Die Eberswalde-Finowfurter Eisenbahn: Kleinbahn durchs Finowtal
Von 1907 bis 1996 verband eine Kleinbahn die Industrie im Finowtal mit Eberswalde. Dieser Beitrag geht die Halte der Strecke von Eberswalde West bis Finowfurt der Reihe nach durch.

Lage: Eberswalde und Finowtal im Landkreis Barnim, Brandenburg. Status: Personenverkehr seit 1961, Güterverkehr seit 1996 eingestellt. Heute: Seit April 2010 wird die gesamte Strecke abgerissen.
Die Eberswalde-Finowfurter Eisenbahn war eine Kleinbahn mit nur 9,6 Kilometern Länge.
Sie verband ab 1907 die Stadt Eberswalde mit der Gemeinde Schöpfurth, dem heutigen Finowfurt.
Dazu kamen ein 1,3 Kilometer langer Abzweig von Heegermühle, dem heutigen Finow, zum Messingwerk und ein 2,2 Kilometer langer Abschnitt von Eberswalde nach Spechthausen.
Der Personenverkehr endete 1961, der Güterverkehr 1996.
Dieser Beitrag geht die Halte nacheinander durch und schreibt bei jedem nur, was belegt ist.
Alte freie Fotos der Halte stehen nicht zur Verfügung, deshalb zeigen die Bilder die Reste aus neuerer Zeit.
Wer die Gleisreste besichtigen will, sollte wissen, dass seit Anfang April 2010 die gesamte Strecke abgerissen wird.
Warum es eine Kleinbahn gab
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs im Finowtal die Industrie rasch.
Die Hüttenwerk AG, die Messingwerke, die Papierfabrik Wolfswinkel und die Schering-Kahlbaum AG hatten keinen Anschluss an die Eisenbahn Berlin–Stettin.
Sie drängten deshalb immer stärker auf einen Anschluss an das Staatsbahnnetz.
1898 gab es erste Pläne für eine schmalspurige Anschlussbahn von Eberswalde nach Schöpfurth.
Das Projekt scheiterte an finanziellen Schwierigkeiten und am Desinteresse der Stadt Eberswalde.
1904 erklärte sich die AG für Bahn-Bau und -Betrieb in Frankfurt am Main bereit, den größten Teil der Kosten für eine normalspurige Strecke zu übernehmen.
Auch der Landkreis Oberbarnim beteiligte sich finanziell.
Am 17. Januar 1906 erteilte der Regierungspräsident die Konzession.
Im Februar 1906 begannen die Bauarbeiten, die bis Heegermühle rasch vorankamen.
Dahinter bereiteten sumpfiges Gelände und einige Hügel Schwierigkeiten.
Eberswalde West: der Kleinbahnhof
Am 1. März 1907 nahm die Landespolizei die Teilstrecke von Eberswalde nach Heegermühle ab.
Drei Tage später, am 4. März 1907, fuhren die ersten Personenzüge mit Dampflokomotiven von Borsig.
Die Baukosten lagen mit 1,1 Millionen Reichsmark höher als erwartet.
Die Kleinbahn konnte nicht in den Staatsbahnhof einfahren, weil ein Regierungsbaumeister im Ruhestand sein Privatgrundstück nicht für die Linie hergeben wollte.
Deshalb entstand rund 500 Meter weiter westlich ein eigener Bahnhof im damals noch kaum bebauten Stadtteil Westend.
Aus dem Namen Kleinbahnhof wurde die volkstümliche Bezeichnung des Bahnhofs Eberswalde West.
Er erhielt ein Ladegleis, ein Nebengleis mit eingebauter Gleiswaage und ein Aufstellungsgleis, das auch zum Verladen von Holz aus dem städtischen Wald dienen sollte.
Dazu kamen ein zweistöckiges Empfangsgebäude mit angebautem Güterschuppen und ein Nebengebäude.
Anschlussgleise führten zum Staatsbahnhof.
Ab 1910 verkehrte die Straßenbahn Eberswalde als Zubringer und kreuzte am Kleinbahnhof die Gleise der Kleinbahn.
1940 wurde die Straßenbahn durch den bis heute fahrenden Oberleitungsbus ersetzt.
Wasserfall
Neben dem Kleinbahnhof gab es auf dem Weg nach Spechthausen den Haltepunkt Wasserfall an der Eisenbahnstrecke Eberswalde–Berlin.
Dort wurde am 17. April 1931 für Sonntagszüge aus Finowfurt ein weiterer Bahnsteig eingerichtet.
Zum Streckenabschnitt gehörte die Unterführung unter der Strecke Berlin–Stettin und eine Betonbrücke über die Schwärze.
Extrazüge brachten Reisende zu den großen Sängerfesten und den beliebten Wasserfallkonzerten.
Spechthausen
Der 2,2 Kilometer lange Abzweig nach Spechthausen endete direkt an der Papierfabrik Spechthausen.
Er ging am 17. April 1931 in Betrieb.
1945 wurde die Strecke stillgelegt und die Trasse abgebaut.
Die Gleise wurden als Reparation abgebaut und teilweise für einen sowjetischen Güterbahnhof nördlich des Tierparks wiederverwendet.
Die Unterführung durch die Strecke Berlin–Stettin wurde teilweise zugeschüttet.
Eisenspalterei
Vom Kleinbahnhof führte die Fahrt im Bogen durch den damaligen städtischen Wald zum Bahnhof Eisenspalterei, 2,2 Kilometer vom Start.
Schon bei Kilometer 1,6 zweigte ein Anschlussgleis für eine Umschlagstelle am Finowkanal ab.
Das Hauptgleis dieser Abzweigung führte weiter zur Märkischen Eisengießerei von F. W. Friedeberg.
Bei Kilometer 1,865 zweigte ein weiteres Anschlussgleis zum Eisenhüttenwerk von Hoffmann & Motz ab.
Der Bahnhof Eisenspalterei besaß einen Fachwerkbau.
Zu den letzten Kunden der Bahn gehörte ein Brennstoffhandel in Eisenspalterei.
Die Stilllegung der Strecke zwischen Eisenspalterei und Finowfurt erfolgte am 31. Dezember 1995.
Finow
Der Bahnhof Finow hieß bis 1928 Heegermühle, dann entstand aus mehreren Gemeinden und Gutsbezirken ein neuer Ort mit dem Namen Finow.
Der Bahnhof lag bei Kilometer 5,2 und erhielt ein Umfahrungsgleis, das zugleich als Ladegleis diente, und ein Rampengleis.
Das zweistöckige massive Empfangsgebäude enthielt im Erdgeschoss die Wohnung des Stationsbeamten, der Güterschuppen wurde angebaut.
Bei Kilometer 3,2 zweigte vor dem Bahnhof ein Gleis zum Linoleumwerk ab, dem späteren Chemischen Werk Finowtal.
Bei Kilometer 5,414 führte ein Anschlussgleis zum Steinverladeplatz der Heegermühler Dampfziegelei am Finowkanal.
1909 baute die Märkische Elektrizitätswerke ein Kohlekraftwerk in Heegermühle, die Kohle kam über ein Anschlussgleis.
Hinter dem Bahnhof überquerte die Bahn die Biesenthaler Straße, und dort mussten Rillenschienen eingelegt werden, damit Fuhrwerke die Straße ungehindert passieren konnten.

Sportpark und Messingwerk
Vom Bahnhof Heegermühle zweigte die Strecke zum Messingwerk ab.
Sie verlief am Sportpark entlang, überquerte die Schöpfurther Straße und endete am Messingwerk am Finowkanal.
Dort gab es eine Ladestelle am Hohenzollernkanal, dem heutigen Oder-Havel-Kanal.
Die Zweigstrecke wurde 1914 für den Güterverkehr eröffnet, im Oktober 1917 auch für den Personenverkehr.
Bei Schützenfesten und Wettkämpfen im Heegermühler Sportpark wurden Sonderzüge der Kleinbahn eingesetzt.
1945 endete der Personenverkehr zwischen Finow und Messingwerk.
1970 wurde die Anschlussbahn zum ehemaligen Messingwerk stillgelegt und teilweise abgebaut.
Das neue Walzwerk auf dem Gelände des früheren Messingwerkes bediente die Reichsbahn nun über eine Industriebahn, die nördlich des Bahnhofs Eberswalde abzweigte.
Spechthausener Weg und Finowfurt Ost
Der Haltepunkt Spechthausener Weg wurde ab 1950 Finowfurt Ost genannt.
Er gehörte zu den Haltepunkten der Strecke zwischen Finow und Finowfurt.
Weitere Einzelheiten sind nicht belegt.
Finowfurt Bahnhof
Der Endbahnhof hieß ursprünglich Schöpfurth und lag bei Kilometer 9,0.
Am 16. Oktober 1907 nahm die Landespolizei den Abschnitt von Heegermühle nach Schöpfurth ab, am selben Tag begann der Betrieb.
Der Bahnhof erhielt neben Empfangsgebäude und Güterschuppen einen Lokschuppen mit Werkstatt und Lager sowie eine Kohlen- und Wasserstation.
Aus dem Bahnhof zweigte ein Gleis zu den Schöpfurther Mühlen ab.
Nach dem Zusammenschluss von Schöpfurth und Steinfurt zu Finowfurt wurde die Bahn 1930 in Eberswalde-Finowfurter Eisenbahn umbenannt.
Zu den letzten Kunden gehörte das Imprägnierwerk Finowfurt.
Am 4. Dezember 1995 erfolgte die letzte Rangierfahrt dorthin.


Finowfurt Ort
Finowfurt Ort war ein weiterer Haltepunkt der Strecke.
Nähere Angaben zu diesem Halt sind nicht belegt.
Vom Aufschwung bis zum Ende des Personenverkehrs
Im Jahr 1907 beförderte die Kleinbahn in den verbleibenden Monaten rund 21.000 Personen.
1915 waren es 338.000 Fahrgäste, 1920 fast eine Million.
Ab dem 10. November 1924 liefen Kraftpostlinien der Reichspost durch das Gebiet und nahmen der Bahn Fahrgäste ab.
Das Aufkommen an Gütern verdreifachte sich dagegen von 229.000 Tonnen im Jahr 1930 auf 683.000 Tonnen im Jahr 1942.
Am 8. Oktober 1933 kam der erste Wismarer Schienenbus zum Einsatz, im Volksmund Ameisenbär genannt.
Die Fahrgastzahlen sanken von 406.000 im Jahr 1925 über 342.000 im Jahr 1930 auf 221.000 im Jahr 1935.
Nach Kriegsbeginn stiegen sie durch Einschränkungen der Kraftstoffkontingente bis auf 1,3 Millionen im Jahr 1942.
Nach 1945 übernahm die Bahn den Transport demontierter Maschinen und Anlagen in die Sowjetunion.
Am 1. Mai 1947 ging sie an die Landesbahnen Brandenburg, am 1. April 1949 an die Deutsche Reichsbahn.
Im Winterfahrplan 1959/1960 fuhren werktags nur noch drei Personenzüge.
Mit Wirkung vom 28. Mai 1961 wurde der Personenverkehr eingestellt, bis zum 25. Mai 1963 gab es Schienenersatzverkehr.
Das Ende der Strecke
Der Güterverkehr blieb noch Jahrzehnte erhalten, auch für die Truppentransporte der sowjetischen Armee.
Mit dem wirtschaftlichen Niedergang ab 1990 und dem Abzug der Streitkräfte 1994 wurde er immer seltener.
Am 1. Januar 1994 übernahm die Deutsche Bahn AG die Linie.
1995 musste samstags mittags eine Betriebsruhe eingeführt werden.
Mit der Einstellung des Betriebes zum Kranbau Eberswalde am 4. März 1996 endete der Verkehr auf der Strecke.
Pläne, die Linie als Tourismusbahn für die Landesgartenschau 2002 in Eberswalde wieder zu eröffnen, scheiterten.
An die zahlreichen Anschlussbahnen erinnert die ehemalige Werklok 1 der Chemischen Fabrik Finowtal als Denkmal im Familiengarten Eberswalde.
Vorher und nachher: der Bahnhof Finowfurt
Der Bahnhof Finowfurt wurde am 16. Oktober 1907 eröffnet.
Der Personenverkehr endete 1961, die Stilllegung folgte 1995.
Die Gleise wurden ab 2010 abgerissen.
Das Empfangsgebäude und die Trasse sind auf den Fotos von 2020 zu sehen.
So sieht es jetzt aus
Seit Anfang April 2010 wird die gesamte Strecke abgerissen.
Der Wasserturm am Bahnhof Finow steht noch.
Die Werklok der Chemischen Fabrik Finowtal ist im Familiengarten Eberswalde als Denkmal aufgestellt.
1906: Am 17. Januar erteilt der Regierungspräsident die Konzession, im Februar beginnen die Bauarbeiten.
1907: Am 4. März fahren die ersten Personenzüge, am 16. Oktober wird die Gesamtstrecke bis Schöpfurth eröffnet.
1914: Die Zweigstrecke zum Messingwerk geht für den Güterverkehr in Betrieb.
1917: Im Oktober beginnt dort auch der Personenverkehr.
1930: Die Bahn heißt nun Eberswalde-Finowfurter Eisenbahn.
1931: Am 17. April wird der Abzweig nach Spechthausen eröffnet.
1945: Die Strecke nach Spechthausen wird stillgelegt und abgebaut.
1947: Die Bahn geht am 1. Mai an die Landesbahnen Brandenburg.
1961: Am 28. Mai endet der Personenverkehr.
1970: Die Anschlussbahn zum Messingwerk wird stillgelegt.
1995: Am 4. Dezember folgt die letzte Rangierfahrt nach Finowfurt, am 31. Dezember wird ein Abschnitt stillgelegt.
1996: Am 4. März endet der Verkehr auf der Strecke.
2010: Im April beginnt der Abriss der gesamten Strecke.
Wie lang war die Eberswalde-Finowfurter Eisenbahn?
Warum hatte Eberswalde einen eigenen Kleinbahnhof?
Wann endete der Personenverkehr?
Wann endete der Güterverkehr?
Gibt es noch Gleise?
Die Kleinbahn durchs Finowtal ist als Betrieb verschwunden, geblieben sind Gebäude, ein Wasserturm und die Erinnerung an die Anschlussbahnen.
Wikipedia: Eberswalde-Finowfurter Eisenbahn · Wikimedia Commons: Bilder zum Bahnhof Finowfurt
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