Gönninger Bahn: Die stillen Halte zwischen Reutlingen und Gönningen

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Gönninger Bahn: Die stillen Halte zwischen Reutlingen und Gönningen

Von 1902 bis 1976 fuhren Züge von Reutlingen nach Gönningen. Ein Rundgang durch die Halte einer kleinen Privatbahn, die als Somaschell, Hutzel und Gönninger Bähnle bekannt war.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude in Gönningen, Mühlwiesenstraße 11.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude in Gönningen, Mühlwiesenstraße 11. Foto: Vux, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1902
Eröffnung
16,5 km
Streckenlänge
1976
Letzter Personenzug
1985
Stilllegung bis Ohmenhausen

Lage: Reutlingen bis Gönningen, Landkreise Reutlingen und Tübingen. Status: Personenverkehr seit 1976 eingestellt. Heute: Bahnhofsgebäude und Lokschuppen in Gönningen erhalten, Teile der Trasse sind für die Regional-Stadtbahn vorgesehen.

Die Gönninger Bahn war eine eingleisige Privatbahn, die in Reutlingen an die Strecke nach Immendingen anschloss und bis nach Gönningen führte.

Der Personenverkehr endete 1976.

Dieser Beitrag geht die Halte der Strecke einzeln durch und schreibt bei jedem nur, was belegt ist.

Alte freie Fotos der Strecke sind nicht verfügbar, deshalb zeigt der Beitrag nur neuere Aufnahmen aus Gönningen.

Eine Privatbahn für Gönningen

Gebaut wurde die Strecke von den Badischen Lokal-Eisenbahnen.

Grundlage war eine württembergische Konzession vom 16. Juli 1900.

Am 20. April 1902 wurde die Bahn eröffnet.

Die Anbindung sollte den wirtschaftlichen Absatz Gönningens sichern.

Ab 1910 betrieben die Württembergischen Nebenbahnen die Strecke, die 1984 in der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft aufgingen.

Die Strecke war 16,5 Kilometer lang und hatte die Normalspur von 1.435 Millimetern.

Die größte Neigung betrug 26 Promille.

Im Volksmund hieß sie Somaschell, Hutzel oder Gönninger Bähnle.

Der Name Hutzel geht auf das Gemeindewappen von Ohmenhausen zurück.

So sah es vorher aus: Zahlen einer kleinen Bahn

Im ersten Betriebsjahr beförderte die Bahn 220.000 Personen.

1938 fuhren werktags sechs Zugpaare, sonntags fünf, und die Bahn zählte 435.000 Fahrgäste.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl 1947 auf 620.000 Fahrgäste.

Danach ging es abwärts, 1949 wurde eine parallele Buslinie eingerichtet.

1950 verkehrten werktags noch drei Zugpaare, sonntags eines.

1951 waren es noch 100.000 Fahrgäste.

Ab 1955 war nur noch ein Zugpaar ausgewiesen, nämlich die Überführungsfahrt des Triebwagens vom Lokschuppen in Gönningen nach Reutlingen und abends zurück.

Am Anfang fuhren zwei oder drei dreiachsige Nassdampflokomotiven mit elf Personenwagen.

1954 kam als erster Dieseltriebwagen der gebraucht gekaufte VT 70 900 der Bundesbahn, der als T 03 eingesetzt wurde.

Von 1979 bis zum Ende fuhr der T 07.

Im Güterverkehr gingen vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse über die Strecke.

Bis 1914 stieg die Menge auf 35.000 Tonnen im Jahr.

Zwischen 1919 und 1940 lagen die Transporte bei 8.000 bis 10.000 Tonnen.

Neue Gleisanschlüsse in Reutlingen und Betzingen brachten später 30.000 bis 40.000 Tonnen jährlich.

Reutlingen Privatbahn und Reutlingen West

Der Betriebsbahnhof Reutlingen Privatbahn lag etwa 400 Meter südwestlich des Hauptbahnhofs.

Er lag bei Kilometer 0,5 der Strecke, der Haltepunkt Reutlingen West folgte bei Kilometer 0,6.

Das Gebäude des Betriebsbahnhofs ist erhalten.

Es dient heute als Werkstatt der Freunde der Zahnradbahn Honau–Lichtenstein.

Betzingen

Der Haltepunkt Betzingen lag bei Kilometer 2,79.

Er hieß offiziell Haltepunkt, um ihn vom Bahnhof Betzingen an der Neckar-Alb-Bahn zu unterscheiden, obwohl dort ein Ausweichgleis lag.

Der Bahnhof an der Neckar-Alb-Bahn ist nicht stillgelegt und gehört nicht zu diesem Beitrag.

Hinter dem Haltepunkt zweigte bei Kilometer 3,39 das Industriegebiet Betzingen ab.

Die Stadt Reutlingen übernahm die Anlagen bis zum Industriegebiet Betzingen und führte den Betrieb dort als Anschlussbahn weiter.

Seit 1997 ist auch der Abschnitt ab dem Anschluss der Stadtwerke Reutlingen nicht mehr befahrbar.

Zwischen dem Reutlinger Hauptbahnhof und Betzingen liegt direkt nördlich der Neckar-Alb-Bahn aktuell noch das Gleis der früheren Gönninger Bahn.

Ohmenhausen

Ohmenhausen liegt bei Kilometer 6,42.

Zwischen Ohmenhausen und Gönningen endete der Güterverkehr formal zum 30. Juni 1982.

Die Stilllegung zwischen Reutlingen und Ohmenhausen folgte 1985.

Im Ortskern von Ohmenhausen soll nach einem Beschluss des Reutlinger Gemeinderats vom Dezember 2025 die Regional-Stadtbahn wieder auf der früheren Bahntrasse fahren.

Mähringen

Mähringen gehört zu Kusterdingen im Landkreis Tübingen und liegt bei Kilometer 8,11.

Der Ort lag von 1902 bis 1982 an der Gönninger Bahn.

Damit hatte er seit Beginn des 20. Jahrhunderts über Reutlingen Anschluss an das württembergische Netz.

Der stillgelegte Bahnhof ist noch vorhanden.

Auch der frühere Bahndamm ist noch erkennbar.

Gomaringen

Gomaringen bekam 1902 über die Gönninger Bahn Anschluss an die Württembergischen Staatseisenbahnen.

Der Bahnhof lag bei Kilometer 10,9.

Er wurde noch bis zum 31. Juli 1982 angefahren, einen Monat nach dem formalen Ende des Güterverkehrs auf dem Streckenstück.

Zum Ortsteil Gomaringen zählen bis heute die Häuser Bahnhof Gomaringen.

Für die Regional-Stadtbahn ist zwischen Reutlingen und Gomaringen der Korridor der Gönninger Bahn vorgesehen.

Die Planung sieht vor, die Trasse über zwei Zwischenhalte im Ortszentrum bis Nehren zu verlängern.

Wiesaz

Wiesaz ist kein Bahnhof, sondern der Name eines Flusses.

Bei Kilometer 12,3 überquerte die Strecke die Wiesaz auf einer Brücke.

Ein Halt dieses Namens ist nicht belegt.

Bronnweiler

Bronnweiler lag bei Kilometer 14,4, rund zwei Kilometer vor dem Endpunkt.

Mehr als Lage und Kilometer ist zu diesem Halt nicht belegt.

Gönningen

Gönningen war Endpunkt und Betriebsmittelpunkt der Strecke bei Kilometer 16,5.

Der Bahnhof wurde 1900 gebaut und war ab 1902 ein Sackbahnhof.

Das Gebäude steht an der Mühlwiesenstraße 11.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude in Gönningen von der anderen Seite.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude in Gönningen von der anderen Seite. Foto: Vux, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Neben dem Bahnhof stand der Lokschuppen.

Er wurde ebenfalls 1900 gebaut, mit Werkstatt und Wasserturm.

Hier stellte man die Lokomotiven ab, in der Werkstatt wurden Wagen und Lokomotiven gewartet und repariert.

Der ehemalige Lokschuppen mit Wasserturm in der Mühlwiesenstraße.
Der ehemalige Lokschuppen mit Wasserturm in der Mühlwiesenstraße. Foto: Vux, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Niedergang und Ende

Der Personenverkehr wurde zum 29. Mai 1976 eingestellt.

Der Güterverkehr zwischen Ohmenhausen und Gönningen endete formal am 30. Juni 1982.

Die Stilllegung zwischen Reutlingen und Ohmenhausen folgte drei Jahre später, zum 30. Juni 1985.

Den Ausschlag gab die Firma Bosch, die ihren Gleisanschluss mit eigener Lokomotive 1984 aufgab.

Damit fehlte der größte Kunde der Strecke.

So sieht es jetzt aus

Nach dem Ende der Strecke blieb der Lokschuppen in Gönningen 17 Jahre lang nahezu ungenutzt.

Vor dem 100-jährigen Jubiläum der Strecke bildete sich eine Bürgerinitiative.

Mit Unterstützung der Stadt Reutlingen baute sie den Schuppen zu einem Bürger- und Kulturzentrum aus.

Im Jubiläumsjahr 2002 wurde er seiner neuen Bestimmung übergeben.

Seitdem nutzt ihn der Förderverein Lokschuppen für Veranstaltungen.

Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.

Der Lokschuppen in Gönningen ist heute ein denkmalgeschütztes Gebäude.
Der Lokschuppen in Gönningen ist heute ein denkmalgeschütztes Gebäude. Foto: Windharp, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: der Lokschuppen

Früher standen hier die Lokomotiven der Gönninger Bahn.

Heute ist das Gebäude ein Ort für Veranstaltungen.

Geschichten und Anekdoten um die Bahn und ihre Lokomotiven sind in Gönningen bis heute verbreitet.

Die Geschichte in Daten

16. Juli 1900: Württembergische Konzession für die Privatbahn.

20. April 1902: Eröffnung der Strecke Reutlingen–Gönningen.

1910: Die Württembergischen Nebenbahnen übernehmen den Betrieb.

1947: Höchststand mit 620.000 Fahrgästen.

1949: Eine parallele Buslinie wird eingerichtet.

29. Mai 1976: Der Personenverkehr wird eingestellt.

30. Juni 1982: Der Güterverkehr zwischen Ohmenhausen und Gönningen endet formal.

30. Juni 1985: Stilllegung zwischen Reutlingen und Ohmenhausen.

1997: Der Abschnitt ab dem Anschluss der Stadtwerke Reutlingen ist nicht mehr befahrbar.

2002: Der Lokschuppen in Gönningen wird Kulturzentrum.

Dezember 2025: Der Reutlinger Gemeinderat legt die Stadtbahntrasse in Betzingen und Ohmenhausen auf die frühere Bahntrasse.

Häufige Fragen

Wann fuhr der letzte Personenzug der Gönninger Bahn?
Der Personenverkehr wurde mit Wirkung zum 29. Mai 1976 eingestellt.
Warum heißt die Bahn Hutzel?
Der Name geht auf das Gemeindewappen von Ohmenhausen zurück.
War Wiesaz ein Bahnhof?
Nein, Wiesaz ist der Name des Flusses, den die Strecke bei Kilometer 12,3 überquerte.
Was ist vom Bahnhof Gönningen erhalten?
Das Bahnhofsgebäude in der Mühlwiesenstraße 11 und der Lokschuppen stehen noch, der Lokschuppen ist Kulturzentrum.
Soll die Strecke wieder fahren?
Die Regional-Stadtbahn Neckar-Alb plant, den Korridor zwischen Reutlingen und Gomaringen zu nutzen, teilweise auf anderer Trasse.

Die Gönninger Bahn war klein, aber sie prägte einen ganzen Ort.

Was von ihr bleibt, sind der Bahnhof und der Lokschuppen in Gönningen, der Bahnhof in Mähringen und Teile der Trasse.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Gönninger Bahn · Wikipedia: Gönningen · Wikipedia: Mähringen (Kusterdingen) · Wikipedia: Gomaringen · Wikipedia: Regional-Stadtbahn Neckar-Alb · Wikimedia Commons: Dateibeschreibungen zu Bahnhof und Lokschuppen Gönningen

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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