Die stillen Bahnen um Velten: Hohenschöpping, Leegebruch und die Umgehungsbahn

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Die stillen Bahnen um Velten: Hohenschöpping, Leegebruch und die Umgehungsbahn

Rund um Velten in Oberhavel hielt der Zug einst an einem Haltepunkt für Rüstungsbetriebe, fuhr über Leegebruch nach Oranienburg und auf der Umgehungsbahn nach Nauen. Dieser Beitrag erzählt davon und von dem Lager, das neben dem Halt stand.

Der Bahnsteig des 1998 stillgelegten Haltepunkts Hohenschöpping, von Norden gesehen, 2015.
Der Bahnsteig des 1998 stillgelegten Haltepunkts Hohenschöpping, von Norden gesehen, 2015. Foto: Uwca, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1938
Haltepunkt Hohenschöpping eröffnet
1951
Strecke Oranienburg–Velten eröffnet
1969
Oranienburg–Velten stillgelegt
1998
Hohenschöpping aufgelassen

Lage: Velten, Leegebruch, Oranienburg und Kremmen in Oberhavel. Status: Oranienburg–Velten abgebaut, Nauen–Oranienburg stillgelegt, Hohenschöpping aufgelassen. Heute: Bahnsteig in Hohenschöpping erhalten, Draisinen zwischen Kremmen und Germendorf.

Die Kremmener Bahn von Berlin nach Kremmen ist in Betrieb, doch an ihr und in ihrer Nähe liegen Spuren stillgelegter Bahnen.

Dieser Beitrag behandelt den früheren Haltepunkt Hohenschöpping, die Bahnstrecke Oranienburg–Velten und die Umgehungsbahn Nauen–Oranienburg mit ihren Halten.

Zwei der Orte hängen mit der NS-Zeit zusammen, deshalb ist der Ton hier ernst.

Alte freie Fotos der Halte liegen nicht vor, die Bilder zeigen die Orte nach der Stilllegung.

Hohenschöpping: ein Halt für die Rüstung

Hohenschöpping war von 1938 bis 1998 ein Haltepunkt der Berliner S-Bahn an der Kremmener Bahn auf dem Gebiet der Stadt Velten.

Er lag 2,4 Kilometer südlich des Bahnhofs Velten.

Die 1893 eingleisig eröffnete Strecke führte hier durch unbesiedeltes Gebiet, nur das 1840 erbaute Forsthaus Hohenschöpping lag in der Nähe.

1927 wurde die Strecke zweigleisig ausgebaut und als S-Bahn elektrifiziert.

Am 13. April 1938 wurde der Haltepunkt zur Erschließung mehrerer Rüstungsbetriebe eröffnet.

Finanziert wurde der Bau von den seit 1936 hier produzierenden Ikaria-Werken, der Veltener Maschinen AG und dem Flakzeugamt Velten.

Der ursprünglich vorgesehene Name war Velten-Süd.

Die Gleise wurden auseinandergezogen, dazwischen entstand ein einfacher, nicht überdachter Bahnsteig, den man über eine Holzbrücke am nördlichen Ende erreichte.

Schon wenige Wochen später fuhren die Züge im Berufsverkehr alle zehn Minuten.

Das Außenlager Velten neben dem Halt

Im März 1943 ließ die Inspektion der Konzentrationslager in Velten ein Außenlager des KZ Ravensbrück errichten.

Es lag in der Berliner Straße 8d direkt am Haltepunkt Hohenschöpping und wurde ab September 1944 dem KZ Sachsenhausen unterstellt.

In sechs Holzbaracken, die ein elektrischer Zaun umgab, sperrte die SS Frauen aus mehreren Ländern ein, darunter deutsche, jüdische, polnische, französische, lettische, rumänische und ungarische Frauen sowie Sintize und Romnja.

Sie mussten Zwangsarbeit für den Werksverbund Ikaria und Veltener Maschinenbau leisten, einen wichtigen Zulieferbetrieb der Heinkel-Werke Oranienburg, und für die Havelschmelzwerk GmbH.

Ende 1944 lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen 722 Frauen im Lager.

In der Nacht vom 19. zum 20. April 1945 wurde das Lager aufgelöst, und die Frauen wurden zu Fuß über Eberswalde in Richtung Norddeutschland getrieben.

Anfang Mai 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden bei Parchim.

Die Baracken wurden Ende der 1950er Jahre abgerissen, danach gab es lange keine Hinweise mehr auf das Lager.

2012 wurde der Weg am früheren Lagergelände in Zur Erinnerung umbenannt, im April 2015 wurde eine Edelstahlstele mit Informationen zur Geschichte des Lagers aufgestellt.

Der Ikaria-Betrieb war ein Rüstungsbetrieb, in dem auch Ostarbeiter und später andere Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.

Hohenschöpping nach 1945

Zum Kriegsende wurde die Havelbrücke bei Hennigsdorf gesprengt und der Halt damit vom Hauptnetz abgetrennt.

Im Juli 1946 wurde er wiedereröffnet, doch das zweite Gleis hatte die sowjetische Besatzungsmacht inzwischen als Reparationsleistung demontiert, die Holzbrücke wurde überflüssig und abgebaut.

Die Fahrgastzahlen waren so gering, dass die S-Bahn den Halt ab Dezember 1946 ohne Halt durchfuhr, erst ab 1950 wurde er wieder bedient.

Der Mauerbau 1961 unterbrach den Schienenstrang zwischen Berlin-Heiligensee und Hennigsdorf, die Deutsche Reichsbahn betrieb die S-Bahn zwischen Velten und Hennigsdorf als Inselbetrieb weiter.

1983 wurden die Stromschienen demontiert und die Strecke mit Oberleitung und Wechselstrom neu elektrifiziert.

Die Nachfrage an dieser Stelle blieb äußerst gering, und 1998 wurde der Haltepunkt aufgelassen.

Seitdem fahren nur noch dieselbetriebene Züge am ehemaligen Bahnsteig vorbei, die Oberleitung wurde entfernt.

Die Wiederherstellung des 1983 eingestellten S-Bahn-Betriebs von Hennigsdorf nach Velten lehnte das Land Brandenburg 2014 ab.

Oranienburg–Velten: eine Strecke für die Arbeiter

Die Bahnstrecke Oranienburg–Velten wurde 1951 eröffnet und ist heute stillgelegt und abgebaut.

Ihre Anfänge liegen in den späten 1930er Jahren, als das Reichsluftfahrtministerium bei Leegebruch eine Fabrik der Heinkel-Werke errichten ließ.

Für diese entstand von Eden ausgehend ein Gleisanschluss, und auf dem Betriebsgelände sowie in Eden gab es jeweils 300 Meter lange Bahnsteige, über die vermutlich Werkpersonenzüge bis Oranienburg fuhren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Lokomotivfabrik und das Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf wegen der Teilung Berlins keine Beschäftigten mehr aus West-Berlin.

Ähnliche Probleme bestanden in Velten, während es in Leegebruch nach der Schließung der Heinkel-Werke einen Arbeitskräfteüberschuss gab.

Deshalb wurde in Absprache mit der Reichsbahn eine Strecke von Velten nach Oranienburg geplant.

Der erste Spatenstich fand am 28. August 1949 statt.

Am 24. Februar 1951 fuhr der Eröffnungszug, am Folgetag begann der fahrplanmäßige Verkehr.

Abzweig der ehemaligen Bahnstrecke Oranienburg–Velten von der stillgelegten Bahnstrecke Oranienburg–Kremmen, 2011.
Abzweig der ehemaligen Bahnstrecke Oranienburg–Velten von der stillgelegten Bahnstrecke Oranienburg–Kremmen, 2011. Foto: Max-78, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Leegebruch und Germendorf Süd

Hinter dem Abzweig aus der Kremmener Bahn kreuzte nach etwa 1,3 Kilometern der Berliner Ring die Trasse.

Weitere 2,3 Kilometer später erreichte die Bahn den Haltepunkt Leegebruch westlich des Ortes.

Danach tangierte sie den Süden des Oranienburger Ortsteils Germendorf, wo der Haltepunkt Germendorf Süd lag.

Bei Eden fädelte sie in die Strecke Nauen–Oranienburg ein, auf der die Züge zum Endbahnhof Oranienburg fuhren.

Ein zweiter Haltepunkt für Bärenklau war geplant, wurde aber nicht umgesetzt.

Die abgebaute Brücke über die Leegebrucher Chaussee zwischen Leegebruch und Bärenklau, 2011.
Die abgebaute Brücke über die Leegebrucher Chaussee zwischen Leegebruch und Bärenklau, 2011. Foto: Max-78, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: Germendorf

1960 verkehrten acht Personenzugpaare werktags zwischen Oranienburg und Velten, zu Schichtwechselzeiten fuhren drei davon bis Hennigsdorf durch.

Im letzten Betriebsjahr 1968/69 gab es werktags fünf Züge von Velten nach Oranienburg und sechs in Gegenrichtung.

Am 1. Juni 1969 wurde die Verbindung stillgelegt und bald darauf abgetragen, um Platz für den Neubau des Autobahnrings zu machen.

Die Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Veltener Straße in Germendorf wurde im Oktober 2012 abgetragen.

Die Brücke der Heinkelchaussee in Germendorf, links das frühere Gleisbett der Strecke Oranienburg–Velten, 2011. Die Brücke wurde im Oktober 2012 abgerissen.
Die Brücke der Heinkelchaussee in Germendorf, links das frühere Gleisbett der Strecke Oranienburg–Velten, 2011. Die Brücke wurde im Oktober 2012 abgerissen. Foto: Max-78, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Warum die Strecke so früh endete

Am 1. Oktober 1953 wurde der Berliner Außenring nördlich von Berlin eröffnet, mit den 1955 eröffneten Verbindungskurven bestand damit eine zweite Verbindung zwischen Hennigsdorf und Oranienburg.

Sie war wegen des zweigleisigen Ausbaus leistungsfähiger und erlaubte höhere Geschwindigkeiten als die im Hau-Ruck-Verfahren eröffnete Strecke über Leegebruch.

Ab 1957 wurde die Höchstgeschwindigkeit von 40 auf 30 km/h herabgesetzt, ab 1964 lag sie bei 50 km/h.

Bis 1968 war die Strecke nicht für Güterzüge zugelassen.

Heute fährt die Buslinie 824 der Oberhavel Verkehrsgesellschaft grob entlang der früheren Trasse.

Nauen–Oranienburg: die Umgehungsbahn

Die 1915 eröffnete Strecke Nauen–Oranienburg war ein Teilstück der Umgehungsbahn, die vor allem für den Güter- und Militärverkehr gebaut wurde und die Berliner Bahnstrecken entlasten sollte.

Im April 1915 wurde sie eröffnet, im Juli 1915 begann der Durchgangsgüterverkehr, vor allem zwischen Pommern und den Regionen jenseits von Stendal, Magdeburg und Jüterbog.

Für den lokalen Güterverkehr erhoffte man sich Aufkommen vom ein Jahr später eröffneten Bahnhof Kienberg.

Vor dem Zweiten Weltkrieg fuhren drei Zugpaare zwischen Nauen und Oranienburg, bis 1960 stieg ihre Zahl auf fünf.

Karte der Umgehungsbahn in Brandenburg.
Karte der Umgehungsbahn in Brandenburg. Foto: Christian Liebscher ( Platte ), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Fahrplan der Bahnstrecken Oranienburg–Nauen und Oranienburg–Hennigsdorf, Sommer 1965.
Fahrplan der Bahnstrecken Oranienburg–Nauen und Oranienburg–Hennigsdorf, Sommer 1965. Foto: TomWed, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Ende Mai 1967 wurde der Personenverkehr eingestellt.

Die Strecke blieb als Reservestrecke, aus militärischen Gründen und für den lokalen Güterverkehr in Betrieb.

Im April 1993 endete der Güterverkehr zwischen Kremmen und Germendorf und im selben Jahr auch zwischen Nauen und Kremmen, zum 1. Februar 1996 auch zwischen Germendorf und Oranienburg.

Zum 28. Februar 2000 wurde der Abschnitt Nauen–Kremmen stillgelegt, zum 6. April 2001 der Abschnitt Germendorf–Oranienburg.

Zwischen Kremmen und Germendorf fahren seitdem Draisinen für Ausflügler.

Der frühere Bahnhof Germendorf, Oranienburg, im Oktober 2012.
Der frühere Bahnhof Germendorf, Oranienburg, im Oktober 2012. Foto: Hans G. Oberlack, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Bahnhof Flatow mit Empfangsgebäude, Wirtschaftsgebäude, Güterschuppen, Bahnsteig und Vorplatz sowie das Empfangsgebäude des Bahnhofs Oranienburg stehen unter Denkmalschutz.

Der Bahnhof Flatow in Kremmen, ein Baudenkmal, 2013.
Der Bahnhof Flatow in Kremmen, ein Baudenkmal, 2013. Foto: Norhei, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Stolpe, Nauen–Velten und die anderen Halte

Zum Halt Stolpe und zur Verbindung Nauen–Velten ist nichts Näheres belegt.

So sieht es jetzt aus

Der Bahnsteig von Hohenschöpping blieb als Rest des Haltepunkts erhalten.

Die Hallen des früheren Ikaria-Werks wurden zu DDR-Zeiten als Lagerräume genutzt und stehen noch heute.

Die Trasse der Strecke Oranienburg–Velten ist abgetragen, an mehreren Stellen fehlen Brücken.

Die Kremmener Bahn selbst wird von der Regionalbahn RB 55 von Hennigsdorf nach Kremmen befahren.

Die Geschichte in Daten

1893: Die Kremmener Bahn wird eingleisig eröffnet.

1915: Die Umgehungsbahn Nauen–Oranienburg wird eröffnet.

1927: Die Kremmener Bahn wird bis Velten zweigleisig ausgebaut und als S-Bahn elektrifiziert.

1938: Der Haltepunkt Hohenschöpping wird eröffnet.

1943: Im März entsteht das KZ-Außenlager Velten.

1945: Das Lager wird im April aufgelöst.

1951: Die Strecke Oranienburg–Velten geht in Betrieb.

1967: Der Personenverkehr Nauen–Oranienburg endet.

1969: Die Strecke Oranienburg–Velten wird stillgelegt.

1983: Der S-Bahn-Betrieb Hennigsdorf–Velten wird eingestellt.

1998: Der Haltepunkt Hohenschöpping wird aufgelassen.

2001: Die Strecke Germendorf–Oranienburg wird stillgelegt.

Häufige Fragen

Wozu wurde der Haltepunkt Hohenschöpping gebaut?
Er erschloss mehrere Rüstungsbetriebe in Velten und wurde von den Ikaria-Werken, der Veltener Maschinen AG und dem Flakzeugamt Velten finanziert.
Was war das Außenlager Velten?
Ein Außenlager des KZ Ravensbrück, später des KZ Sachsenhausen, in dem Frauen Zwangsarbeit leisten mussten.
Gibt es eine Gedenkstätte?
Seit April 2015 steht eine Edelstahlstele mit Informationen zur Geschichte des Lagers.
Wann wurde die Strecke Oranienburg–Velten stillgelegt?
Am 1. Juni 1969, nur 18 Jahre nach ihrer Eröffnung.
Fährt auf der Umgehungsbahn noch etwas?
Der Personenverkehr endete 1967, die Strecke ist stillgelegt, zwischen Kremmen und Germendorf fahren Draisinen.
Fährt die S-Bahn noch nach Velten?
Der S-Bahn-Betrieb Hennigsdorf–Velten wurde 1983 eingestellt, 2014 lehnte das Land Brandenburg eine Wiederherstellung ab.

Die Strecken um Velten wurden gebaut, um Arbeiter zu Fabriken zu bringen.

Hohenschöpping erinnert zugleich an das Lager, das neben dem Halt stand.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnhof Hohenschöpping · Wikipedia: KZ-Außenlager Velten · Wikipedia: Ikaria Gesellschaft für Flugzeugzubehör · Wikipedia: Bahnstrecke Oranienburg–Velten · Wikipedia: Bahnstrecke Nauen–Oranienburg · Wikipedia: Bahnstrecke Berlin-Schönholz–Kremmen

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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