Die Bahnstrecke Kirchenlamitz–Weißenstadt: Granit, Wintersportzüge und stille Halte

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Bahnstrecke Kirchenlamitz–Weißenstadt: Granit, Wintersportzüge und stille Halte

Am 20. Juli 1899 eröffnete die Lokalbahn von Kirchenlamitz Ost nach Weißenstadt, gebaut vor allem für den Granit vom Epprechtstein. 1993 wurde die Strecke stillgelegt, 1994 begann der Rückbau.

VORHER · 1980

Empfangsgebäude, Güterschuppen und Dienstwohngebäude in Kirchenlamitz Ost, aufgenommen am 14. August 1980.

Empfangsgebäude, Güterschuppen und Dienstwohngebäude in Kirchenlamitz Ost, aufgenommen am 14. August 1980. Foto: Harald Knauer, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2010

Das Empfangsgebäude von Kirchenlamitz Ost im Jahr 2010.

Das Empfangsgebäude von Kirchenlamitz Ost im Jahr 2010. Foto: Adrian Roßner @ QS, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1899
Einweihung am 20. Juli
1962
Haltepunkte Buchhaus und Kleinschloppen entfallen
1982
Güterverkehr endet
1993
Stilllegung am 31. Dezember

Lage: Fichtelgebirge in Oberfranken, 12 Kilometer von Kirchenlamitz Ost nach Weißenstadt. Status: Die Strecke ist stillgelegt, 1994 begann der Gleisrückbau. Heute: Das Empfangsgebäude von Kirchenlamitz Ost wird nach den Angaben nicht mehr von der Bahn unterhalten.

Die Bahnstrecke Kirchenlamitz–Weißenstadt war eine Nebenbahn in Oberfranken.

Sie wurde am 20. Juli 1899 als Lokalbahn von der Bayerischen Staatsbahn eröffnet.

Sie war eine von sieben Stichbahnstrecken, die früher das Fichtelgebirge erschlossen.

Die Strecke begann in Kirchenlamitz Ost, führte über Niederlamitz, Kirchenlamitz Stadt, Epprechtstein, Buchhaus und Kleinschloppen und endete nach rund 12 Kilometern in Weißenstadt.

Kirchenlamitz Ost liegt an der Hauptstrecke und ist hier nur der Ausgangspunkt.

Aus der Zeit der Lokalbahn gibt es freie Fotos fast nur aus Kirchenlamitz Ost und Kirchenlamitz Stadt, die übrigen Halte sind nicht abgelichtet.

Entstehung: ein Streit um die Trasse

Am 15. August 1877 wurde der Abschnitt Oberkotzau–Holenbrunn der Fichtelgebirgsbahn eröffnet.

Er führte an den Städten Wunsiedel und Weißenstadt vorbei.

Etwa zehn Jahre später kam in Weißenstadt der Wunsch nach einer eigenen Bahnverbindung auf.

Am Epprechtstein wurde Granit gewonnen, den man in der Stadt weiterverarbeitete.

Bis dahin mussten Ochsen die Granitblöcke zum Bahnhof Falls bringen, wo sie auf die Ludwig-Süd-Nord-Bahn verladen wurden.

Als der Vorschlag bekannt wurde, meldeten sich weitere Städte, die die Trasse über ihr Gebiet führen wollten.

Wunsiedel setzte sich für eine Bahnlinie direkt nach Weißenstadt ein, auch eine Führung über Röslau wäre dort annehmbar gewesen.

Daneben gab es die Variante über Kirchenlamitz, dessen Bahnhof Kirchenlamitz Ost seit vier Jahren bestand, aber vier Kilometer außerhalb des Ortes lag und von den Bewohnern wenig benutzt wurde.

Für die Kirchenlamitzer Variante setzten sich vor allem die Industriellen Georg Ackermann aus Weißenstadt und Frank Grimm aus Kirchenlamitz ein.

Der Generaldirektor der Staatseisenbahn, von Ebermayer, machte sich selbst ein Bild der Lage.

Er kam zu dem Schluss, dass sich die Granitblöcke vom Epprechtstein bei einer Führung über Kirchenlamitz leichter verladen ließen.

Am 21. Februar 1896 verabschiedete der Lokalbahnausschuss das Projekt, die Baukosten wurden mit 764.600 Mark beziffert.

Die Bahn wurde zusammen mit der Bahnstrecke Münchberg–Helmbrechts in das bayerische Lokalbahngesetz aufgenommen.

1897 begannen die Vermessungsarbeiten, ein Jahr später der Bau.

Am 28. April 1899 wurde die Fertigstellung der Trasse gefeiert, am 20. Juli wurde die Strecke eingeweiht.

1920 gab es erste Erweiterungspläne mit einer Fortführung nach Gefrees, sie wurden nicht verwirklicht.

So sah es vorher aus: Garnitur und Wintersportzüge

In über 60 Jahren Betriebszeit gab es kaum merkliche Störungen.

Der Bahnverkehr ruhte nur in den Wintermonaten 1918, 1924, 1942 bis 1943 und 1945.

In den Wintern verkehrten verstärkt Wintersportzüge, die Sportler aus Hof in die Region um den Epprechtstein brachten.

Die längste Zeit verkehrte eine Zuggarnitur aus einem Packwagen für Lokalbahnen, einem Gepäckwagen, zwei Personenwagen, einem Güterwagen mit Post und einem Postwagen.

Als erste Lokomotive war ein Exemplar des Typs D XI planmäßig im Einsatz, danach kamen zwei fabrikneue Maschinen von Maffei, die bis 1923 liefen.

Es folgte die Baureihe D VIII, die in Weißenstadt stationiert war.

Am längsten prägten Maschinen der Baureihen 64 und 86 die Bahn, sie fuhren bis zum 8. Juli 1967 und wurden dann von Dieselloks der Baureihe V 100 abgelöst.

Zeitgleich kamen auch Loks der Reihe V 60 zum Einsatz.

Den Abschluss bildete wie bei fast allen Nebenbahnen im Fichtelgebirge ein Triebwagen VT 95.

Güterschuppen, Bahnsteig, Ladegleis und Laderampe in Kirchenlamitz Ost, 1980.
Güterschuppen, Bahnsteig, Ladegleis und Laderampe in Kirchenlamitz Ost, 1980. Foto: Harald Knauer, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kirchenlamitz Ost mit Empfangsgebäude, Güterschuppen und Dienstwohngebäude, 1980.
Kirchenlamitz Ost mit Empfangsgebäude, Güterschuppen und Dienstwohngebäude, 1980. Foto: Harald Knauer, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Lok 218 222 mit einem Eilzug in Kirchenlamitz Ost, 1980.
Die Lok 218 222 mit einem Eilzug in Kirchenlamitz Ost, 1980. Foto: Harald Knauer, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Niederlamitz: Haltepunkt mit nur einem Bahnsteig

Von Kirchenlamitz Ost aus erreichte der Zug zuerst die Haltestelle Niederlamitz bei Kilometer 1,5.

Sie bestand nur aus einem Bahnsteig.

Bis zu diesem Punkt überquerte die Trasse zwei einfach ausgeführte Brücken.

Eine Besonderheit war die Bogenbrücke aus Granit über die Hofer Straße in Kirchenlamitz, sie wurde inzwischen abgebrochen.

Im Jahr 1960 ließ die Bahn am Haltepunkt eine Zählung der Zugreisenden durchführen.

Man kam zu dem Schluss, dass der Unterhalt des Haltepunkts und der ganzen Strecke unrentabel sei, und überlegte, den Verkehr auf Bahnbusse zu verlagern.

Zwei Dezernenten der Bundesbahndirektion Regensburg setzten durch, dass die Strecke weiter bedient wurde, die Rentabilität sollte durch Diesellokomotiven gesteigert werden.

Kirchenlamitz Ost: Ausgangsbahnhof in Niederlamitzenhammer

Der Anfangsbahnhof der Strecke lag in der Ortschaft Niederlamitzenhammer.

Das Bahnhofsgebäude wird seit 2004 nicht mehr von der Bahn unterhalten und ist mittlerweile privat genutzt.

Von einst vier Hauptgleisen und insgesamt acht Nebenanschlüssen mit eigener Drehscheibe sind nur noch die zwei Durchfahrtgleise erhalten.

Die Güterhalle verlor 1973 ihre Funktion, blieb aber ebenso erhalten wie das nahe gelegene Postamt.

Auch das Gebäude der ehemaligen Bahnmeisterei mit dem Frischwasserbehälter für die Lokomotiven im Obergeschoss und eines der beiden Streckenwärterhäuschen existieren noch.

Die Magazine der Bahnmeisterei wurden nach deren Auflösung abgerissen, die beiden Stellwerke der Station gibt es nicht mehr.

Das Gebäude der Bahnmeisterei in Kirchenlamitz Ost, 2010.
Das Gebäude der Bahnmeisterei in Kirchenlamitz Ost, 2010. Foto: Adrian Roßner @ QS, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Kirchenlamitz Stadt: Granit, Porzellan und eine Zwangsschiene

Nach 3,67 Kilometern erreichte der Zug den Bahnhof Kirchenlamitz Stadt.

Das Bahnhofsgebäude ist in Granit ausgeführt und hat eine angebaute Ladehalle, es befindet sich in Privatbesitz.

Im Bahnhof zweigten Anschlüsse zu den Ladeplätzen der Granitfirmen Reul und Grimm sowie ein Privatgleis der Firma Winterling-Porzellan ab.

Auch die Firmen Wächter und Hallmeyer, deren Gründer sich für den Bau der Strecke starkgemacht hatten, verfügten über Privatanschlüsse.

Neben dem Hauptgebäude blieb der Güterschuppen aus Holz erhalten.

Hinter dem Bahnhof stieg die Strecke um 58 Meter an.

Der Höhenunterschied musste durch eine Kurve mit 200 Metern Radius überwunden werden.

Damit die Wagen nicht ausbrachen, wurde eine zusätzliche Zwangsschiene eingebaut.

Der ehemalige Bahnhof Kirchenlamitz Stadt, 2010.
Der ehemalige Bahnhof Kirchenlamitz Stadt, 2010. Foto: Adrian Roßner @ QS, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Epprechtstein: Ladeplatz für den Granit

Kurz nach der Kurve passierte der Zug den Ladeplatz Epprechtstein bei Kilometer 5,7.

Die ehemaligen Laderampen sind nur noch schwach zu erkennen.

Eine der Rampen hatte einen weiteren Bahnanschluss, an dem eine mit Drahtseilen betriebene Lorenbahn aus dem nahen Schlossbrunnenbruch endete.

Sie diente bis zum Zweiten Weltkrieg dem Abtransport der Granitsteine zur Haltestelle.

Die Haltestelle Epprechtstein wurde vor 1962 geschlossen, obwohl sie für den Granittransport benötigt wurde.

Buchhaus: der höchste Punkt

Hinter Buchhaus bei Kilometer 6,8 lag mit 660 Metern der höchste Punkt des oberfränkischen Streckennetzes.

Im Jahr 1962 wurde die Haltestelle Buchhaus nicht mehr bedient, was bei den ortsansässigen Unternehmen auf herbe Kritik stieß.

Kleinschloppen: ein Agenturgebäude in veränderter Form

Über mehrere Brücken und einen Bachdurchlass im Bahndamm führte die Trasse zum Haltepunkt Kleinschloppen bei Kilometer 8,7.

Er hatte ein eigenes Agenturgebäude, das in veränderter Form noch vorhanden ist.

Im selben Jahr wie Buchhaus wurde auch dieser Haltepunkt nicht mehr bedient.

Die Beschwerde der Vorsitzenden der Raiffeisenkasse änderte daran nichts, obwohl die Kasse mit dem Transport von Düngemitteln einer der wichtigsten Kunden der Bahn war.

Weißenstadt: Endbahnhof mit Industriegleis

Nach 12 Kilometern war der Endbahnhof in Weißenstadt erreicht.

Neben dem Stationsgebäude stand dort der Lokschuppen.

Drei private Gleisanschlüsse zweigten von der Haupttrasse ab.

An die Station schloss sich ein etwa 1,4 Kilometer langes Industriegleis an.

Es kreuzte mehrere Straßen und bediente das Granitwerk Grasyma, einen Holzverladeplatz, ein Lagerhaus und ein Sägewerk.

Die an das Stationsgebäude angebaute ehemalige Güterhalle ist verschwunden, an ihrer Stelle steht ein Lagerhaus.

Niedergang: Ende 1982 und 1993

Im Jahr 1982 endete der Güterverkehr, der nach der Einstellung des Personenverkehrs aufrechterhalten worden war.

Am 31. Dezember 1993 wurde die Strecke stillgelegt, ein Jahr später begann der Gleisrückbau.

Damit endete der Bahnverkehr im Gebiet des Waldsteins und des Epprechtsteins.

Die Geschichte in Daten

1877: Am 15. August wird der Abschnitt Oberkotzau–Holenbrunn eröffnet.

1896: Am 21. Februar verabschiedet der Lokalbahnausschuss das Projekt.

1897: Die Vermessungsarbeiten beginnen.

1898: Der Bau beginnt.

1899: Am 28. April wird die Fertigstellung der Trasse gefeiert, am 20. Juli wird die Strecke eingeweiht.

1920: Erweiterungspläne bis Gefrees entstehen, werden aber nicht verwirklicht.

1923: Die beiden Maffei-Lokomotiven werden abgelöst.

1960: Am Haltepunkt Niederlamitz werden die Fahrgäste gezählt.

1962: Buchhaus und Kleinschloppen werden nicht mehr bedient.

1967: Am 8. Juli enden die Einsätze der Baureihen 64 und 86.

1973: Die Güterhalle in Kirchenlamitz Ost verliert ihre Funktion.

1982: Der Güterverkehr endet.

1993: Am 31. Dezember wird die Strecke stillgelegt.

1994: Der Gleisrückbau beginnt.

2004: Das Bahnhofsgebäude in Kirchenlamitz Ost wird nicht mehr von der Bahn unterhalten.

Häufige Fragen

Wann wurde die Strecke eröffnet?
Die Lokalbahn wurde am 20. Juli 1899 eingeweiht, am 28. April 1899 war die Trasse fertiggestellt.
Wozu wurde sie gebaut?
Vor allem für den Abtransport des am Epprechtstein gewonnenen und in Weißenstadt verarbeiteten Granits.
Wie lang war die Strecke?
Von Kirchenlamitz Ost bis Weißenstadt waren es etwa 12 Kilometer.
Wann wurde sie stillgelegt?
Am 31. Dezember 1993, der Güterverkehr hatte schon 1982 geendet.
Gibt es Reste der Strecke?
Erhalten sind unter anderem Gebäude in Kirchenlamitz Ost, das Bahnhofsgebäude Kirchenlamitz Stadt und das Agenturgebäude Kleinschloppen in veränderter Form.

Die Strecke wurde gebaut, damit der Granit vom Epprechtstein die Bahn erreichte, und mit dem Ende des Granittransports endete auch sie.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Kirchenlamitz–Weißenstadt · Wikimedia Commons: Dateibeschreibungen

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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