Die Niederelbebahn in Harburg: Unterelbe, Tempo-Werk und Hausbruch, drei Halte ohne Züge
Die Niederelbebahn fährt weiter, doch drei ihrer Halte in Hamburgs Süden hat die S-Bahn 1984 überflüssig gemacht. Unterelbe, Tempo-Werk und Hausbruch erzählen von Werkstatt, Autofabrik und einem schweren Unfall.

Lage: Hamburg-Heimfeld, Bostelbek und Hausbruch. Status: Halte aufgegeben, die Strecke selbst ist in Betrieb. Heute: Empfangsgebäude und Lokschuppen Unterelbe stehen noch, Hausbruch ist ein Betriebsbahnhof.
Die Niederelbebahn von Harburg nach Cuxhaven ist keine stillgelegte Strecke, auf ihr fahren Regional- und Güterzüge.
Drei Halte in Hamburgs Süden, Unterelbe, Tempo-Werk und Hausbruch, wurden jedoch 1984 aufgegeben, als die S-Bahn verlängert wurde.
Nur um diese drei Halte geht es in diesem Beitrag.
Alte freie Fotos der Halte liegen nicht vor, deshalb zeigen die Bilder nur den heutigen Zustand.
Wie die Unterelbebahn entstand
Als Unterelbebahn wurde die Strecke von 1880 bis 1881 in der damaligen Provinz Hannover von der Unterelbe’schen Eisenbahngesellschaft gebaut.
Das erste Teilstück von Harburg bis Stade wurde am 1. April 1881 dem Verkehr übergeben.
In der zweiten Jahreshälfte von 1881 konnte der Betrieb über Stade hinaus aufgenommen werden.
Ab 1882 verkehrten durchgehende Züge vom damaligen Venloer Bahnhof in Hamburg bis Cuxhaven.
Unterelbe: Endbahnhof mit Werkstatt
Der Bahnhof Unterelbe im Hamburger Stadtteil Heimfeld war zunächst der östliche Endbahnhof Harburg U.E. der Unterelbebahn.
Er wurde umfangreich ausgestattet, mit Bahnsteiggleisen, Abstellgleisen, Einrichtungen zum Güterumschlag, einem fünfständigen Lokschuppen und Einrichtungen zur Versorgung von Dampflokomotiven.
Der Lokschuppen wurde schon 1897 in eine Werkstatt umfunktioniert.
Ein Anschluss durch die Blohmstraße ins benachbarte Hafengebiet war zunächst mit einer neun Meter großen Drehscheibe, später mit einer Weiche und einer sehr engen Kurve ausgeführt, der „Deutschland-Kurve“.
Das Verbindungsgleis zum übrigen Gleisnetz im benachbarten, damals noch nicht zu Hamburg gehörenden Harburg war zunächst nicht für regelmäßigen Personenverkehr vorgesehen.
Schon 1882 fuhren hier aber durchgehende Personenzüge.
Mit dem Hafenausbau folgte später ein weiteres Gleis zum Seehafenbahnhof Harburg, das noch heute betrieben wird.
Der Bahnhof wurde 1928 in Harburg-Wilhelmsburg-Unterelbe und 1937 in Hamburg Unterelbe umbenannt.
Es gab von 1908 bis 2000 ein westliches Stellwerk und von 1946 bis 2000 ein östliches.

Unterelbe nach 1984
Mit der Inbetriebnahme der Harburger S-Bahn 1983 und deren Verlängerung im Folgejahr verlor der Bahnhof 1984 seine Funktion als Personenbahnhof.
Auch Güterumschlag fand kaum noch statt, die Verladerampe nutzte zuletzt noch die frühere Röttiger-Kaserne, bis sie einen eigenen Gleisanschluss erhielt.
Seit 2000 wird der Bahnhof ferngesteuert, die beiden Stellwerke wurden ab 2002 abgerissen.
Bis 2013 wurden alle Nebengleise entfernt, im Bahnhofsbereich sind heute neben der zweigleisigen Durchgangsstrecke ein Weichenpaar und ein Abzweig zum Seehafenbahnhof geblieben.
Das bis 1881 in einer für die Unterelbebahn typischen Standardbauweise errichtete Empfangsgebäude ist noch ähnlich dem Originalzustand erhalten und wird heute anderweitig genutzt.
Zeitweilig enthielt es eine Post, zwei Wartesäle, eine Gaststätte und eine Wohnung für Bedienstete.
Der Vorplatz zur Buxtehuder Straße war einst parkartig angelegt.
Der ehemalige Lokschuppen steht unter der Nummer 28268 in der Denkmalliste.

Tempo-Werk: der Halt an der Dreiradfabrik
Der Haltepunkt Tempo-Werk lag in unmittelbarer Nähe des Werks von Vidal & Sohn in Bostelbek, das 1928 gegründet wurde, um Lieferwagen zu bauen.
Bekannt sind vor allem die Tempo-Dreiräder und das Modell Matador.
Bis 1984 konnten die Mitarbeiter ihre Arbeitsstätte von der Station Tempo-Werk der Niederelbebahn bequem zu Fuß erreichen.
1965 verschwand die Marke Tempo, das Werk kam zum Rheinstahl-Konzern und zur Hanomag, 1971 übernahm die Daimler-Benz AG die Hanomag-Henschel Fahrzeugwerke, seitdem gehört das frühere Tempo-Werk dem Daimler-Konzern.

Der Unfall vom 22. Juli 1975
Am 22. Juli 1975 starben beim Eisenbahnunfall von Hamburg-Hausbruch bei einem Frontalzusammenstoß zwischen einem Personenzug und einem Güterzug elf Menschen, 125 wurden verletzt.
Der Nahverkehrszug von Hamburg Hauptbahnhof nach Buxtehude fuhr gegen 17:10 Uhr am Haltepunkt Hamburg-Tempowerk wieder an und beschleunigte, obwohl das Vorsignal „Halt erwarten“ gezeigt hatte.
Das Hauptsignal stand hinter dem Haltepunkt, kurz vor der Brücke der A 7, und der Güterzug aus Waltershof kreuzte hier das Gleis der Gegenrichtung.
Als der Lokomotivführer seinen Fehler bemerkte, fuhr der Zug noch etwa 80 km/h, die Schnellbremsung verringerte die Geschwindigkeit auf 40 km/h.
Die Deutsche Bundesbahn wurde stark kritisiert, weil fast genau vier Jahre zuvor dasselbe gefährliche Ereignis schon einmal abgelaufen war.
Damals kamen die beiden Lokomotiven wenige Meter voneinander zum Stehen.
Bemängelt worden waren die schlechte Sichtbarkeit des Hauptsignals vor der grauen Betonbrücke und das Fehlen eines Vorsignalwiederholers hinter dem Haltepunkt.
Der Lokomotivführer des Personenzugs wurde wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Hausbruch: der Bahnhof der Ausflügler
Der Bahnhof Hausbruch an der Niederelbebahn wurde am 15. Januar 1899 eröffnet.
Seit diesem Zeitpunkt war Hausbruch ein Ausflugsort für naturliebende Hamburger.
Auf Höhe des Bahnhofs zweigen heute Strecken der Hamburger Hafenbahn zu den Containerterminals Altenwerder und Waltershof sowie über die Kattwykbrücke in das östliche Freihafengebiet ab.
Der Bahnhof Hamburg-Hausbruch ist heute ein Betriebsbahnhof.
Am 4. August 1984 wurde die S-Bahn-Linie S3 bis Neugraben eröffnet, am Westrand von Hausbruch entstand der S-Bahnhof Neuwiedenthal.
Der Bahnhof Hausbruch wurde geschlossen und das Gebäude abgerissen.
Die beiden vorher vorhandenen Bahnübergänge wurden im Rahmen des S-Bahnbaus geschlossen und durch je eine Unterführung für Fußgänger und Radfahrer ersetzt.

Warum die Halte aufgegeben wurden
In den 1960er und 1970er Jahren wuchsen Hausbruch und Neugraben-Fischbek durch neue Großsiedlungen stark.
Die Verbindung ins Stadtzentrum blieb dabei mangelhaft, weil die Züge zum Hauptbahnhof in Harburg die Fahrtrichtung wechseln mussten und es keinen Taktfahrplan gab.
1984 wurde die gleichstrombetriebene S-Bahn aus der Harburger Innenstadt bis nach Neugraben verlängert, ihre Trasse verläuft ab Heimfeld auf etwa sieben Kilometern südlich parallel zur Niederelbebahn.
Mit dieser neuen Strecke wurden die Bahnhöfe Unterelbe, Tempo-Werk und Hausbruch an der alten nördlichen Trasse aufgegeben.
Rothenburgsort: die Hochbahn, die nicht wieder aufgebaut wurde
Im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort wurde am 27. Juli 1915 der sogenannte Rothenburgsorter Zweig der Hamburger U-Bahn eröffnet, der nördlich neben dem Haltepunkt der Vorortbahn lag.
Der Bahnhof wurde im Luftkrieg ab 1942 schwer beschädigt.
Ende der 1940er Jahre wurde der U-Bahnhof wegen zu hoher Schäden komplett abgerissen, ein Wiederaufbau war nicht geplant.
Der Bahnhof Rothenburgsort der S-Bahn ist dagegen in Betrieb.
Oberhafen und die alte Elbbrücke
Zum Oberhafen und zur alten Elbbrücke ist in den gelesenen Quellen nichts belegt, was als eigener Abschnitt trägt.
So sieht es jetzt aus
Das Empfangsgebäude und der Lokschuppen von Unterelbe stehen noch, der Bahnhof Hausbruch ist ein Betriebsbahnhof ohne Reiseverkehr.
Der Haltepunkt Tempo-Werk ist aufgegeben, das frühere Werk gehört zu Daimler.
Auf der Niederelbebahn fahren heute Regionalzüge nach Buxtehude und Stade.

Die Geschichte in Daten
1881: Harburg–Stade wird am 1. April eröffnet.
1882: Durchgehende Züge fahren bis Cuxhaven.
1897: Der Lokschuppen in Unterelbe wird zur Werkstatt.
1899: Der Bahnhof Hausbruch wird am 15. Januar eröffnet.
1928: Das Tempo-Werk wird gegründet, der Bahnhof Unterelbe wird umbenannt.
1975: Beim Unfall von Hamburg-Hausbruch am 22. Juli sterben elf Menschen.
1983: Die Harburger S-Bahn geht in Betrieb.
1984: Die S3 wird bis Neugraben verlängert, Unterelbe, Tempo-Werk und Hausbruch werden aufgegeben.
2000: Unterelbe wird ferngesteuert.
2013: Die Nebengleise in Unterelbe sind entfernt.
Häufige Fragen
Ist die Niederelbebahn stillgelegt?
Wann wurden die drei Halte aufgegeben?
Was ist die Deutschland-Kurve?
Was geschah am 22. Juli 1975?
Ist das Empfangsgebäude von Unterelbe erhalten?
Gibt es noch Gleise in Unterelbe?
Die drei Halte verschwanden, als die S-Bahn eine schnellere Anbindung brachte.
Zurück blieben ein Empfangsgebäude, ein Lokschuppen und die Erinnerung an einen Unfall.
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