Die Bahn nach Tettau: stille Halte zwischen Frankenwald und Thüringer Grenze

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Bahn nach Tettau: stille Halte zwischen Frankenwald und Thüringer Grenze

Die Nebenbahn nach Tettau querte vierzehnmal die Landesgrenze. 1952 sperrte die DDR ihr Gebiet, danach versorgten Straßenroller die Fabriken im Tal bis 1996.

VORHER · um 1902

Bahnbau bei Heinersdorf.

Bahnbau bei Heinersdorf. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
NACHHER · 2006

Der ehemalige Bahnhof Heinersdorf.

Der ehemalige Bahnhof Heinersdorf. Foto: Störfix, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1903
Strecke eingeweiht
1952
Zugverkehr endet an der Grenze
1993
Formale Stilllegung
1996
Straßenroller enden

Lage: Landkreis Kronach, von Pressig-Rothenkirchen durch den Tettaugrund nach Tettau, auf mehreren Abschnitten über thüringisches Gebiet. Status: Stillgelegt, Zugverkehr seit 1952 eingestellt. Heute: Kein Schienenverkehr.

Die Nebenbahn von Pressig-Rothenkirchen nach Tettau zweigte von der Frankenwaldbahn ab und führte durch das Tal der Tettau.

Weil die Trasse auf mehreren kurzen Abschnitten über thüringisches Gebiet lief, endete der Zugverkehr 1952 mit der Errichtung der innerdeutschen Grenze.

Versorgt wurden die Fabriken in Tettau und Alexanderhütte danach mit Straßenrollern, die Güterwagen auf der Straße beförderten, bis 1996.

Pressig-Rothenkirchen selbst ist ein Bahnhof der Frankenwaldbahn und nicht Teil dieses Beitrags.

Behandelt werden hier die Halte Welitsch, Sattelgrund, Alexanderhütte und Tettau.

Freie Fotos der bayerischen Halte liegen nicht vor, die wenigen Bilder zeigen den Bahnbau und Spuren der Strecke auf thüringischer Seite.

Entstehung: eine Bahn über vier Länder

Nach der Eröffnung der Frankenwaldbahn 1885 stellte man im April 1890 das erste Gesuch um eine Stichbahn nach Tettau.

Vor allem die Glas- und Porzellanindustrie im sogenannten Tettauer Winkel wollte einen Bahnanschluss.

1898 sprach sich die Generaldirektion der Verkehrsanstalten in München für eine Trasse entlang der Tettau aus.

Weil die Strecke auf 8,1 Kilometern Länge im Gebiet von Sachsen-Meiningen lag, war ein Staatsvertrag zwischen Bayern und diesem Herzogtum nötig.

Vierzehnmal kreuzte die Trasse die Landesgrenze und siebenmal die Tettau.

Im Herbst 1898 wurde das Projekt zunächst gestoppt, weil Bayern die Finanzierung nicht tragen wollte.

Einige Monate später überzeugte das örtliche Bahnbaukomitee die Regierung doch noch.

Genannt wurden unter anderem die Einsparung bei der Unterhaltung für die Flößerei auf der Tettau und zusätzlicher Verkehr aus Thüringen.

Am 10. März 1900 erteilte der Bayerische Landtag die Genehmigung, am 9. Juli 1901 wurde der Staatsvertrag geschlossen.

Den größten Teil der Finanzierung von 1,2 Millionen Mark trug Bayern.

So sah es vorher aus: Güterzüge für die Fabriken

Baubeginn war im März 1902, die Strecke wurde im Juni 1903 eingeweiht, einzelne Quellen nennen auch 1902 als Eröffnungsjahr.

Der fahrplanmäßige Betrieb begann am Folgetag.

Bis 1939 fuhren täglich drei Personenzugpaare, danach vier.

Im Güterverkehr entwickelte sich die Strecke zur wichtigen Verbindung der örtlichen Industrie.

Täglich rollten ungefähr 15 bis 20 Wagenladungen Rohstoffe heran und ungefähr 10 bis 12 Wagenladungen Fertigwaren ab.

Heinersdorf, der erste Bahnhof hinter der Grenze, lag auf thüringischem Gebiet.

Ehemalige Eisenbahnbrücke über die Tettau bei Schauberg.
Ehemalige Eisenbahnbrücke über die Tettau bei Schauberg. Foto: Störfix, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Welitsch

Welitsch lag nur 1,38 Kilometer hinter Pressig-Rothenkirchen auf 386 Metern Höhe.

Der Haltepunkt wurde 1922 aufgelassen und gehört damit zu den frühesten Verlusten der Strecke.

Das Dorf liegt an der Tettau, grenzt an Pressig und wurde 1325 erstmals urkundlich erwähnt.

Seit dem 1. Mai 1978 gehört es zu Pressig.

Sattelgrund

Sattelgrund liegt bei Kilometer 13,98 auf 564 Metern Höhe.

Das Dorf sitzt im tief eingeschnittenen Tal der Tettau direkt an der thüringischen Grenze und ist von Wald umgeben.

Der Verkehr zur Station Sattelgrund nahm schon in den 1960er-Jahren stark ab.

1970 wurde die Strecke unterhalb von Alexanderhütte durch einen Prellbock gesperrt.

Nach 1952 waren Sattelgrund und Tettau nur noch über Alexanderhütte zu erreichen, wo die Wagen von der Straße auf die Schiene gesetzt wurden.

Alexanderhütte

Der Bahnhof Alexanderhütte lag bei Kilometer 15,75 auf 601 Metern Höhe.

Der Ort entstand um ein Hammerwerk, das vor 1602 gegründet wurde.

1785 erhielten dort sechs Glasmeister aus Kleintettau die Genehmigung zum Bau einer Stuhlglasfabrik, aus der die Tettauer Glashüttenwerke hervorgingen.

Seit 1998 gehören sie zum Gerresheimer-Konzern, 2017 arbeiteten dort etwa 500 Menschen.

Nach 1952 wurde Alexanderhütte zum Umschlagpunkt: Die Bundesbahn nahm am 1. Juni 1952 den Straßenrollerverkehr auf, vom Anschluss in Steinbach am Wald fuhren Culemeyer-Fahrzeuge zur im Bau befindlichen Straße nach Alexanderhütte.

Dort stellte man die Güterwagen wieder auf die Schiene, eine Kleinlokomotive Kö II brachte sie weiter nach Tettau und Sattelgrund.

Ende 1983 wurde der Inselbetrieb zwischen Tettau und Alexanderhütte wegen des schlechten Streckenzustands eingestellt.

Seitdem wurde nur noch in Alexanderhütte rangiert, die übrigen Ladestellen belieferte der Culemeyer direkt.

Tettau

Endbahnhof war Tettau bei Kilometer 16,85 auf 620 Metern Höhe.

Von 1903 bis 1952 hatte der Ort Anschluss an das deutsche Eisenbahnnetz.

Im Jahr 1904 entstand nach einem Lohnstreik unter anderem durch ehemalige Arbeiter der Tettauer Porzellanfabrik eine neue Porzellanfabrik, die ab 1937 den Namen Neue Porzellanfabrik Gerold trug.

Sie hatte 1970 höchstens 260 Beschäftigte und bestand bis in die 1990er-Jahre.

Im Tettauer Winkel hingen 1952 etwa 2.500 Arbeitsplätze an der Versorgung mit Gütern.

Niedergang und Ende

Nach dem Zweiten Weltkrieg ruhte der Zugverkehr zunächst, weil eine Brücke bei Kilometer 9,65 beschädigt war.

Als die innerdeutsche Grenze die Strecke mehrfach querte, blieben die Verbindungen eingestellt.

Im Oktober 1946 konnte der Güterverkehr wiederaufgenommen werden, zunächst mit drei Güterzügen pro Woche.

Ab dem 14. April 1947 gab es wieder Personentransitverkehr mit zwei werktäglichen Zugpaaren.

Die Fahrgäste mussten in den Korridorzügen durch die Sowjetische Besatzungszone Türen und Fenster geschlossen halten.

In Heinersdorf kontrollierten sowjetische Soldaten die Reisenden, teils mit erheblichen Verzögerungen.

Im Frühjahr 1952 verlegte die Bundesbahn noch neue Schwellen und Gleise.

Am 28. Mai 1952 endete der Zugverkehr nach einer Streckensperrung durch die DDR.

Im Oktober 1952 wurden die Gleise auf DDR-Gebiet abgebaut.

So sieht es jetzt aus

Pläne für einen teilweisen Streckenneubau zur Umfahrung des DDR-Gebietes entstanden Anfang der 1950er-Jahre, wurden aber nicht verwirklicht.

Gründe waren die hohen Baukosten und der bewährte Straßenrollerbetrieb.

Ab 1987 übernahm eine private Spedition den Straßenrollerbetrieb, bis 1989 gab es jährlich ungefähr 3.400 Fahrten.

Ende 1992 lief die Förderung aus, im Mai 1993 wurde sie noch einmal um 2,5 Jahre verlängert.

Die formale Stilllegung der Strecke erfolgte zum 13. Dezember 1993.

Im Januar 1994 wurde die Kleinlok aus Alexanderhütte abgezogen.

Am 31. Mai 1996 endete der Straßenrollerbetrieb von Steinbach am Wald offiziell.

Bis dahin waren insgesamt 81.364 Wagen ins Tettautal gebracht worden.

Die Geschichte in Daten

1890: Im April geht das erste Gesuch um eine Stichbahn nach Tettau nach München.

1900: Am 10. März genehmigt der Bayerische Landtag Planung und Bau.

1901: Am 9. Juli wird der Staatsvertrag zwischen Bayern und Sachsen-Meiningen geschlossen.

1902: Baubeginn im März.

1903: Im Juni wird die Strecke eingeweiht.

1922: Der Haltepunkt Welitsch wird aufgelassen.

1946: Im Oktober wird der Güterverkehr wiederaufgenommen.

1947: Am 14. April beginnt der Personentransitverkehr.

1952: Am 28. Mai endet der Zugverkehr, danach beginnt der Straßenrollerverkehr.

1970: Die Strecke unterhalb von Alexanderhütte wird durch einen Prellbock gesperrt.

1983: Ende des Jahres endet der Inselbetrieb zwischen Tettau und Alexanderhütte.

1993: Formale Stilllegung zum 13. Dezember.

1996: Am 31. Mai endet der Straßenrollerbetrieb.

Häufige Fragen

Fährt auf der Strecke nach Tettau noch ein Zug?
Nein, der Zugverkehr endete 1952, die Strecke wurde 1993 formal stillgelegt.
Warum endete der Zugverkehr 1952?
Die DDR sperrte die Strecke auf ihrem Gebiet, das die Bahn auf mehreren Abschnitten querte.
Wie wurden die Fabriken danach beliefert?
Mit Straßenrollern, die Güterwagen von Steinbach am Wald nach Alexanderhütte brachten.
Wann endete der Straßenrollerbetrieb?
Am 31. Mai 1996.
Wie oft querte die Bahn die Landesgrenze?
Vierzehnmal.

Von der Bahn nach Tettau erinnern vor allem Zahlen und Daten an eine Strecke, die durch die Teilung Deutschlands unterbrochen wurde.

Quellen und Bildrechte

Bahnstrecke Pressig-Rothenkirchen–Tettau (Wikipedia) · Alexanderhütte (Wikipedia) · Sattelgrund (Tettau) (Wikipedia) · Welitsch (Pressig) (Wikipedia) · Tettau (Oberfranken) (Wikipedia) · Reisebericht Ludwigsstadt (ice-treff.de)

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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