Die stillen Halte der Schmalspurbahn von Wilsdruff über Meißen nach Gärtitz
Die Schmalspurbahn Wilsdruff–Döbeln-Gärtitz verband von 1909 bis 1972 Wilsdruff, Meißen, Lommatzsch und Döbeln. Der Beitrag geht die stillen Halte vom Wilsdruffer Hochland bis Gärtitz durch.

Lage: Wilsdruffer Hochland, Triebischtal und Lommatzscher Pflege, von Wilsdruff über Meißen und Lommatzsch nach Gärtitz bei Döbeln. Status: Stillgelegt, die Abschnitte schlossen von 1966 bis zum 28. Oktober 1972. Heute: Mehrere Empfangsgebäude sind erhalten, auf Teilen der Trasse verläuft ein Radweg.
Die Schmalspurbahn Wilsdruff–Döbeln-Gärtitz zweigte in Wilsdruff von der Schmalspurbahn Freital-Potschappel–Nossen ab und führte über Meißen und Lommatzsch nach Gärtitz bei Döbeln.
Dort mündete sie in die Schmalspurbahn Oschatz–Mügeln–Döbeln.
Die Strecke wurde zwischen 1966 und 1972 stillgelegt, als letzter Abschnitt blieb Löthain–Lommatzsch bis zum 28. Oktober 1972 in Betrieb.
Der Bahnhof Meißen Triebischtal an der Strecke Borsdorf–Coswig ist in Betrieb und gehört nicht zu den stillen Halten.
Dieser Beitrag geht die Halte von Wilsdruff bis Döbeln-Gärtitz einzeln durch.
Aus der Betriebszeit sind kaum freie Fotos vorhanden, die Aufnahmen zeigen Reste der Strecke.
Entstehung: Ein Umweg über Meißen
Um 1900 bestanden schon die Schmalspurbahnen Potschappel–Nossen und Oschatz–Döbeln.
Verschiedene Projekte für eine regelspurige Strecke über Wilsdruff scheiterten im Planungsstadium.
Daher beschloss die Sächsische Ständekammer im Jahr 1900 eine Schmalspurbahn von Wilsdruff über Miltitz und Simselwitz nach Döbeln.
Weil die Strecke durch ein dünn besiedeltes, landwirtschaftlich geprägtes Gebiet führen sollte, kamen rasch Zweifel an der Rentabilität auf.
Nach längerem Streit einigte man sich auf eine umwegige, teurere Trasse, die auch Meißen einband.
Von der Führung über Löthain mit den dortigen Kaolin- und Tonbergwerken versprach man sich einen ganzjährig gleichmäßigen Güterverkehr.
Haupttransportgüter sollten landwirtschaftliche Produkte sein, vor allem Zuckerrüben.
Im September 1907 begann der Bahnbau zwischen Wilsdruff und Lommatzsch.
Bis zu 600 Arbeiter stellten bis Ende 1908 Brücken, Durchlässe und 18 Kilometer Planum fertig.
Am 1. Oktober 1909 wurden die Abschnitte Wilsdruff–Meißen-Triebischtal und Garsebach–Löthain feierlich eröffnet.
Am 1. Dezember 1909 ging die weitere Strecke bis Lommatzsch in Betrieb, der Abschnitt von Mertitz Gabelstelle bis Gärtitz folgte am 27. November 1911.
So sah es vorher aus: Ausflügler, Rüben und Kaolin
Im Reiseverkehr hatte später nur der Abschnitt zwischen Wilsdruff und Meißen etwas Bedeutung.
Besonders an Sonn- und Feiertagen gab es dort regen Ausflugsverkehr in das Kleine Triebischtal.
1914 verkehrten zwischen Wilsdruff und Meißen-Triebischtal fünf tägliche Zugpaare, dazu ein sonntägliches Zugpaar zwischen Ullendorf-Röhrsdorf und Meißen.
Auch zwischen Meißen und Lommatzsch standen fünf tägliche Zugpaare im Fahrplan, Lommatzsch und Döbeln waren mit drei Zugpaaren verbunden.
Im Güterverkehr dominierte im Herbst der Transport von Zuckerrüben zur Zuckerfabrik Döbeln.
Außerdem wurden landwirtschaftliche Güter, Kohlen und das westlich von Meißen für die Porzellanherstellung abgebaute Kaolin befördert.
Die Reichsbahndirektion Dresden betrachtete die Strecke nach 1920 nicht mehr als Einheit.
Der Abschnitt Wilsdruff–Meißen-Triebischtal wurde von Wilsdruff aus betrieben, die übrige Strecke vom Lokomotivbahnhof Lommatzsch.
Von Anfang an kamen Tenderlokomotiven der Gattung IV K auf der Strecke zum Einsatz.
Zwischen Wilsdruff und Meißen wurde ab den 1920er Jahren die stärkere Gattung VI K vor allen Zügen verwendet.
Wilsdruff: Der Ausgangspunkt mit Museum
Der Bahnhof Wilsdruff war 1899 als vorläufiger Endpunkt der Strecke von Freital-Potschappel eröffnet worden.
Er wurde mehrfach erweitert und war später nach Mügeln bei Oschatz der zweitgrößte Bahnhof der sächsischen Schmalspurbahnen.
Das Bahnbetriebswerk war für den Lokomotiveinsatz bis Meißen-Triebischtal und Löthain zuständig.
Heute gibt es im früheren Bahnhof Wilsdruff ein kleines Eisenbahnmuseum.
Wilsdruff Hp: Haltepunkt östlich der Altstadt
Der Haltepunkt Wilsdruff Hp lag östlich der Altstadt und verkürzte den Weg zur Bahn für die dortigen Einwohner wesentlich.
Nach der Stilllegung renovierte die IG Verkehrsgeschichte Wilsdruff ab 1986 das kleine Dienstgebäude und stellte auf einem kurzen Gleisstück einige Wagen auf.
Die 1984 begonnene Ausstellung auf dem Areal gibt es nicht mehr.
Klipphausen: Haltestelle mit Ladegleis
Die Haltestelle Klipphausen bestand nur aus dem durchgehenden Streckengleis und einem beidseitig angebundenen Ladegleis.
Im Güterverkehr war sie bis Ende der 1960er Jahre in Betrieb, empfangen wurden Futter und Düngemittel, versandt wurden Zuckerrüben.
Das Empfangsgebäude wurde nach der Stilllegung als Jugendclub nachgenutzt.

Ullendorf-Röhrsdorf: Doppelname für zwei Orte
Der Bahnhof Ullendorf-Röhrsdorf lag auf Ullendorfer Flur und hieß ursprünglich Ullendorf.
Weil Röhrsdorf einen erheblichen finanziellen Beitrag zum Bau geleistet hatte und auch den größeren Güterverkehr stellte, trug die Station ab 1911 den Doppelnamen.
Im selben Jahr wurde das Ladegleis zum Kreuzungsgleis ausgebaut und ein neues Ladegleis angelegt.
Ein Anschlussgleis zu einem Futter-, Getreide- und Düngemittelhandel wurde bis Dezember 1968 bedient.
Der Bahnhof Ullendorf-Röhrsdorf wurde noch bis 1969 von Wilsdruff aus mit Übergaben im Güterverkehr bedient.
Das kleine Dienstgebäude existiert noch und wird als Schnellimbiss nachgenutzt.

Polenz: Haltestelle an der Helmmühle
Die Haltestelle Polenz bestand wie die meisten Unterwegsstationen aus dem durchgehenden Streckengleis und einem Ladegleis.
Bis 1947 war Polenz als Bahnhof gewidmet, Zugkreuzungen fanden über das Ladegleis statt.
Für den Reiseverkehr hatte das nahe Ausflugslokal Helmmühle eine gewisse Bedeutung, im Güterverkehr gingen vor allem Kartoffeln, Zuckerrüben und Milch hinaus.
Das erhaltene Stationsgebäude wird von einem Jagdverein nachgenutzt.
Die Helmmühle besteht bis heute als Hotel.


Preiskermühle: Ausflugsziel der Meißner
Der Haltepunkt Preiskermühle lag auf der Flur von Semmelsberg.
Der nahe Gasthof Preiskermühle mit Gondelteich war besonders an Sonn- und Feiertagen ein beliebtes Ausflugsziel der Meißner.
Das Areal des Haltepunkts ist heute von einem Sportplatz überbaut, die Gaststätte schloss 1985.
Meißen Jaspisstraße: Güterbahnhof und Spurwechsel
Der Bahnhof Meißen Jaspisstraße war der Spurwechselbahnhof zur Strecke Borsdorf–Coswig.
Hier gab es eine kleine Lokomotiveinsatzstelle und Rollwagengruben zur Verladung regelspuriger Güterwagen.
Für den Personenverkehr hatte die Station keine Bedeutung, nur zur Meißner Straßenbahn bestand bis 1935 ein Übergang.
Auf dem früheren Bahnhofsgelände steht heute ein Heizwerk.
Um den Reisenden die Umsteigewege zu verkürzen, wurde die Strecke mit einem Stumpfgleis in den bestehenden Bahnhof Meißen Triebischtal eingeführt.
Alle Güteranlagen und das Heizhaus entstanden im neuen Bahnhof Jaspisstraße.
Ankommende Züge mussten nach dem Aussteigen der Reisenden bis zur Jaspisstraße zurückgedrückt werden.
Garsebach: Bahnhof vor dem Viadukt
Im Bahnhof Garsebach begann der zweite Abschnitt der Strecke nach Löthain.
Unmittelbar danach lag der Robschützer Viadukt, der in einem Rechtsbogen die Triebisch, die Bahnstrecke Borsdorf–Coswig und die Talstraße überbrückte.
Die Strecke führte danach mit größter Neigung bergwärts zum Scheitelpunkt in Löthain.
Von dem Viadukt bei Garsebach sind die alten Brückenpfeiler erhalten, die Überbauten wurden in den 1970er Jahren entfernt.



Löthain: Der größte Unterwegsbahnhof mit Museum
Der Bahnhof Löthain war mit vier Gleisen die bedeutendste Unterwegsstation der ganzen Strecke.
Versandt wurden vor allem die Produkte der örtlichen Kaolin- und Tonbergwerke, aber auch landwirtschaftliche Produkte.
Die hohe Verlademauer aus Beton prägt das Gelände bis heute.
Das kleine Stationsgebäude blieb erhalten und beherbergt ein kleines Museum zur Eisenbahngeschichte.
Teile des Areals sind mit einigen alten Wagenkästen als Schauanlage hergerichtet.
Der Streckenabschnitt Löthain–Lommatzsch blieb bis zum 28. Oktober 1972 für den Gesamtverkehr in Betrieb, wichtig war er bis zuletzt für die Abfuhr der bei Löthain geförderten Porzellanerden und Tone.

Mertitz Gabelstelle: Keilbahnhof ohne Ort
Im Bahnhof Mertitz Gabelstelle zweigte der Abschnitt nach Döbeln-Gärtitz von der Strecke Garsebach–Lommatzsch ab.
Abseits der namensgebenden Ortschaft hatte die Station nur betriebliche Bedeutung als Abzweigbahnhof.
Das Empfangsgebäude diente nach der Stilllegung eine Zeitlang als Verkaufsstelle der Konsumgenossenschaft und dient heute Wohnzwecken.

Lommatzsch: Spurwechsel zur Strecke nach Riesa
Der Bahnhof Lommatzsch war der Spurwechselbahnhof zur Bahnstrecke Riesa–Nossen.
Hier gab es eine kleine Lokomotiveinsatzstelle und Rollwagengruben zur Verladung regelspuriger Güterwagen.
Zwischen 1909 und 1972 war Lommatzsch Spurwechselbahnhof zur Schmalspurbahn.
Auf dem Areal der Schmalspurgleise entstand in den 2000er Jahren ein Busbahnhof, das zweiständige Heizhaus ist noch vorhanden.
Kleinmockritz und Döbeln-Gärtitz: Das Ende der Strecke
Die Wartehalle von Kleinmockritz wurde 2015 vom Verein Waldheimer Eisenbahnfreunde geborgen und im Bahnhof Rauschenthal der Bahnstrecke Waldheim–Kriebethal neu aufgebaut.
Der Bahnhof Döbeln-Gärtitz war der Spurwechselbahnhof zur Strecke Riesa–Chemnitz bei Döbeln.
Er besaß zwei Umladehallen und eine Rollwagengrube, für den Personenverkehr hatte er keine Bedeutung.
Bis auf die durchgehenden Hauptgleise der Regelspur gibt es keine Eisenbahnanlagen mehr, das Empfangsgebäude ist erhalten und dient Wohnzwecken.
Niedergang und Ende: Abschnitt für Abschnitt
Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen von 1964 sahen auch diese Strecke für eine baldige Stilllegung vor.
Wegen des abschnittsweise regen Güterverkehrs ließ sich das nur Stück für Stück umsetzen.
Ende 1965 verkehrten letztmals durchgehende Güterzüge während der Rübenkampagne zur Zuckerfabrik Döbeln.
Am 21. Mai 1966 wurde der Reisezugverkehr zwischen Wilsdruff und Meißen Triebischtal und von Garsebach bis Löthain eingestellt.
Am 1. August 1966 wurde die Strecke von Wilsdruff bis Löthain stillgelegt.
Auf dem Abschnitt Kleinmockritz–Döbeln-Gärtitz endete der Verkehr am 31. Mai 1969, auf dem Abschnitt Mertitz Gabelstelle–Kleinmockritz am 4. Januar 1970.
Grund war der Bau der heutigen Bundesautobahn 14 im Bereich der Schmalspurtrasse.
So sieht es jetzt aus: Gebäude und Radwege
Entlang der Strecke sind noch viele frühere Empfangsgebäude erhalten, die meisten wurden neuen Nutzungen zugeführt.
Von Klipphausen bis zum früheren Bahnhof Mertitz Gabelstelle verläuft der Fahrradweg Meißner 8 auf der Trasse.
Der weiteren Strecke bis Döbeln folgt abschnittsweise der Elbe-Mulde-Radwanderweg zwischen Zehren und Döbeln.
Die Geschichte in Daten
1900: Die Sächsische Ständekammer beschließt die Schmalspurbahn.
September 1907: Der Bahnbau beginnt.
1. Oktober 1909: Die Abschnitte Wilsdruff–Meißen-Triebischtal und Garsebach–Löthain werden eröffnet.
1. Dezember 1909: Die Strecke bis Lommatzsch geht in Betrieb.
27. November 1911: Der Abschnitt bis Gärtitz wird eröffnet.
Ende 1965: Die letzten durchgehenden Güterzüge fahren.
21. Mai 1966: Der Reisezugverkehr Wilsdruff–Meißen und Garsebach–Löthain endet.
1. August 1966: Die Strecke von Wilsdruff bis Löthain wird stillgelegt.
31. Mai 1969: Der Verkehr Kleinmockritz–Döbeln-Gärtitz endet.
4. Januar 1970: Der Verkehr Mertitz Gabelstelle–Kleinmockritz endet.
28. Oktober 1972: Der Verkehr Löthain–Lommatzsch endet.
Häufige Fragen
Wann wurde die Strecke eröffnet?
Wann wurde sie stillgelegt?
Warum führte die Bahn über Meißen?
Was ist in Löthain zu sehen?
Kann man auf der Trasse radeln?
Die Bahn entstand für Zuckerrüben, Kaolin und Ausflügler und verlor bis 1972 jeden Abschnitt.
Von ihr bleiben Empfangsgebäude, Viaduktpfeiler, ein Museum in Löthain und Radwege.
Wikipedia: Schmalspurbahn Wilsdruff–Döbeln-Gärtitz
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