Braunschweigs stille Stationen: von Ottmers Staatsbahnhof bis Hedwigsburg

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Braunschweigs stille Stationen: von Ottmers Staatsbahnhof bis Hedwigsburg

Der Alte Bahnhof, der Nordbahnhof und der Westbahnhof prägen Braunschweig noch immer, nur Züge halten dort nicht mehr. Dazu kommen drei Halte an der Harzburger Strecke.

VORHER · nach 1906

Das Kopfgebäude des Braunschweiger Hauptbahnhofs mit der Außengastronomie, Werbepostkarte.

Das Kopfgebäude des Braunschweiger Hauptbahnhofs mit der Außengastronomie, Werbepostkarte. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
NACHHER · 2005

Blick von der Oker zum Kopfgebäude des früheren Bahnhofs.

Blick von der Oker zum Kopfgebäude des früheren Bahnhofs. Foto: Carsten Pätz, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1838
Erster Bahnhof eröffnet
1886
Empfangsgebäude Nord fertig
1938
Ende Personenverkehr Nord
1960
Neuer Hauptbahnhof

Lage: Braunschweig und die Harzburger Strecke bis Hedwigsburg. Status: ohne regulären Personenverkehr, die Strecke nach Bad Harzburg ist in Betrieb. Heute: Landessparkasse, Kulturhaus, Ringgleis-Park.

Braunschweig war Ausgangspunkt der ersten deutschen Staatsbahn, und seine Bahnhöfe erzählen davon.

Der Alte Bahnhof diente von 1838 bis 1960 als zentraler Bahnhof der Stadt.

Der Nordbahnhof war der Betriebsmittelpunkt der Braunschweigischen Landes-Eisenbahn-Gesellschaft, der Westbahnhof ihr großer Güterbahnhof an der Ringbahn.

Dazu kommen drei Halte an der Strecke Braunschweig–Bad Harzburg, Leiferde, Rüningen und Hedwigsburg, an denen heute keine Personenzüge mehr halten.

Die Strecke selbst ist weiter in Betrieb.

Der Alte Bahnhof und der Nordbahnhof stehen noch, der Westbahnhof ist ein Stadtteilprojekt rund um das Ringgleis geworden.

Der Alte Bahnhof: Ottmers Kopfbahnhof

Der Bahnhof entstand auf der Küsters Insel südlich der Altstadt.

Sie war von der Oker, dem Westlichen Umflutgraben und dem Neustadtmühlengraben umgeben.

Der Hofbaurat Carl Theodor Ottmer entwarf das erste Bahnhofsgebäude im gotischen Stil.

Der Bahnhof wurde am 1. Dezember 1838 zusammen mit der Strecke nach Wolfenbüttel in Betrieb genommen, die als erste deutsche Staatsbahn gilt.

Das Gleis endete zunächst an einer Drehscheibe, über die Wagen und Lokomotiven in Wagenschuppen gelangten.

Das erste Gebäude wurde wegen des stark gewachsenen Verkehrs schon 1843 beseitigt.

Das erste Empfangsgebäude, 1838.
Das erste Empfangsgebäude, 1838. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

So sah es vorher aus: Halle, Triumphbogen und Monopteros

Ottmer entwarf auch das zweite Gebäude, das von 1843 bis 1845 entstand.

Es war ein klassizistischer Kopfbahnhof.

In eine Halle führten mehrere Gleise hinein, zur Stadt hin stand ein Kopfbau.

Seine Fassade lehnt sich mit dem Triumphbogen-Motiv an das Eosanderportal des Berliner Stadtschlosses an.

Der Kopfbau enthielt Restaurant und Wartesäle, die Gleise waren von den Flanken aus zugänglich.

An der Südflanke stand ein Monopteros, dem Aachener Elisenbrunnen nachempfunden.

Der Bahnhof von Braunschweig um 1845.
Der Bahnhof von Braunschweig um 1845. Foto: L. V. Kleinknecht, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Zahl der Gleise in der Halle erhöht, später legte man die Bahnsteige nach draußen.

Die Halle wurde zum Wartesaal.

Der Alte Braunschweiger Bahnhof, etwa 1890 bis 1900.
Der Alte Braunschweiger Bahnhof, etwa 1890 bis 1900. Foto: unbekannter Fotograph einer aus der Zeit vor 1900 stammender, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Niedergang: Krieg und der neue Hauptbahnhof

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bahnhof mehrfach schwer getroffen, vor allem bei den Luftangriffen auf Braunschweig 1944.

Am 12. April 1945 wurde die Stadt an US-Truppen übergeben.

Am 7. Mai 1945 wurde ein beschränkter Personenverkehr wiederaufgenommen, um den 1. Juni 1945 wurde er erheblich erweitert.

Schon 1870 hatte es Pläne gegeben, den Bahnhof zum heutigen Berliner Platz zu verlegen.

Am 1. Oktober 1960 wurde der neue Hauptbahnhof eingeweiht, der alte Kopfbahnhof war damit überflüssig.

So sieht es jetzt aus: die Landessparkasse im Bahnhof

Die Ruine des Kopfbaus erwarb die Braunschweigische Staatsbank, die heutige Braunschweigische Landessparkasse.

Der Architekt Hannes Westermann entwarf einen Neubau unter Erhalt der Nordfassade.

Seit 1966 dient er der Bank als Direktionsgebäude.

Der Mittelbau des Alten Bahnhofs, 2005.
Der Mittelbau des Alten Bahnhofs, 2005. Foto: User:Brunswyk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Nordbahnhof: Zentrale der Landeseisenbahn

Die Braunschweigische Landes-Eisenbahn-Gesellschaft entstand 1884 und baute ab 1885 den Bahnhof Braunschweig Nord.

Das Empfangsgebäude von 1886 war auch Sitz der Verwaltung und steht unter Denkmalschutz.

Anfangs war der Bahnhof ein Kopfbahnhof und Ausgangspunkt der Strecke nach Lichtenberg.

Mit dem Bau der Schuntertalbahn nach Fallersleben 1901 wurde er Durchgangsbahnhof.

Der anfangs vorhandene zweigleisige Lokschuppen wurde 1902 aufgegeben und bis 1905 durch einen zwölfgleisigen Ringlokschuppen mit Drehscheibe ersetzt.

1922 kamen zwei Stände hinzu, außerdem entstand eine viergleisige Werkstatt.

Von 1902 bis 1920 begannen und endeten hier auch die Züge der Braunschweig-Schöninger Eisenbahn.

1908 zog die Verwaltung in ein dreigeschossiges Gebäude gegenüber.

Der Bau des Bahnhofs gab den Anstoß für ein Wohnquartier um die Geyso- und die Nordstraße.

1938 wurde die Landes-Eisenbahn verstaatlicht, die Reichsbahn stellte den Personenverkehr zum 2. Oktober 1938 ein und führte die Züge stattdessen zum Hauptbahnhof.

Das Bahnbetriebswerk wurde 1944 bei einem Luftangriff beschädigt und um 1946 geschlossen.

1985 wurde die Strecke bis zur Celler Straße stillgelegt, 1986 wurde die Güterabfertigung ins Volkswagenwerk verlegt, der Bahnhof war damit funktionslos.

Um 1992 endete die Bedienung des letzten Güterkunden auf dem Gelände.

1991 bauten die Stadtwerke ein Verwaltungsgebäude mit einer Gebäudebrücke über das einzige verbliebene Gleis, auf weiteren Flächen entstand der Nordpark.

Am 6. Februar 2024 endete mit der Stilllegung der Kohleanlage im Heizkraftwerk Mitte der Kohleverkehr auf dem Anschlussgleis durch den Bahnhof.

Das Anschlussgleis wird für mögliche Brennstofflieferungen oder den Abtransport von Wasserstoff weiter betrieben.

Das Empfangsgebäude ließ die Stadt 1988 zu einem Büro- und Tagungsgebäude umbauen, am 25. Mai 2013 wurde dort das Haus der Kulturen eröffnet.

Zum 1. Januar 2026 wurde die Volkshochschule neuer Mieter.

Der Nordbahnhof, 2006.
Der Nordbahnhof, 2006. Foto: User:Ufudu, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Empfangsgebäude des Braunschweiger Nordbahnhofs, 2008.
Das Empfangsgebäude des Braunschweiger Nordbahnhofs, 2008. Foto: TeWeBs, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Westbahnhof: Güterbahnhof an der Ringbahn

Auch der Westbahnhof entstand mit der Gründung der Landes-Eisenbahn 1884.

Er erschloss ein aufblühendes Industriequartier im Südwesten, Metallverarbeitung, Holzhandel und Zuckerindustrie siedelten sich an der Trasse an.

Im Juli 1886 wurde der nördliche Abschnitt der Ringbahn von Braunschweig Nord zum Westbahnhof eröffnet, im Herbst 1886 folgte die Verbindung zum Hauptbahnhof und ein Zweig in Richtung Derneburg und Seesen.

Der Westbahnhof hatte 13 Gleise und eine Drehscheibe, rund 52 Betriebe erhielten Gleisanschlüsse.

Ausschnitt aus dem Braunschweiger Stadtplan von 1899 mit dem Westbahnhof.
Ausschnitt aus dem Braunschweiger Stadtplan von 1899 mit dem Westbahnhof. Foto: Stadt Braunschweig, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

1938 übernahm die Reichsbahn die Landes-Eisenbahn, 1941 endete der Personenverkehr.

1944 zerstörten Bomben den Westbahnhof und seine Gebäude, später entstand ein neues Behelfsgebäude.

1986 wurde der Güterverkehr auf der Ringbahn eingestellt.

Bis 1994 fuhr noch einmal pro Woche auf Bestellung ein Zug für die Firma Bühler-MIAG.

Bürger schlugen schon 1995 vor, die Industriebrachen für Freizeitzwecke zu nutzen, daraus entstand das Braunschweiger Ringgleis.

Ab 2007 flossen Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung in die Umgebung des früheren Westbahnhofs, am 30. Oktober 2015 wurde das Ergebnis mit einem „WESTival“ vorgestellt.

Entlang des Ringgleises zeigen fünf containergroße Stahlkonstruktionen die Industriegeschichte des Quartiers.

Zwischen Jugendplatz und dem früheren Westbahnhof liegt ein mehr als 12.000 Quadratmeter großer Mehrgenerationenpark auf dem Birkenwäldchen.

Blick von der „Sinnlosen Brücke“ Richtung Hugo-Lutter-Straße am Westbahnhofsgelände, Sommer 2012.
Blick von der „Sinnlosen Brücke“ Richtung Hugo-Lutter-Straße am Westbahnhofsgelände, Sommer 2012. Foto: Okernick, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Leiferde: ein Haltepunkt wartet auf neue Bahnsteige

Die Strecke von Braunschweig nach Wolfenbüttel wurde am 1. Dezember 1838 eröffnet.

Der erste Haltepunkt Leiferde folgte am 15. Mai 1839, er lag etwa 250 Meter südlich des heutigen Ortsrandes.

Vor 1900 wurde er an die Bahnhofstraße verlegt.

1942 wurde die Strecke nach Salzgitter-Bad zunächst bis Salzgitter-Drütte eröffnet, seitdem ist Leiferde ein Abzweig.

Der Personenverkehr wurde 1974 eingestellt, der Bahnhof wurde zu einer Abzweigstelle zurückgebaut.

1978 ersetzte ein Relaisstellwerk das mechanische Stellwerk.

Das Empfangsgebäude übernahm 1979 der VfL Leiferde als Vereinsheim.

2014 wurde am Standort des ersten Haltepunkts von 1839 eine Informationstafel eingeweiht.

Seit 2019 wird die Reaktivierung geplant, vorgesehen sind je zwei Bahnsteige an den Strecken nach Wolfenbüttel und nach Salzgitter-Bad.

Nach den vorliegenden Angaben war der Bau mit Stand 2022 für 2026 vorgesehen, ein Eröffnungstermin ist nicht belegt.

Rüningen: an der ersten Staatsbahnstrecke

Rüningen liegt an der ersten Staatsbahnstrecke von Braunschweig nach Wolfenbüttel.

Die Station soll nach einer Vereinbarung vom 28. März 2019 zwischen dem Land Niedersachsen, dem Regionalverband Großraum Braunschweig und der DB wieder für Personenzüge ausgebaut werden.

Weitere belegte Angaben zur Geschichte des Halts liegen nicht vor.

Hedwigsburg: Mühle, Rittergut und Güterbahnhof

Hedwigsburg ist ein Ortsteil von Kissenbrück im Landkreis Wolfenbüttel und liegt an der Strecke nach Bad Harzburg.

Das Rittergut gab dem Ort den Namen, die Fährmühle wuchs zu einer industriellen Handelsmühle.

Nach langen Verhandlungen zwischen den Eigentümern und der Eisenbahngesellschaft wurde 1890 ein Güterbahnhof eingerichtet.

Die Bahnstation bestand für den Personenverkehr bis 1982, der Bahnhof wurde Anfang der 1980er Jahre geschlossen.

Ausschnitt der Karte des Deutschen Reichs von 1904 mit Hedwigsburg.
Ausschnitt der Karte des Deutschen Reichs von 1904 mit Hedwigsburg. Foto: Behörde des Deutschen Reichs, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Vorher und nachher: der Alte Bahnhof

Auf der Postkarte nach 1906 steht vor dem Kopfgebäude eine Außengastronomie, im Vordergrund ist ein Stück des Oker-Umflutgrabens zu sehen.

Der Gastronom Otto Fricke betrieb im Empfangsgebäude ein Traiteurgeschäft, eine Weinhandlung und eine Gastwirtschaft und durfte sich Hoflieferant nennen.

Das Foto von 2005 zeigt dasselbe Gebäude von der Oker aus, im Hintergrund den Turm der Nord/LB.

Die Geschichte in Daten

1838: Am 1. Dezember werden der Braunschweiger Bahnhof und die Strecke nach Wolfenbüttel eröffnet.

1845: Ottmers zweites, klassizistisches Empfangsgebäude ist fertig.

1884: Die Braunschweigische Landes-Eisenbahn-Gesellschaft wird gegründet.

1886: Das Empfangsgebäude des Nordbahnhofs wird fertig, der Westbahnhof geht mit der Ringbahn in Betrieb.

1938: Am 2. Oktober endet der Personenverkehr in Braunschweig Nord.

1941: Der Personenverkehr auf der Ringbahn endet.

1960: Am 1. Oktober wird der neue Hauptbahnhof eingeweiht.

1974: In Leiferde endet der Personenverkehr.

1986: Der Güterverkehr auf der Ringbahn endet, der Nordbahnhof ist funktionslos.

2013: Am 25. Mai wird im Empfangsgebäude Nord das Haus der Kulturen eröffnet.

2024: Am 6. Februar endet der Kohleverkehr durch den Nordbahnhof.

Häufige Fragen

Wo war der erste Braunschweiger Bahnhof?
Auf der Küsters Insel südlich der Altstadt, zwischen Oker und Umflutgräben.
Wer nutzt das Gebäude des Alten Bahnhofs heute?
Der Kopfbau mit der erhaltenen Nordfassade dient seit 1966 der Braunschweigischen Landessparkasse als Direktionsgebäude.
Fährt am Nordbahnhof noch ein Zug?
Der Personenverkehr endete 1938, der Kohleverkehr auf dem Anschlussgleis endete am 6. Februar 2024, das Gleis wird weiter betrieben.
Was ist aus dem Westbahnhof geworden?
Das Gelände wurde mit dem Ringgleis zu einem Park- und Freizeitbereich mit Mehrgenerationenpark und Industriepfad.
Sollen Leiferde und Rüningen wieder Halte bekommen?
Ja, die Reaktivierung beider Stationen für Personenzüge ist vereinbart beziehungsweise in Planung, ein Eröffnungstermin ist nicht belegt.

Braunschweigs alte Bahnhöfe sind keine Ruinen geworden, sondern haben neue Aufgaben bekommen.

Nur ihre Züge fehlen.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Alter Braunschweiger Bahnhof · Wikipedia: Bahnhof Braunschweig Nord · Wikipedia: Westbahnhof (Braunschweig) · Wikipedia: Bahnhof Leiferde (Braunschweig) · Wikipedia: Bahnstrecke Braunschweig–Bad Harzburg · Wikipedia: Hedwigsburg · Stadt Braunschweig: Ringbahn der Braunschweiger Landeseisenbahn

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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