Die stillen Halte der Kleinbahn Steinhelle-Medebach im Sauerland

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die stillen Halte der Kleinbahn Steinhelle-Medebach im Sauerland

Die 36 Kilometer lange Schmalspurbahn fuhr von 1902 bis 1953 und hatte eine in Mitteleuropa im Personenverkehr einmalige doppelte Spitzkehre. Der Beitrag geht die Halte von Steinhelle bis Medebach durch.

Der ehemalige Bahnhof Olsberg-Wiemeringhausen an der Kleinbahn Steinhelle-Medebach, 2012.
Der ehemalige Bahnhof Olsberg-Wiemeringhausen an der Kleinbahn Steinhelle-Medebach, 2012. Foto: Martin Lindner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1902
Erster Abschnitt eröffnet
1903
Medebach erreicht
750 mm
Spurweite, 36 km lang
1953
Gesamtverkehr eingestellt

Lage: Hochsauerlandkreis, von Steinhelle nach Medebach, 36 Kilometer. Status: Der Gesamtverkehr wurde am 23. Juni 1953 eingestellt, die Gleise wurden abgebrochen. Heute: Einzelne Gebäude des Bahnbetriebs sind erhalten, ein Kleinbahnwanderweg folgt der Trasse.

Die Kleinbahn Steinhelle-Medebach war eine Schmalspurbahn mit 750 Millimetern Spurweite im heutigen Hochsauerlandkreis.

Sie führte auf 36 Kilometern vom Bahnhof Steinhelle an der Bahnstrecke Nuttlar–Frankenberg nach Medebach nahe der Grenze zum ehemaligen Land Waldeck.

Der Gesamtverkehr endete am 23. Juni 1953, danach wurden die Gleise abgebrochen.

Bemerkenswert war die doppelte Spitzkehre zwischen Küstelberg und Wissinghausen, die im Personenverkehr in Mitteleuropa einmalig war.

Dieser Beitrag geht die Halte Steinhelle, Wiemeringhausen, Niedersfeld, Küstelberg, Oberschledorn und Medebach durch.

Aus der Betriebszeit der Bahn sind keine freien Fotos vorhanden, die Bilder zeigen die Orte heute.

Entstehung: Jahrzehnte der Planung

In Medebach gab es schon um 1870 erste Überlegungen für einen Bahnanschluss an die damals im Bau befindliche obere Ruhrtalbahn.

1880 bildete sich ein Eisenbahnkomitee, das sich in den folgenden Jahren mit dem Vorschlag beschäftigte.

Bedeutende Fortschritte gab es trotzdem nicht.

Etwa 20 Jahre später nahm das Projekt konkrete Formen an, als der Bau einer Bahn durch das Negertal nach Winterberg in die entscheidende Phase trat.

Wegen der schwierigen Geländeverhältnisse des östlichen Sauerlandes rechnete man mit einer kurven- und steigungsreichen und damit teuren Trassenführung.

Eine Normalspurstrecke, möglicherweise als Hauptbahn, wurde wegen der hohen Kosten wieder verworfen.

Der erste Entwurf sah eine meterspurige Kleinbahn vom Staatsbahnhof Steinhelle über Niedersfeld, Küstelberg und Oberschledorn nach Medebach vor.

Die Baukosten dafür lagen bei etwa 40.000 Mark je Kilometer.

Mit Planung und Bau wurde die Direktion der Westfälischen Landes-Eisenbahn betraut.

Sie schlug eine Spurweite von 750 Millimetern vor, um die Trasse besser an das Gelände anzupassen.

Ausschlaggebend war ein Gutachten des Betriebsdirektors Schönfeld vom 23. Juli 1898, nach dem der Bau nur noch etwa 30.000 Mark je Kilometer kosten würde.

Danach wurde die Spurweite endgültig auf 750 Millimeter festgelegt.

Für den Abschnitt zwischen Küstelberg und Medebach gab es mehrere Vorschläge, am Ende entschied man sich für die Führung von Küstelberg nach Oberschledorn und von dort nach Süden nach Medebach.

Am 27. Juli 1900 veröffentlichte die Königliche Eisenbahn-Direktion Kassel einen Vertragsentwurf zur Finanzierung.

Der preußische Staat, der Provinzialverband Westfalen und der Kreis Brilon waren demnach zu gleichen Teilen an der Gesellschaft beteiligt.

Am 5. Oktober 1901 erteilte das preußische Ministerium der öffentlichen Arbeiten die Bau- und Betriebskonzession.

Einige Grundstückseigentümer wollten ihr Land zunächst nicht oder nur zu sehr hohen Preisen abgeben, nach Verhandlungen begann der Bau.

Für die Erdarbeiten holte man viele Kroaten und Italiener in das östliche Sauerland.

Im Januar 1902 fuhren die ersten Bauzüge nach Niedersfeld.

Am 1. Mai 1902 ging der Abschnitt Steinhelle–Niedersfeld in Betrieb, gezogen von einem Feurigen Elias.

Am 15. Juni 1902 folgte der Abschnitt Niedersfeld–Küstelberg, am 21. Dezember 1902 der Abschnitt bis Oberschledorn.

Medebach wurde am 1. Mai 1903 erreicht.

So sah es vorher aus: Betrieb auf 750 Millimetern

Nach der Fertigstellung lieferte Henschel vier Dampflokomotiven an die Kleinbahn.

Sie versahen den Dienst die nächsten 26 Jahre.

Um eine gute Bogenläufigkeit zu erreichen, wurde der gesamte Wagenpark trotz hoher Kosten vierachsig geliefert.

Die Betriebswerkstatt für die Wagen lag in Medebach.

In den Anfangsjahren verkehrten ungefähr vier Zugpaare täglich.

In der Konzessionsurkunde war eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde festgelegt.

Kurz vor der Betriebsaufnahme setzte die Königliche Eisenbahn-Direktion Kassel sie auf 20 Kilometer pro Stunde herab.

Spätere Verhandlungen mit dem Preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten brachten keine wesentlichen Fortschritte.

Steinhelle: Ausgangspunkt an der Staatsbahn

Der Ausgangspunkt der Kleinbahn war der Staatsbahnhof Steinhelle an der Bahnstrecke Nuttlar–Frankenberg.

Im Zweiten Weltkrieg kam es im Bahnhof Steinhelle wegen des Waggonmangels der Reichsbahn zu einem Warenstau.

Die Waren wurden deshalb in Dringlichkeitsstufen eingeteilt, trotzdem standen selbst Waren mit hoher Dringlichkeit bis zu vier Wochen dort.

Der Bahnhof Steinhelle.
Der Bahnhof Steinhelle. Foto: Falkmart, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Gleise am Bahnhof Steinhelle.
Gleise am Bahnhof Steinhelle. Foto: Falkmart, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Wiemeringhausen: Ein Blindgänger neben den Gleisen

Der Bahnhof Wiemeringhausen liegt heute im Ortsteil Olsberg-Wiemeringhausen.

Im Herbst 1944 fielen die ersten Bomben auf die Kleinbahnstrecke, die Gleise wurden aber nicht direkt getroffen.

Einmal lag in Wiemeringhausen ein Blindgänger vier Meter neben den Gleisen.

Die Reisenden mussten den Zug 100 Meter davor verlassen und stiegen 100 Meter danach wieder ein, der Zug passierte den Sprengkörper nur mit dem Zugpersonal an Bord.

Feuerwerker entschärften die Bombe.

Der ehemalige Bahnhof Olsberg-Wiemeringhausen, 2012.
Der ehemalige Bahnhof Olsberg-Wiemeringhausen, 2012. Foto: Martin Lindner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Niedersfeld: Das Ende des ersten Abschnitts

Niedersfeld war der Endpunkt des ersten Abschnitts, der am 1. Mai 1902 in Betrieb ging.

Bis dorthin verkehrten im Januar 1902 schon die ersten Bauzüge.

Am 15. Juni 1902 wurde die Strecke von Niedersfeld bis Küstelberg verlängert.

Küstelberg bis Wissinghausen: Die doppelte Spitzkehre

Zwischen Küstelberg und Wissinghausen waren auf 6,2 Kilometern 141 Höhenmeter zu überwinden.

Dampfzüge brauchten für diese Strecke 25 Minuten, Triebwagen 14 Minuten.

Die beiden Spitzkehren lagen bei Kilometer 18 und Kilometer 23.

Ein Umsetzen der Lokomotive war dort nicht möglich, deshalb wurde der Zug geschoben.

Auf der vorderen Plattform stand der Zugführer und gab Signale, besonders an der Landstraße von Küstelberg nach Deifeld war das nötig.

Oberschledorn: Ende des dritten Abschnitts

Von Küstelberg führte die Trasse nach Oberschledorn und von dort in südlicher Richtung nach Medebach.

Oberschledorn wurde am 21. Dezember 1902 erreicht.

Weitere Angaben zu diesem Halt sind nicht belegt.

Medebach: Endpunkt mit Werkstatt

Am 1. Mai 1903 erreichte die Bahn Medebach, die Kleinstadt an der Grenze zum ehemaligen Land Waldeck.

In Medebach lag die Betriebswerkstatt für den Wagenpark.

Bei den Kämpfen um den Ort in den Ostertagen 1945 wurden zahlreiche Waggons beschädigt.

Bei den Personenwagen waren die Scheiben zerstört, die meisten Wagen hatten Durchschüsse und Splitterschäden.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude in Medebach, 2015.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude in Medebach, 2015. Foto: Optimist4343, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude Medebach im Jahr 2017.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude Medebach im Jahr 2017. Foto: Roland Wagner, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.

Niedergang: Krieg, Bus und Stilllegung

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nahm der Verkehr stark zu, weil die privaten Lastwagen an die Wehrmacht abgegeben werden mussten.

Die planmäßigen Züge reichten für den Güterverkehr nicht mehr aus, die Kleinbahn setzte zusätzliche Bedarfszüge ein.

Nach den Luftangriffen auf das Ruhrgebiet mussten zeitweise sämtliche Wagen eingesetzt werden, um Evakuierte aus dem Ruhrgebiet mit ihrem Hab und Gut zu den Orten entlang der Strecke zu bringen.

Ab Anfang 1945 kam es immer wieder zu Tieffliegerangriffen auf Züge.

An der kurvigen Strecke trafen die alliierten Flugzeuge die Züge aber nur selten.

Schließlich fuhr die Bahn nur noch am Morgen und am Abend bei Dämmerung.

Morgens fuhr der Zug um fünf Uhr in Medebach ab und war um acht Uhr in Steinhelle, dort wurde er am Waldrand abgestellt und getarnt.

Als am 20. März ein Munitionszug im Bahnhof Willingen nach einem Tieffliegerangriff explodierte, flogen Trümmer bis auf die Kleinbahngleise.

Der Zug hatte deshalb vier Stunden Verspätung, weil die Gleise erst kontrolliert werden mussten.

Am 29. März wurde bekannt, dass US-Panzer Hallenberg besetzt hatten.

Der Zug fuhr am Nachmittag zurück nach Medebach, und mit einer weißen Fahne an der Lokomotive unbehelligt in den Ort.

Im Juni begannen Aufräumarbeiten, Anfang Juli 1945 konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden.

Nach 1945 lag das Verkehrsaufkommen jährlich meist zwischen 20.000 und 30.000 Tonnen Gütern, vor allem Bauholz für den Bergbau, und um die 100.000 Fahrgästen.

Nur in den Kriegsjahren und kurz danach lag die Zahl der Fahrgäste erheblich darüber.

Der Gesamtverkehr wurde bald nach dem 50-jährigen Jubiläum, zu dem noch eine Festschrift erschienen war, am 23. Juni 1953 eingestellt.

Die Gleise wurden anschließend abgebrochen.

Als Ersatz diente ein bahneigener Omnibusbetrieb mit einem Netz von Linien.

Er firmierte ab dem 5. Dezember 1963 als Verkehrsbetriebe Kreis Brilon, Kleinbahn Steinhelle-Medebach GmbH, obwohl es keinen Schienenverkehr mehr gab.

Am 24. Januar 1979 wurde der Busbetrieb in den Regionalverkehr Ruhr-Lippe eingegliedert.

Die Steiermärkischen Landesbahnen übernahmen einen Großteil der Güterwagen, die auf steirischen Schmalspurstrecken teilweise noch jahrzehntelang im Einsatz standen.

So sieht es jetzt aus: Gebäude, Modell und Wanderweg

Entlang der gesamten Strecke sind einzelne Gebäude des Bahnbetriebs erhalten geblieben.

Im Städtischen Museum Medebach ist ein Modell der Kleinbahn zu sehen, dort sind auch einige originale Ausrüstungsgegenstände und zahlreiche Fotos ausgestellt.

Teils auf der, teils neben der früheren Trasse verläuft der ausgeschilderte Kleinbahnwanderweg Steinhelle–Medebach.

Die Geschichte in Daten

Um 1870: Erste Überlegungen für einen Bahnanschluss Medebachs.

1880: Ein Eisenbahnkomitee bildet sich.

23. Juli 1898: Gutachten des Betriebsdirektors Schönfeld zur Spurweite von 750 Millimetern.

27. Juli 1900: Vertragsentwurf zur Finanzierung.

5. Oktober 1901: Bau- und Betriebskonzession erteilt.

1. Mai 1902: Abschnitt Steinhelle–Niedersfeld geht in Betrieb.

15. Juni 1902: Abschnitt Niedersfeld–Küstelberg.

21. Dezember 1902: Abschnitt bis Oberschledorn.

1. Mai 1903: Medebach wird erreicht.

Herbst 1944: Erste Bomben fallen auf die Strecke.

Juli 1945: Der Betrieb wird nach Kriegsschäden wieder aufgenommen.

23. Juni 1953: Der Gesamtverkehr wird eingestellt.

5. Dezember 1963: Der Busbetrieb firmiert als Verkehrsbetriebe Kreis Brilon.

24. Januar 1979: Der Busbetrieb geht im Regionalverkehr Ruhr-Lippe auf.

Häufige Fragen

Wie lang war die Kleinbahn?
Die Strecke von Steinhelle nach Medebach war 36 Kilometer lang und hatte eine Spurweite von 750 Millimetern.
Was war an der Strecke besonders?
Die doppelte Spitzkehre zwischen Küstelberg und Wissinghausen war im Personenverkehr in Mitteleuropa einmalig.
Wann endete der Verkehr?
Der Gesamtverkehr wurde am 23. Juni 1953 eingestellt.
Fährt hier noch eine Bahn?
Nein. Die Gleise wurden abgebrochen, ein Bus übernahm den Verkehr.
Wo erinnert heute etwas an die Kleinbahn?
Im Städtischen Museum Medebach steht ein Modell, außerdem sind einzelne Gebäude erhalten und ein Kleinbahnwanderweg folgt der Trasse.

Die Kleinbahn Steinhelle-Medebach fuhr 51 Jahre lang, von 1902 bis 1953.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Kleinbahn Steinhelle–Medebach · Wikimedia Commons: Bilder zur Kleinbahn Steinhelle-Medebach

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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