Der Lloyd-Bahnhof Bremen: Auswandererbahnhof am Nordausgang

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Lloyd-Bahnhof Bremen: Auswandererbahnhof am Nordausgang

Der Lloyd-Bahnhof am Bremer Hauptbahnhof war ab 1913 ein Auswandererbahnhof und eine Gepäckabteilung des Norddeutschen Lloyd. Heute dient das denkmalgeschützte Haus als Hotel und Bürobau, und es gehört zur Geschichte der Deportation vom 18. November 1941.

Der Lloyd-Bahnhof an der Gustav-Deetjen-Allee in Bremen, aufgenommen 2012.
Der Lloyd-Bahnhof an der Gustav-Deetjen-Allee in Bremen, aufgenommen 2012. Foto: Quarz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1913
Gebaut nach Plänen von Rudolf Jacobs
1927
Columbuskaje nimmt dem Haus die Aufgabe
1941
Deportation nach Minsk
2010
Hotel eröffnet

Lage: Nordausgang des Hauptbahnhofs Bremen, Gustav-Deetjen-Allee 2 bis 6, Ecke Theodor-Heuss-Allee. Status: ehemaliger Auswandererbahnhof ohne Zugbetrieb, seit 2001 unter Denkmalschutz. Heute: Hotel und Büros.

Das Backsteinhaus am Nordausgang des Bremer Hauptbahnhofs sieht aus wie ein Verwaltungsbau.

Gebaut wurde es 1913 als Auswandererbahnhof und Gepäckabteilung des Norddeutschen Lloyd.

Von hier gelangten die Reisenden zu den Zügen nach Bremerhaven, wo die Lloyddampfer vorwiegend nach Amerika ablegten.

Der Hauptbahnhof nebenan ist weiter in Betrieb, das Haus selbst hat mit dem Zugbetrieb nichts mehr zu tun.

Alte freie Fotos des Gebäudes sind auf Wikimedia Commons nicht zu finden, deshalb zeigt dieser Beitrag nur Aufnahmen aus den Jahren 2012 und 2014.

Zur Geschichte des Hauses gehört auch die Deportation vom 18. November 1941.

Auswanderer, Lloyd und der Weg nach Bremerhaven

Der Norddeutsche Lloyd war die damals größte deutsche Reederei und besaß zur Bauzeit des Hauses rund 60 Passagier- und Kombischiffe.

Seine Dampfer legten in Bremerhaven ab.

Zwischen 1830 und 1974 wanderten über Bremerhaven mehr als sieben Millionen Menschen aus.

Sie suchten sich eine neue Heimat unter anderem in den USA, in Kanada, in Brasilien, in Argentinien oder in Australien.

Der Bremer Hauptbahnhof war am 15. Oktober 1889 als Centralbahnhof eröffnet worden.

Um 1900 entstand östlich der Bahnhofshalle ein eigenes Empfangsgebäude für den Auswandererverkehr nach Bremerhaven.

Dieses ältere Gebäude musste nach 2000 einem Hotel weichen.

Verwechseln sollte man den Bremer Bau nicht mit dem Lloydbahnhof in Bremerhaven.

Der ging 1870 mit der ersten Lloydhalle am Neuen Hafen in Betrieb.

Die zweite Lloydhalle von 1897 wurde 1944 durch Bomben zerstört.

Der Bau von 1913

Der Architekt Rudolf Jacobs plante das Haus, Bauherr war der Norddeutsche Lloyd.

Stadtbaumeister Adolf Muesmann hatte auf eine zurückspringende Bebauung mit einem Ehrenhof gedrängt.

Daraus wurde ein Vorplatz, der sich zum Parkviertel öffnet.

Das Hauptgebäude ist auf die Hohenlohestraße ausgerichtet.

Zu den Gleisen hin schließt sich ein zweigeschossiger Seitenflügel an.

Die Fassade aus Klinker ist neobarock gehalten.

Ein fünfachsiger Eingangsportikus trägt ein rundes Giebelfeld mit dem Wappen des Norddeutschen Lloyd.

Das Wappen zeigt den Bremer Schlüssel und einen Anker.

Das Wappenschild im Giebel des Lloyd-Bahnhofs.
Das Wappenschild im Giebel des Lloyd-Bahnhofs. Foto: Godewind, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Als Vorbild dienten Bauten des 17. und 18. Jahrhunderts in den Niederlanden.

Mit anderen Bauten von Jacobs in Bremen, etwa der Staatlichen Kunstgewerbeschule und dem Postamt 5, sollte eine regionale Bautradition entstehen.

Auf dem Walmdach sitzt ein runder, offener Dachreiter mit Kupferverkleidung und einer maritimen Wetterfahne.

Der kupferverkleidete Dachreiter auf dem Walmdach.
Der kupferverkleidete Dachreiter auf dem Walmdach. Foto: Quarz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Wetterfahne in Gestalt eines Segelschiffs.
Die Wetterfahne in Gestalt eines Segelschiffs. Foto: Godewind, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sah es vorher aus: Wartesaal, Gepäck und Lloydtunnel

Im Haupthaus lag der Wartesaal, der über zwei Etagen reichte.

Das Haus diente als Gepäckabteilung und als Auswandererbahnhof für die Schiffspassagiere.

Von dort führte der schmale Lloydtunnel zu den Bahnsteigen des Hauptbahnhofs.

Die Reisenden fuhren weiter nach Bremerhaven zum Kaiserhafen II und III.

Später wurde der Lloydtunnel als Fußgängertunnel der Gustav-Deetjen-Allee genutzt.

Die Treppenaufgänge wurden dabei zugeschüttet.

Seit dem Bau des Hotels ist der Tunnel nicht mehr öffentlich zugänglich.

Detail am Haus: ein Segelschiff in einem Ring als Zierelement.
Detail am Haus: ein Segelschiff in einem Ring als Zierelement. Foto: Quarz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Niedergang: Krieg, Neubeginn und die Columbuskaje

Nur gut ein Jahr konnte das Haus seine Aufgabe erfüllen.

Mit dem Ersten Weltkrieg kam 1914 der überseeische Schiffsverkehr zum Erliegen.

Erst nachdem der Lloyd ab 1922 den Passagierverkehr nach Übersee wieder aufnahm, fand der Lloyd-Bahnhof als Auswandererbahnhof mehr Beachtung.

1927 wurde die Columbuskaje in Bremerhaven fertig.

Bald folgte dort der Columbusbahnhof als Bahnhof am Meer.

Damit kam eine direkte Eisenbahnanbindung zum Hinterland, und der Lloyd-Bahnhof verlor nach und nach seine ursprüngliche Bedeutung.

Die Lloydhalle in Bremerhaven diente nach der Inbetriebnahme dieser Anlagen nur noch der Abfertigung kleiner Auswandererschiffe.

In Bremen wurde das Haus neben dem Lloydgebäude von 1910, dem Hauptsitz der Reederei, zum zweiten Verwaltungssitz des Lloyd.

Der 18. November 1941

Von diesem Haus ging am 18. November 1941 die Deportation von rund 570 jüdischen Menschen aus Bremen und der Umgebung in das Ghetto Minsk aus.

440 Menschen mussten vor der Schule Am Barkhof antreten.

Gemeinsam mit Gefangenen aus dem Regierungsbezirk Stade gingen sie zu Fuß zum Lloydbahnhof und wurden von dort mit Zügen nach Minsk gebracht.

Die meisten der Deportierten wurden bei Massenexekutionen ermordet oder starben im Ghetto Minsk an Hunger und Kälte.

Nur sechs von ihnen überlebten.

Am Hauptbahnhof erinnert seit 1991 eine Gedenktafel an die Deportation.

Sie hängt seit 2009 an der stadtseitigen Westfassade neben dem rechten Eingangsportal.

Nach 1945: Reederei, Fusion und Denkmalschutz

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm das Land Bremen das beschädigte Lloydgebäude.

Der Hauptsitz der Reederei befand sich nun im ehemaligen Lloyd-Bahnhof.

1970 fusionierten der Norddeutsche Lloyd und die HAPAG zu Hapag-Lloyd.

Bremen blieb danach Zweitsitz der Reederei.

Zuletzt hatte die Reisebüro-Kette Hapag-Lloyd Reisebüro hier ihre Zentrale, und neue Angestellte der Hapag absolvierten dort ihren Einführungslehrgang.

Seit 2001 steht das Gebäude unter Bremer Denkmalschutz.

So sieht es jetzt aus

Der Lloyd-Bahnhof im September 2014.
Der Lloyd-Bahnhof im September 2014. Foto: Godewind, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Durch den Abriss eines Nebengebäudes an der Theodor-Heuss-Allee wurde Platz für ein Hotel.

Es nutzt die repräsentativen Teile des Lloyd-Bahnhofs.

2010 eröffnete dort das Courtyard by Marriott mit 155 Zimmern im ehemaligen Hapag-Lloyd-Haus.

Im Verwaltungsflügel sind verschiedene Unternehmen ansässig.

Der Eingangsbereich mit den Säulen des Portikus.
Der Eingangsbereich mit den Säulen des Portikus. Foto: Jürgen Howaldt, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: Was vom Auswandererbahnhof bleibt

Erhalten sind die Klinkerfassade, das Lloyd-Wappen im Giebel, der Dachreiter und die Wetterfahne.

Die frühere Aufgabe ist dagegen verschwunden: Im Haus befinden sich heute ein Hotel und Büros.

Das ältere Empfangsgebäude für Auswanderer von etwa 1900 ist nach 2000 einem Hotel gewichen.

Der Lloydtunnel zu den Bahnsteigen ist geschlossen.

Die Geschichte in Daten

15. Oktober 1889: Der Bremer Hauptbahnhof wird als Centralbahnhof eröffnet.

1913: Der Lloyd-Bahnhof entsteht nach Plänen von Rudolf Jacobs.

1914: Der Erste Weltkrieg bringt den überseeischen Schiffsverkehr zum Erliegen.

1922: Der Lloyd nimmt den Passagierverkehr nach Übersee wieder auf.

1927: Die Columbuskaje in Bremerhaven wird fertig, der Lloyd-Bahnhof verliert an Bedeutung.

18. November 1941: Deportation von rund 570 jüdischen Menschen aus Bremen und der Umgebung nach Minsk.

1970: Norddeutscher Lloyd und HAPAG fusionieren zu Hapag-Lloyd.

2001: Das Gebäude kommt unter Bremer Denkmalschutz.

2010: Das Courtyard by Marriott Bremen eröffnet in dem Haus.

Häufige Fragen

Wo steht der Lloyd-Bahnhof in Bremen?
Beim Nordausgang des Hauptbahnhofs, an der Ecke Gustav-Deetjen-Allee 2 bis 6 und Theodor-Heuss-Allee 2 im Stadtteil Findorff.
Fahren dort noch Züge?
Nein. Der Hauptbahnhof nebenan ist in Betrieb, der Lloyd-Bahnhof ist ein ehemaliger Auswandererbahnhof und wird als Hotel und Bürogebäude genutzt.
Wer hat den Lloyd-Bahnhof gebaut?
Der Architekt Rudolf Jacobs plante ihn 1913 für den Norddeutschen Lloyd.
Steht das Haus unter Denkmalschutz?
Ja, seit 2001 steht es unter Bremer Denkmalschutz.
Was geschah hier 1941?
Am 18. November 1941 ging von hier die Deportation von rund 570 jüdischen Menschen aus Bremen und der Umgebung in das Ghetto Minsk aus.
Warum verlor der Lloyd-Bahnhof seine Aufgabe?
Mit der Columbuskaje von 1927 und dem Bahnhof am Meer in Bremerhaven kam eine direkte Eisenbahnanbindung zum Hinterland, und das Bremer Haus verlor seine Bedeutung.

Der Lloyd-Bahnhof ist heute ein denkmalgeschütztes Haus mit Hotel und Büros.

Seine Geschichte reicht vom Auswandererverkehr nach Bremerhaven bis zur Deportation von 1941.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Lloyd-Bahnhof · Wikipedia: Bremen Hauptbahnhof · Wikipedia: Lloydhalle · Wikipedia: Bremen zur Zeit des Nationalsozialismus · touristik aktuell: Marriott-Hotel im alten Hapag-Gebäude eröffnet · Universität Bremen: Die Deportation der Juden nach Minsk · Bremen Tourismus: Deutsches Auswandererhaus · Bremen sehenswert: Findorff

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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