Das Schäätzer Bockerla: stille Halte zwischen Bamberg und Scheßlitz
Die Nebenbahn von Bamberg nach Scheßlitz hieß im Volksmund Schäätzer Bockerla. 1985 fuhr der letzte Reisezug, heute führt ein Radweg über einen Teil der Trasse.


Lage: Landkreis Bamberg, von Bamberg nach Scheßlitz, 13,714 Kilometer. Status: Stillgelegt und abgebaut. Heute: Zwischen Memmelsdorf und Scheßlitz liegt ein Radweg auf der Trasse.
Die Bahnstrecke Bamberg–Scheßlitz war eine Nebenbahn von 13,714 Kilometern Länge.
Im Volksmund hieß sie Schäätzer Bockerla, bambergisch für Scheßlitzer Böcklein.
Der Personenverkehr endete 1985, der Güterverkehr 1988.
Die Gleise sind abgebaut, auf der Trasse zwischen Memmelsdorf und Scheßlitz liegt ein Radweg.
Dieser Beitrag geht die stillgelegten Halte Bruckertshof, Gundelsheim, Memmelsdorf, Drosendorf, Giech und Scheßlitz durch.
Freie Fotos aus der Betriebszeit liegen nicht vor, die Bilder zeigen die Reste von 2007 und das Gebäude in Memmelsdorf.
Entstehung: Streit um eine Verlängerung
Die Stadt Scheßlitz reichte 1904 ein Gesuch für den Bau einer Lokalbahn beim Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten ein.
1905 wurde der Verlauf der Trasse festgelegt, zwei Jahre später begannen die Arbeiten.
Die Bauarbeiten dauerten elf Monate.
Eine geplante Verlängerung von Scheßlitz nach Hollfeld, Endstation der Strecke von Bayreuth, wurde 1906 nach umfangreichen Vorarbeiten wieder aufgegeben.
Die Baukosten von etwa zwei Millionen Mark waren dabei nicht der Grund.
Beide Städte zogen den Status als Endstation vor, der Raum dazwischen sollte zur Handelsdomäne werden.
Als der Distriktrat für die Strecke Scheßlitz–Hollfeld einen Zuschuss von 70.000 Mark genehmigte, verlangte Scheßlitz den Zuschuss von 50.000 Mark für die Strecke nach Bamberg zurück.
So sah es vorher aus: Dampf, Ernte und volle Wagen
Am 30. September 1908 ging die Strecke in Betrieb, der planmäßige Verkehr begann einen Tag später.
Bürgermeister Franz Michael Lutz aus Bamberg war bei der Eröffnung anwesend.
Eine Fahrt von Bamberg nach Scheßlitz kostete 35 Pfennig.
Eingesetzt wurde die bayerische PtL 2/2, außer bei schwerem Güterverkehr und den volleren Zügen am Sonntag.
Im November 1909 wurde der Bahnhof Memmelsdorf fertiggestellt.
1910 wurden zwischen Memmelsdorf und Scheßlitz mehr als 137.000 Fahrkarten verkauft und etwas mehr als 13.000 Tonnen Güter befördert.
In diesem und den folgenden Jahren erzielte die Strecke einen Jahresgewinn von rund 48.000 Mark.
An Sonn- und Feiertagen gab es 1916 täglich vier Fahrten, im Oktober 1918 waren es wieder die ursprünglichen zwei.
Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs erreichte der Güterverkehr das höchste Aufkommen in der Streckengeschichte.

Bruckertshof
Der Haltepunkt Bruckertshof lag bei Kilometer 2,8 gleich hinter dem Abzweig in Bamberg.
Hier endet die Strecke heute, zwischen Bruckertshof und Scheßlitz wurden die Gleise im Winter 1988 abgebaut.
Der Abschnitt Bamberg–Bruckertshof wurde am 31. Oktober 2001 stillgelegt.
Reste des Haltepunkts und das Ende des Schienenstrangs sind auf Fotos von 2007 zu sehen.


Gundelsheim
Gundelsheim hatte einen Haltepunkt bei Kilometer 4,2.
Ab Januar 1972 wurde der Ort zusätzlich von den Stadtbussen Bambergs angefahren.
Dadurch sank die Nachfrage nach der Bahn weiter.
Die Gemeinde liegt sieben Kilometer nördlich von Bamberg.

Memmelsdorf
Memmelsdorf besaß bei Kilometer 6,54 einen Bahnhof.
Das Empfangsgebäude blieb erhalten.
Es wurde für 180.000 DM aufwendig restauriert und umgebaut und beherbergt den örtlichen Gesangverein.
Zwischen Bamberg und Memmelsdorf ist der Bahndamm von der A 70 und der A 73 überbaut.
Bis auf wenige Stellen ist er durch das nicht vollständig entfernte Schotterbett noch erkennbar.


Drosendorf
Der Haltepunkt Drosendorf lag bei Kilometer 8,03.
Schon 1949 richteten die Stadtwerke Bamberg einen Busverkehr bis Drosendorf ein und machten der Bahn damit Konkurrenz.
Außer dem Haltepunkt und der Lage an der Strecke ist über Drosendorf nichts weiter belegt.
Giech
Der Haltepunkt Giech lag bei Kilometer 11,11.
Bis 1985 war Straßgiech mit diesem Haltepunkt an das Eisenbahnnetz angebunden.
Scheßlitz
Der Endbahnhof Scheßlitz lag bei Kilometer 13,714.
Er war ein zentraler Getreidelieferungspunkt mit zwei Verladestationen, der Güterverkehr hatte vor allem in der Erntezeit große Bedeutung.
Das erhaltene Empfangsgebäude dient dem Scheßlitzer Heimatkundlichen Verein als Lagerraum.


Niedergang und Ende
Nach Kriegsende kam der Bahnverkehr zum Erliegen und erholte sich nur langsam.
Erst mit dem Winterfahrplan 1948/49 besserten sich die Verhältnisse.
1948 wurden noch 44.000 Fahrkarten verkauft, 1953 nur noch 6.000.
Nur die kürzere Fahrzeit war ein Vorteil der Bahn, deshalb wurden immer wieder Fahrten gestrichen und 1954 entfiel der Spätzug.
Ab 1959 fuhren die ersten zweimotorigen Schienenbusse der Baureihe VT 98, bis 1963 übernahmen sie den kompletten Personenverkehr.
Der Einsatz von Dampflokomotiven vor den Personenzügen endete Anfang der 1960er-Jahre.
1962 gab es trotz der Neuerungen nur noch 1.000 verkaufte Fahrkarten, der Güterzug fuhr dreimal pro Woche.
Im September 1974 leitete die Bundesbahndirektion Nürnberg überraschend ein Verfahren zur Stilllegung der Strecke ein, es wurde aber nicht weiterverfolgt.
Im November 1978 begannen umfangreiche Gleisbauarbeiten, danach dauerte die Fahrt nur noch 23 Minuten bei durchgehend 60 Stundenkilometern.
1982 gab es nur noch ein Zugpaar mit Abfahrt um 14:20 Uhr, die V 100.1 zog einen Zug, der im Schnitt mit 12 Fahrgästen besetzt war.
Im Dezember 1982 startete die Bundesbahn einen dritten Anlauf zur Stilllegung, von dem die Öffentlichkeit nichts erfuhr.
1983 kam ein Wendezug zum Einsatz.
1985 gab die Bundesbahn bekannt, dass der Personenverkehr zum 2. Juni 1985 eingestellt wird.
So sieht es jetzt aus
Nach dem Ende des Reiseverkehrs fuhren noch gelegentlich Sonderzüge, etwa für Ausflüge der Schüler und Lehrer der Realschule in Scheßlitz.
Auf der Trasse zwischen Memmelsdorf und Scheßlitz wurde ein Fahrradweg errichtet.
Die einzigen erhaltenen Empfangsgebäude stehen in Memmelsdorf und Scheßlitz und werden anderweitig genutzt.
Die Geschichte in Daten
1904: Scheßlitz reicht ein Gesuch für eine Lokalbahn ein.
1905: Der Trassenverlauf wird festgelegt.
1906: Die geplante Verlängerung nach Hollfeld wird aufgegeben.
1908: Am 30. September wird die Strecke eröffnet.
1909: Im November wird der Bahnhof Memmelsdorf fertiggestellt.
1949: Die Stadtwerke Bamberg richten einen Busverkehr bis Drosendorf ein.
1959: Die ersten Schienenbusse der Baureihe VT 98 fahren.
1972: Gundelsheim wird ab Januar von Stadtbussen angefahren.
1978: Im November beginnt der Umbau der Gleise.
1985: Am 2. Juni endet der Personenverkehr.
1988: Der Güterverkehr endet, die Gleise bis Bruckertshof werden abgebaut.
2001: Am 31. Oktober wird der Abschnitt Bamberg–Bruckertshof stillgelegt.
Häufige Fragen
Fährt das Schäätzer Bockerla noch?
Wie lang war die Strecke?
Wann wurde die Strecke eröffnet?
Was ist aus den Bahnhöfen geworden?
Gibt es einen Radweg?
Das Bockerla ist verschwunden, aber Gebäude und eine Radwegtrasse zeigen noch, wo es fuhr.
Bahnstrecke Bamberg–Scheßlitz (Wikipedia) · Gundelsheim (Oberfranken) (Wikipedia) · Memmelsdorf (Wikipedia) · Straßgiech (Wikipedia) · Bruckertshof (Wikipedia)
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