Die Innerstetalbahn: Stille Halte im Oberharz von Lautenthal bis Altenau
Die Innerstetalbahn brachte den Oberharzer Bergbau ans Netz. Seit 1976 fahren keine Züge mehr, von den Bahnhöfen stehen heute noch alle.


Lage: Oberharz, Niedersachsen. Status: stillgelegt, Gleise abgebaut. Heute: Die Trasse ist Wander-, Rad- und Loipenweg, alle Bahnhöfe stehen noch.
Die Innerstetalbahn führte von Langelsheim durch den Oberharz nach Altenau.
Sie hieß auch Oberharzbahn oder Harzbahn und wurde gebaut, um der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft den Zugang zu den Harzbergwerken zu verschaffen.
Am 29. Mai 1976 fuhren die letzten Züge nach Fahrplan, danach wurden die Gleise abgebaut.
Dieser Beitrag geht die Halte einzeln durch: Lautenthal, Wildemann, Silbernaal-Grund, Frankenscharrnhütte, Clausthal-Zellerfeld, Clausthal Ost und Altenau.
Von Silbernaal-Grund, Frankenscharrnhütte und Clausthal Ost gibt es keine freien Fotos, von der Betriebszeit nur wenige.
Wie die Innerstetalbahn entstand
Ideen für eine Bahn in den Oberharz gab es schon 1863, als die Strecke von Hildesheim nach Goslar geplant wurde.
Das enge Innerstetal und die großen Höhenunterschiede machten eine Normalspurbahn aber schwierig.
Die Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft begann 1871 mit den ersten Verhandlungen und im Mai 1874 mit dem Bau.
Zuerst entstand der Abschnitt bis Lautenthal, der am 25. Oktober 1875 für den Güterverkehr und am 15. November 1875 für den Personenverkehr eröffnet wurde.
Der Weg nach Wildemann erwies sich als überaus schwierig und verlangte einen 278 Meter langen Tunnel durch den Gallenberg, der am 6. Oktober 1876 in Betrieb ging.
Bis Frankenscharrnhütte lief der Güterverkehr ab dem 1. Januar 1877, der Personenverkehr ab dem 15. Mai 1877.
Der Zugverkehr nach Clausthal begann am 15. Oktober 1877, anfangs fuhren drei Zugpaare täglich zwischen Langelsheim und Clausthal-Zellerfeld.
Seit 1888 gab es Pläne, die Bahn nach Altenau zu verlängern, damit aus der Stichbahn eine rentablere Durchgangsbahn werden konnte.
Die Vorarbeiten begannen 1908, die eigentlichen Bauarbeiten im Februar 1912.
Zum Teil mit bis zu 16 Meter tiefen Einschnitten ging man ins Gelände vor und baute vier Viadukte, von denen der Hellertalviadukt mit 15 Meter Höhe und 44 Meter Länge der größte war.
Am östlichen Rand von Clausthal wurde der zusätzliche Bahnhof Clausthal Ost errichtet.
Am 30. April 1914 ging die Strecke bis Altenau in Betrieb, sieben Zugpaare fuhren täglich zwischen Altenau und Goslar.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete alle Pläne einer weiteren Verlängerung.
Lautenthal: Der erste Halt im Oberharz
Lautenthal war der erste Bahnhof im Oberharz, den die Strecke 1875 erreichte.
Das Empfangsgebäude war bei der Einweihung noch nicht fertig und ging erst im Herbst 1877 in Betrieb.
Mit der Einstellung des Bergbaus in Lautenthal und Clausthal-Zellerfeld 1967 begann das schleichende Ende der Bahn.
Das frühere Bahnhofsgebäude steht noch.


Wildemann: Der Tunnel durch den Gallenberg
Für die Fortführung nach Wildemann musste ein 278 Meter langer Tunnel durch den Gallenberg gebaut werden.
Er ging am 6. Oktober 1876 in Betrieb.
Auch in Wildemann stand zu diesem Zeitpunkt noch kein angemessenes Empfangsgebäude.
Es wurde vier Jahre später, am 28. Juni 1879, nach dem Bau der nötigen Zufahrtsstraße eingeweiht und 1904 erheblich vergrößert.
Das Nordportal des Wildemann-Tunnels ist verschüttet, am Südportal befindet sich im Inneren auf der rechten Seite eine Gedenktafel.






Silbernaal-Grund
Silbernaal-Grund lag an der Strecke zwischen Wildemann und Frankenscharrnhütte.
Weitere Einzelheiten zu diesem Halt sind nicht belegt.
Frankenscharrnhütte: Von der Silberhütte zum neuen Namen
Der Halt hieß zunächst Silberhütte und wurde später in Frankenscharrnhütte umbenannt.
Bis hierher lief der Güterverkehr ab dem 1. Januar 1877 und der Personenverkehr ab dem 15. Mai 1877.
Weitere Einzelheiten zum Halt sind nicht belegt.
Clausthal-Zellerfeld: Ein Bahnhof für zwei Städte
Der Bahnhof Clausthal-Zellerfeld wurde als gemeinsamer Bahnhof der damals noch getrennten Städte Clausthal und Zellerfeld gebaut.
Die beiden Städte wurden erst 1924 vereinigt.
Die Fertigstellung wurde am 15. Oktober 1877 mit einem geschmückten Zug gefeiert.
Das Empfangsgebäude war ein repräsentativer Ziegelbau im Stil der Gründerzeit mit einem Turm.
Wegen der starken Zunahme des Personenverkehrs wurde es 1885 und 1901 vergrößert.
Bis 1976 war der Bahnhof in Betrieb.

Beim Luftangriff vom 7. Oktober 1944 wurde das Empfangsgebäude fast völlig zerstört.
Es wurde nur notdürftig wieder hergerichtet.
Der Wiederaufbau begann am 18. September 1961 und war am 30. September 1963 abgeschlossen.
Das Gebäude entstand in deutlich vereinfachter und verkleinerter Form neu und wurde mit Holz verschalt.

Nach der Entwidmung der Strecke verkaufte die Deutsche Bundesbahn das Empfangsgebäude an die Samtgemeinde Oberharz, später fiel es an die Stadt Clausthal-Zellerfeld.
Seit 1982 befindet sich darin die Stadtbibliothek.
2020 wurde das Gebäude für rund 800.000 Euro energetisch saniert.
Am 16. Oktober 1977, genau 100 Jahre und einen Tag nach der Eröffnung des Bahnhofs, fuhr zum letzten Mal ein Zug auf der Normalspurstrecke nach Langelsheim.
Es war die Dampflok 41 096, die als Sonderfahrt zum Jubiläum unterwegs war.
Clausthal Ost: Der Bahnhof am Werk Tanne
Der Bahnhof Clausthal Ost wurde mit der Verlängerung nach Altenau am östlichen Rand von Clausthal errichtet.
In seiner Nähe entstand 1935 eine Sprengstofffabrik mit dem Tarnnamen Werk Tanne.
Am 7. Oktober 1944 wurde das Werk aus der Luft angegriffen.
Rund 600 von 2.000 Bomben trafen das Werk und die umliegenden Lager von Zwangsarbeitern, 92 Menschen kamen ums Leben.
Auch die Bahnanlagen und verschiedene Gebäude der Stadt erlitten starke Schäden.
Der Zugverkehr konnte kurz darauf wieder aufgenommen werden.
Weitere Einzelheiten zum Bahnhof Clausthal Ost sind nicht belegt.
Altenau: Der Endbahnhof abseits der Stadt
Weil das Gelände um Altenau wenig Platz bot, wurde der Bahnhof weit abseits der Stadt errichtet.
Er wurde am 30. April 1914 zusammen mit der Streckenverlängerung eröffnet und war bis 1976 Endbahnhof.
Die Anlagen umfassten ein Hauptgleis, zwei Nebengleise zum Umsetzen und Abstellen, eine 42 Meter lange Holzverladerampe und ein Ladegleis mit Kopf- und Seitenrampe.
Neben dem Empfangsgebäude gab es einen 130 Meter langen Hausbahnsteig im typischen Harzer Stil und einen 200 Meter langen Mittelbahnsteig.
Zum Wenden der Dampflokomotiven diente eine Drehscheibe, anfangs mit 14 Metern Durchmesser, später mit 16 Metern.
Am 18. September 1950 ereignete sich im Bahnhof Altenau ein schwerer Unfall.
Ein Bauzug, dessen Bremse nach der Abfahrt aus Clausthal Ost versagt hatte, fuhr im steilen Gefälle ungebremst auf Altenau zu und prallte gegen einen dort stehenden Personenzug.
Das Zugpersonal war zuvor abgesprungen, alle Personen auf dem Bahnsteig konnten sich in Sicherheit bringen.
Der Zugführer des Bauzuges starb, drei weitere Eisenbahner wurden schwer verletzt, fünf Bahn- und Postbeamte im Personenzug leicht.
Es dauerte drei Tage, bis der Zugverkehr wieder aufgenommen werden konnte.

Nach der Stilllegung 1976 und dem Abbau der Gleise nutzte der städtische Schützenverein von 1525 das Empfangsgebäude ab 1979 als Schießstand.
Der Bahnhofsplatz diente als Camping- und Reisemobil-Stellplatz.
2017 wurde das Gelände privatisiert und weiterhin als Camping- und Wohnmobilstellplatz genutzt.
Der 13. April 1945: Die Sprengung des Hellertalviadukts
Am 10. April 1945 wurde der Zugverkehr auf der Innerstetalbahn wegen der näher rückenden Front eingestellt.
Lautenthal wurde am 11. April eingenommen, Clausthal-Zellerfeld am 13. April morgens.
Am Mittag des 13. April 1945 sprengte die Wehrmacht den Hellertalviadukt, um den Vormarsch der Amerikaner aufzuhalten.
Der Wiederaufbau des Viadukts begann am 12. Mai 1945 und war Ende November 1945 abgeschlossen.
Ab Sommer 1949 verkehrten wieder sieben Zugpaare zwischen Altenau und Goslar.
Das Ende der Strecke
Das schleichende Ende begann 1967 mit der Einstellung des Bergbaus in Clausthal-Zellerfeld und Lautenthal.
Der Güterverkehr nahm ab und wurde von der Strecke eingestellt.
1974 verkehrten werktags noch neun Zugpaare, sonntags sieben.
Der Personenverkehr deckte die Kosten nicht mehr, und die Deutsche Bundesbahn verkündete die Einstellung.
Am 29. Mai 1976 fuhren die letzten Züge nach Fahrplan.
Am 15. und 16. Oktober 1977 befuhren zum 100-jährigen Jubiläum noch einmal Sonderzüge mit der ölgefeuerten Dampflok 41 096 die Strecke, danach wurden die Gleise abgebaut und die Bahnhofsgebäude verkauft.
Eine Investorengruppe versuchte noch, die Strecke zu kaufen und in einem einfachen Betrieb weiterzuführen, scheiterte aber an den Kaufpreisvorstellungen der Deutschen Bahn.
So sieht es jetzt aus: Wanderweg, Radweg und Loipe
Brücken und Viadukte der Innerstetalbahn prägen bis heute Teile des Oberharzes.
Man sieht sie besonders von der Bundesstraße 242 zwischen Seesen und Clausthal-Zellerfeld und von der Kreisstraße 38 im Hellertal.
Es stehen noch alle Bahnhöfe und zum Teil weitere kleine Gebäude.
Die alte Trasse dient heute als Wander- und Radweg und im Winter als Langlaufloipe.
Der Radweg ist Teil des Radfernwegs Nr. 5, des Weser-Harz-Heide-Radfernwegs.
Auf der Trasse zwischen Clausthal-Zellerfeld und Altenau wurden 2011 und 2013 Forstwegebrücken über Einschnitte wegen Baufälligkeit abgerissen und die Einschnitte verfüllt.
Die künftige Finanzierung der Unterhaltung der Viadukte im Hellertal ist nicht gesichert.

25. Oktober 1875: Güterverkehr bis Lautenthal.
15. November 1875: Personenverkehr bis Lautenthal.
6. Oktober 1876: Der Wildemann-Tunnel geht in Betrieb.
15. Oktober 1877: Zugverkehr nach Clausthal.
30. April 1914: Die Strecke erreicht Altenau.
7. Oktober 1944: Luftangriff auf das Werk Tanne bei Clausthal.
13. April 1945: Die Wehrmacht sprengt den Hellertalviadukt.
18. September 1950: Unfall im Bahnhof Altenau.
1967: Der Bergbau in Clausthal-Zellerfeld und Lautenthal wird eingestellt.
29. Mai 1976: Die letzten Züge fahren nach Fahrplan.
15. und 16. Oktober 1977: Sonderzüge zum 100-jährigen Jubiläum.
Wann fuhr der letzte Zug?
Stehen die Bahnhöfe noch?
Was ist im Bahnhof Clausthal-Zellerfeld?
Kann man die Trasse nutzen?
Warum wurde die Bahn gebaut?
Die Innerstetalbahn war eine Bahn des Bergbaus, und mit den Gruben endete auch sie.
Geblieben sind die Gebäude, Tunnel und Viadukte, an denen heute die Wanderwege vorbeiführen.
Wikipedia: Bahnstrecke Langelsheim–Altenau (Oberharz) · Wikipedia: Bahnhof Clausthal-Zellerfeld · Wikipedia: Bahnhof Altenau (Oberharz)
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