Die Nationalbahn im Aargau: Stille Bahnhöfe von Aarau bis Baden
Zwischen Aarau, Lenzburg und Baden verloren 2004 gleich mehrere Bahnhöfe der alten Nationalbahn ihre Reisenden, Lenzburg Stadt schon 1984. Der Beitrag erzählt, was zu diesen Halten belegt ist.


Lage: Kanton Aargau, zwischen Aarau, Lenzburg und Baden. Status: Aarau–Suhr stillgelegt, Lenzburg–Wettingen ohne Personenverkehr, aber im Güterverkehr und als Umleitung genutzt. Heute: Die Aarauer Strecke trägt die Wynental- und Suhrentalbahn, das Stationsgebäude von Lenzburg Stadt wurde 2003 abgerissen.
Die Schweizerische Nationalbahn baute 1877 eine Linie von Zofingen über Lenzburg nach Baden und Wettingen, dazu eine kurze Strecke nach Aarau.
Mehr als hundert Jahre später verloren mehrere ihrer Bahnhöfe die Reisenden, Lenzburg Stadt an der benachbarten Seetalbahn schon 1984, die übrigen im Dezember 2004.
Nicht alles ist tot: Die Strecke zwischen Lenzburg und Zofingen ist in Betrieb, und zwischen Gruemet und Wettingen verkehren weiter Güterzüge.
Dieser Beitrag behandelt nur die Halte ohne Reiseverkehr.
Freie Fotos gibt es für Lenzburg Stadt, Mellingen und Baden Oberstadt, für Aarau–Suhr und Dättwil nur Dokumente und Ansichten aus der Frühzeit.
Die Nationalbahn: Konkurrenz mit kurzer Lebensdauer
Die Schweizerische Nationalbahn eröffnete die Strecke Zofingen–Baden Oberstadt am 6. September 1877 zusammen mit der Strecke Aarau–Suhr.
Der Abschnitt Baden Oberstadt–Wettingen folgte am 15. Oktober 1877, weil sich der Bau der Limmatbrücke verzögert hatte.
Die einspurige Strecke war als Konkurrenz zur Strecke Baden–Aarau der Nordostbahn gedacht.
Die Gesellschaft wollte eine möglichst kurze Verbindung vom Bodensee in die Westschweiz bieten.
Schon nach nur vier Monaten durchgehendem Betrieb meldete sie Konkurs an, 1878 ging die Strecke an die Nordostbahn.
Mit dem Rückkauf durch den Bund wurde die Nordostbahn 1902 Teil der SBB.


Lenzburg Stadt: Der Bahnhof der Seetalbahn
Der Luzerner Architekt Emil Vogt baute den Bahnhof Lenzburg Stadt für die Seetalbahn, er wurde 1895 eröffnet.
Im selben Jahr wurde die Seetalbahn von Lenzburg bis Wildegg verlängert, um Anschluss an die Strecke der Nordostbahn zu bekommen.
Fortan fuhren die Züge von Wildegg über Lenzburg Stadt nach Emmenbrücke.
Der Bahnhof am Anfang der Bahnhofstrasse hatte drei durchgehende Gleise zwischen dem Bahnhofgebäude und einem dreigeschossigen Industriegebäude.
Anders als im Hauptbahnhof gab es in Lenzburg Stadt ein Bahnhofbuffet und einen Kiosk.
Auf der Nordseite war eine symmetrische Dreiwegweiche eingebaut.

So sah es vorher aus: Die Spitzkehre von Lenzburg
Die Seetalbahn wurde 1910 elektrifiziert und kam 1922 zu den SBB.
Wegen der Anlage konnte der Bahnhof Lenzburg nur noch in Rückwärtsfahrt ab der Dienststelle Lenzburg Spitzkehre angefahren werden, deshalb hielten nicht mehr alle Züge dort.
Mit der Eröffnung der Heitersberglinie 1975 und dem Taktfahrplan 1982 verringerte sich die Nutzung von Lenzburg Stadt weiter.
Die Strecke nach Wildegg war nun überflüssig, Lenzburg wurde wieder ein vollwertiger Bahnhof.

Lenzburg Stadt: Das Ende
1984 wurde der Personenverkehr eingestellt, die Anlagen wurden schrittweise abgebaut.
Auf der Strecke nach Wildegg wurde im selben Jahr auch der Güterverkehr eingestellt.
Die offizielle Stilllegung erfolgte 2002 durch den Bundesrat.
Das Bahnhofsgebäude wurde 2003 abgerissen.
Der Güterverkehr für die UFA blieb bis zum Frühjahr 2005 bestehen.
Die Kerntangente wurde auf dem Gelände beim Seetalplatz gebaut, das Trassee in Lenzburg diente einer Umfahrungsstrasse.
Aarau–Suhr: Eine Strecke macht Platz
Die 4,2 Kilometer lange Strecke von Aarau nach Suhr wurde 1877 mit der Nationalbahn eröffnet und am 15. Juli 1946 elektrifiziert.
Zwischen Suhr bei Kilometer 67,5 und Aarau bei 71,7 lag der Halt Buchs AG, ein ehemaliger Haltepunkt bei Kilometer 70,1.
Am 12. Dezember 2004 wurde die Strecke stillgelegt und abgebaut.
Die meterspurige Wynental- und Suhrentalbahn, die bis dahin in der Strasse fuhr, sollte das freiwerdende Trassee der Normalspurstrecke nutzen.
Die Arbeiten begannen 2008 und dauerten zwei Jahre, seit dem 22. November 2010 fahren die Züge der Wynental- und Suhrentalbahn auf dem neuen Trassee.
Zu den Gebäuden von Buchs AG ist nichts belegt.
Mellingen: Der alte Bahnhof
Die Reussbrücke bei Mellingen war das erste grosse Bauwerk der Bell Maschinenfabrik.
Der ursprüngliche einspurige Stahlfachwerkträger wurde 1973 durch eine Verbundbrücke ersetzt.
Hintergrund war der Ausbau der Strecke bis zur neu errichteten Dienststation bei Gruemet zur doppelspurigen Hauptstrecke, den der Bau des 1975 eröffneten Heitersbergtunnels erforderte.
In Gruemet zweigt die Strecke zum Heitersbergtunnel von der Strecke nach Wettingen ab.
Der Bahnhof Mellingen Heitersberg wurde am 12. Dezember 2004 eröffnet und ersetzte den Bahnhof Mellingen an der Nationalbahnstrecke, der zum selben Zeitpunkt geschlossen wurde.
Nach einer SBB-Statistik von 2003 nutzten den alten Bahnhof täglich nur wenige Dutzend Reisende.


Dättwil: Der Bahnhof bis 2004
Dättwil besass von 1877 bis 2004 einen Bahnhof an der Strecke Zofingen–Lenzburg–Wettingen–Winterthur.
Der Personenverkehr wurde aufgegeben, seither findet sporadisch Güterverkehr statt.
Mehr zum Bahnhofsgebäude ist nicht belegt.

Baden Oberstadt: Der dritte Gleis auf der Limmatbrücke
Die Untere Limmatbrücke zwischen Wettingen und Baden wurde 1877 fertiggestellt.
Sie führt dreigleisig über die Limmat, zwei Gleise gehören zur Strecke Zürich–Baden, das dritte zur Strecke Zofingen–Wettingen mit dem nächsten Bahnhof Baden Oberstadt.
Eine erste Brücke aus Gitterträgern wurde 1922 durch einen Neubau ersetzt.
Diese Verschiebung galt als die damals grösste Brückenverschiebung der Schweiz.
Die Gleise in Baden Oberstadt dienen weiter dem Güterverkehr.


So sieht es jetzt aus: Güterzüge und Umleitung
Der Personenverkehr zwischen Lenzburg und Wettingen wurde zum Fahrplanwechsel im Dezember 2004 eingestellt und auf die Strasse verlagert.
Die englische Fassung des Streckenartikels nennt dafür das Jahr 2007, die Angaben gehen also auseinander.
Die Strecke Gruemet–Wettingen wird weiter vom Güterverkehr für das Tanklager Mellingen und die Anschlussgleise in Baden Oberstadt genutzt.
Sie dient als Umleitungsstrecke, wenn der Heitersbergtunnel gesperrt ist.
Der regelmässige Güterverkehr zwischen Mellingen und Wettingen wurde 2024 wieder aufgenommen.
Der Abschnitt Lenzburg–Zofingen wird von der S-Bahn Aargau befahren und ist nicht Thema dieses Beitrags.

Die Geschichte in Daten
1877: Die Nationalbahn eröffnet Zofingen–Baden Oberstadt und Aarau–Suhr, später Baden Oberstadt–Wettingen.
1878: Die Nationalbahn geht in Konkurs, die Nordostbahn übernimmt.
1895: Lenzburg Stadt wird eröffnet, die Seetalbahn wird bis Wildegg verlängert.
1946: Aarau–Suhr wird elektrifiziert.
1975: Die Heitersberglinie wird eröffnet.
1984: Der Personenverkehr in Lenzburg Stadt endet.
2003: Das Stationsgebäude von Lenzburg Stadt wird abgerissen.
2004: Aarau–Suhr wird stillgelegt, Mellingen Heitersberg ersetzt den alten Bahnhof Mellingen.
2010: Die Wynental- und Suhrentalbahn fährt auf dem Trassee der alten Strecke Aarau–Suhr.
Häufige Fragen
Fahren noch Züge von Lenzburg nach Wettingen?
Was geschah mit der Strecke Aarau–Suhr?
Gibt es das Stationsgebäude von Lenzburg Stadt noch?
Welcher Bahnhof ersetzte Mellingen?
Wann begann die Nationalbahn?
Die Nationalbahn war nach vier Monaten pleite, ihre Trassen dienen bis heute.
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