationsgebäude folgten dem Entwurf des Einheitsbahnhofs der Hessischen Staatsbahn.
In Wald-Michelbach wurde dieser Entwurf mit einem auffällig abgewandelten Ziegelmuster ausgeführt.
Am 1. März 1901 wurde die Strecke eröffnet.
Die Bauabteilung der Eisenbahndirektion Mainz, die den Bau ausgeführt hatte, wurde zum 31. März 1901 aufgelöst.
Die Strecke gehörte zur Betriebswerkstätte Darmstadt, und in Wald-Michelbach wurde eine Bahnmeisterei eingerichtet.
Zunächst war die Überwaldbahn für die Staatsbahn ein Inselbetrieb, weil die anschließende Strecke Weinheim–Fürth von der Main-Neckar-Eisenbahn-Gesellschaft betrieben wurde.
Für den Notfall gab es eine Vereinbarung, nach der diese Gesellschaft Amtshilfe leistete und bei Bedarf einen Hilfszug stellte.
Erst mit der Auflösung des Kondominats der Main-Neckar-Bahn 1902 hatte die Überwaldbahn einen direkten Anschluss an das Staatsbahnnetz.
Am 10. Februar 1914 gingen auf der Strecke neue Doppellichtvorsignale in Betrieb.
So sah es vorher aus: die Strecke im Betrieb
Nach 1950 fuhren auf der Strecke Uerdinger Schienenbusse.
Im letzten Jahrzehnt vor der Stilllegung kam die Baureihe VT 98 zum Einsatz.
1963 siedelte sich in Affolterbach mit Coronet Metall und Pedex der erste Industriebetrieb des Ortes an und schuf dort 350 Arbeitsplätze.
Seit Mitte der 1960er Jahre stieg der Güterverkehr der Coronet-Werke stark an, während der Personenverkehr zurückging.
Hinter dem Bahnhof Wald-Michelbach lag der Abzweig zu den Coronet-Werken.
Weiher: der Haltepunkt am Beginn der Steigung
Der Haltepunkt Weiher lag bei Kilometer 2,63, dem ersten Halt hinter Mörlenbach.
Er befand sich oberhalb des Ortes in der Bahnhofstraße.
Kurz dahinter folgten zwei Viadukte, das Weiherer Viadukt mit 26 Metern und das Vöckelsbacher Viadukt mit 135 Metern Länge.
Weitere Einzelheiten zum Halt selbst sind nicht belegt.



Zwischen Weiher und Kreidach: Mackenheimer Viadukt und Tunnel
Bei Kilometer 5,0 überquerte die Strecke das Mackenheimer Viadukt, das 73 Meter lang ist.
Bei Kilometer 5,4 schloss sich der 64 Meter lange Mackenheimer Tunnel an.
Beide Bauwerke gehören zu den Anlagen, mit denen die Trasse den Anstieg zur Kreidacher Höhe bewältigte.

Kreidach: Bahnhof zwischen Viadukt und Tunnel
Der Bahnhof Kreidach lag bei Kilometer 7,87.
Kurz davor überquerte die Strecke das 80 Meter lange Kreidacher Viadukt.
Dahinter führte der 679 Meter lange Waldmichelbacher Tunnel unter der Kreidacher Höhe hindurch.
Die Trasse umkurvt Kreidach auf drei Seiten, das Viadukt prägt das Ortsbild.
Weitere Einzelheiten zum Bahnhof selbst sind nicht belegt.

Wald-Michelbach: vom Bahnhof zum Draisinenbahnhof
Der Bahnhof Wald-Michelbach lag bei Kilometer 9,66.
Hier lag die Bahnmeisterei, und das Empfangsgebäude trägt das auffällige Ziegelmuster.
Als die Coronet-Werke später von Affolterbach nach Wald-Michelbach verlegt wurden, blieb hier der Güterverkehr bis 1994 erhalten.
Am 31. März 1994 verkehrte der letzte Güterzug auf dem Reststück zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach.
Heute ist Wald-Michelbach einer von zwei Draisinenbahnhöfen der Solardraisine.

Unter-Wald-Michelbach: der Halt am Streckenrest
Der Bahnhof Unter-Wald-Michelbach lag bei Kilometer 10,86.
Hinter ihm lag das Teilstück nach Wahlen, auf dem der Güterverkehr mit der Verlagerung der Coronet-Werke zurückging und am 1. März 1984 eingestellt wurde.
1985 wurden die Gleise zwischen Unter-Wald-Michelbach und Wahlen demontiert.
Weitere Einzelheiten zum Bahnhof selbst sind nicht belegt.
Aschbach: der kleine Halt im Tal
Der Haltepunkt Aschbach lag bei Kilometer 11,97.
Aschbach war früher eine Station der Überwaldbahn.
Mehr ist zu diesem Halt nicht belegt.
Affolterbach: Bahnhof und Fabrik
Der Bahnhof Affolterbach lag bei Kilometer 14,17 und wurde 1901 mit der Strecke eingeweiht.
Leander Heidenreich, der seit 1853 Bürgermeister war, setzte sich als Landtagsabgeordneter für den Bau der Überwaldbahn ein.
Mit Coronet Metall und Pedex hatte der Ort ab 1963 einen Industriebetrieb, dessen Güter zum großen Teil über die Schiene liefen.
Als das Unternehmen nach Wald-Michelbach verlagert wurde, blieb der Verkehr zwischen Unter-Wald-Michelbach und Wahlen aus.
Zwischen Wahlen und Wald-Michelbach wurde später ein Freizeitweg eingerichtet.
Wahlen: der Endpunkt
Wahlen, heute Ortsteil von Grasellenbach, lag bei Kilometer 15,93 und war von 1901 bis 1983 der Endpunkt der Überwaldbahn.
Nach der Stilllegung wurden die Gleise 1985 abgebaut.
Am früheren Endbahnhof steht als Denkmal die Rangierlok KHD A2L 514 R mit dem Namen Molly.

Niedergang: vom Personenzug zum Reststück
Am 24. September 1983 fuhr der letzte Personenzug.
Auf dem Teilstück Unter-Wald-Michelbach–Wahlen wurde der Güterverkehr am 1. März 1984 eingestellt.
Seit 1985 fuhren nur noch die Coronet-Werke auf dem Reststück zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach.
Da die Gleise nicht gepflegt wurden, verschlechterte sich ihr Zustand zusehends.
Am 31. März 1994 verkehrte der letzte Güterzug.
In Mörlenbach wurde die Weiche zur Strecke Weinheim–Fürth ausgebaut.
Die Empfangsgebäude an der Strecke sind an Private verkauft worden.

Pläne für neue Züge
Ende 2005 gründete sich eine Initiative, die zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach wieder Personenzüge fahren lassen wollte.
Der Endbahnhof sollte in Wald-Michelbach am Wetzkeil liegen, um die Innenstadt besser zu erschließen.
Geplant waren täglich vier direkte Fahrten nach Mannheim und Heidelberg.
Der Verkehrsverbund Rhein-Neckar und der Kreis Bergstraße waren nicht bereit, sich finanziell zu beteiligen, das Ziel ließ sich deshalb nicht verwirklichen.
Im November 2005 stellte der Verein Überwaldbahn e. V. außerdem ein Konzept für einen Museumszug vor.
Unter dem Namen „Nibelungen-Express“ sollte er ab 2008 samstags und sonntags von Ostern bis Ende Oktober fahren.
Der Verein löste sich zum 30. Januar 2008 auf, danach wurde das Projekt nicht weiterverfolgt.
So sieht es jetzt aus: Draisinen statt Züge
Zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach ist die Strecke insgesamt ein Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz.
Eine Nutzungsstudie von 2006 empfahl einen touristischen Draisinenverkehr, der den Erhalt der Trasse ohne große Investitionen sichern sollte.
Zusätzlich waren 5,4 Millionen Euro nötig, um Viadukte und Tunnel abzusichern.
Der Bund der Steuerzahler nahm das Projekt in sein Schwarzbuch 2008 auf.
Im Jahr 2008 beschlossen der Landkreis Bergstraße und die drei Anliegergemeinden, die Strecke für 300.000 Euro zu kaufen, weil die Deutsche Bahn sie verkaufen wollte.
Der erste Spatenstich folgte am 26. August 2010.
Am 8. Juli 2012 waren die Sanierungsarbeiten abgeschlossen, die reinen Baukosten lagen bei rund 3,6 Millionen Euro.
Am 8. Juni 2013 wurde die erste Solardraisine vorgestellt, der offizielle Start war am 18. August 2013.

Die Draisinen fahren mit Muskelkraft und Elektroantrieb bis zu 15 Kilometer pro Stunde.
Die einfache Fahrt auf der 9,6 Kilometer langen Strecke dauert etwa eine Stunde.
Von 2013 bis 2019 waren über 200.000 Gäste an Bord.
Seit Mai 2015 gibt es außerdem einen 13 Kilometer langen Solardraisinen-Wanderweg zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach.
Auf dem abgebauten Teil zwischen Unter-Wald-Michelbach und Wahlen wurde 2000 ein Bahntrassenradweg eröffnet, andere Angaben nennen 2002.

Vorher und nachher in Wald-Michelbach
Das Foto aus dem Eröffnungsjahr 1901 zeigt das Empfangsgebäude des Bahnhofs mit dem Schriftzug Wald-Michelbach und einem der ersten Züge.
Das Foto von 2013 zeigt dasselbe Ziegelgebäude mit dem Namensschild, davor liegt nun das Draisinengleis.
Die Geschichte in Daten
1867: Erste Bestrebungen, den Überwald an das Eisenbahnnetz anzuschließen.
1898: Im Frühjahr beginnen die Bauarbeiten.
1901: Am 1. März wird die Überwaldbahn eröffnet.
1902: Mit der Auflösung des Kondominats der Main-Neckar-Bahn erhält die Strecke Anschluss an das Staatsbahnnetz.
1914: Am 10. Februar gehen neue Doppellichtvorsignale in Betrieb.
1963: Coronet Metall und Pedex siedelt sich in Affolterbach an.
1983: Am 24. September fährt der letzte Personenzug.
1984: Am 1. März endet der Güterverkehr zwischen Unter-Wald-Michelbach und Wahlen.
1985: Die Gleise zwischen Unter-Wald-Michelbach und Wahlen werden demontiert.
1994: Am 31. März verkehrt der letzte Güterzug.
2000: Zwischen Unter-Wald-Michelbach und Wahlen wird ein Bahntrassenradweg eröffnet.
2010: Am 26. August erfolgt der erste Spatenstich für die Draisinenbahn.
2012: Am 8. Juli sind die Sanierungsarbeiten abgeschlossen.
2013: Am 18. August beginnt der offizielle Betrieb der Solardraisinen.
2015: Im Mai entsteht der Solardraisinen-Wanderweg.
Häufige Fragen
Fährt auf der Überwaldbahn noch ein Zug?
Wann fuhr der letzte Personenzug?
Wie lang ist die Überwaldbahn?
Steht die Strecke unter Denkmalschutz?
Was wurde aus dem Teilstück nach Wahlen?
Von Weiher bis Wahlen liegen auf rund 16 Kilometern Halte, Viadukte und Tunnel, die zeigen, wie viel Aufwand der Anschluss des Überwalds 1901 bedeutete.
Zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach hat die Trasse mit den Draisinen eine neue Aufgabe gefunden.
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