Der Rangierbahnhof Wustermark: Eine halbe Anlage im Betrieb, ein Betriebswerk im Ruhestand
Der 1909 eröffnete Rangierbahnhof im Ortsteil Elstal war vor dem Zweiten Weltkrieg einer der größten Deutschlands. Heute läuft ein Teil als Güterbahnhof weiter, das Bahnbetriebswerk wurde 2001 geschlossen.


Lage: Ortsteil Elstal der Gemeinde Wustermark, Havelland Status: Der Rangierbahnhof ist zur Hälfte in Betrieb, das Bahnbetriebswerk ist seit 2001 geschlossen. Heute: Der Güterbahnhof gehört dem Rail & Logistik Center Wustermark, die Bauten des Betriebswerks stehen unter Denkmalschutz.
Der Rangierbahnhof Wustermark liegt im Ortsteil Elstal, rund vier Kilometer östlich des Gemeindezentrums von Wustermark.
Er ist nicht stillgelegt: Der Hauptteil dient seit 2008 als Güterbahnhof des Rail & Logistik Centers Wustermark.
Aufgegeben sind das Bahnbetriebswerk, das 2001 ganz geschlossen wurde, und der Südteil des Rangiersystems, der nach 1945 nicht wieder aufgebaut wurde.
Dieser Beitrag trennt deshalb zwischen dem, was in Betrieb ist, und dem, was ungenutzt blieb.
Ein neuer Rangierbahnhof für Berlin
In der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wuchsen Bevölkerung und Industrie in Berlin und den damals noch nicht eingemeindeten Vororten rasch.
Westlich von Berlin fehlte ein Rangierbahnhof, denn der Bahnhof Spandau war überlastet und wurde nach 1900 nach und nach umgebaut.
Ein neuer Rangierbahnhof sollte außerhalb der Stadt entstehen.
Zunächst war Seegefeld an der Hamburger Bahn im Gespräch, das heutige Falkensee.
Gewählt wurde schließlich ein Ort an der Lehrter Bahn auf freiem Feld östlich von Wustermark.
Mit ausschlaggebend war, dass dort die kurz zuvor eröffnete Umgehungsbahn nach Nauen die Lehrter Bahn kreuzte.
Diese Strecke verband die Lehrter Bahn mit dem Bahnhof Wildpark in Potsdam und mit der Hamburger Bahn bei Nauen.
Vor der Inbetriebnahme wurde der Abschnitt Spandau–Wustermark der Lehrter Bahn viergleisig ausgebaut.
Dabei mussten der Haltepunkt Staaken und der Bahnhof Dallgow-Döberitz komplett umgebaut werden.
Die Umgehungsbahn zwischen Wustermark und Nauen wurde 1908/09 zweigleisig ausgebaut.
Das sumpfige Gelände machte beim Bau Schwierigkeiten, die Gebäude mussten mit Pfählen gestützt werden.
So sah es vorher aus: der Bahnhof um 1909
Nach zweijähriger Bauzeit wurde der Verschiebebahnhof Wustermark 1909 eröffnet.
Er war einer der größten und modernsten seiner Art.
Ursprünglich war er zweiseitig angelegt, mit getrennten Bahnhofsteilen und je einem Ablaufberg für die Richtungen Ost–West und West–Ost.

Neben dem Bahnhof entstanden eine Betriebswerkstatt mit Ringlokschuppen, ein Wasserturm und mehrere Verwaltungsbauten.
Ein eigenes Dieselkraftwerk der Maschinenbauanstalt Breslau von 1908 versorgte den Bahnhof mit Energie.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Werkstatt zu einem Bahnbetriebswerk ausgebaut.
Ein zweiter Ringlokschuppen ging 1920 in Betrieb.

Seit 1918 wurden die Abwässer in einer biologischen Kläranlage aufgearbeitet, damals eine Innovation.
Der Baubeginn der Anlage lag kurz nach der Eröffnung des Bahnhofs, im Jahr 1912.
Zur Unterbringung der vielen Bahnarbeiter entstand ab 1919 das Dorf Elstal.
Das höchste Stellwerk im Bahnhof, Rs IV, wurde 1907 erbaut.
Seine Stellanlagen sind museal erhalten und werden von einer Arbeitsgruppe des Bahn-Sozialwerkes betreut.

Der 20. April 1945
Am 20. April 1945 wurde der Bahnhof schwer von Bomben getroffen.
Das Betriebswerk trug nur relativ geringe Schäden davon, der Verschiebebahnhof wurde dagegen stark zerstört.
Das Rangiersystem der Richtung West–Ost im Südteil des Bahnhofs wurde nach 1945 nicht wieder aufgebaut.
Seither hat der Rangierbahnhof nur noch die Hälfte seiner einstigen Größe und wird als einseitiger Bahnhof betrieben.

Teilung, Transit und Wende
Der Bahnhof lag an einer Strecke von West-Berlin in die Bundesrepublik und war deshalb von der deutschen und der Berliner Teilung betroffen.
Er blieb dennoch wichtig, für den Binnenverkehr in der DDR und für den Transitgüterverkehr nach West-Berlin.
1954 ging der Berliner Außenring in Betrieb, von dem Verbindungsstrecken zum Verschiebebahnhof entstanden.
Der Ring war vor allem für den Verkehr zu den Seehäfen wichtig und wurde 1958 zweigleisig ausgebaut.
Nach dem Mauerbau 1961 wurde die Verbindung über die Lehrter Bahn nach West-Berlin für den Personenverkehr komplett geschlossen.
Für den Güterverkehr blieb sie in Betrieb, dazu entstand ein Zollbahnhof im Nordosten des Komplexes.
Seit 1963 heißt der Bahnhof Wustermark Rangierbahnhof.
1983 wurde der westliche Berliner Außenring elektrifiziert, und der Rangierbahnhof erhielt Anschluss an das elektrische Netz der Deutschen Reichsbahn.
Zur Zeit der friedlichen Revolution 1989 arbeiteten bis zu 1.200 Menschen im Bahnhof.

Der Niedergang nach 1989
Nach 1989 nahm das Güterverkehrsaufkommen ab, und die Deutsche Bahn gestaltete ihren Betrieb rationeller.
Die Verladehalle im Osten des Rangierbahnhofs wurde zum 11. Januar 1996 geschlossen.
Das Bahnbetriebswerk wurde 1996 zur Einsatzstelle von Seddin herabgestuft und 2001 ganz geschlossen.
Die Kläranlage war bis zum Jahr 2000 in Funktion.

In den 1990er Jahren gab es Überlegungen, den Rangierbahnhof neben dem Bahnhof Berlin Nordost zu einem der beiden Knotenbahnhöfe für den Güterverkehr im Berliner Raum auszubauen.
Modernisierungen der Rangiertechnik waren bereits begonnen worden.
Um 2000 nahm die Deutsche Bahn von den Ausbauplänen Abstand und plante, den Bahnhof ganz zu schließen.
Im Jahr 2007 war ein Stiftungsmodell zur Sanierung der Anlagen im Gespräch, mit einer Mischnutzung aus Verkehr und Tourismus.
Die Kosten für die Sanierung der Bauten wurden auf 4,5 Millionen Euro geschätzt, davon etwa zwei Millionen für den Lokschuppen.
Diese Pläne wurden nicht umgesetzt.
Die Übernahme durch das Rail & Logistik Center
Im April 2008 gründete die Havelländische Eisenbahn AG gemeinsam mit der BUG Vermietungsgesellschaft das Rail & Logistik Center Wustermark, kurz RLCW.
Zum 1. Juli 2008 kaufte das RLCW die Anlagen des Rangierbahnhofs von der Deutschen Bahn.
Dadurch wurde die drohende Schließung vermieden.
Das RLCW betreibt den Bahnhof als öffentliche Infrastruktur.
Die Gleise dienen zum Abstellen zeitweise nicht genutzter Fahrzeuge, für den Güterverkehr zum Lok- und Personalwechsel und zur Zugbildung.
2010 und 2011 nutzte die Firma Bombardier einen Teil der Gleise zum Abstellen von Triebwagen der Baureihe Talent 2, die noch keine Zulassung des Eisenbahn-Bundesamtes hatten.
Der Rangierbahnhof besteht aus 25 Logistikgleisen für Züge von bis zu 850 Metern Länge und sechs elektrifizierten Ein- und Ausfahrgleisen.
Er umfasst 22 Hektar Fläche mit 32 Kilometern Gleisen.
Das RLCW betreibt damit den größten privat geführten öffentlichen Bahnhof für den Güterverkehr in Deutschland.
Das Bahnbetriebswerk: aufgegeben, aber erhalten
Die Anlagen des ehemaligen Bahnbetriebswerks blieben nach dem Rückzug der Deutschen Bahn im Wesentlichen ungenutzt.
Ein kleiner Teil des Areals dient als Werkstatt der Havelländischen Eisenbahn, im Herbst 2018 wurden auch deren Disposition und Vertrieb nach Elstal verlegt.
Die zugehörigen Gleise sind über den Rangierbahnhof angebunden, eine direkte Verbindung nach Westen gibt es seit dem Bau des P+R-Parkplatzes nicht mehr.

Auffälligstes Bauwerk ist der 56 Meter hohe Wasserturm.
Daran schließt sich ein 21-ständiger Ringlokschuppen mit Drehscheibe an.
Ein weiterer Lokschuppen wurde zu DDR-Zeiten abgetragen.

Das Dieselkraftwerk von 1908 ist mit einem Dieselmotor und angeschlossenem Drehstromgenerator aus der Bauzeit an seinem ursprünglichen Standort erhalten.
Ebenfalls erhalten sind Unterwerke aus dem Jahr 1909 sowie Schaltanlagen und andere Einrichtungsgegenstände.
Die Anlagen der biologischen Kläranlage sind weitgehend erhalten.
Dazu kommen Verwaltungsgebäude, Unterkünfte, eine Wagenreparaturhalle und Werkstätten.

Unter Denkmalschutz stehen das Stationsgebäude und ein benachbartes Stellwerk.
Auf dem Gelände des Rangierbahnhofs sind mehrere Stellwerke, eine Bekohlungsanlage und eine Umladehalle geschützt.
Auf dem Gelände des Betriebswerks gilt das für den Lokschuppen, den Wasserturm, die Kläranlage, das Kraftwerk und mehrere Verwaltungs- und Sozialbauten.

Vorher/Nachher: Wasserturm und Schuppen
Die Doppelaufnahme zu Beginn zeigt den Wasserturm und den Schuppen des Betriebswerks in den Jahren 2011 und 2022.
Der Wasserturm gehört zu den Bauten aus der Erbauungszeit, die noch stehen.
So sieht es jetzt aus: Bahntechnologie-Campus
Seit 2017 revitalisiert die BahnTechnologie Campus Havelland GmbH das Gelände des ehemaligen Betriebswerks.
Das Unternehmen gehört dem Landkreis Havelland, der Havelländischen Eisenbahn und der Gemeinde Wustermark, die Deutsche Bahn ist nicht Eigentümer.
Gefördert wird das Vorhaben mit Mitteln des Bundes und des Landes Brandenburg.
Entstehen soll ein bahnaffines Gewerbegebiet mit Schwerpunkt auf Forschung, Entwicklung, Aus- und Weiterbildung.
Die Infrastrukturmaßnahmen sollten im zweiten Quartal 2021 abgeschlossen werden, und die RWS Railway Service GmbH sollte als erster Ansiedler eine neu errichtete Service- und Wartungshalle in Betrieb nehmen.
2019 war geplant, die denkmalgeschützten Stationsgebäude zu sanieren und in ein neues Ensemble einzubinden.
Der Personenhalt Elstal
Für die Mitarbeiter und später für den Ort Elstal hielten im Bahnhof stets Personenzüge.
Nach dem Mauerbau endeten hier Personenzüge aus Rathenow, von denen aus Triebwagen weiter nach Dallgow, Staaken und Falkenhagen fuhren.
Ende 1995 wurden die Personenzüge auf der Lehrter Bahn wegen des Ausbaus zur Hochgeschwindigkeitsstrecke durch Busse ersetzt.
Auch nach der Wiederinbetriebnahme der Strecke Ende 1998 konnte der Bahnhof lange nicht bedient werden.
Gemeinde und Deutsche Bahn waren sich nicht über die Kosten für die Wiederherstellung der Fußgängerbrücke einig.
Erst im Juni 2002 wurde der Bahnhof wieder bedient, der Halt trägt seitdem den Namen Elstal.
Im Dezember 2014 gingen zwei Aufzüge an der Fußgängerbrücke in Betrieb, für die 736.000 Euro investiert wurden.
Heute halten hier Regionalzüge.
1907: Das Stellwerk Rs IV wird erbaut.
1908: Das Dieselkraftwerk entsteht, die Umgehungsbahn Wustermark–Nauen wird 1908/09 zweigleisig.
1909: Eröffnung des Verschiebebahnhofs Wustermark.
1912: Baubeginn der biologischen Kläranlage.
1918: Die Kläranlage geht in Betrieb.
1919: Das Dorf Elstal entsteht für die Bahnarbeiter.
1920: Ein zweiter Ringlokschuppen geht in Betrieb.
20. April 1945: Schwere Bombenschäden, der Südteil des Rangiersystems wird nicht wieder aufgebaut.
1954: Der Berliner Außenring geht in Betrieb.
1961: Nach dem Mauerbau wird der Personenverkehr nach West-Berlin geschlossen.
1963: Der Bahnhof heißt Wustermark Rangierbahnhof.
1983: Der Rangierbahnhof erhält Anschluss an das elektrische Netz.
1989: Bis zu 1.200 Menschen arbeiten im Bahnhof.
11. Januar 1996: Die Verladehalle wird geschlossen.
1996: Das Betriebswerk wird zur Einsatzstelle von Seddin herabgestuft.
2001: Das Betriebswerk wird ganz geschlossen.
Juni 2002: Der Halt wird wieder bedient und heißt Elstal.
1. Juli 2008: Das RLCW kauft den Rangierbahnhof von der Deutschen Bahn.
2017: Die Revitalisierung des Betriebswerks-Geländes beginnt.
Ist der Rangierbahnhof Wustermark stillgelegt?
Wo liegt der Rangierbahnhof?
Wann wurde das Bahnbetriebswerk geschlossen?
Was steht unter Denkmalschutz?
Kann man das Gelände betreten?
Wikipedia: Wustermark Rangierbahnhof · Berliner Zeitung: Bahn-Technologie-Campus Havelland auf altem Rangierbahnhof · Structurae: Verschiebebahnhof Wustermark
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