Die Kreisbahn Norderdithmarschen: Nordring und Südring um Heide
Die meterspurige Kreisbahn erschloss ab 1905 mit zwei Ringen die Geest östlich von Heide. Nach gut drei Jahrzehnten übernahmen Omnibusse, die Gleise wurden abgebaut.

Lage: Kreis Norderdithmarschen, von Heide bis Pahlhude an der Eider. Status: Stillgelegt und abgebaut, die Gleise wurden entfernt. Heute: Das Gebäude des Kleinbahnhofs Heide ist denkmalgeschützt erhalten.
Die Kreisbahn Norderdithmarschen war eine Schmalspurbahn in Meterspur, die das östlich von Heide gelegene Gebiet des Kreises Norderdithmarschen ringförmig erschloss.
Sie bestand aus zwei Strecken, die vom Kreisbahnhof in Heide nach Pahlhude an der Eider führten.
Der Nordring über Hennstedt und Delve war 23,5 Kilometer lang, der Südring über Tellingstedt mit einer Ausbuchtung nach Wrohm und Dellstedt 30,5 Kilometer.
Die Höchstgeschwindigkeit betrug 30 Kilometer pro Stunde.
Nach wenig mehr als drei Jahrzehnten endete der Betrieb, den Personenverkehr übernahmen Omnibusse.
Freie historische Fotos der Bahn sind selten, die meisten Bilder zeigen erhaltene Gebäude.
Warum eine Kleinbahn?
Um 1900 war der Kreis Norderdithmarschen im Bahnhof Heide an das Eisenbahnnetz und im Hafen Pahlhude an den Schiffsverkehr auf der Eider angeschlossen.
Die Marsch hatte mit den in Heide kreuzenden Strecken schon befriedigende Anschlüsse, die Gemeinden auf der östlich gelegenen Geest waren dagegen nur durch Straßen erschlossen.
Am 11. Juli 1901 beschlossen die Vertreter der Gemeinden im Kreistag einstimmig, eine Kleinbahn für die östlichen Geestgebiete zu bauen.
Das zu erwartende Betriebsdefizit sollte der Kreis zur Hälfte übernehmen, die Stadt Heide 10 %, Tellingstedt 20 %, Hennstedt 10 % und weitere Gemeinden zusammen 10 %.
Die Entscheidung fiel auf schmalspurige, von Dampflokomotiven gezogene Fahrzeuge, weil der preußische Staat nur solche Anlagen bezuschusste.
Der Zuschuss von 1.212.000 Mark deckte 40 % der Baukosten.
Im Norden wollte auf dem Weg nach Delve und Pahlhude jede Ortschaft ihren Bahnanschluss, deshalb entstand eine Trasse mit vielen Kurven.
Weitere Zweigstrecken erlaubte das Geld nicht.
Im Osten des Kreises waren große Moorgebiete zu umgehen und zugleich zu erschließen.
Der Nordring wurde in zwei Etappen am 17. Mai und 5. Oktober 1905 eröffnet.
Der Südring folgte in vier Abschnitten zwischen dem 14. Oktober und dem 23. Dezember 1905.
Durchgehende Züge über Pahlhude hinaus gab es nicht.
Der Kleinbahnhof Heide

Der Kleinbahnhof Heide war der größte und wichtigste Bahnhof der Trasse, hier trafen die beiden Äste der Kreisbahn aufeinander.
Da er als Kopfbahnhof angelegt war, wendeten die Lokomotiven mit einer Drehscheibe.
Von der einst großen Bahnhofsanlage mit sechs Gleisen ist nur noch das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude erhalten.
1912 begann die Stadt Heide, ihre Straßen mit Kopfsteinpflaster zu befestigen, die Kleinbahn übernahm die Steine vom Eiderschiff in Pahlhude und brachte sie in die Stadt.
1913 und 1914 durfte die Kreisbahn das Baumaterial für den Kasernenbau in Heide heranbringen.

Stationen mit Gaststätte
Für eine Kleinbahn besaß die Kreisbahn viele große, teilweise repräsentative Gebäude.
An 22 Stationen unterhielt sie neun eigene Bahnhofsgebäude, während die Rendsburger Kreisbahn bei 45 Kilometern Streckenlänge nur zwei feste bahneigene Gebäude besaß.
Zur Standardausstattung der Gebäude in Klinkerbauweise und im gekalkten Äußeren gehörte eine Gaststätte, deren Gastraum als Wartesaal III. Klasse diente.
Dazu kam ein getrennter Warteraum II. Klasse mit mehreren Tischen in Nischen.
Mehrere Gastwirte in den angefahrenen Gemeinden hatten ihre Gaststätten zur Verfügung gestellt und übernahmen als Bahnagenten den Verkauf von Fahrkarten, die Abfertigung von Stückgut und die Hilfe beim Be- und Entladen.
Die Verladung ländlicher Güter und von Vieh übernahmen die Bauern.
Der Nordast: Ostrohe, Aukrug und Süderheistedt
Der Nordast verlief am Rande eines Moores und erreichte als erste Station Ostrohe.
Dort lebten 1925 260 Einwohner, die Gesellschaft errichtete einen in Fachwerk gebauten Güterschuppen, der nur ein Provisorium sein sollte, aber bis zum Ende des Betriebs unverändert bestehen blieb.
Dazu kam ein kleines abseits stehendes Agenturgebäude.
Hinter Ostrohe überquerten die Züge die Broklandsau und hielten im Haltepunkt an der Gaststätte Aukrug, weitere Bahnanlagen gab es dort nicht.
Nach einem Kilometer erreichte die Strecke Süderheistedt, das 1925 216 Einwohner hatte.
Hier standen ein mittelgroßes Agenturgebäude, ein Güterschuppen und ein Abort, alle in Klinkerbauweise.
Barkenholm: Halt für die Ziegelei
Barkenholm hatte 1925 216 Einwohner und erhielt Klinkerbauten sowie ein Ausweichgleis mit Anschluss der Ziegelei Kruse.
Auf der Norderdithmarscher Geest entstanden insgesamt Ziegeleien, die pro Jahr etwa zwei Millionen Ziegel produzierten.
In Barkenholm entstand 1905 eine Dampfziegelei, die ihre Produkte mit der Kleinbahn verschickte.
Die Lehmvorräte waren 1915 erschöpft, die Bahnhofsanlagen wurden 1921 ersatzlos abgebrochen.
Linden und Hennstedt
Linden zählte 1925 692 Einwohner.
Dort entstanden eine Ladestraße, ein kleiner Güterschuppen, eine kleine gemauerte Viehladerampe und ein villenähnliches Bahnhofsgebäude.
Hennstedt hatte 1925 mit 1.574 Einwohnern bereits eine größere Zahl an Einwohnern.
Es gab drei Abstellgleise, einen Güterschuppen und mehrere Lagerschuppen, überragt von einem stattlichen Klinkerbau als Bahnhofsgebäude.
1913 wurden ein Wasserturm und ein Stall ergänzt.
Ab 1927 wurden größere Viehverladerampen gebaut, an denen vier bis fünf Viehwagen beladen werden konnten.
Hollingstedt, Delve, Schwienhusen und Wallen
Hollingstedt hatte 1925 361 Einwohner, ein kleines Agenturgebäude und einen angrenzenden Güterschuppen an zwei Gleisen mit einer Ladestraße im Norden des Ortes.
In den Gebäuden befindet sich nun ein Kinderheim (Stand 2015).
Delve zählte 1925 608 Einwohner und besaß ein stattliches Empfangsgebäude aus rotem Klinker.
Der Bahnhof hatte zwei Gleise, eine Ladestraße, einen kleinen Güterschuppen und einen Abort.
Da der Hafen von Delve zum Ende des 19. Jahrhunderts kaum noch Bedeutung hatte, wurde kein Hafenanschluss errichtet.
Der Haltepunkt Schwienhusen erschloss einen Ort mit 157 Einwohnern im Jahr 1925, von dem die Eiderfähre Bargen erreicht werden konnte.
Dort gab es eine Bohlenplattform als Bahnsteig, aber kein Gebäude.
Zu Wallen gehörte 1925 eine Siedlung mit 62 Einwohnern, die Station besaß ein beachtliches Bahnhofsgebäude.
Pahlhude: der Endbahnhof an der Eider
Pahlhude hatte 1925 960 Einwohner und beherbergte den zweiten Endbahnhof der Kreisbahn.
Statt eines Empfangsgebäudes gab es am Bahnsteig einen zweiständigen Lokschuppen mit Übernachtungsmöglichkeiten für das Zugpersonal in einem weiß gekalkten, klinkerverzierten Anbau.
Neben dem Lokschuppen stand ein Wasserturm.
1913 kamen ein Agenturgebäude, ein Stallgebäude, eine Gleiswaage und ein Abort hinzu.
Ein Gleis führte in den Hafen, drei Hafenladegleise zweigten ab, eines davon endete an der Rampe des Güterschuppens am Eiderkai, wo zwischen Bahn und Schiff umgeladen wurde.
Zwei Gleise führten zur Portland Zement AG, deren Fabrik 1927 geschlossen wurde.
Da der Bahnsteig nach der Ankunft eines Zuges bis zur Ankunft des Zuges der anderen Strecke geräumt werden musste, waren Ankünfte aus Gegenrichtung erst nach 15 Minuten Pause möglich.
Der Südast: Dörpling, Dellstedt und Wrohm
Der Südast führte aus Pahlhude durch die Eidermarsch auf einem zwei Meter hohen Damm durch die Reetlandschaft der Klumpenkuhle.
In Dörpling wohnten 1925 476 Einwohner, der Bahnhof besaß ein etwas abseits gelegenes Agenturgebäude, einen gelb und grau geklinkerten Güterschuppen und eine Viehverladerampe.
Danach folgten ein Einschnitt durch den Buddelberg und ein Damm durch das Dellstedter Moor.
Dellstedt hatte 1925 740 Einwohner.
Eine Torfstreufabrik schloss sich über eine sechs Kilometer lange Feldbahn in 600-mm-Spur an das Kleinbahnnetz an, Torfballen wurden mit einem handbedienten Portalkran umgeladen.
Eigene Gebäude besaß die Kleinbahn dort nicht, der Gasthof Dithmarscher Hof übernahm das Agenturgeschäft.
Wrohm war 1925 eine Gemeinde mit 648 Einwohnern, der Gasthof Kaiser fungierte als Agentur.
Schelrade, Wellerhoop und Tellingstedt
Schelrade mit 192 und Wellerhoop mit 53 Einwohnern im Jahr 1925 gehörten zu Ortschaften weitab der Bahnstrecke.
Erst Tellingstedt, das 1925 1.443 Einwohner hatte, besaß den wichtigsten Bahnhof der Südstrecke.
Mehrere Gebäude und ein weiß gekalktes Agenturgebäude bildeten dort neben mehreren Gleisen eine ansehnliche Bahnhofsanlage.
Die Viehverladerampe machte die gleichen Probleme wie in Hennstedt, sie wurden mit einem beidseitig angeschlossenen Gleis am Rampenneubau ausgeräumt.


Welmbüttel, Gaushorn, Bennewohld und Süderholm
Welmbüttel hatte 1925 234 Einwohner und liegt inmitten der Kreistannen, des Mischwalds Norderwohld und der Heidberge, die ein von Ausflüglern stark frequentiertes Ziel bilden.
Das verschaffte dem Halt besonders vor dem Ersten Weltkrieg einige Bedeutung.
Der Bahnhof hatte ein Empfangsgebäude, einen Güterschuppen und einen Abort.
In Gaushorn mit 226 Einwohnern stand nördlich des Ortes ein Flachbau als Bahnhofsgebäude, der in drei Bereiche für Güterboden, Wohnung des Bahnhofspächters und Funktionsräume für den Personenverkehr unterteilt war.
Die Warteräume II. und III. Klasse waren durch Stellwände voneinander getrennt.
Bennewohld hatte 1925 nur 45 Einwohner.
Der Bahnhof lag gegenüber dem Gasthof Zur Hoffnung, der zur Bahnagentur wurde, ein kleiner Güterschuppen genügte für das geringe Verladegeschäft.
Süderholm hatte 1925 501 Einwohner und erhielt einen roten Klinkerbau als Gebäude.
Von dort führte die Strecke auf einem Damm durch das Süderholmer Moor in die Marsch, wo in Gegenrichtung eine Steigung von 1:60 den Lokmannschaften bei ungünstiger Witterung ihre höchste Leistung abverlangte.
So sah es vorher aus: Verkehr und Betrieb
Auf dem Nordring und dem Südring fuhren in der Regel drei Personenzugpaare auf jedem Abschnitt.
Über die Strecke wurden Dünger und Kalk zur Kultivierung der Moore, insbesondere des Dellstedter Birkwildmoors, in die Region gebracht, das in Dellstedt hergestellte Torfstreu wurde abtransportiert.
Der übrige Güterverkehr bestand hauptsächlich aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen, insbesondere Schweinen.
Schon nach acht Jahren wurden die Höchstwerte von 288.379 Personen, 57.426 Gütertonnen und 21.546 Stück Vieh verzeichnet.
1921 war mit 92 Mitarbeitern der höchste Personalstand erreicht.
1928 besaß die Bahn acht Dampflokomotiven, zwölf Personenwagen, vier Packwagen und 87 Güterwagen, zu den Personenwagen gehörte ein Salonwagen.
Das Ende der Kreisbahn
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Kraftwagen in Mengen produziert, die der Kleinbahn zur Konkurrenz wurden.
1927 war offensichtlich, dass nur noch Rationalisierungsmaßnahmen den Betrieb retten könnten.
Für Investitionen etwa in Triebwagen, für einen Rollbockverkehr oder eine Umspurung fehlten die Mittel.
1930 zeigte die Buchführung des Kreises eine Schuldenlast von 288.271 Reichsmark.
Auf dem Nordring wurde der Personenverkehr am 29. Februar 1936 eingestellt, die übrigen Betriebsteile folgten bis zum 2. Oktober 1937.
Den Personenverkehr übernahmen Omnibusse, die Gleise wurden abgebaut.
So sieht es jetzt aus

In einigen Orten sind Bahnhofsgebäude und Straßennamen zu sehen, die an die Kleinbahn erinnern.
Einige Trassenabschnitte in und zwischen den Orten sind noch zu finden.
Vom Kleinbahnhof Heide ist das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude erhalten.


Die Geschichte in Daten
11. Juli 1901: Der Kreistag beschließt den Bau der Kleinbahn.
17. Mai 1905: Erste Etappe des Nordrings.
5. Oktober 1905: Zweite Etappe des Nordrings.
14. Oktober bis 23. Dezember 1905: Der Südring wird in vier Abschnitten eröffnet.
1912: Die Kleinbahn bringt Pflastersteine vom Eiderschiff nach Heide.
1921: Die Bahnhofsanlagen in Barkenholm werden abgebrochen.
1927: Die Zementfabrik in Pahlhude wird geschlossen.
29. Februar 1936: Der Personenverkehr auf dem Nordring wird eingestellt.
2. Oktober 1937: Die übrigen Betriebsteile sind eingestellt.
Häufige Fragen
Wie lang waren die beiden Strecken?
Wann endete der Betrieb?
Warum baute der Kreis eine Schmalspurbahn?
Wer verkaufte die Fahrkarten?
Was ist vom Kleinbahnhof Heide erhalten?
Kreisbahn Norderdithmarschen (Wikipedia)
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