Die stillen Halte der Bahnstrecke Hildesheim–Goslar
An der Strecke durch das nördliche Harzvorland fahren Züge, aber vier Halte sind ohne Reisende: Grauhof, Othfresen, Dörnten und Hockeln. Ein Rundgang durch Gleisfelder, Stellwerke und ein Schrankenwärterhaus.

Lage: Landkreise Goslar und Hildesheim, Niedersachsen. Status: Die Strecke ist in Betrieb, die vier Halte haben keinen Personenverkehr mehr. Heute: Stellwerk Gof in Grauhof als Denkmal, Empfangsgebäude Othfresen privat genutzt, Schrankenwärterhaus Hockeln erhalten.
Die Bahnstrecke Hildesheim–Goslar ist 53 Kilometer lang, zweigleisig und nicht elektrifiziert.
Heute fahren dort Regionalzüge zwischen Hannover und Bad Harzburg.
Vier Halte an der Strecke haben dagegen keinen Personenverkehr mehr: Grauhof, Othfresen, Dörnten und Hockeln.
Von ihnen ist unterschiedlich viel geblieben, in Grauhof ein verfallendes Stellwerk, in Othfresen ein privat genutztes Empfangsgebäude und in Hockeln ein Schrankenwärterhaus.
Freie historische Fotos dieser Halte liegen auf Wikimedia Commons nicht vor, deshalb zeigen alle Bilder den heutigen Zustand.
Die Strecke selbst ist nicht stillgelegt, es geht hier nur um die Halte, an denen kein Zug für Reisende mehr hält.
So entstand die Strecke
Schon vor 1867, als die Grenzen zwischen den Ländern Hannover und Preußen noch bestanden, suchte die Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn eine Verbindung von Halberstadt nach Westen.
Die Hannover-Altenbekener Eisenbahn-Gesellschaft wollte ihrerseits einen Anschluss nach Osten, der Hannover und Braunschweig umging.
Beide Gesellschaften verabredeten, dass die Strecke von Hildesheim nach Grauhof gebaut und dort angeschlossen werden sollte.
Die Hannover-Altenbekener Gesellschaft geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten, sodass das Vorhaben nur mit Hilfe der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn gelang.
Am 19. Mai 1875 begann der Güterverkehr von Hildesheim über Grauhof nach Vienenburg.
Am 30. Juni 1875 folgte der Personenverkehr.
Am 1. Mai 1883 nahm die Braunschweigische Eisenbahn die Verlängerung nach Goslar in Betrieb.

Die Strecke wurde bald Teil einer Fernverbindung aus den Niederlanden und dem nördlichen Westfalen über Löhne, Hildesheim und Halberstadt nach Halle und Leipzig.
Teilweise liefen Züge von dort weiter nach Polen und in das heutige Tschechien.
Mit der deutschen Teilung entfiel der Durchgangsverkehr, und der Güterverkehr fiel auf eine örtliche Bedeutung zurück.
Am 27. November 1984 leitete die Deutsche Bundesbahn ein Planungsverfahren ein, um die Strecke auf ein Gleis zurückzubauen.
Der Rückbau wurde nicht verwirklicht, die Planungen wurden abgebrochen.
Der Fernverkehr mit Schnellzügen und zuletzt Interregios endete im Jahr 2002.
Seit Dezember 2014 betreibt erixx die Regionalexpress-Linie von Bad Harzburg über Goslar nach Hannover.
Grauhof: der Bahnhof mit den 15 Gleisen
Der Name Bahnhof Grauhof bezeichnete zwei getrennte Betriebsstellen im heutigen Goslarer Ortsteil Hahndorf.
Der Güterbahnhof lag an der Strecke Vienenburg–Langelsheim und entstand als Trennungsbahnhof für die Strecken nach Langelsheim und Ringelheim.
Der Personenbahnhof lag an der Strecke Hildesheim–Goslar, etwa 1,5 Kilometer südlich des Hahndorfer Ortskerns.
Am Personenbahnhof zweigte ein Gleis in Richtung Vienenburg ab.
Der Güterbahnhof wurde bis 1883 auch im Personenverkehr bedient.
Dann war die Strecke Hildesheim–Goslar südlich von Grauhof vollendet, und der Personenverkehr auf der Strecke Vienenburg–Langelsheim wurde eingestellt.
Für Reisende baute man deshalb den Haltepunkt an der Hildesheimer Strecke.
Mitte des 20. Jahrhunderts bestand der Güterbahnhof aus mehr als 15 parallelen Gleisen, darunter 11 Zustellungsgleise.
Im Zweiten Weltkrieg wurden hier täglich bis zu 400 Waggons abgefertigt.
Mit der Teilung Deutschlands verlor die Strecke nach Vienenburg ihre Bedeutung.
Sie wurde am 24. Oktober 1956 stillgelegt.
Der Personenbahnhof wurde zum 27. Mai 1978 stillgelegt, Bahnsteige gibt es dort nicht mehr.
Im Juni 1983 wurden die letzten Gleisreste des Güterbahnhofs abgerissen.
Ein Gleis zwischen dem früheren Güterbahnhof und der Strecke nach Goslar diente noch bis Ende der 1990er-Jahre als Industrieanschluss.

Erhalten ist das 1906 errichtete Stellwerk Gof der Bauart Jüdel.
Es wurde vor 1985 außer Betrieb genommen.
Das baufällige Gebäude steht heute unter Denkmalschutz.
Das Gebäude verfällt, man betrachtet es am besten von außen.

Vorher und nachher in Grauhof
Vorher lagen hier mehr als 15 Gleise nebeneinander, und an Spitzentagen im Krieg rollten bis zu 400 Wagen durch die Abfertigung.
Nachher bleiben ein Gewerbegebiet im Süden von Hahndorf und ein einzelnes Stellwerk, das an den Betrieb erinnert.
Der nächste Bahnhof ist Goslar, in den Ort fährt eine Stadtbus-Linie.
Othfresen: Blockstelle statt Bahnhof
Der Bahnhof Othfresen liegt etwa einen Kilometer nordöstlich des Ortskerns in der Gemeinde Liebenburg.
Rund um ihn entstand die bis heute so genannte Bahnhofssiedlung, der Bahnhof bildete deren Kern.
Das Empfangsgebäude stammt nach den Angaben zum Ort aus dem Jahr 1879.
Im Jahr 1937 wurde dem Bahnhof ein Übergabebahnhof angegliedert, der die Grube Ida-Bismarck an das Normalspurnetz anschloss.
Reisezüge hielten in Othfresen bis 1986.
Danach wurden alle Anlagen für den Reisendenbetrieb abgerissen.
Der Bahnhof war anschließend nur noch Betriebsbahnhof.
Zum 19. Dezember 1996 wurden bis auf das mechanische Stellwerk Os und die beiden Durchgangsgleise alle Bahnanlagen stillgelegt, auch das Fahrdienstleiter-Stellwerk Onf.
Der Bahnhof wurde in eine Blockstelle umgewandelt.
Am 21. Oktober 2023 ging das Digitale Stellwerk Othfresen in Betrieb, das aus Göttingen ferngesteuert wird, und das Stellwerk Os wurde stillgelegt.

Das Empfangsgebäude steht noch und wird privat genutzt, es ist also kein Ort zum Betreten.
Über eine Rückkehr der Züge wird seit Jahren gesprochen.
Im Juni 2009 lehnte der Ortsrat einen Neubau der Passagieranlagen ab, weil der Eigenanteil von rund 500.000 Euro für das Bahnhofsumfeld als zu hoch galt.
2015 untersuchte DB Station&Service im Vorfeld der Stationsoffensive stillgelegte Haltepunkte und stellte für Othfresen die Wirtschaftlichkeit fest.
Aufgenommen in ein Reaktivierungsprogramm wurde der Halt nicht, weil er sich nicht in den Fahrplan einbinden ließ.
Im August 2022 hielt der Regionalverband Großraum Braunschweig die Erwägung einer Reaktivierung fest.
Im Konzept 2040+ des Landes Niedersachsen soll die Station von der Linie RB 48 Braunschweig–Goslar bedient werden, die technische Machbarkeit ist jedoch nicht festgestellt.
Dörnten: Halt der Erzgruben
Dörnten gehört zur Gemeinde Liebenburg und liegt am Südrand des Salzgitter-Höhenzugs.
Der Haltepunkt Dörnten wurde am 16. Juni 1895 bei Kilometer 85,42 der Strecke eröffnet.
Er bekam zwischenzeitlich den Rang eines Bahnhofs und wurde zuletzt wieder zum Haltepunkt zurückgebaut.
Im Personenverkehr wurde er bis zum 22. Mai 1982 bedient.
Das Dorf lebte bis ins 19. Jahrhundert von der Landwirtschaft.
Danach kam der Bergbau im Salzgitter-Höhenzug hinzu.
Ab 1843 wurde an drei Orten Erz gewonnen, mit dem ab 1869/70 das Hüttenwerk in Othfresen beliefert wurde.
Im Ort entstand außerdem eine Bergarbeitersiedlung der Grube Georg-Friedrich.
Ob und wie der Haltepunkt mit diesem Bergbau zusammenhing, ist nicht belegt.
Die Deutsche Bahn erwägt wegen des Fahrgastpotenzials langfristig einen neuen Haltepunkt, sieht ihn aber aus fahrplantechnischen Gründen derzeit nicht vor.
Hockeln: Haltepunkt am Schrankenwärterhaus
Hockeln ist ein Ortsteil von Bad Salzdetfurth, die Innerste fließt im Norden dicht am Ort vorbei.
Erstmals urkundlich erwähnt wird das Dorf 1146 als Hukenem in der Gründungsurkunde des Godehardiklosters.
Seit dem 1. März 1974 gehört es zu Bad Salzdetfurth.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es heute nur an Schultagen per Schulbus von Bad Salzdetfurth aus zu erreichen.

Im Nordosten des Dorfes, an der Bahnstrecke Hildesheim–Goslar, lag der Haltepunkt Hockeln.
Hier hielten mehrmals täglich Nahverkehrszüge von und nach Hildesheim.
1987 wurde der Haltepunkt aufgegeben.

Bekannt ist der Ort für sein Bahnwärterhaus.
Es war das letzte bis zum 12. September 2014 um 13 Uhr bemannte Bahnwärterhaus Norddeutschlands.
Bis zu diesem Tag wurden die Schranken noch von Hand betrieben.
Dann ersetzte eine automatische Anlage den bemannten Betrieb.


Vorher und nachher an den vier Halten
Vorher bedienten Züge in Grauhof bis 1978, in Dörnten bis 1982, in Othfresen bis 1986 und in Hockeln bis 1987.
Nachher fahren die Regionalzüge an allen vieren vorbei.
In Grauhof bleibt ein Denkmal in schlechtem Zustand, in Othfresen eine Blockstelle mit privat genutztem Empfangsgebäude.
In Dörnten ist von den Anlagen im Ortsbild nichts als Halt belegt, und in Hockeln steht das Schrankenwärterhaus an einem automatisch gesicherten Übergang.
Die Geschichte in Daten
19. Mai 1875: Der Güterverkehr Hildesheim–Grauhof–Vienenburg beginnt.
30. Juni 1875: Der Personenverkehr nimmt den Betrieb auf.
1. Mai 1883: Die Verlängerung nach Goslar wird eröffnet.
16. Juni 1895: Der Haltepunkt Dörnten wird eröffnet.
1937: In Othfresen entsteht ein Übergabebahnhof für die Grube Ida-Bismarck.
24. Oktober 1956: Die Strecke Grauhof–Vienenburg wird stillgelegt.
27. Mai 1978: Der Personenbahnhof Grauhof wird stillgelegt.
22. Mai 1982: Letzter Personenverkehr in Dörnten.
Juni 1983: Die letzten Gleisreste des Güterbahnhofs Grauhof werden abgerissen.
1986: Der Personenverkehr in Othfresen endet.
1987: Der Haltepunkt Hockeln wird aufgegeben.
19. Dezember 1996: Othfresen wird bis auf Stellwerk Os und zwei Durchgangsgleise stillgelegt.
12. September 2014: Das letzte bemannte Bahnwärterhaus Norddeutschlands in Hockeln wird ersetzt.
21. Oktober 2023: Das Digitale Stellwerk Othfresen geht in Betrieb.
Häufige Fragen
Ist die Strecke Hildesheim–Goslar stillgelegt?
Wann hielt in Grauhof der letzte Personenzug?
Kann das Stellwerk Gof besichtigt werden?
Wird Othfresen wieder bedient?
Was ist in Hockeln besonders?
Die vier Halte zeigen, wie unterschiedlich das Ende eines Bahnhofs aussehen kann.
In Grauhof blieb ein Stellwerk, in Othfresen ein Haus, in Hockeln eine Wärterbude mit Geschichte, und in Dörnten das Wissen um einen Halt, der 1982 endete.
Bahnstrecke Hildesheim–Goslar (Wikipedia) · Bahnhof Grauhof (Wikipedia) · Bahnhof Othfresen (Wikipedia) · Othfresen (Wikipedia) · Dörnten (Wikipedia) · Hockeln (Wikipedia) · Hahndorf (Goslar) (Wikipedia)
Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.
