Der Alte Bahnhof Bergedorf: Das Kassenhaus von 1842, das blieb

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Alte Bahnhof Bergedorf: Das Kassenhaus von 1842, das blieb

Der Alte Bahnhof in Hamburg-Bergedorf ist eines der ältesten erhaltenen Bahnhofsgebäude Deutschlands. Seit 1846 fährt dort kein Zug mehr, und das blaue Holzhaus steht trotzdem noch.

Das ehemalige Kassengebäude des Alten Bahnhofs Bergedorf mit seinem Turm, aufgenommen 2018.
Das ehemalige Kassengebäude des Alten Bahnhofs Bergedorf mit seinem Turm, aufgenommen 2018. Foto: Ajepbah, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1842
Kassengebäude nach Entwurf von Chateauneuf
1846
Stilllegung zur Berlin-Verlängerung
1942
Eintrag in die Hamburger Denkmalliste
1990 bis 1992
Restaurierung zur 150-Jahr-Feier

Lage: Neuer Weg in Hamburg-Bergedorf, südöstlich des Stadtzentrums. Status: seit 1846 ohne Bahnbetrieb, Denkmal. Heute: Haus mit Vereinsnutzung, die Bahnsteigfläche ist Rasen.

Der Alte Bahnhof in Hamburg-Bergedorf ist das Kassengebäude des ersten Endbahnhofs der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn.

Es entstand im März und April 1842 nach einem Entwurf von Alexis de Chateauneuf und gilt als eines der ältesten erhaltenen Bahnhofsgebäude in Deutschland.

Seit 1846 fährt dort kein Zug mehr.

Der heutige Bahnhof Hamburg-Bergedorf ist ein anderer Ort an der Strecke nach Berlin und ist in Betrieb.

Alte freie Fotos aus der Zeit des Bahnbetriebs sind auf Wikimedia Commons nicht zu finden, deshalb zeigt dieser Beitrag nur Aufnahmen von 2007 bis 2020.

Eine Bahn nach Bergedorf: Warum 1842?

Als wichtigste Bahnverbindung sah die Hamburger Bürgerschaft eine Verbindung zum Ostseehafen Lübeck an.

Diese Strecke hätte durch holsteinisches Gebiet geführt, das der dänische König in Personalunion verwaltete.

Dänemark stellte sich bei den Konzessionsverhandlungen quer.

Gegen eine Bahn nach Bergedorf konnte es dagegen keine Einwände erheben, denn sie verlief allein über hamburgisches Gebiet und über die Vierlande, die damals gemeinsam mit Lübeck verwaltet wurden.

William Lindley plante und vermaß die Strecke 1838.

Die Bauarbeiten begannen im März 1839.

Die Bahnhofsbauten entwarf Alexis de Chateauneuf, der 1799 in Hamburg geboren wurde und als einer der Pioniere der Backsteinarchitektur in seiner Heimatstadt gilt.

Geschäftsführer der Eisenbahngesellschaft war der Kaufmann Emil Müller.

Die Strecke führte durch die tiefgelegene, oft überflutete Marsch des Hammerbrook, und Lindley entwickelte bei den Arbeiten seinen Plan für ein Kanalnetz zur Entwässerung des Geländes.

Der Bahnhof auf aufgeschüttetem Grund

Die Station und ihre Gebäude entstanden südöstlich des Städtchens in unbewohntem Gebiet auf der Amtswiese.

Der Marschboden trug die Bauten nicht, und deshalb wurde das Gelände um 3,00 bis 4,30 Meter aufgeschüttet.

Dafür wurden knapp 40.000 Kubikmeter Sand vom Gojenberg gebraucht, einer eiszeitlichen Endmoräne im Stadtgebiet.

Zum Transport baute man einen provisorischen Schienenweg von etwa 2,3 Kilometern Länge, auf dem Pferde die Wagen zogen.

Die Erdarbeiten dauerten von Anfang August 1841 bis März 1842.

Danach begannen die Bauarbeiten an den Hochbauten und Gleisanlagen.

Das Haus von der Seite mit Turm und niedrigem Flügel.
Das Haus von der Seite mit Turm und niedrigem Flügel. Foto: Ajepbah, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Kassengebäude ist ein einstöckiger Fachwerkbau mit Holzdielen und Schieferdach.

Der Grundriss ist L-förmig, dazu kommt ein zweistöckiger Glockenturm.

Die Glocke kündigte die Abfahrt der Züge an.

Im Haus befanden sich eine Fahrkartenverkaufsstelle, die Gepäckaufgabe und im nördlichen Flügel eine Wohnung für den Bahnhofsaufseher mit zwei Wohnräumen und einer Küche.

Der obere Teil des Turms mit Wetterfahne.
Der obere Teil des Turms mit Wetterfahne. Foto: Ajepbah, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Ein zweiter Bau mit eigenem Turm, ursprünglich für die Wohnung des Bahnhofsvorstehers gedacht, wurde aus Kostengründen nie gebaut.

Dieser Turm sollte die Glocke tragen, der Turm des Kassenhäuschens die Uhr.

Die Uhr kam stattdessen in das zur Straße gerichtete Fenster des Kassengebäudes.

Einen Wartesaal gab es nicht.

Die Fahrgäste konnten in einem wenige Schritte entfernten Restaurationsgebäude warten, dem Frascati.

Die Bahngesellschaft hatte es ebenfalls errichten lassen und verpachtete es.

Das Kassengebäude kostete 5.408 Courantmark.

Die Eröffnung, die nicht gefeiert wurde

Die feierliche Eröffnung war für den 7. Mai 1842 geplant.

Am 5. Mai brach in Hamburg der Große Brand aus, der erst am 8. Mai gelöscht war und ein Drittel der Stadt zerstörte.

Die Feier wurde abgesagt, und stattdessen fuhren die ersten Züge zur Hilfe.

Ab dem 7. Mai brachte die Bahn Feuerwehren und Handwerker vom Alten Bahnhof nach Hamburg.

Flüchtlinge und ihre gerettete Habe wurden unentgeltlich nach Bergedorf gefahren.

Um das Städtchen und den Bahnhof entstanden ein großes Zeltlager und Holzbaracken für die Flüchtlinge, die sich in den folgenden Wochen weitgehend wieder leerten.

Der reguläre Verkehr auf der Strecke begann am 17. Mai 1842, wieder ohne Feier.

Zwischen dem 17. Mai und dem 31. August 1842 beförderte die Bahn insgesamt 99.560 Fahrgäste.

Das Kassengebäude mit dem überdachten Eingangsbereich.
Das Kassengebäude mit dem überdachten Eingangsbereich. Foto: Ajepbah, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Am anderen Ende der Strecke lag der Bergedorfer Bahnhof in Hamburg nahe dem Deichtor.

Er wurde ab 1844 erweitert und hieß fortan Berliner Bahnhof.

Das Ende des Betriebs 1846

Schon bei der Planung war eine Verlängerung nach Berlin berücksichtigt worden.

Für die Berlin-Hamburger Bahn wurde jedoch eine weiter nördlich liegende Trasse über Büchen gewählt.

Sie verlief nordwestlich am Stadtzentrum von Bergedorf vorbei, und dort wurde ein neuer Bahnhof errichtet.

Die Verlängerung wurde am 15. Dezember 1846 eröffnet.

Der nun funktionslose erste Bahnhof wurde am Tag zuvor stillgelegt.

Weil man erwog, die alte Streckenführung durch die Vierlande und über die Elbe in Richtung Lüneburg oder Hannover weiterzuführen, blieben die Bauwerke zunächst stehen.

Ab Oktober 1848 wurden die nicht mehr benötigten Gleise und der Lokschuppen abgetragen.

Der Lokschuppen hatte östlich des Neuen Curslacker Wegs gestanden, des heutigen Neuen Wegs.

Im Dezember 1846 wurde das Frascati zerlegt und nach Friedrichsruh verkauft, wo es 1847 und 1848 neben der Bahnstation wieder errichtet wurde.

Der Eingangsbereich mit geschwungenen Streben unter dem Vordach.
Der Eingangsbereich mit geschwungenen Streben unter dem Vordach. Foto: Ajepbah, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sah es danach aus: Wohnhaus, Bauhof und Bunker

Das Kassengebäude blieb dagegen stehen, weil es als Wohnhaus weiterdiente.

Der Bahnhofsaufseher Grünwald lebte seit 1842 in der Wohnung im Nordflügel und blieb als Mieter.

Ein Abriss erschien deshalb unnötig.

Das Haus wurde bis zum Tod des letzten Mieters 1904 als Wohnhaus genutzt.

Nach 1904 wurde das Gelände zum Bauhof der 4. Ingenieur-Abteilung der I. Sektion der Hamburger Baudeputation.

Das ehemalige Kassengebäude verfiel langsam.

Erste Stimmen forderten 1937 den Abriss, als das neue Bahnhofsgebäude an der hochgelegten Strecke nach Berlin eingeweiht wurde.

Stattdessen wurde das Gelände 1939 für zehn Reichsmark im Monat an die Technische Nothilfe vermietet, einen Vorläufer des THW.

Die Auflage lautete, das Gebäude zu erhalten und zu pflegen.

Aus dieser Zeit stammen zwei Gebäude in der direkten Nachbarschaft.

Eine einstöckige Remise diente ab 1937 als Schuppen für Bauholz und als Unterstellmöglichkeit für einen Lichtwagen.

1941 kam eine Kraftwagenhalle hinzu, die später zu einer Bürgerbühne umgebaut wurde.

Die Bürgerbühne und das ehemalige Bahnhofsgebäude, aufgenommen 2011.
Die Bürgerbühne und das ehemalige Bahnhofsgebäude, aufgenommen 2011. Foto: flamenc, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Im selben Jahr 1941 entstand auf der ehemaligen Bahnsteigseite des Hauses ein Luftschutzbunker.

Sein Lüftungsschacht ragt seither südlich neben dem Gebäude empor.

Die Tür zwischen den Fenstern, die den Bahnmitarbeitern den direkten Zugang zum Bahnsteig ermöglicht hatte, war durch den Bunker nicht mehr nutzbar.

Sie wurde zu einem Fenster umgebaut, das auch bei der Restaurierung von 1990 bis 1992 so erhalten blieb.

Der Bunker neben dem Gebäude, Nahaufnahme von 2018.
Der Bunker neben dem Gebäude, Nahaufnahme von 2018. Foto: Ajepbah, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Alte Bahnhof mit dem Bunker, aufgenommen 2020.
Der Alte Bahnhof mit dem Bunker, aufgenommen 2020. Foto: Minderbinder, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Gerettet: Denkmal und Straßenplanung

Am 16. Februar 1942 wurde das Kassengebäude in die Hamburger Denkmalliste eingetragen.

Seither steht es unter Denkmalschutz.

Anfang der 1950er Jahre kam der Gedanke an einen Abriss erneut auf, weil das Haus einer Straßenplanung im Weg stand.

Die geplante Trasse wurde um 200 Meter nach Norden verlegt, und sie ist heute die Bundesstraße 5.

Das rettete das Gebäude.

So sieht es jetzt aus

Das ehemalige Kassen- und Wärterhaus am Neuen Weg 54, aufgenommen 2018.
Das ehemalige Kassen- und Wärterhaus am Neuen Weg 54, aufgenommen 2018. Foto: Puusterke, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Zur 150-Jahr-Feier im Jahr 1992 wurde das Gebäude ab 1990 renoviert.

Dabei erhielt es den heutigen blauen Anstrich.

Der Verein Arbeit und Lernen führte die Renovierung des Holzbaus von 1990 bis 1992 durch.

Der Bereich des früheren Bahnsteigs ist heute eine Rasenfläche.

Das Haus wird von Vereinen genutzt.

Genannt werden ein Stadtteilbüro von Haus und Grund beziehungsweise der Sitz des Grundeigentümer-Vereins Bergedorf, außerdem eine Theaterwerkstatt und Veranstaltungen von Vereinen.

Wann das Haus für Besucher geöffnet ist, ist nicht belegt.

Von außen ist es an der Straße Neuer Weg gut zu sehen.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude der Bergedorfer Eisenbahn, aufgenommen 2019.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude der Bergedorfer Eisenbahn, aufgenommen 2019. Foto: Pauli-Pirat, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: Was vom Endbahnhof bleibt

Von der Anlage von 1842 steht nur noch das Kassen- und Wärterhaus.

Die Gleise und der Lokschuppen wurden ab 1848 abgetragen, das Frascati wurde schon Ende 1846 zerlegt.

Neu hinzugekommen sind die Nachbargebäude aus den Jahren 1937 und 1941 und der Bunker.

Wo früher der Bahnsteig lag, ist heute Rasen.

Ein Abriss des Kassengebäudes wurde 1937 gefordert und Anfang der 1950er Jahre erneut erwogen, und heute steht es unter Denkmalschutz.

Der Alte Bahnhof von der Seite, aufgenommen 2018.
Der Alte Bahnhof von der Seite, aufgenommen 2018. Foto: Ajepbah, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Gebäude aus einer weiteren Perspektive, aufgenommen 2018.
Das Gebäude aus einer weiteren Perspektive, aufgenommen 2018. Foto: Ajepbah, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Kassengebäude im Jahr 2007.
Das Kassengebäude im Jahr 2007. Foto: Carol.Christiansen, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Die Geschichte in Daten

1838: William Lindley plant und vermisst die Strecke.

März 1839: Die Bauarbeiten der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn beginnen.

August 1841: Die Erdarbeiten zur Aufschüttung des Geländes beginnen.

März und April 1842: Das Kassengebäude entsteht nach Entwurf von Alexis de Chateauneuf.

7. Mai 1842: Geplanter Eröffnungstag, wegen des Hamburger Brandes ohne Feier; erste Fahrten dienen der Hilfe.

17. Mai 1842: Der reguläre Verkehr auf der Strecke beginnt.

15. Dezember 1846: Die Verlängerung nach Berlin wird eröffnet, der erste Bahnhof ist am Tag zuvor stillgelegt worden.

Oktober 1848: Gleise und Lokschuppen werden abgetragen.

1904: Der letzte Mieter stirbt, das Gelände wird Bauhof.

1939: Die Technische Nothilfe mietet das Gelände.

1941: Ein Luftschutzbunker entsteht auf der Bahnsteigseite.

16. Februar 1942: Eintrag in die Hamburger Denkmalliste.

1990 bis 1992: Restaurierung zur 150-Jahr-Feier.

Häufige Fragen

Wo steht der Alte Bahnhof Bergedorf?
Am Neuen Weg in Hamburg-Bergedorf, südöstlich des Stadtzentrums. Das ehemalige Kassen- und Wärterhaus hat die Hausnummer 54.
Fahren dort noch Züge?
Nein. Der Bahnbetrieb endete 1846, als der Endabschnitt der Strecke verlegt wurde. Der heutige Bahnhof Hamburg-Bergedorf liegt an einer anderen Stelle und ist in Betrieb.
Wer hat den Alten Bahnhof entworfen?
Alexis de Chateauneuf entwarf die Bahnhofsbauten der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn.
Ist der Alte Bahnhof wirklich das älteste Bahnhofsgebäude Deutschlands?
Belegt ist, dass er zu den ältesten erhaltenen Bahnhofsgebäuden in Deutschland gehört. Ein Alleinstellungsmerkmal als ältestes ist nicht belegt.
Steht das Haus unter Denkmalschutz?
Ja. Es wurde am 16. Februar 1942 in die Hamburger Denkmalliste eingetragen.
Warum steht neben dem Haus ein Bunker?
1941 entstand auf der ehemaligen Bahnsteigseite ein Luftschutzbunker. Sein Lüftungsschacht ragt südlich neben dem Gebäude auf.

Der Alte Bahnhof Bergedorf blieb stehen, weil er als Wohnhaus gebraucht wurde und weil eine geplante Straße 200 Meter weiter nördlich gebaut wurde.

Heute ist das blaue Holzhaus ein Denkmal.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Alter Bahnhof Bergedorf · Wikipedia: Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn · Wikipedia: Alexis de Chateauneuf · hamburg.de: Bergedorf · komoot: Alter Bahnhof Bergedorf

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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