Der Schwarzach-Express: die kurze Bahn von Feucht nach Wendelstein

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Schwarzach-Express: die kurze Bahn von Feucht nach Wendelstein

Nur 5,3 Kilometer lang war die Nebenbahn durch den Lorenzer Reichswald. Von 1886 bis 1955 fuhren hier Personenzüge, und 1957 machte sogar der Bundeskanzler Station.

Der Lokschuppen des ehemaligen Bahnhofs Wendelstein, 2018.
Der Lokschuppen des ehemaligen Bahnhofs Wendelstein, 2018. Foto: Derzno, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1886
Eröffnung
1955
Ende des Personenverkehrs
1957
Adenauer in Wendelstein
5,3 km
Länge der Strecke

Lage: von Feucht durch den Lorenzer Reichswald nach Wendelstein. Status: Die Strecke ist stillgelegt und abgebaut, Feucht selbst ist aktiver Bahnhof. Heute: Forstweg, ein kurzes Gleisstück in Feucht und in Wendelstein das Stationsgebäude samt Lokschuppen.

Die Bahnstrecke Feucht–Wendelstein war eine kurze Nebenbahn in Mittelfranken.

Sie zweigte in Feucht von der Strecke Nürnberg–Regensburg ab und führte durch den Lorenzer Reichswald nach Wendelstein.

Im Volksmund hieß sie Schwarzach-Express.

Feucht ist ein aktiver Bahnhof und bleibt in diesem Beitrag außen vor, es geht um die stillgelegten Halte Röthenbach und Wendelstein.

Alte freie Fotos aus der Betriebszeit sind auf Wikimedia Commons nicht zu finden, deshalb zeigen die Bilder hier den Zustand nach der Stilllegung.

Wie die Bahn entstand

Nach langjährigen Planungen zur Trassenführung wurde die Strecke in das Lokalbahngesetz von 1884 aufgenommen.

1885 begannen die Bauarbeiten, und am 1. August 1886 ging die Lokalbahn in Betrieb.

Die Strecke zweigte westlich des Bahnhofs Feucht von der Hauptstrecke ab.

Sie verlief nach Südwesten parallel zum Gauchsbach- und Schwarzachtal entlang des Ludwigskanals bis zum 5,3 Kilometer entfernten Endbahnhof Wendelstein.

Den größten Teil der Trasse führte sie durch das gemeindefreie Gebiet Forst Kleinschwarzenlohe.

So sah es vorher aus: Steine, Bier und Kohle

Befördert wurden neben Reisenden zunächst vor allem Steine aus den nahen Steinbrüchen des Wernlochs.

Dazu kamen Bier, Bau- und Brennholz aus der Region, Metalle, Düngemittel und vor allem Importkohle.

Um 1900 kostete die einfache Fahrt dreißig Pfennig, und sie dauerte zwanzig Minuten.

1950 lag der Fahrpreis bei einer D-Mark für die einfache Fahrt nach Nürnberg und bei 1,20 D-Mark für Hin- und Rückfahrt.

Sieben Zugpaare täglich waren für die damalige Zeit recht viel, kurz vor der Stilllegung fuhren werktags zehn.

Die Fahrt nach Nürnberg dauerte mit Umsteige- und Rangierzeiten in Feucht etwa fünfzig Minuten.

Für Kulturinteressierte gab es Theaterfahrten mit einem Zug, der erst kurz vor Mitternacht in Nürnberg abfuhr.

Feucht: Abzweig und Reste

Ein Überrest von etwa 200 Metern Länge bildet heute ein Ausziehgleis des Bahnhofs Feucht.

Es erinnert an den Abzweig der Strecke.

Das Gleis der früheren Strecke am Abzweig in Feucht, 2018.
Das Gleis der früheren Strecke am Abzweig in Feucht, 2018. Foto: Derzno, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Gleis am Abzweig in Feucht, ein anderer Blick, 2018.
Das Gleis am Abzweig in Feucht, ein anderer Blick, 2018. Foto: Derzno, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Abzweig der Bahnstrecke Feucht–Wendelstein in Feucht, 2018.
Der Abzweig der Bahnstrecke Feucht–Wendelstein in Feucht, 2018. Foto: Derzno, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Ende der früheren Bahnstrecke Feucht–Wendelstein in Feucht, 2007.
Das Ende der früheren Bahnstrecke Feucht–Wendelstein in Feucht, 2007. Foto: bigbug21, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein weiterer Blick auf das Gleisende der früheren Strecke in Feucht, 2007.
Ein weiterer Blick auf das Gleisende der früheren Strecke in Feucht, 2007. Foto: bigbug21, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Prellbock am Ende der früheren Strecke Feucht–Wendelstein, 2007.
Der Prellbock am Ende der früheren Strecke Feucht–Wendelstein, 2007. Foto: bigbug21, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Röthenbach (bei Feucht)

Röthenbach war der einzige Zwischenhalt, ein Haltepunkt bei Kilometer 3,3.

Zwischen Röthenbach und Nerreth sollte im Zweiten Weltkrieg ein geheim geplantes MAN-Panzerwerk im südlichen Reichswald entstehen, an dem ein Anschluss zur Strecke temporär vorhanden war.

Mehr zum Haltepunkt selbst ist nicht belegt.

Anschlüsse im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg führte ein zweigleisiger Anschluss zur kriegswichtigen Heeresmunitionsanstalt Feucht.

Dazu kam der geplante Anschluss an das MAN-Panzerwerk, das an die sogenannte Breitspurbahn angebunden werden sollte.

Die Breitspurbahn kam über Planung, Versuchs- und Modellbauten und einige Geländesondierungen nie hinaus.

Der Abzweig und eine Brücke über die Schwarzach waren nie in Betrieb, sie wurden vor Kriegsende wieder zurückgebaut.

Wendelstein

Wendelstein war der Endbahnhof bei Kilometer 5,3.

Das um 1890 im Landhausstil errichtete Stationsgebäude und der Lokschuppen sind als Baudenkmal ausgewiesen.

In den 1970er Jahren nutzte man den Lokschuppen noch als Jugendtreff.

Heute gehören beide Gebäude zu einer Anlage für altengerechtes Wohnen.

Eine in den 1990er Jahren gebaute Lärmschutzwand verwehrt von der Staatsstraße den Blick auf das frühere Bahn- und Hafengelände.

Die Straßenbezeichnung „Am alten Bahnhof“ erinnert an die Bahn.

Der Lokschuppen des ehemaligen Bahnhofs Wendelstein, 2018.
Der Lokschuppen des ehemaligen Bahnhofs Wendelstein, 2018. Foto: Derzno, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der ehemalige Bahnhof Wendelstein, 2018.
Der ehemalige Bahnhof Wendelstein, 2018. Foto: Derzno, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude Wendelstein, 2018.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude Wendelstein, 2018. Foto: Derzno, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Adenauer 1957 in Wendelstein

Am 7. Juli 1957 erlebte die Strecke eine überraschende Wiederbelebung, als Bundeskanzler Adenauer mit eigenem Salon- und Transportwagen in Wendelstein Station machte.

Er hatte Termine in Nürnberg und blieb über Nacht, er schlief im eigenen Waggon.

Seine Limousine, ein Mercedes-Benz Pullman, wurde im Zug mitgeführt.

Der Schwabacher Landrat Eugen Tanhauser begrüßte ihn, und Kinder erhielten Schokolade, die Adenauers Sekretärin verteilte.

Die Feuerwehr spritzte den Waggon mit Wasser ab, das sie aus der Schwarzach hochpumpte, weil das Kanalwasser nicht kühl genug war.

Am 11. September 1957 nutzte Adenauer den Bahnhof erneut, als es in Nürnberg politische Termine gab.

Dieser zweite Besuch wurde am Ort nicht als besonders spektakulär wahrgenommen.

Niedergang und Ende

Am 22. Mai 1955 wurde der Personenverkehr eingestellt.

Als Ersatz fuhr eine Bahnbuslinie vom Südausgang des Nürnberger Hauptbahnhofs über Wendelstein nach Feucht.

Expressgut nach Wendelstein und Röthenbach wurde weiter abgefertigt.

Mit Verfügung vom 29. Dezember 1959 kündigte die Deutsche Bundesbahn an, auch den Güterverkehr zum 1. Februar 1960 einzustellen.

Zwischen Röthenbach und Wendelstein sollte ein Kraftwagen-Stückgutverkehr entstehen.

Nach massiven Protesten und einer Petition fand ein vereinzelter Nachbetrieb bis zum Herbst 1961 statt.

Danach wurde die Strecke endgültig stillgelegt und abgebaut.

So sieht es jetzt aus

Im weiteren Verlauf ist die Trasse vollständig zugewachsen, so der Stand 2018, und wird von der Schnellfahrstrecke Nürnberg–Ingolstadt unterbrochen.

Pläne, den Gewerbepark Nürnberg-Feucht wieder an das Gleisnetz anzuschließen, wurden wegen der hohen Kosten einer Querung verworfen.

Anschließend besteht die Trasse als Forstweg, der die Bundesautobahn 73 unterquert und bis zur Abzweigung der Staatsstraße 2239 nach Röthenbach führt.

Danach ist sie bis zum Ludwig-Donau-Main-Kanal vollständig von der Straße überbaut.

Die restlichen 400 Meter führen als geschotterter Weg parallel zum Kanal zur früheren Anlegestelle in Wendelstein.

Die ehemalige Bahnstrecke Feucht–Wendelstein nahe dem Jägersee, 2017.
Die ehemalige Bahnstrecke Feucht–Wendelstein nahe dem Jägersee, 2017. Foto: Derzno, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Damals und heute

Damals fuhren hier zehn Zugpaare werktags, heute sind Weg und Forst geblieben.

Zwischen Feucht und Wendelstein fährt kein Zug mehr, der nächste Bahnhof in Feucht liegt an der Strecke Nürnberg–Regensburg.

Die Geschichte in Daten

1884: Die Strecke wird in das Lokalbahngesetz aufgenommen.

1885: Die Bauarbeiten beginnen.

1. August 1886: Die Lokalbahn geht in Betrieb.

22. Mai 1955: Der Personenverkehr wird eingestellt.

7. Juli 1957: Bundeskanzler Adenauer macht mit dem Salonwagen Station.

11. September 1957: Adenauer nutzt den Bahnhof erneut.

29. Dezember 1959: Die Bundesbahn kündigt das Ende des Güterverkehrs zum 1. Februar 1960 an.

Herbst 1961: Vereinzelter Nachbetrieb endet, die Strecke wird stillgelegt.

Häufige Fragen

Wann fuhr der letzte Personenzug nach Wendelstein?
Der Personenverkehr wurde am 22. Mai 1955 eingestellt.
War Adenauer wirklich in Wendelstein?
Ja, 1957 war Bundeskanzler Adenauer zweimal dort, das erste Mal mit Salonwagen und über Nacht.
Wie lang war die Strecke?
Sie war 5,3 Kilometer lang.
Was ist vom Bahnhof Wendelstein erhalten?
Das Stationsgebäude und der Lokschuppen stehen noch und sind Baudenkmäler.
Kann man die Trasse noch erkunden?
Teile sind als Forstweg erhalten, andere Teile sind überbaut.

Im Wendelsteiner Ortsbild erinnern noch Straßenname und Gebäude an die kurze Bahn.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Feucht–Wendelstein · nordbayern.de: Wendelsteins Bahnhof-Ikone · Wikimedia Commons: Bahnstrecke Feucht–Wendelstein

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →