Die Stammersdorfer Lokalbahn: Radweg auf der Trasse, Reststück ohne Züge
Die Stammersdorfer Lokalbahn verband seit 1903 die Wiener Stadtgrenze mit dem Weinviertel. Ihr Anfang wurde 1988 eingestellt, der Rest verlor 2019 den Personenverkehr.


Strecke: Stammersdorf (Wien) bis Groß Schweinbarth, eingleisig, nicht elektrifiziert. Status: Stammersdorf–Obersdorf seit 1988 eingestellt und abgebaut, Obersdorf–Groß Schweinbarth ohne Personenverkehr und vorübergehend eingestellt. Heute: Radweg „Dampfross & Drahtesel“ auf der Trasse des alten Abschnitts.
Die Stammersdorfer Lokalbahn ist eine Geschichte in zwei Teilen.
Der erste Abschnitt von Stammersdorf nach Obersdorf wurde 1988 eingestellt, die Gleise wurden abgebaut, und auf der Trasse liegt heute ein Radweg.
Der zweite Abschnitt von Obersdorf nach Groß Schweinbarth sah noch bis 2019 Personenzüge und gilt heute als vorübergehend eingestellt.
Dieser Beitrag erzählt die Strecke von der Eröffnung 1903 bis zu diesem Zustand.
Die Vorgeschichte: Dampftramway nach Stammersdorf
Die Geschichte der Lokalbahn beginnt gut 20 Jahre vor ihrem Bau.
Am 7. Juni 1884 wurde die Dampftramwaystrecke von der Stephaniebrücke nach Stammersdorf eröffnet, betrieben von der Dampftramway-Gesellschaft vormals Krauss & Comp.
Am 15. Juni 1886 nahm die Gesellschaft auf dieser Strecke den Güterverkehr auf.
Stammersdorf lag damals weit vor den Toren Wiens.
Am 2. Dezember 1897 empfahl der niederösterreichische Landesausschuss dem Landtag erstmals eine Lokalbahn von Stammersdorf nach Auersthal im Weinviertel.
Der Technische Bericht für eine normalspurige Bahn lag am 4. September 1898 vor.

Bau und Eröffnung 1903
Die Konzessionsurkunde ist auf den 16. November 1901 datiert.
Im August 1902 begann der Bau in Regie des niederösterreichischen Landeseisenbahnamtes, ausgeführt von der Dampftramway-Gesellschaft.
Die technisch-polizeiliche Abnahme erfolgte am 15. April 1903.
Die feierliche Eröffnung folgte am 26. April 1903 mit dem niederösterreichischen Statthalter Erich Graf Kielmansegg und dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger als Ehrengästen.
Die Aktiengesellschaft Lokalbahn Stammersdorf–Auersthal hatte ein Aktienkapital von 540.000 Kronen in 2.700 Aktien.
Eine Zeitung gab der Bahn zur Eröffnung den Beinamen „Marchfeldbahn“, der später auch auf andere Strecken übertragen wurde.
Die Fahrt von der Augartenbrücke bis Auersthal dauerte anfangs ungefähr 1:45 Stunden.
Eine Fahrkarte kostete 2 Kronen in der zweiten und 1,14 Kronen in der dritten Klasse.
In Obersdorf bestand von Anfang an eine Umsteigemöglichkeit zur Laaer Ostbahn.
Der Plan von 1898 sah neben dem Bahnhof Stammersdorf die Stationen Post Rendezvous, Hagenbrunn, Enzersfeld, Eibesbrunn, Pillichsdorf, Groß Engersdorf und Bockfluss vor.

So sah es vorher aus: Wiener Bahn im Weinviertel
Für den Betrieb baute die Lokomotivfabrik Krauss & Comp. in Linz ab 1904 zwei eigene Dreikuppler mit den Nummern 31 „Stammersdorf“ und 32 „Auersthal“.
Sie leisteten rund 150 PS und hatten Kupplungen für Straßenbahnfahrzeuge und für normale Züge.
Die Strecke war für die Versorgung Wiens mit Lebensmitteln, insbesondere Milch, von Bedeutung.
Rückwirkend zum 1. Jänner 1907 übernahm die Gemeinde Wien die Strecke, als sie die Dampftramway-Gesellschaft kaufte.
Der Betrieb der Stammersdorfer Lokalbahn blieb das einzige Engagement der Wiener Straßenbahn im Betrieb von Lokalbahnen.
Am 9. August 1909 eröffnete die Gemeinde Wien die Verlängerung nach Groß Schweinbarth, wo Anschluss an die 1906 eröffnete Lokalbahn Gänserndorf–Mistelbach bestand.
Zusätzlich zweigte bei Kilometer 12,8 eine 1,9 Kilometer lange Schleppbahn zu einer Schottergrube bei Obersdorf ab, die vom 11. November 1908 bis zum 9. Mai 1922 in Betrieb war.

Der Bahnhof Stammersdorf und die Straßenbahn
1911 wurde der Abschnitt bis zum Bahnhof Stammersdorf von der Gemeinde Wien elektrifiziert und in das Netz der Wiener Straßenbahn eingegliedert.
Der Rest der Strecke wurde abgetrennt und separat betrieben.
Im Bahnhofsbereich teilten sich beide Betriebsformen zunächst die Gleise, deshalb wurden Weichen eingebaut, deren Herzstücke von Straßenbahn- und Vollbahnfahrzeugen befahren werden konnten.
Diese Weichen baute man in den anderen Stationen der Strecke aus und verlegte sie nach Stammersdorf.
In den Jahren 1911 bis 1917 erhielt der Bahnhof ein neues Aufnahmegebäude, Güterschuppen mit Laderampe sowie ein Heizhaus mit angebautem Wasserturm.
Eine Gleisverbindung zwischen den beiden Betriebsformen blieb bestehen, um Gepäck- und Güterwagen überstellen zu können, sie wurde noch bis 1926 genutzt.

Wechselnde Betreiber und Fahrzeuge
Am 1. Mai 1913 übernahmen die Niederösterreichischen Landesbahnen die Betriebsführung und verstärkten den Oberbau.
Für das Geschäftsjahr 1914 standen Einnahmen von 419.384 Kronen Ausgaben von 511.307 Kronen gegenüber, die Strecke blieb also defizitär.
In diesem Jahr beförderten 4.168 Personenzüge und 1.011 gemischte Züge insgesamt 436.334 Reisende.
Rückwirkend zum 1. Jänner 1921 übernahmen die Bundesbahnen Österreichs den Betrieb, in diesem Jahr waren auf der Linie 28 Bedienstete stationiert.
Wegen der geringen Auslastung setzten sie ab den 1920er Jahren Verbrennungsmotortriebwagen ein, darunter verschiedene Prototypen und Einzelstücke.
Der Zweite Weltkrieg brachte mehr Verkehr und machte stärkere Lokomotiven nötig, bis 1943 wurde der Oberbau für höhere Achslasten ertüchtigt.
1955 diente die Strecke dem Abtransport sowjetischer Besatzungstruppen, und bis 1957 wurde der Oberbau grundlegend erneuert.
Ab den 1960er Jahren folgte die Verdieselung mit Altbau-Dieseltriebwagen, 1977 endete der Dampfbetrieb.

Das Ende des Wiener Abschnitts 1988
Im Mai 1988 wurde der Abschnitt Stammersdorf–Obersdorf eingestellt, zusammen mit mehreren anderen dünn ausgelasteten Lokalbahnen im Weinviertel.
Auf dem verbleibenden Abschnitt wurde gleichzeitig der Takt verbessert.
Der Haltepunkt Obersdorf rückte rund 300 Meter näher an die Haltestelle der Laaer Ostbahn.
Diese Maßnahmen brachten eine Vervielfachung der Fahrgastzahlen.
1995 wurden die Gleise zwischen Stammersdorf und Obersdorf abgetragen und später durch einen Themenweg ersetzt.
Auf dem Reststück fuhren von 1988 bis zur Einstellung 2019 ausschließlich Triebwagen der Reihe 5047.

Das Schweinbarther Kreuz
Nach der Aufgabe des Abschnitts nach Stammersdorf wurde die verbleibende Strecke verkehrlich mit der Lokalbahn Gänserndorf–Mistelbach kombiniert.
Zusammen mit der Bahnstrecke Bad Pirawarth–Dobermannsdorf hatten die Strecken einst das Schweinbarther Kreuz gebildet.
Der Name ging später als Spitzname auf die neue Verbindung über, wegen ihres Verlaufs.
Er führte von Obersdorf über Auersthal westlich an Raggendorf vorbei stichbahnartig nach Groß Schweinbarth und Bad Pirawarth, dort in die Gegenrichtung und östlich an Raggendorf vorbei bis Gänserndorf.
An Werktagen verkehrten die Züge in der Regel im Stundentakt.
In Bockfließ kreuzten sich die Züge, sodass sich auf dem Abschnitt Obersdorf–Groß Schweinbarth ein annähernder Halbstundentakt ergab.


Status: Reststück ohne Personenverkehr
Der Zugverkehr wurde mit dem Fahrplanwechsel am 15. Dezember 2019 eingestellt.
Im Frühling 2021 wurde das gesamte Schweinbarther Kreuz nach Messfahrten gesperrt.
Rund ein Jahr später wurden nach erneuten Messfahrten die Teilstrecken nach Gänserndorf sowie nach Obersdorf und Bad Pirawarth geöffnet.
Am 12. März 2022 fuhr zum 50-jährigen Jubiläum des Eisenbahnvereins öSEK ein Nostalgiezug mit dem Dieseltriebwagen 5042.14 über den gesamten Streckenabschnitt.
Mit dem 15. Dezember 2024 wurde für den letzten erhaltenen Abschnitt die vorübergehende Einstellung für mindestens drei Jahre erteilt.
Im Streckenverzeichnis der ÖBB-Infrastruktur wird der Abschnitt Obersdorf–Groß Schweinbarth entsprechend als vorübergehend eingestellt geführt.
Verschiedene Pläne sehen eine Weiterführung vor, etwa eine Übernahme durch die Graz-Köflacher Bahn, die nur gelingen würde, wenn das Land Niederösterreich die Verkehre bestellt.
Die ÖBB planen, die Strecke im Bestand zu lassen.
So sieht es jetzt aus: Radweg „Dampfross & Drahtesel“
Zwischen 2002 und 2005 wurde auf der Trasse von Stammersdorf nach Pillichsdorf der Radweg „Dampfross & Drahtesel“ angelegt.
Er wurde am 10. September 2005 seiner Bestimmung übergeben.
Über weite Teile verläuft auch der Radweg EuroVelo 9 auf dieser Trasse.
2010 wurde der Radweg über Großengersdorf, Bockfließ und Strasshof bis Deutsch-Wagram verlängert und ist nun 39,2 Kilometer lang.
Im Bahnhof Eibesbrunn und bei Obersdorf erinnern Gedenkstätten an die frühere Bahnlinie.
Bei Hagenbrunn steht ein Radstopp mit „Fundstücken der Eisenbahn“.






Vorher und nachher: Pillichsdorf
Pillichsdorf ist einer der Halte der Lokalbahn, die der Plan von 1898 vorsah.
Das Gebäude auf der Postkarte von 1910 und das Foto von 2009 zeigen denselben Bahnhof unter dem Kirchturm des Ortes.
Zwischen den beiden Aufnahmen liegt die Einstellung des Wiener Abschnitts 1988.
Die Geschichte in Daten
7. Juni 1884: Die Dampftramwaystrecke Stephaniebrücke–Stammersdorf wird eröffnet.
15. Juni 1886: Auf der Dampftramway beginnt der Güterverkehr.
16. November 1901: Die Konzessionsurkunde für die Lokalbahn wird ausgestellt.
26. April 1903: Feierliche Eröffnung der Lokalbahn Stammersdorf–Auersthal.
1907: Die Gemeinde Wien übernimmt die Strecke mit der Dampftramway-Gesellschaft.
9. August 1909: Die Verlängerung nach Groß Schweinbarth wird eröffnet.
1911: Der Abschnitt bis zum Bahnhof Stammersdorf wird elektrifiziert und in das Straßenbahnnetz eingegliedert.
1. Mai 1913: Die Niederösterreichischen Landesbahnen übernehmen den Betrieb.
1921: Die Bundesbahnen Österreichs übernehmen den Betrieb.
1955: Die Strecke dient dem Abtransport sowjetischer Besatzungstruppen.
1977: Der Dampfbetrieb endet.
Mai 1988: Der Abschnitt Stammersdorf–Obersdorf wird eingestellt.
1995: Die Gleise zwischen Stammersdorf und Obersdorf werden abgetragen.
10. September 2005: Der Radweg „Dampfross & Drahtesel“ wird übergeben.
15. Dezember 2019: Der Zugverkehr zwischen Obersdorf und Groß Schweinbarth wird eingestellt.
12. März 2022: Ein Nostalgiezug fährt über den gesamten Streckenabschnitt.
15. Dezember 2024: Für den letzten erhaltenen Abschnitt wird die vorübergehende Einstellung von mindestens drei Jahren erteilt.
Häufige Fragen
Fährt auf der Stammersdorfer Lokalbahn heute noch ein Zug?
Wann wurde der Abschnitt nach Stammersdorf eingestellt?
Wo verlief die Bahn?
Kann man die Trasse heute abfahren?
Was war das Schweinbarther Kreuz?
Die Stammersdorfer Lokalbahn hat zwei Gesichter: einen aufgegebenen Wiener Abschnitt, der als Radweg weiterlebt, und ein Reststück im Weinviertel, dessen Zukunft offen ist.
Wikipedia: Stammersdorfer Lokalbahn · ÖBB-Infrastruktur: Streckenverfügbarkeit 2027 · ARGE Dampfross & Drahtesel · Austria-Forum: Stammersdorf
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