Die Königsseebahn: 56 Jahre elektrisch zum See, heute ein Jugendstilbau und ein Fußweg

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Königsseebahn: 56 Jahre elektrisch zum See, heute ein Jugendstilbau und ein Fußweg

Von 1909 bis 1965 fuhr eine elektrische Lokalbahn von Berchtesgaden zum Königssee. Von ihr sind ein Jugendstilgebäude, ein Stück Trasse und die Erinnerung an einen abgerissenen Bahnhof geblieben.

VORHER · 2011

Das ehemalige Empfangsgebäude des Bahnhofs Königssee im Oktober 2011; die Dateibeschreibung nennt eine Gaststätte im Haus.

Das ehemalige Empfangsgebäude des Bahnhofs Königssee im Oktober 2011; die Dateibeschreibung nennt eine Gaststätte im Haus. Foto: H.G.Graser, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2016

Dasselbe Gebäude im Juni 2016, die Dateibeschreibung nennt eine Ausstellung über Romy Schneider.

Dasselbe Gebäude im Juni 2016, die Dateibeschreibung nennt eine Ausstellung über Romy Schneider. Foto: Salino01, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1909
Eröffnung am 29. Mai
1965
Ende des planmäßigen Verkehrs
1971
Gleise demontiert
2012
Königsseer Bahnhof abgerissen

Lage: Schönau am Königssee, Landkreis Berchtesgadener Land, Bayern. Status: Die Strecke ist stillgelegt und entwidmet, ein Teil der Trasse bis zur Schwöbbrücke dient als Fuß- und Radweg. Heute: Das Empfangsgebäude Königssee steht unter Denkmalschutz.

Die Königsseebahn war eine nur gut vier Kilometer lange Stichbahn von Berchtesgaden zum Königssee.

Sie fuhr von Anfang an elektrisch und war stark auf Ausflügler ausgerichtet.

Seit 1965 fährt dort kein planmäßiger Zug mehr, seit 1971 sind die Gleise abgebaut.

Übrig sind ein Gebäude am See, ein Stück Trasse und Orte, an denen früher Züge hielten.

Alte freie Fotos aus der Betriebszeit stehen nicht zur Verfügung, deshalb zeigt dieser Beitrag nur Bilder aus den Jahren 2011 bis 2021.

Der Hauptbahnhof Berchtesgaden, von dem die Strecke ausging, ist weiter in Betrieb und hat einen eigenen Beitrag.

Wie die Bahn zum See kam

Seit 1888 war Berchtesgaden durch die Strecke von Bad Reichenhall an das Bahnnetz angeschlossen.

1907 kam die Strecke nach Hangender Stein dazu.

Der Königssee war damals schon ein beliebtes Ausflugsziel und seit 1907 mit Berchtesgaden durch eine Kraftpost-Verbindung verbunden.

Am 16. August 1908 beschloss und genehmigte die bayerische Staatsregierung den Bau der Königsseebahn.

Ende Oktober 1908 begannen die Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen mit den Arbeiten, am 29. Mai 1909 wurde die Strecke eröffnet.

Sie war als Lokalbahn konzessioniert, galt als Steilstrecke und war 4,313 Kilometer lang.

Von Anfang an fuhr sie elektrisch, zunächst mit 1.000 Volt Gleichspannung.

Die Strecke lag auf ganzer Länge auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Schönau am Königssee und folgte stets der Königsseer Ache.

Berchtesgaden Königsseer Bahnhof: der Start neben dem Hauptbahnhof

Ausgangspunkt war der Königsseer Bahnhof auf dem einstigen Triftplatz am Rand des Schönauer Gemeindegebiets.

Man erreichte ihn zu Fuß vom Hauptbahnhof Berchtesgaden aus.

Zum übrigen Netz gab es eine 713 Meter lange Gleisverbindung.

Sie lag auf Rillenschienen und führte diagonal über den Bahnhofsvorplatz des Hauptbahnhofs.

Die Ramsauer Ache querte sie auf einer 40 Meter langen Brücke.

Das Verbindungsgleis diente überwiegend für Überstellungsfahrten.

Durchgehende Züge aus Bad Reichenhall oder von Hangender Stein verkehrten nur selten und als Sonderzüge.

Für jede solche Fahrt musste der gesamte Vorplatz gesperrt werden.

Ursprünglich war ein Tunnel durch den Fergerlbichl geplant, der Züge am Vorplatz vorbei und mit Halt im Hauptbahnhof direkt zum See geführt hätte.

Aus Kostengründen wurde er nicht gebaut.

Das Betriebsgleis samt Oberleitung diente außerdem als elektrische Verbindung zur Strecke nach Hangender Stein.

Beide Strecken bezogen ihren Strom vom Wasserkraftwerk Gartenau, das zuerst für die Strecke nach Hangender Stein gebaut und dann für die Königsseebahn erweitert worden war.

Eine Besonderheit: In den Nachtstunden luden die Elektroboote der Königssee-Schifffahrt ihre Batterien mit dem Bahnstrom auf.

Der Königsseer Bahnhof wurde am 22. März 2012 abgerissen.

Die Gemeinde Schönau am Königssee plant im Bereich des Triftplatzes eine Änderung des Bebauungsplans, schließt aber nicht aus, dass das Gelände im Fall einer Reaktivierung der Strecke wieder genutzt wird.

Schwöbbrücke: Kreuzungsstelle an der Königsseer Ache

Auf dem Weg zum See wurden die Zwischenbahnhöfe Schwöbbrücke und Unterstein-Schönau bedient.

In beiden fanden planmäßig Zugkreuzungen statt.

Die Ausweichgleise hatten eine Nutzlänge von 100 Metern, und die Weichen besaßen eine selbsttätige Rückstellvorrichtung.

An der Schwöbbrücke überquert eine Brücke die Königsseer Ache, und dort befand sich früher eine Haltestelle der Königsseebahn.

Ein kleiner Teil der Bahntrasse bis zur Schwöbbrücke wird noch als Fuß- und Radweg genutzt.

Die Schwöbbrücke über die Königsseer Ache in Unterstein, wo früher eine Haltestelle der Königsseebahn lag, aufgenommen im November 2021.
Die Schwöbbrücke über die Königsseer Ache in Unterstein, wo früher eine Haltestelle der Königsseebahn lag, aufgenommen im November 2021. Foto: Renardo la vulpo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Unterstein-Schönau: das zweite Ausweichgleis

Über den Halt Unterstein-Schönau ist wenig belegt.

Er war wie die Schwöbbrücke ein Zwischenbahnhof mit planmäßigen Zugkreuzungen und 100 Meter langen Ausweichgleisen.

Zum Zustand des Geländes oder zu Gebäuden liegen keine Angaben vor.

Königssee: Endstation 200 Meter vom Ufer

Endpunkt der Strecke war der Bahnhof Königssee (Oberbay), 200 Meter vom gleichnamigen See entfernt.

Der Betrieb war stets stark touristisch geprägt.

In der Sommersaison fuhr die Bahn schon vor dem Ersten Weltkrieg im dichten Zwanzig-Minuten-Takt.

Das 1909 erbaute Empfangsgebäude hat die Stilllegung überstanden.

Es steht unter Denkmalschutz und gilt als das einzige Jugendstilgebäude im Berchtesgadener Talkessel.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude von Westen, aufgenommen im November 2021.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude von Westen, aufgenommen im November 2021. Foto: Renardo la vulpo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Über die heutige Nutzung gehen die Angaben auseinander.

In einer Unterlage zum Raumordnungsverfahren der Gemeinde Schönau vom Mai 2018 steht, dass das Gebäude seit 2015 für eine Ausstellung über Romy Schneider genutzt wird.

Vorübergehend war darin eine Wirtschaft, die dort inzwischen wieder geschlossen ist.

Anderswo wird das Haus als Gaststätte beschrieben.

Welche Nutzung heute gilt, ist nicht belegt.

Der Dachreiter mit Uhr auf dem ehemaligen Bahnhof, aufgenommen im November 2021.
Der Dachreiter mit Uhr auf dem ehemaligen Bahnhof, aufgenommen im November 2021. Foto: Renardo la vulpo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein Weg am ehemaligen Bahnhof Königssee in Richtung Südost zum früheren Streckenende, aufgenommen im Mai 2019.
Ein Weg am ehemaligen Bahnhof Königssee in Richtung Südost zum früheren Streckenende, aufgenommen im Mai 2019. Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vom Hochbetrieb zur Einstellung

1920 ging die Königsseebahn in die Deutschen Reichseisenbahnen über.

Die Deutsche Reichsbahn stellte sie 1942 auf das reichsweit übliche Wechselstromsystem mit 15.000 Volt um.

Anlass war die Einstellung der Strecke nach Hangender Stein im Oktober 1938, die im Zuge des Straßenausbaus zum Obersalzberg erfolgte und die Stromverbindung zum Kraftwerk Gartenau kappte.

Ab dem 1. Juni 1942 kam der Strom vom Saalachkraftwerk Bad Reichenhall.

Anfangs standen fünf Triebwagen, neun geschlossene Beiwagen und sechs offene Sommerbeiwagen zur Verfügung.

Nach der Umstellung des Stromsystems wurden sie zur Hohenfurther Elektrischen Lokalbahn im Sudetenland umgesetzt, und es kamen Triebwagen der Baureihe ET 85 auf die Strecke.

Gerade in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg betrieb die Deutsche Bundesbahn die Strecke mit hoher Auslastung.

Ab 1960 ließ der Verkehr wegen des wachsenden Individualverkehrs nach, und an der Strecke wurden keine weiteren Instandhaltungsmaßnahmen mehr durchgeführt.

Ab 1961 fuhren die Züge nur noch in der Sommersaison, im Winter übernahmen Bahnbusse.

Planmäßig war die Bahn bis zum Beginn des Winterfahrplans am 25. September 1965 in Betrieb, ein letzter Sonderzug fuhr am 2. Oktober 1965.

Die letzte Fahrt wurde nicht als solche angekündigt, ein Aushang sprach nur davon, dass der Betrieb wie in den Jahren zuvor über den Winter eingestellt werde.

Erst im Frühjahr 1966 gab die Bundesbahn bekannt, dass sie den Betrieb dauerhaft auf Omnibusse umstelle.

Was von der Strecke blieb

Am 8. März 1971 wurde die Strecke juristisch stillgelegt und entwidmet.

Die Gleise wurden noch im Frühjahr 1971 abgebaut.

Nur der Abschnitt bis zur Schwöbbrücke wird noch als Fuß- und Radweg genutzt, der Rest ist renaturiert oder überbaut.

Nach den vorliegenden Angaben kann man bis heute durchgehende Bahnfahrscheine bis Königssee lösen, die ab Berchtesgaden in den Bussen des Regionalverkehrs Oberbayern gelten.

Wird die Bahn wiederkommen?

Im Zusammenhang mit der Münchner Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018 forderte der Fahrgastverband Pro Bahn eine Reaktivierung, um den Autoverkehr im Berchtesgadener Land zu senken.

Die Olympiabewerbung wurde nicht zuletzt durch den Volksentscheid dazu abgelehnt.

Mehrere Bebauungen der Trasse erschweren eine Reaktivierung zusätzlich.

Der Verein Verkehrsforum Berchtesgadener Land und Rupertiwinkel strebt den Wiederaufbau nach wie vor an, Stand 27. Juni 2023.

1888: Berchtesgaden erhält die Strecke von Bad Reichenhall.

1908: Am 16. August beschließt die Staatsregierung den Bau, Ende Oktober beginnen die Arbeiten.

1909: Am 29. Mai wird die Königsseebahn eröffnet.

1942: Umstellung auf 15.000 Volt Wechselstrom.

1961: Die Züge fahren nur noch in der Sommersaison.

1965: Der planmäßige Betrieb endet am 25. September, am 2. Oktober fährt ein letzter Sonderzug.

1971: Am 8. März wird die Strecke entwidmet, im Frühjahr werden die Gleise demontiert.

2012: Der Königsseer Bahnhof in Berchtesgaden wird am 22. März abgerissen.

2015: Im Bahnhofsgebäude Königssee beginnt eine Romy-Schneider-Ausstellung.

Wann fuhr die Königsseebahn?
Von der Eröffnung am 29. Mai 1909 bis zum Ende des planmäßigen Verkehrs mit Beginn des Winterfahrplans am 25. September 1965.
Wie lang war die Strecke?
4,313 Kilometer. Sie begann am Königsseer Bahnhof in Berchtesgaden und endete am Bahnhof Königssee.
Welche Halte gab es unterwegs?
Die Zwischenbahnhöfe Schwöbbrücke und Unterstein-Schönau, in denen Züge einander kreuzten.
Was steht heute noch?
Das Empfangsgebäude am Bahnhof Königssee, das unter Denkmalschutz steht. Der Königsseer Bahnhof in Berchtesgaden wurde 2012 abgerissen.
Kann man die Trasse begehen?
Ein kleiner Teil bis zur Schwöbbrücke wird als Fuß- und Radweg genutzt, der Rest ist renaturiert oder überbaut.

Die Königsseebahn zeigt, wie eine viel genutzte Ausflugsbahn binnen weniger Jahre ihren Verkehr verlieren kann.

Was heute bleibt, ist ein Stück Trasse und ein Bahnhofsgebäude am Seeufer.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Königsseebahn · Berchtesgaden.de: Seestraße · Regierung von Oberbayern: Raumordnungsverfahren Schönau am Königssee (Stand 15. Mai 2018)

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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