Saftbahn und Schmalspurnetz: Bitterfeld–Stumsdorf und die Bahn nach Radegast

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Saftbahn und Schmalspurnetz: Bitterfeld–Stumsdorf und die Bahn nach Radegast

Die Saftbahn von Bitterfeld über Zörbig nach Stumsdorf hatte bis 2002 Personenverkehr. In Zörbig traf sie auf das Schmalspurnetz der Dessau-Radegast-Köthener Bahn, das 1946 stillgelegt wurde.

Henschel Nassdampf-Zwilling-Tender-Lokomotive der Dessau-Radegast-Köthener Bahn, 750 mm Spur.
Henschel Nassdampf-Zwilling-Tender-Lokomotive der Dessau-Radegast-Köthener Bahn, 750 mm Spur. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Kurz erklärt
1897
Eröffnung der Saftbahn
1946
DRKB stillgelegt
2002
Letzter Personenzug
2024
Empfangsgebäude Zörbig abgerissen

Lage: Bitterfeld bis Stumsdorf, Sachsen-Anhalt, 20,5 Kilometer. Status: Der letzte Personenzug fuhr am 28. September 2002, der Abschnitt Zörbig–Stumsdorf ist ungenutzt. Heute: Zwischen Bitterfeld und Zörbig fahren Güterzüge zum Bioethanolwerk.

Die Bahnstrecke Bitterfeld–Stumsdorf, auch Saftbahn genannt, ist eine 20,5 Kilometer lange Nebenbahn in Sachsen-Anhalt.

In Zörbig traf sie auf das 750-Millimeter-Schmalspurnetz der Dessau-Radegast-Köthener Bahn, kurz DRKB.

Die Saftbahn hatte bis 2002 Personenverkehr, die DRKB wurde 1946 stillgelegt.

Dieser Beitrag beschreibt beide Bahnen und ihre Halte.

Die Endpunkte Bitterfeld und Stumsdorf sind weiterhin Bahnhöfe, stillgelegt oder ohne Personenverkehr sind die Halte dazwischen.

Freie Fotos der alten Bahnhöfe sind selten, der Beitrag zeigt deshalb vor allem Lokomotive, Brücke und Strecke.

Die Saftbahn: Planung und Bau

Eine Bahnstrecke von Bitterfeld über Zörbig nach Stumsdorf war schon 1882 geplant.

1884 genehmigte der preußische Landtag den Bau.

Weiter verfolgt wurde das Projekt aber erst, als ab 1894 eine Schmalspurbahn zwischen Köthen und Zörbig über Radegast geplant wurde.

1896 sagte die Stadt Zörbig eine finanzielle Beteiligung zu.

Am 1. Oktober 1897 wurde die Strecke dem Verkehr übergeben.

Den Namen Saftbahn erhielt sie im Volksmund wegen des auf ihr transportierten Zuckerrübensirups.

Die Strecke war durch den Berufsverkehr nach Bitterfeld und den Verkehr zum Braunkohle- und Chemierevier gut frequentiert.

Außerdem wurden landwirtschaftliche Produkte transportiert.

1910 wurde die Strecke der in Zörbig anschließenden schmalspurigen DRKB nach Radegast dreischienig ausgebaut, um die Zuckerfabrik Radegast besser anzuschließen.

1944 verkehrten werktags acht Zugpaare über die ganze Strecke, dazu kamen Züge auf Teilstrecken.

1990 waren es werktags zwölf Zugpaare auf der ganzen Strecke.

Bitterfeld und Grube Antonie

Die Strecke beginnt im Bahnhof Bitterfeld, der weiterhin in Betrieb ist.

Bei Kilometer 2,4 lag die Station Grube Antonie.

Die Machbarkeitsstudie von 2026 nennt sie einen ehemaligen Haltepunkt und schlägt vor, stattdessen einen Haltepunkt Bitterfeld Chemiepark zu reaktivieren.

Sandersdorf

Sandersdorf lag bei Kilometer 5,4.

Für die Inbetriebnahme der Papierfabrik der Progroup im Industriegebiet Stakendorfer Busch im August 2020 entschied sich die Gemeinde Sandersdorf-Brehna, das Anschlussgleis an die Saftbahn zwischen Sandersdorf und Heideloh anzubinden.

Die Machbarkeitsstudie sieht eine Reaktivierung des Haltepunkts Sandersdorf vor.

Heideloh

Heideloh lag bei Kilometer 9,5.

Eine Reaktivierung des Haltepunkts Heideloh ist laut Machbarkeitsstudie nicht vorgesehen.

Hinter Heideloh kreuzt die Strecke die Bundesautobahn 9.

Großzöberitz

Großzöberitz lag bei Kilometer 11,7.

Die Machbarkeitsstudie sieht eine Reaktivierung des Haltepunkts Großzöberitz vor.

Zörbig

Die Strecke Bitterfeld–Stumsdorf bei Zörbig.
Die Strecke Bitterfeld–Stumsdorf bei Zörbig. Foto: Kailas98, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Zörbig lag bei Kilometer 15,5.

Hier zweigte die DRKB nach Radegast ab, das Gleis nach Radegast war dreischienig.

Nach 1990 ging mit dem Niedergang der Bitterfelder Industrie auch der Verkehr rapide zurück.

Der Güterverkehr wurde am 31. Dezember 1995 eingestellt, am 28. September 2002 fuhr der letzte Personenzug.

Die Strecke wurde zur Übernahme ausgeschrieben, doch die Übernahmebedingungen waren für die Interessenten nicht akzeptabel.

Am 1. August 2004 wurde die Strecke zwischen Grube Antonie und Stumsdorf stillgelegt.

Mit der Inbetriebnahme einer Bioethanolanlage in Zörbig änderten sich die Verhältnisse, die Stadt Zörbig gründete die Zörbiger Infrastrukturgesellschaft mbH.

Sie pachtete die Strecke zwischen Grube Antonie und Stumsdorf zum 1. Januar 2005 von der DB Netz für 20 Jahre.

Danach fuhren wieder Güterzüge zwischen Zörbig und Bitterfeld.

Im März 2024 wurde das lange leer stehende Empfangsgebäude des Bahnhofs Zörbig abgerissen.

Stumsdorf

Der Bahnhof im Ortsteil Stumsdorf der Stadt Zörbig, ein Baudenkmal.
Der Bahnhof im Ortsteil Stumsdorf der Stadt Zörbig, ein Baudenkmal. Foto: M_H.DE, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Stumsdorf ist der Endpunkt der Strecke bei Kilometer 20,5 und trifft dort auf die Bahnstrecke Magdeburg–Leipzig.

Der Bahnhof Stumsdorf ist weiterhin ein Bahnhof dieser Hauptstrecke.

Das Teilstück zwischen Zörbig und Stumsdorf blieb ungenutzt.

Aus Kostengründen gab die Zörbiger Infrastrukturgesellschaft es zum 1. Januar 2017 an den Eigentümer DB Netz zurück.

Der Eigentümer verkaufte es nach einer Ausschreibung an die ENON GmbH & Co. KG aus Putlitz.

Ziel der neuen Eigentümerin ist zunächst, den Rückbau der Gleise und eine Entwidmung zu verhindern.

Wasserturm am Bahnhof Stumsdorf.
Wasserturm am Bahnhof Stumsdorf. Foto: Oberlausitzerin64, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Machbarkeitsstudie zur Reaktivierung

Im Februar 2026 wurde eine Machbarkeitsstudie zur Reaktivierung der Strecke für den Personenverkehr vorgestellt.

Sie sieht die Integration in die S-Bahn Mitteldeutschland mit der Linie S2 vor, die ab Bitterfeld über die Strecke und ab Stumsdorf weiter nach Köthen verlängert würde.

Dabei ergäbe sich ein Nutzen-Kosten-Verhältnis über 1, das Vorhaben wäre damit förderfähig.

Die Reaktivierungskosten werden auf 103 Millionen Euro geschätzt.

Neben der Vorzugsvariante C untersuchte die Studie drei weitere Varianten, darunter Verlängerungen nur bis Sandersdorf oder Zörbig und eine Verlängerung bis Halle (Saale).

Reaktiviert werden sollen die Haltepunkte Bitterfeld Chemiepark, Sandersdorf, Großzöberitz und Zörbig.

Die Dessau-Radegast-Köthener Bahn

Die Dessau-Radegast-Köthener Bahn, bis zum 11. November 1926 Dessau-Radegast-Cöthener Bahn, betrieb ein 750-Millimeter-Schmalspurnetz um Radegast.

Das Streckennetz war 43,7 Kilometer lang und lag in der fast ebenen Gegend zwischen Mulde und Saale.

Überwiegend lag es im Herzogtum Anhalt, nur 2,4 Kilometer lagen im Königreich Preußen.

Schon in den 1860er Jahren wurden um Radegast Forderungen nach einem Eisenbahnanschluss laut, die Projekte kamen aber nicht über das Planungsstadium hinaus.

Die Cöthener Kleinbahn

Die Eisenbahngesellschaft Burchard & Co. begann 1893 mit Vorarbeiten zu einer schmalspurigen Kleinbahn von Cöthen über Radegast nach Zörbig.

Die Strecke vom Kleinbahnhof Cöthen nach Radegast wurde am 30. Oktober 1896 für den Güterverkehr eröffnet, vor allem für Zuckerrüben für die Zuckerfabriken in Radegast, Klepzig und Prosigk.

Für den Personenverkehr eröffnete sie am 28. November 1896.

Ab dem 15. April 1897 begann die nun 13,9 Kilometer lange Strecke in Ostercöthen in der Nähe des Cöthener Staatsbahnhofs.

Am 9. August 1898 kam die 3,5 Kilometer lange Verbindung von Radegast ins preußische Zörbig hinzu.

Die Dessauer Kleinbahn

Der inzwischen abgerissene Kleinbahnhof der Dessau-Radegast-Köthener Bahn in Dessau, unterhalb der Brauereibrücke.
Der inzwischen abgerissene Kleinbahnhof der Dessau-Radegast-Köthener Bahn in Dessau, unterhalb der Brauereibrücke. Foto: Matthias Dietz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Allgemeine Deutsche Kleinbahn-Aktien-Gesellschaft beteiligte sich an der 1895 gegründeten Dessauer Kleinbahn und nannte sie seitdem Dessau-Radegaster Bahn.

Die 26,3 Kilometer lange Strecke errichtete die Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft Vering & Waechter.

Sie verband ab dem 9. Dezember 1897 Dessau über Quellendorf mit Radegast, in Dessau wurde im Südwesten der Stadt ein eigener Bahnhof gebaut.

Die Vereinigung und das Ende

Ehemalige Brücke der Dessau-Radegast-Köthener Bahn im Ortsteil Kochstedt, am Rand des FFH-Gebiets Brambach und des Naturschutzgebiets Brambach.
Ehemalige Brücke der Dessau-Radegast-Köthener Bahn im Ortsteil Kochstedt, am Rand des FFH-Gebiets Brambach und des Naturschutzgebiets Brambach. Foto: M_H.DE, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Dessau-Radegast-Cöthener Bahn entstand am 1. September 1899 aus dem Zusammenschluss der Dessauer und der Cöthener Kleinbahn.

Die Verwaltung befand sich zunächst in Cöthen, ab 1909 in Radegast.

Der Abschnitt Zörbig–Radegast wurde ab dem 7. September 1910 dreischienig erweitert, damit normalspurige Züge ihn benutzen konnten.

Diese Züge dienten vornehmlich dem Transport von Zuckerrüben, aus dem der Hauptteil der Einnahmen stammte.

Die Vereinigten Kleinbahnen AG, die die Bahn 1927 übernommen hatte, legte den Personenverkehr aus wirtschaftlichen Gründen schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs still.

Das geschah am 15. September 1938 zwischen Dessau und Quellendorf und am 19. Februar 1939 auf dem übrigen Netz.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Omnibusverkehr aus Material- und Treibstoffmangel 1943 wieder eingestellt, ab dem 27. September 1943 gab es erneut Personenverkehr auf der Schiene.

Die Strecke Dessau–Quellendorf war da bereits 1938 abgebaut, das Netz hatte nur noch 32 Kilometer.

Die Trassenführung um Kochstedt ist noch gut erkennbar und wurde zum Teil für den Ausbau als Radweg genutzt.

Nach dem Krieg wurde die DRKB enteignet, am 21. März 1946 stillgelegt und als Reparationsleistung fast völlig demontiert.

Nur zwischen Köthen und Klepzig blieb ein normalspuriges Anschlussgleis für den Güterverkehr erhalten.

Es ging 1949 auf die Deutsche Reichsbahn über und ist noch heute als Werksanschluss in Betrieb.

Die Anschlussweiche trägt bis heute die offizielle Bezeichnung KLB 1.

Zum 110. Jahrestag der Einweihung und zum 60. Jahrestag der Stilllegung widmete die Stadt Radegast der Bahn 2006 eine Gedenkmünze.

Die Geschichte in Daten

1882: Eine Bahnstrecke von Bitterfeld über Zörbig nach Stumsdorf wird erstmals geplant.

1884: Der preußische Landtag genehmigt den Bau.

1893: Die Eisenbahngesellschaft Burchard & Co. beginnt mit Vorarbeiten zur Cöthener Kleinbahn.

1896: Am 30. Oktober eröffnet die Strecke von Cöthen nach Radegast für den Güterverkehr, am 28. November für den Personenverkehr.

1897: Am 1. Oktober wird die Saftbahn dem Verkehr übergeben, am 9. Dezember eröffnet die Dessauer Kleinbahn.

1898: Am 9. August kommt die Verbindung von Radegast nach Zörbig hinzu.

1899: Am 1. September entsteht die Dessau-Radegast-Cöthener Bahn.

1910: Die Strecke Zörbig–Radegast wird dreischienig ausgebaut.

1938: Am 15. September endet der Personenverkehr zwischen Dessau und Quellendorf.

1939: Am 19. Februar endet der Personenverkehr auf dem übrigen Netz.

1946: Am 21. März wird die DRKB stillgelegt.

1995: Am 31. Dezember wird der Güterverkehr auf der Saftbahn eingestellt.

2002: Am 28. September fährt der letzte Personenzug der Saftbahn.

2004: Am 1. August wird die Strecke zwischen Grube Antonie und Stumsdorf stillgelegt.

2017: Zum 1. Januar wird das Teilstück Zörbig–Stumsdorf an DB Netz zurückgegeben.

2024: Im März wird das leer stehende Empfangsgebäude Zörbig abgerissen.

2026: Im Februar wird eine Machbarkeitsstudie zur Reaktivierung vorgestellt.

Häufige Fragen

Warum heißt die Strecke Saftbahn?
Der Name entstand im Volksmund wegen des auf ihr transportierten Zuckerrübensirups.
Wann fuhr der letzte Personenzug?
Der letzte Personenzug der Saftbahn fuhr am 28. September 2002.
Was geschah 2024 in Zörbig?
Im März 2024 wurde das lange leer stehende Empfangsgebäude des Bahnhofs abgerissen.
Wann wurde die DRKB stillgelegt?
Die Dessau-Radegast-Köthener Bahn wurde am 21. März 1946 stillgelegt und fast völlig demontiert.
Gibt es Pläne zur Reaktivierung der Saftbahn?
Eine im Februar 2026 vorgestellte Machbarkeitsstudie hält die Reaktivierung mit Anschluss an die S-Bahn Mitteldeutschland für förderfähig und schätzt die Kosten auf 103 Millionen Euro.

Von der Dessau-Radegast-Köthener Bahn blieb nur das Anschlussgleis zwischen Köthen und Klepzig, die Saftbahn ist zwischen Zörbig und Stumsdorf ohne Verkehr.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Bitterfeld–Stumsdorf · Wikipedia: Dessau-Radegast-Köthener Bahn

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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