Die stillen Halte der Bahn Thann-Matzbach–Haag: das Haager Bockerl
Die Stichbahn von Thann-Matzbach nach Haag war 18,1 Kilometer lang und fuhr von 1900 bis 1968 mit Personen. Hier stehen Lengdorf, Isen, Pyramoos und Haag.

Lage: Von Thann-Matzbach an der Strecke München–Simbach über Lengdorf und Isen nach Haag in Oberbayern. Status: Seit 1991 stillgelegt, die Gleise sind abgebaut. Heute: Zwischen Lengdorf und Isen sowie zwischen Isen und Öd liegen Radwege auf der Trasse.
Die Bahnstrecke Thann-Matzbach–Haag war eine 18,1 Kilometer lange Stichbahn.
Sie zweigte bei Thann-Matzbach von der Bahnstrecke München–Simbach ab und führte nach Haag in Oberbayern.
Die Eröffnung war am 27. September 1900, der Personenverkehr endete am 28. September 1968.
Zwischen Isen und Haag wurde der Betrieb am 1. Februar 1974 eingestellt, der Rest folgte Ende 1991.
Thann-Matzbach liegt weiterhin an der Hauptstrecke München–Simbach, dieser Beitrag behandelt nur die stillgelegte Stichbahn.
Alte freie Fotos der Strecke sind selten, es gibt vor allem Aufnahmen vom Bau 1900 und vom Rückbau 1992.
Entstehung: Haag und Isen wollen einen Anschluss
Nach der Inbetriebnahme der Hauptbahn München–Simbach verloren die Märkte Haag und Isen deutlich an Bedeutung.
Sie wünschten deshalb von den Königlich Bayerischen Staats-Eisenbahnen den Bau einer Stichbahn in ihr Gebiet.
Ab 1891 wurden drei Varianten einer möglichen Streckenführung untersucht.
Mit einer Entschließung vom 25. Juni 1894 ermöglichte das Königliche Staatsministerium Verhandlungen über den Bahnbau mit den beteiligten Interessenten.
Die Entscheidung fiel für die Streckenführung vom Bahnhof Thann-Lengdorf nach Haag.
Am 14. März 1896 beschloss der Bayerische Landtag im Rahmen eines Lokalbahngesetzes den Bau der neuen Strecke.
Die kalkulierten Gesamtbaukosten betrugen 963.300 Mark, wovon die betroffenen Gemeinden 89.700 Mark für Vorarbeiten und Grunderwerb aufbringen mussten.
Bau und Eröffnung

1898 begannen im Abschnitt Thann-Lengdorf–Isen die ersten Erd- und Dammarbeiten.
Beschäftigt waren überwiegend italienische Arbeitskräfte.
Vier Brücken mit Baujahr 1890 wurden gebraucht von der Strecke Traunstein–Trostberg übernommen.
Zwischen Isen und Winden gab es erhebliche Entwässerungsprobleme bei der Stabilisierung des Bahndamms.
Am 18. September 1900 fand die Abnahmefahrt statt, am 27. September 1900 folgte die offizielle Eröffnungsfahrt mit der Lok Waging vom Typ D VII.
An diesem Tag wurde der Bahnhof Thann-Lengdorf in Thann-Matzbach umbenannt.
1901 ergab die Abrechnung der Baukosten 1.028.277,37 Mark, wovon die Gemeinden 94.420,28 Mark für den Grunderwerb aufbrachten.
So sah es vorher aus: Betrieb auf der Nebenbahn
Zunächst verkehrten täglich drei Zugpaare mit Wagen der zweiten und dritten Klasse.
Die Waging war anfangs die einzige Lokomotive, Güterwagen wurden an die Personenwagen angehängt.
Auf der gut 18 Kilometer langen Strecke gab es 82 Bahnübergänge.
Die Fahrzeit betrug bis zu 80 Minuten.
Angeliefert wurden vor allem Kohle, Baumaterialien, Landmaschinen, Eisen und Stückgüter.
Ausgeführt wurden landwirtschaftliche Erzeugnisse, Vieh und Holz, Letzteres besonders über das Sägewerk in Isen.
1904 kam eine zweite Lokomotive dazu.
1908 und 1909 wurde der Bahnhof Thann-Matzbach für 104.690 Mark umgebaut, wodurch die Maximalneigung von 1:200 auf 1:400 sank.
Dadurch konnte die Übergabe der Güterwagen zwischen Haupt- und Lokalbahn von Walpertskirchen, sechs Kilometer westlich, nach Thann-Matzbach verlegt werden.
Ein Problem war die Steigung von bis zu 27,5 Promille hinter der Haltestelle Isen.
War der Zug zu schwer, mussten die Güterwagen dort zurückbleiben und wurden später von der Lokomotive abgeholt.
1910 wurden die D VII durch die stärkeren BB II abgelöst.
Der Betrieb war mit Ausnahme der Jahre 1903 und 1909 bis 1916 kostendeckend.
Im Ersten Weltkrieg fuhren täglich nur zwei Personenzugpaare, zu Beginn der 1920er Jahre wieder je drei.
Um 1927 kam die Baureihe 988–9, wodurch die Fahrt von Haag zum Umsteigebahnhof Thann-Matzbach nur noch 60 Minuten dauerte.
Mitte der 1930er Jahre folgten Maschinen der Baureihe 98.10, die Fahrzeit sank auf 45 bis 50 Minuten.
Im Sommerfahrplan 1936 kam ein viertes und 1938 ein fünftes Zugpaar hinzu, die nur bis Isen fuhren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bot der Sommerfahrplan 1949 täglich sechs Zugpaare, davon drei Güterzüge mit Personenbeförderung.
Niedergang und Ende
Am 24. Mai 1954 führte die Bundesbahn den vereinfachten Nebenbahndienst ein.
Mitte der 1950er Jahre wurden 27 der 82 Bahnübergänge aufgelassen.
Am 2. Juni 1957 erschienen im Reisezugverkehr die Triebwagen der Reihe VT 70.
Seit dem 1. Oktober 1961 hielten Uerdinger Schienenbusse vom Typ VT 98 den Personenverkehr bis zuletzt aufrecht.
Seit 1950 gingen die Gütermengen drastisch zurück: 1948 waren es im Wagenladungsverkehr noch 40.474 Tonnen, 1955 nur noch 20.130 Tonnen.
Die Zahl der Reisenden sank von 156.247 im Jahr 1948 auf 23.219 im Jahr 1963.
Am 28. September 1968 stellte die Bundesbahn den Reisezugverkehr ein.
Am 1. Februar 1974 endete der Gesamtbetrieb auf dem Abschnitt Isen–Haag.
Der Rückbau dieses Abschnitts begann bereits im Februar 1974, um den Bau der Ortsumgehung Haag der Bundesstraße 12 zu ermöglichen.
Seit dem 28. Mai 1978 erledigten Lokomotiven der Baureihe 290 den verbleibenden Güterverkehr von München aus.
Eine Sanierung der überholungsbedürftigen Strecke hätte nach Ansicht der Bahn zu hohe Kosten verursacht.
Zum 1. Dezember 1991 wurde das Ende des Schienenverkehrs verfügt, am 31. Dezember 1991 wurde die Strecke offiziell stillgelegt.
Die Gleisanlagen zwischen Thann-Matzbach und Isen wurden im Sommer und Herbst 1992 abgebaut.

Streckenverlauf
Die Strecke verließ den Bahnhof Thann-Matzbach an seinem Ostkopf in einer südlich gewandten Rechtskurve.
Zunächst überwand sie den Geländerücken zwischen Geislbachtal und Isental.
Nach dem Abstieg ins Isental bei Lengdorf folgte sie dem Tal südwärts bis Isen, wo sie ins Schinderbachtal wechselte.
Bei Öd ging es entlang des Thonbachs über den Höhenrücken nach Rain und Oberndorf.
Bei Winden erreichte sie die weite Niederung des Rainbachs und lief geradlinig zum Endbahnhof Haag.
Lengdorf: der Halt nach der Umbenennung
Der Bahnhof Thann-Lengdorf hieß seit der Eröffnung am 27. September 1900 Thann-Matzbach.
Lengdorf erhielt deshalb etwa einen Kilometer weiter südlich einen eigenen Halt.
Straßennamen wie Am Bahnhof, Bahnweg und Bahnhofstraße erinnern daran.
Von 2014 an wurde zwischen dem südlichen Ortsende von Lengdorf und dem nördlichen Ortsrand von Isen ein Radweg auf der Bahntrasse gebaut.
Der Abschnitt von Lengdorf bis Wenshof wurde am 7. November 2019 eröffnet und ist etwa 2,5 Kilometer lang.
In den Ortslagen Lengdorf und Isen wurde die Trasse nach der Stilllegung teilweise überbaut.
Isen: Bahnhof an der Lengdorfer Straße

Isen erhielt am 27. September 1900 über die Stichbahn Anschluss an das Eisenbahnnetz.
Das Bahnhofsgebäude an der Lengdorfer Straße steht noch.
Vom Isener Bahnhof konnte man bis 1968 nach Haag, Lengdorf und Pyramoos fahren.
Das Sägewerk in Isen verlud Holz auf die Bahn.
Hinter der Haltestelle Isen begann die Steigung von bis zu 27,5 Promille.
Zwischen dem ehemaligen Bahnhof Isen und dem Weiler Öd besteht ein Radweg auf der früheren Trasse.
Der Abschnitt Wenshof–Isen wurde am 14. Oktober 2014 eröffnet.
Er beginnt zwischen Raiffeisenstraße und Josefsbergstraße und führt über Wildenmoos nach Öd.

Berging: ein kleiner Haltepunkt
Berging war damals Gemeindeteil von Schnaupping und hatte nie mehr als 70 Einwohner.
Der Haltepunkt lag vor der Ortseinfahrt, von Thonbach kommend.
In Fahrtrichtung Haag kreuzte die Strecke schienengleich und unbeschrankt die Kreisstraße ED 23.
Die Brücke auf dem Foto liegt etwa 2,35 Kilometer vom Bahnhof Isen entfernt in Richtung Haag.

Pyramoos: Halt am Waldrand
Pyramoos war bis 1971 eine eigenständige Gemeinde im Landkreis Wasserburg am Inn.
Der Bahnhof bestand von 1900 bis zur Stilllegung der Teilstrecke Isen–Haag 1974.
Der Haltepunkt lag etwa 700 Meter vom Dorfkern entfernt am Waldrand.
Heute gibt es dort das Café Haltestelle Pyramoos.
Penzing, Mühlbach, Oberndorf und Winden: die weiteren Halte
Penzing hatte eine eigene Haltestelle, an der das Haager Bockerl planmäßig hielt.
Weitere Halte auf dem Weg nach Haag waren Mühlbach, Oberndorf und Winden.
Über sie ist darüber hinaus nichts Näheres belegt.
Haag in Oberbayern: der Endbahnhof
Haag war der Endbahnhof der Strecke.
Am 1. Februar 1954 wurde der Bahnhof Haag als Außenstelle dem Bahnbetriebswerk Mühldorf unterstellt.
Das Bahnhofsgebäude existiert nicht mehr.
Auch die Betriebsgebäude wurden abgerissen, das Gelände danach neu bebaut.
Zum Bau der Ortsumgehung Haag der Bundesstraße 12 begann der Rückbau schon im Februar 1974.
Die Bundesbahn war mit der Straßenbaubehörde bereits zum 31. Juli 1969 übereingekommen, aus volkswirtschaftlichen Gründen auf ein Überführungsbauwerk über die neue B 12 zu verzichten.
Vorher und nachher: aus der Bahn wurde ein Radweg
Vorher fuhren die Züge mit bis zu 80 Minuten Fahrzeit von Haag zum Anschluss in Thann-Matzbach.
Nachher wurden die Gleise 1992 abgebaut.
Zwischen Lengdorf und Isen sowie zwischen Isen und Öd liegen heute Radwege auf der Trasse.
Der gesamte Radweg zwischen Lengdorf und Isen ist etwa 5,6 Kilometer lang, davon etwa 5,4 Kilometer auf der ehemaligen Bahntrasse.
So sieht es jetzt aus
Erhalten sind das Bahnhofsgebäude in Isen und eine alte Eisenbahnbrücke zwischen Isen und Berging.
In Pyramoos steht an der Stelle des Haltepunkts das Café Haltestelle Pyramoos.
In Haag sind Bahnhofsgebäude und Betriebsgebäude abgerissen.
Eine Reaktivierung der Strecke scheint ausgeschlossen.
25. Juni 1894: Entschließung des Staatsministeriums, die Verhandlungen über den Bahnbau ermöglicht.
14. März 1896: Der Bayerische Landtag beschließt den Bau im Rahmen eines Lokalbahngesetzes.
1898: Erste Erd- und Dammarbeiten bei Thann-Lengdorf–Isen.
27. September 1900: Offizielle Eröffnungsfahrt, Thann-Lengdorf wird in Thann-Matzbach umbenannt.
24. Mai 1954: Einführung des vereinfachten Nebenbahndienstes.
1. Oktober 1961: Schienenbusse VT 98 übernehmen den Personenverkehr.
28. September 1968: Der Reisezugverkehr wird eingestellt.
1. Februar 1974: Gesamtbetrieb auf dem Abschnitt Isen–Haag eingestellt.
28. Mai 1978: Lokomotiven der Baureihe 290 fahren den Güterverkehr von München aus.
31. Dezember 1991: Offizielle Stilllegung der Reststrecke.
1992: Abbau der Gleise zwischen Thann-Matzbach und Isen.
Wie lang war die Strecke?
Wann wurde sie eröffnet?
Wann endete der Personenverkehr?
Wann wurde die Strecke stillgelegt?
Wie viele Bahnübergänge gab es?
Was ist von den Halten erhalten?
Das Haager Bockerl ist seit Jahrzehnten verschwunden, doch zwischen Lengdorf, Isen und Öd folgen Radwege seiner Trasse.
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