Die stillen Halte der Altenbekener Strecke bei Hameln

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die stillen Halte der Altenbekener Strecke bei Hameln

Die Strecke Hannover–Altenbeken ist in Betrieb, doch mehrere Halte bei Hameln sind seit Jahrzehnten ohne Personenverkehr. Einige wurden in den 1930er Jahren für die NS-Reichserntedankfeste ausgebaut.

Treppe als Rest des viergleisigen Führerbahnhofs bei Tündern, aufgenommen im Februar 2018.
Treppe als Rest des viergleisigen Führerbahnhofs bei Tündern, aufgenommen im Februar 2018. Foto: Axel Hindemith, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1872
Strecke eröffnet
1935
Führerbahnhof Tündern
1964
Tündern und Afferde zu
1988
Hasperde und Welsede zu

Lage: Hasperde, Hilligsfeld, Rohrsen, Tündern und Welsede an der Bahnstrecke Hannover–Altenbeken, Afferde an der Strecke Elze–Löhne. Status: Die Strecken sind in Betrieb, die sechs Halte ohne Personenverkehr. Heute: In Tündern sind Baureste des Führerbahnhofs erhalten.

Die Bahnstrecke Hannover–Altenbeken ist bis heute in Betrieb, und auf ihr fährt die S-Bahn Hannover.

Dieser Beitrag behandelt nur die Halte, an denen kein Personenverkehr mehr stattfindet.

Es sind sechs: Hasperde, Hilligsfeld, Rohrsen, Tündern und Welsede an der Altenbekener Strecke sowie Afferde an der Weserbahn Elze–Löhne.

Mehrere davon wurden in den 1930er Jahren für die Reichserntedankfeste am Bückeberg bei Hameln ausgebaut.

Diese Feste waren Massenveranstaltungen des NS-Regimes, und der Beitrag behandelt sie sachlich und ohne Verklärung.

Freie historische Fotos der Halte fehlen auf Wikimedia Commons, vorhanden sind neuere Aufnahmen der Baureste in Tündern und eine Fahrplan-Ankündigung der Strecke von 1872.

Die Strecke: von 1872 bis zur S-Bahn

Gebaut wurde die Strecke von der Gesellschaft Hannover-Altenbekener Eisenbahn.

Der erste Abschnitt bis Hameln ging am 13. April 1872 in Betrieb, die gesamte Linie bis Altenbeken folgte am 19. Dezember 1872.

Eröffnungsankündigung der Gesellschaft mit Fahrplan für die Strecken ab Hannover nach Weetzen, Barsinghausen und Hameln, 1872.
Eröffnungsankündigung der Gesellschaft mit Fahrplan für die Strecken ab Hannover nach Weetzen, Barsinghausen und Hameln, 1872. Foto: Der Special-Director der Hannover-Altenbekener Eisenbahn-Ges, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Nach dem finanziellen Niedergang der Gesellschaft wurde die Strecke 1880 verstaatlicht und von den Preußischen Staatseisenbahnen betrieben.

Anfangs eingleisig, wurde sie 1908 zwischen Hameln und Altenbeken und bis 1913 zwischen Hannover und Hameln zweigleisig ausgebaut.

Seit dem Sommer 1971 ist sie elektrisch befahrbar.

Zur Expo 2000 wurde die S-Bahn Hannover eingeführt, die auch die Teilstrecke Hannover–Hameln bedient.

Von Hannover aus lagen nach Bad Münder zuerst Hasperde, Hilligsfeld und Rohrsen, hinter Hameln folgten Tündern, Emmerthal und, auf dem Weg nach Bad Pyrmont, Welsede.

Die Reichserntedankfeste und die Bahn

Die Reichserntedankfeste fanden von 1933 bis 1937 am Bückeberg bei Hagenohsen südlich von Hameln statt.

Sie gehörten zu den größten Massenveranstaltungen der NS-Zeit.

Die Termine waren der 1. Oktober 1933, der 30. September 1934, der 6. Oktober 1935, der 4. Oktober 1936 und der 3. Oktober 1937.

Die Besucherzahlen stammen vom Propagandaministerium als Veranstalter und gelten als vermutlich aufgerundet: etwa 500.000 im Jahr 1933, etwa 700.000 im Jahr 1934 und 1,2 bis 1,3 Millionen im Jahr 1937.

Für die Anreise wurden bis zu 215 Sonderzüge eingesetzt, jeder mit mindestens 1.000 Personen.

Sie fuhren zum Bahnhof Hameln oder zu einem von acht weiteren Halten in der Nähe des Bückebergs, darunter Hameln-Tündern.

In den letzten Stunden vor dem Fest trafen die Züge im Abstand von zwei Minuten in Hameln ein.

Die Strecke erhielt für die Feiern erhebliche Aus- und Umbauten, und bestehende Bahnhöfe wurden erneuert.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden diese Anlagen größtenteils wieder zurückgebaut.

Für 1936 ist verzeichnet, dass der Sonderzug Adolf Hitlers unmittelbar in Hagenohsen hielt.

Das für 1938 geplante Fest wurde am 30. September 1938 abgesagt, weil die Züge für andere Zwecke gebraucht wurden, vor allem für Truppenverlegungen während der Sudetenkrise.

Tündern: der Führerbahnhof

Der Ort Tündern bekam 1913 einen Haltepunkt an der Altenbekener Strecke.

Er liegt nur etwa einen Kilometer vom Bückeberg entfernt.

Für das Reichserntedankfest 1935 wurde der Haltepunkt zu einem viergleisigen Führerbahnhof umgebaut.

Er erhielt besonders lange Bahnsteige für den Sonderzug Adolf Hitlers.

Das zugehörige Gebäude bekam acht Fahrkartenschalter.

Dazu wurde eine Rampe angelegt, an der Hitlers Dienstwagen entladen werden konnte.

Als Führerbahnhof bestand die Anlage von 1935 bis etwa 1950.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die nicht benötigten Bahnsteige abgebaut, und der Bahnhof wurde wieder zum Haltepunkt zurückgestuft.

1964 wurde der Personenhalt aufgelassen.

Das Gebäude diente danach als Blockstelle.

Ende der 1970er Jahre wurde die Blockstelle außer Betrieb genommen und das Gebäude abgerissen.

Reste der Autorampe sind noch auffindbar, und von dem viergleisigen Führerbahnhof sind Baureste mit einer Treppe erhalten.

Weitere Baureste des Führerbahnhofs bei Tündern, aufgenommen im März 2018.
Weitere Baureste des Führerbahnhofs bei Tündern, aufgenommen im März 2018. Foto: Axel Hindemith, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Afferde: ein Bahnhof für das Fest

Afferde liegt an der Weserbahn Elze–Löhne, nicht an der Altenbekener Strecke.

Der Bahnhof Afferde wurde 1934 errichtet, im Zug der Ausbauarbeiten an der Weserbahn, die für das Reichserntedankfest 1933 begannen.

Der Ort liegt rund sieben Kilometer vom Bückeberg entfernt.

Der Bahnhof bekam zwei Ausweich- und Abstellgleise.

Das Abfertigungsgebäude war ein Holzbau mit zwei Warteräumen und einem Fahrkartenschalter.

Daneben stand ein Toilettengebäude.

In einem Anbau waren die Stellwerkstechnik für den Bahnhof und ein beschrankter Bahnübergang untergebracht, im ersten Stock lag eine Dienstwohnung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die nicht benötigten Bahnsteige abgebaut, und der Bahnhof wurde zum Haltepunkt zurückgestuft.

1964 wurde der Personenhalt aufgelassen.

Das Gebäude diente weiter als Schrankenposten und Blockstelle.

1977 zog der Schrankenwärter aus der Dienstwohnung aus.

Das Haus wurde Opfer einer Brandstiftung und 1978 abgerissen.

Rohrsen: Haltepunkt seit 1904

Rohrsen lag an der 1872 eröffneten Strecke, doch ein Haltepunkt wurde erst 1904 eingerichtet und ein Bahnhofsgebäude errichtet.

Der Ort ist rund zwölf Kilometer vom Bückeberg entfernt.

1934 wurde der Bahnhof im Rahmen der Ausbauarbeiten für das Reichserntedankfest mit zwei Ausweich- und Abstellgleisen erweitert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die nicht benötigten Bahnsteige abgebaut, und der Bahnhof wurde zum Haltepunkt zurückgestuft.

Im Frühjahr 1959 wurde der Personenhalt aufgelassen.

Anfang der 1970er Jahre wurde die Blockstelle überflüssig, und das Empfangsgebäude wurde abgerissen.

Hilligsfeld: ein Halt von 1941 bis 1948

Der Haltepunkt Hilligsfeld bestand von 1941 bis 1948.

Hilligsfeld liegt im Nordosten Hamelns und wurde am 1. Januar 1973 im Zuge der Gebietsreform in die Stadt eingemeindet.

Der Ortsteil besteht aus Groß Hilligsfeld und Klein Hilligsfeld.

Weitere Angaben zum Halt und zu seinen Anlagen sind nicht belegt.

Hasperde: Halt bis 1988

Hasperde war ein Halt an der Altenbekener Strecke bei Kilometer 48,0 und wird als ehemaliger Bahnhof geführt.

Der Personenverkehr endete hier 1988.

Hasperde ist der südlichste Ortsteil von Bad Münder am Deister und liegt zwischen der Kernstadt und Hameln.

Weitere Einzelheiten zu Gebäuden und Gleisen sind nicht belegt.

Welsede: Halt bis 1988

Welsede war ein Haltepunkt bei Kilometer 66,2, zwischen Emmerthal und Bad Pyrmont.

Auch hier endete der Personenverkehr 1988.

Das Dorf liegt fünf Kilometer südwestlich von Emmerthal und fünf Kilometer östlich von Bad Pyrmont an der Bahnstrecke.

Weitere Einzelheiten zum Halt sind nicht belegt.

So sieht es jetzt aus

Die Strecke selbst wird weiter befahren, und die Züge der S-Bahn fahren an den Orten der aufgelassenen Halte vorbei.

In Tündern sind Baureste des Führerbahnhofs und Reste der Autorampe erhalten.

Die Gebäude in Afferde, Rohrsen und Tündern wurden abgerissen.

Zu Hasperde, Hilligsfeld und Welsede sind keine Angaben zum heutigen Zustand belegt.

Das Gelände der Reichserntedankfeste am Bückeberg steht seit 2011 unter Denkmalschutz.

2017 beschloss der Kreistag Hameln-Pyrmont einen Dokumentations- und Lernort, der 2022 eröffnet wurde.

1872: Der erste Abschnitt der Strecke bis Hameln wird am 13. April eröffnet, die Gesamtstrecke bis Altenbeken am 19. Dezember.

1880: Die Strecke wird verstaatlicht.

1904: Rohrsen erhält einen Haltepunkt.

1908: Zwischen Hameln und Altenbeken wird die Strecke zweigleisig.

1913: Tündern erhält einen Haltepunkt, zwischen Hannover und Hameln ist die Strecke zweigleisig.

1933: Am 1. Oktober findet das erste Reichserntedankfest am Bückeberg statt.

1934: Rohrsen wird erweitert, Afferde erhält einen neuen Bahnhof.

1935: Tündern wird zum viergleisigen Führerbahnhof ausgebaut.

1937: Am 3. Oktober findet das letzte Reichserntedankfest statt.

1938: Das geplante Fest wird am 30. September abgesagt.

1941: Der Haltepunkt Hilligsfeld wird eingerichtet.

1948: Der Halt Hilligsfeld endet.

1959: Rohrsen verliert im Frühjahr den Personenhalt.

1964: Tündern und Afferde verlieren den Personenhalt.

1971: Die Strecke ist elektrisch befahrbar.

1978: Das Gebäude in Afferde wird abgerissen.

1988: Hasperde und Welsede werden nicht mehr bedient.

2022: Am Bückeberg eröffnet ein Dokumentations- und Lernort.

Häufige Fragen

Ist die Strecke Hannover–Altenbeken stillgelegt?
Nein, sie ist zweigleisig und elektrifiziert und wird von der S-Bahn Hannover befahren. Aufgelassen sind nur einzelne Halte.
Was war der Führerbahnhof Tündern?
Der Haltepunkt Tündern wurde für das Reichserntedankfest 1935 zu einem viergleisigen Bahnhof mit besonders langen Bahnsteigen für Hitlers Sonderzug ausgebaut. Dazu gehörten acht Fahrkartenschalter und eine Rampe für seinen Dienstwagen.
Welche Halte wurden für die Reichserntedankfeste ausgebaut?
Belegt sind Tündern, Rohrsen und Afferde. Rohrsen und Afferde erhielten je zwei Ausweich- und Abstellgleise.
Wann wurde der Personenverkehr eingestellt?
In Rohrsen im Frühjahr 1959, in Tündern und Afferde 1964. Hilligsfeld bestand von 1941 bis 1948, Hasperde und Welsede wurden bis 1988 bedient.
Was ist in Tündern noch zu sehen?
Erhalten sind Baureste des Führerbahnhofs mit einer Treppe, außerdem sind Reste der Autorampe noch auffindbar. Das Gebäude wurde Ende der 1970er Jahre abgerissen.
Gibt es einen Gedenkort?
Am Bückeberg eröffnete 2022 ein Dokumentations- und Lernort zu den Reichserntedankfesten.

Die Halte an der Altenbekener Strecke zeigen, wie eng Bahnanlagen mit der NS-Propaganda verbunden waren und wie wenig davon geblieben ist.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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