Die stillen Bahnhöfe der Kochertalbahn: Von Waldenburg nach Forchtenberg
Die Kochertalbahn führte 23,52 Kilometer von Waldenburg nach Forchtenberg und verlor 1981 ihre Reisenden. Ein Rundgang durch ihre Halte, vom umgesetzten Bahnhof Kupferzell bis zum Endpunkt im Kochertal.


Lage: Hohenlohekreis im nördlichen Württemberg, von Waldenburg über Kupferzell und Künzelsau nach Forchtenberg. Status: Personenverkehr 1981 eingestellt, Güterverkehr 1991, Stilllegung zum 1. August 1995 vollzogen, Gleise zurückgebaut. Heute: Auf großen Teilen der Trasse verlaufen Rad- und Fußwege.
Die Kochertalbahn war eine normalspurige Nebenbahn im nördlichen Württemberg.
Sie führte als Stichbahn von Waldenburg nach Forchtenberg und war 23,52 Kilometer lang.
Zwischen Künzelsau und Forchtenberg folgte sie dem Kocher.
Dieser Beitrag geht die Halte der Strecke der Reihe nach durch: Kupferzell, Haag, Künzelsau, Nagelsberg, Ingelfingen, Criesbach, Niedernhall, Weißbach und Forchtenberg, dazu den früheren Haltepunkt Hesselbronn.
Die Strecke ist stillgelegt, die Gleise sind zurückgebaut.
Freie alte Fotos gibt es auf Wikimedia Commons nur von wenigen Orten, nämlich von Kupferzell, Haag, Ingelfingen und Forchtenberg.
Zwei Teilstücke, zwei Epochen
Das erste Teilstück bis Künzelsau war 12,2 Kilometer lang.
Die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen weihten es am 1. Oktober 1892 ein, am folgenden Tag begann der reguläre Verkehr.
Das zweite Teilstück bis Forchtenberg war 11,5 Kilometer lang.
Seine Fertigstellung verzögerte sich wegen der Wirtschaftslage.
Die Deutsche Reichsbahn eröffnete es am 21. Juni 1924, der reguläre Betrieb begann am 22. Juni.
Eine Verlängerung nach Ohrnberg, dem Endpunkt der Unteren Kochertalbahn, hätte eine Verbindung bis Bad Friedrichshall und Heilbronn geschaffen.
Sie kam nie über das Planungsstadium hinaus.
Der fehlende Lückenschluss gilt als mögliche Mitursache für das spätere Ende des Bahnbetriebs.
Bis in die 1970er Jahre galt die Strecke als eine der rentabelsten Nebenbahnen in Baden-Württemberg.
Ende der 1970er Jahre wurden Schienen und Schwellen erneuert, die teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammten.
Waldenburg: der Ausgangspunkt, der bleibt

Der Bahnhof Waldenburg (Württ) liegt an der Bahnstrecke Crailsheim-Heilbronn.
Er befindet sich drei Kilometer nordöstlich des Ortes Waldenburg und etwa 150 Höhenmeter tiefer.
Von 1892 bis 1995 war er der Ausgangspunkt der Kochertalbahn.
Die Züge nach Forchtenberg fuhren in der Regel von einer eigenen Abfahrtsstelle gegenüber dem Empfangsgebäude.
Dort lagen zwei Gleise, so dass die Lok umgesetzt werden konnte.
Der Bahnhof selbst ist in Betrieb und gehört deshalb nicht zu den stillen Orten dieser Reihe.
Hesselbronn: ein Haltepunkt bis 1924
Zwischen Waldenburg und Kupferzell lag bei Kilometer 1,7 der Haltepunkt Hesselbronn.
Er bestand nur von 1892 bis 1924.
Eine Dokumentation der Strecke aus dem August 2010 hält fest, dass von ihm nichts mehr zu sehen ist.
Weitere Angaben zu Hesselbronn sind nicht belegt.
Kupferzell: der Bahnhof, der umzog
Das Empfangsgebäude von Kupferzell entstand 1892 beim Bau der Strecke.
Es gilt als der erste württembergische Einheitsbahnhof.
Der Bahnhof lag bei Kilometer 3,92, vor ihm führte die Strecke über die Öhringer Straße.
Gleise zweigten zum Kupferzeller Lagerhaus und zum Umspannwerk ab.
Nach der Stilllegung der Strecke wurde das Gebäude 1989/90 abgebaut und im Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen wieder aufgebaut.
Dort steht es an einem Haltepunkt der Bahnstrecke Crailsheim-Heilbronn und trägt weiterhin die Aufschrift Kupferzell.
Das Lagerhaus, ein genossenschaftliches Lagerhaus aus den Jahren 1897/98, kam schon 1986/87 ins Museum.
Die historische Dienstwohnung im Bahnhofsgebäude ist dort seit 2000 mit Illustrationen zur Geschichte des Hauses zugänglich.
Der Platz des früheren Empfangsgebäudes in Kupferzell war 2010 eine Grünfläche mit Informationstafel.
Haag: ein Einheitsbahnhof ohne Gebäude

Auch Haag erhielt 1892 einen Bahnhof mit einem Einheitsbahnhof vom Typ I als Empfangsgebäude.
Der Bahnhof lag bei Kilometer 7,61, unmittelbar hinter einem Bahnübergang.
Nach der Dokumentation von 2010 gab es dort kein Stationsgebäude mehr.
Erhalten waren die frühere Bahnhofsgaststätte und Reste der Laderampe.

Künzelsau: Kreisstadt am Ende des ersten Abschnitts
Der Bahnhof Künzelsau bei Kilometer 12,16 war die Endstation des ersten Abschnitts.
Er wurde 1892 eingeweiht, als die Stadt über die Kochertalbahn Anschluss ans württembergische Netz erhielt.
Der angeschlossene Güterschuppen wurde nach der Stilllegung abgerissen.
Das übrig gebliebene Gebäude wurde renoviert.
Die Angaben zur Nutzung gehen auseinander: Genannt werden eine Gaststätte und der Jugendkulturverein Kokolores.
Ein Foto vom Mai 2008 zeigt das Haus kurz vor der Renovierung.



Hinter Künzelsau beginnt der erst 1924 gebaute Abschnitt.
Er führt über eine Betonbogenbrücke am Klebweg, eine Stahlbogenbrücke über den Kocher und drei Betonbögen über das Tal und die Würzburger Straße.
Die ehemalige Eisenbahnbrücke trägt heute einen Fahrradweg.

Nagelsberg: ein versteckter Haltepunkt
Nagelsberg erhielt seinen Eisenbahnanschluss erst durch die Verlängerung nach Forchtenberg 1924.
Der Haltepunkt lag bei Kilometer 13,62 unmittelbar am Kocher.
Im August 2010 war er nur noch am Zugangsweg zu erkennen, der von der Straße abzweigt.
Etwas davor, bei Kilometer 13,4, zweigte ein Industrieanschluss ab.
Ingelfingen: die Weinhandlung im Bahnhof
Der Bahnhof Ingelfingen bei Kilometer 15,28 entstand erst 1924 unter der Reichsbahn.
Er unterscheidet sich im Stil von den württembergischen Einheitsbahnhöfen des ersten Abschnitts.
In der Dokumentation von 2010 beherbergt das Empfangsgebäude eine Weinhandlung.
Die Gleise führten durch das Gelände des Lagerhauses Ingelfingen, das inzwischen stark erweitert wurde.
Ein Foto von 1979 zeigt einen Gleisbauzug im Bahnhof Ingelfingen.
Zwei Jahre später endete der Personenverkehr.



Hinter Ingelfingen verläuft die Trasse parallel zur Landesstraße nach Forchtenberg.
Bei Kilometer 16,0 überquerte sie den Schulklingenbach.

Criesbach: eine Halle auf dem Bahngelände
Bei Kilometer 16,6 überquerte die Bahn den Kocher auf einer großen Brücke.
Sie wurde im Juni 2000 abgerissen, nur ein Teil des Tragwerks mit einer Gedenktafel erinnert an sie.
Die Haltestelle Criesbach folgte bei Kilometer 17,06.
Auf ihrem Gelände steht eine Halle der Firma GEMÜ, das Gelände wurde mit einem Industriegebäude überbaut.


Niedernhall: vom Bahnhof zum Wohnhaus
Der Bahnhof Niedernhall lag bei Kilometer 18,92.
Sein Empfangsgebäude ist baugleich mit dem von Ingelfingen.
Nach der Dokumentation von 2010 dient es als Wohnhaus.


Weißbach: Gaststätte und Güterschuppen
In Weißbach lag der Bahnhof bei Kilometer 21,64, der Güterschuppen bei Kilometer 21,6.
Das Empfangsgebäude hat wieder einen anderen Stil als die Vorgänger.
Im August 2010 befand sich darin eine Gaststätte, der Bikerbahnhof.
In Waggons am renovierten Güterschuppen konnte man übernachten.
Zwischen Niedernhall und Weißbach dient die Trasse als Radweg.
Forchtenberg: der Endpunkt
Am Bahnhof Forchtenberg bei Kilometer 23,52 endete die Strecke.
Sein Empfangsgebäude ist baugleich mit dem in Weißbach.
Mit dem Bahnanschluss am 22. Juni 1924 erlebte der Ort einen wirtschaftlichen Aufschwung.
Bei Kilometer 23,2, dort wo der heutige Weg abschwenkt, befand sich die Einfahrt ins Lagerhaus Forchtenberg.



Das Ende: erst die Reisenden, dann die Güter
Am 30. Mai 1981 wurde der Personenverkehr zugunsten des Nahverkehrsmodells Hohenlohekreis eingestellt, eines Pilotprojekts für Omnibusnetze im ländlichen Raum.
Die Einstellung galt als vorläufig, mit der Zusage, den Zugverkehr bei einem Scheitern des Modells wieder aufzunehmen.
Die Ziele des Projekts wurden verfehlt, das Modell wurde stark abgeändert.
Ein Scheitern wurde politisch nie festgestellt, die Züge kehrten nicht zurück.

Der Güterverkehr endete am 15. Mai 1991.
Für den Abschnitt Waldenburg-Künzelsau nennt eine weitere Aufstellung den 25. September 1994.
Das Eisenbahn-Bundesamt genehmigte die Stilllegung am 24. April 1995, vollzogen wurde sie zum 1. August 1995.
Die gesamte Länge wurde von Bahnbetriebszwecken freigestellt und die Gleise wurden zurückgebaut.
Radwege und Reaktivierungspläne
Zwischen Waldenburg und Künzelsau wurden Fuß- und Radwege auf oder neben der Trasse angelegt.
Auch zwischen Weißbach und Forchtenberg wird die Trasse als Radweg genutzt.
Eine Machbarkeitsstudie ergab 2002 ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von unter 1,0.
Der Hohenloher Kreistag gab 2012 die Pläne für eine Wiederinbetriebnahme zwischen Waldenburg und Künzelsau auf.
2017 wurde die Bürgerinitiative „Wir bauen die neue Kochertalbahn“ gegründet.
Eine erweiterte Machbarkeitsstudie vom März 2023 kam zu dem Ergebnis, dass ein Wiederaufbau zwischen Waldenburg und Nagelsberg als elektrische Stadtbahn technisch möglich und sinnvoll wäre.
2025 vergab die Stadt Künzelsau die Vorplanungsleistungen.
Die Geschichte in Daten
1. Oktober 1892: Einweihung der Strecke Waldenburg-Künzelsau.
21. Juni 1924: Eröffnung des Abschnitts bis Forchtenberg, regulärer Betrieb ab dem 22. Juni.
30. Mai 1981: Der Personenverkehr wird vorläufig eingestellt.
15. Mai 1991: Ende des Güterverkehrs.
24. April 1995: Genehmigung der Stilllegung durch das Eisenbahn-Bundesamt.
1. August 1995: Die Stilllegung wird vollzogen.
2012: Der Hohenloher Kreistag gibt die Reaktivierungspläne vorerst auf.
2025: Vergabe der Vorplanungsleistungen für eine Reaktivierung.
Häufige Fragen
Wie lang war die Kochertalbahn?
Wann fuhr der letzte Personenzug?
Wo steht der Bahnhof Kupferzell heute?
Wurde die Strecke bis Bad Friedrichshall verlängert?
Kann man die Trasse heute nutzen?
Die Kochertalbahn endete 1981 für die Reisenden, doch ihre Bahnhöfe haben sehr verschiedene Wege genommen.
Einer steht im Museum, einer ist ganz verschwunden, mehrere werden anders genutzt.
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