Dessau-Roßlau: Vier Halte, die ihre Züge verloren haben
Am Wallwitzhafen, am Wörlitzer Bahnhof und an zwei Halten der Wörlitzer Bahn stehen Gebäude, die einmal Reisende abfertigten. Der Beitrag erzählt, was von ihnen belegt ist und was heute daraus wurde.


Lage: Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt. Status: Wallwitzhafen und Wörlitzer Bahnhof ohne Personenverkehr, Mildensee West und Dellnau stillgelegt. Heute: Das Umweltbundesamt nutzt den Wörlitzer Bahnhof, Wallwitzhafen wird von einem Verein saniert, die Dessau-Wörlitzer Eisenbahn fährt als Ausflugsbahn.
Dessau-Roßlau besitzt Bahnhöfe, die noch stehen und doch keine Züge mehr abfertigen.
Der Bahnhof Dessau Wallwitzhafen liegt an der Strecke zwischen Dessau und Roßlau und wird seit 1990 nicht mehr bedient.
Der Wörlitzer Bahnhof war der Dessauer Endpunkt der Dessau-Wörlitzer Eisenbahn und beherbergt heute das Umweltbundesamt.
Mildensee West und der Halt Dellnau, später Mildensee, lagen an derselben Bahn und sind seit langer Zeit stillgelegt.
Die Dessau-Wörlitzer Eisenbahn selbst ist nicht tot: Die Dessauer Verkehrs- und Eisenbahngesellschaft betreibt sie als Ausflugsbahn, die Anlagen stehen als Kulturdenkmal unter Schutz.
Freie Fotos auf Wikimedia Commons gibt es nur für Wallwitzhafen und den Wörlitzer Bahnhof, von Mildensee West und Dellnau nicht.
Wallwitzhafen: Der Bahnhof am Hafen
Der Wallwitzhafen entstand am Moderberg, wo die Mulde nahe ihrer Mündung in die Elbe liegt.
Schon vor dem Bahnbau gab es dort einen Verladeplatz, an dem 1848 die sumpfige Stelle notdürftig befestigt wurde, damit Kaufmannsgüter und böhmische Braunkohle entladen werden konnten.
1839 hatte der Bau der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn begonnen, und das Gelände am Moderberg ging an die Eisenbahngesellschaft.
Mit der Eröffnung der Strecke Dessau–Bitterfeld–Leipzig im August 1857 wurden Erdmassen am Moderberg aufgeschüttet, die das sumpfige Gelände erhöhten.
Im März 1861 gründeten Leipziger Kaufleute den Speditionsverein Wallwitzhafen, und eine herzogliche Verordnung gab der Anlage den Namen, der an das alte Dessauer Geschlecht der Walwitz erinnert.
Im Dezember 1861 eröffnete der Personenbahnhof.

Der Bahnhof war ein Durchgangsbahnhof in Nord-Süd-Richtung, die Strecke verläuft dort auf einem Damm.
Das Empfangsgebäude steht zusammen mit dem früheren Stellwerk westlich der Streckengleise.
Die Bahnsteige waren einst 230 Meter lang, das Stellwerk mit der Bezeichnung Wf steuerte drei Personengleise und ein Anschlussgleis.
1871 zählte man dort 994 Reisende, in den Jahren 1890 und 1891 waren es schon 25.321.
Auch der Güterverkehr war groß: Im Geschäftsjahr 1903/04 gingen 211.174 Tonnen vom Schiff auf die Bahn und 111.648 Tonnen von der Bahn aufs Schiff.
So sah es vorher aus: Pendler und Hafenarbeit
Im 19. Jahrhundert errichtete die Hafenfirma zwei große Ziegelspeicher, fünf Fachwerkspeicher und 26 Holzschuppen.
150 bis 250 Hafenarbeiter und 40 Angestellte gehörten zur Belegschaft.
Mit der Eröffnung der Straßenbahn zwischen Dessau und Roßlau im Jahr 1907 ging der Nahverkehr am Bahnhof zurück.
Zuvor waren dort jährlich etwa 25.000 Fahrgäste abgefertigt worden.
1914 fuhren Vorortzüge zwischen Roßlau, Wallwitzhafen, dem Dessauer Hauptbahnhof und Dessau-Alten, zwei Zugpaare davon als Arbeiterzug zu den Junkers-Werken.


Wallwitzhafen: Der Niedergang
1934 bekam der Hafen einen großen Getreidesilo, die Verladeanlagen wurden modernisiert.
1944 erhielt der Bahnhof den Zusatz Dessau im Namen.
Beim Luftangriff am 7. März 1945 wurden Gebäude und Hafenanlagen schwer zerstört.
1963 wurde der Bahnhof dem Dessauer Hauptbahnhof unterstellt.
1965 wurde der Hafenbetrieb zugunsten des Roßlauer Hafens eingestellt, das Anschlussgleis zum Hafen blieb bis 1972 in Betrieb.
Ab 1973 galt der Bahnhof bei der Reichsbahndirektion Halle als Haltepunkt, kombiniert mit einer Bedarfsabzweigstelle.
Die Durchfahrtsgleise 1 und 2 blieben erhalten, die Spitzen von Gleis 3 und des Anschlussgleises dienten noch der Kohleversorgung des Stellwerks.
1985 wurden Lichtsignale aufgestellt.
Die Gleisstümpfe verschwanden bei den Ertüchtigungen 1987 und 1997, der Bahnsteig an Gleis 2 wurde bis 1997 zurückgebaut, letzte Reste verschwanden 2009.
Seit 1990 wird der Bahnhof nicht mehr bedient.

Am 5. September 2010 wurde die Blockstelle Wallwitzhafen außer Betrieb genommen.
Am 5. Dezember 2010 folgte die Inbetriebnahme des elektronischen Stellwerks Dessau auf der Ersatzneubaustrecke.
Beim Neubau der Muldequerung wurde die Bahnstrecke um 22 Meter vom Bahnhofsgebäude weg nach Nordosten verschwenkt.
So sieht es jetzt aus: Wallwitzhafen
Das Empfangsgebäude gilt als marode.
Ein Verein saniert nach dem Stand von 2021 das Gebäude und das Stellwerk.
Eine Machbarkeitsstudie zur Bundesgartenschau 2035 in Dessau-Roßlau plant einen Haltepunkt am Standort des früheren Bahnhofs.
Ob er gebaut wird, ist nicht belegt.
Die Strecke neben dem Gebäude ist in Betrieb, wer das Gelände besucht, sollte deshalb Abstand zu den Gleisen halten.
Auf dem früheren Hafengelände entstand ab 1975 ein Wassersportclub, der 1984 das Gelände am Peisker erhielt.

Wörlitzer Bahnhof: Das Tor der Wörlitzer Bahn
Die Dessau-Wörlitzer Eisenbahn-Gesellschaft eröffnete ihre 18,7 Kilometer lange Strecke von Dessau nach Wörlitz am 22. September 1894.
Der Wörlitzer Bahnhof lag rund 300 Meter östlich des Dessauer Hauptbahnhofs.
Den Entwurf für das neugotische Backsteingebäude lieferte der Architekt Lembke.
Uhrenturm und Treppengiebel prägen die Straßenfront.
Nach diesem Muster entstanden später auch die Empfangsgebäude der Teutoburger-Wald-Eisenbahn in Gütersloh und der Gera-Meuselwitz-Wuitzer Eisenbahn in Gera-Pforten, die ebenfalls von Vering & Waechter gebaut wurden.
Das Empfangsgebäude in Dessau steht unter Denkmalschutz.

Das Gasviertel am Wörlitzer Bahnhof und die NS-Zeit
1937 kaufte Junkers & Co. den Dessauer Betrieb der Askania-Werke im Gasviertel am Wörlitzer Bahnhof.
Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs setzte Junkers & Co. zunehmend ausländische Zivilarbeiter und Zwangsarbeiter ein.
Eine Personalliste aus der Nachkriegszeit nennt für das Unternehmen bis 1945 insgesamt 909 ausländische Arbeiter.
Welche von ihnen am Wörlitzer Bahnhof arbeiteten oder ankamen, ist nicht belegt.
Beim Luftangriff am 7. März 1945 wurde das Gasgerätewerk des Unternehmens in der Junkersstraße zu 90 Prozent zerstört.
Wörlitzer Bahnhof: So sieht es jetzt aus
Das Umweltbundesamt nutzt das Empfangsgebäude seit 2002, das übrige Bahnhofsgelände überbaute es in den folgenden Jahren.
Das Gebäude und ein Teil des benachbarten Gasgerätewerks wurden dabei in die Anlage einbezogen.
Im Jahr 2000 war das Empfangsgebäude als erstes Gebäude in Dessau an die Behörde übergeben worden.
2005 zog der Hauptsitz des Umweltbundesamtes nach Dessau-Roßlau.
Das denkmalgeschützte Gebäude ist heute Sitz des 2021 gegründeten Spurenstoffzentrums des Bundes.

Die Züge nach Wörlitz fahren heute vom Bahnsteig 1 des Dessauer Hauptbahnhofs ab, der seit 2011 diese Nummer trägt.



Mildensee West: Der Halt am Wohnhaus
Mildensee West liegt bei Kilometer 5,0 der Stammstrecke der Dessau-Wörlitzer Eisenbahn.
Der Halt ist stillgelegt, das Bahnhofsgebäude wurde zum Wohnhaus umgebaut.
Die Strecke führt nördlich um die Bebauung von Mildensee herum.
Wann genau der Halt aufgegeben wurde, ist nicht belegt.
Auf der Strecke wurde der Personenverkehr am 25. Mai 1968 eingestellt.
Dellnau, später Mildensee: Der abgebaute Bahnhof
Bei Kilometer 6,5 lag der Bahnhof, der bis 1935 Dellnau hieß und danach Mildensee.
Der Name geht auf Dellnau zurück, einen Ort, der 1205 erstmals urkundlich erwähnt wurde und damit älter ist als Dessau selbst.
Am 1. Mai 1930 wurde Dellnau nach Dessau eingemeindet, am 15. April 1933 wurden Pötnitz, Scholitz und Dellnau zur Gemeinde Mildensee zusammengeschlossen.
Der Name Mildensee leitet sich vom gleichnamigen See ab, einem Altarm der Mulde.
Der Bahnhof ist stillgelegt und abgebaut.
Weiter östlich, bei Kilometer 7,8, ist nur der Haltepunkt Dessau-Adria am Waldbad Adria in Betrieb.
Wie es mit der Wörlitzer Bahn weiterging
Nach der Einstellung des Personenverkehrs am 25. Mai 1968 nahm die Reichsbahn den Verkehr zwischen Dessau und Wörlitz am 23. Mai 1982 wieder auf, zunächst nur als Ausflugsverkehr von Frühjahr bis Herbst.
Der Güterverkehr endete zum 31. Dezember 1995.
Im Dezember 1993 hatte sich ein Verein zur Förderung der Museumsbahn gebildet, der die Stilllegung der Strecke verhindern wollte.
Zwischen 1998 und 2001 wurde die Strecke mit öffentlicher Förderung grundlegend saniert.
Die Geschichte in Daten
1848: Der Verladeplatz am Moderberg wird notdürftig befestigt.
1861: Der Personenbahnhof Wallwitzhafen eröffnet im Dezember.
1894: Die Dessau-Wörlitzer Eisenbahn eröffnet ihre Strecke.
1907: Die Straßenbahn Dessau–Roßlau nimmt dem Bahnhof Wallwitzhafen Fahrgäste.
1914: Zwei Zugpaare fahren als Arbeiterzug zu den Junkers-Werken.
1945: Der Luftangriff am 7. März zerstört Gebäude und Hafenanlagen schwer.
1965: Der Hafenbetrieb wird zugunsten des Roßlauer Hafens eingestellt.
1968: Der Personenverkehr auf der Dessau-Wörlitzer Strecke endet am 25. Mai.
1990: Der Bahnhof Wallwitzhafen wird nicht mehr bedient.
2000: Der Wörlitzer Bahnhof geht an das Umweltbundesamt.
2010: Die Blockstelle Wallwitzhafen wird außer Betrieb genommen.
2035: Für die Bundesgartenschau sieht eine Studie einen Haltepunkt am Wallwitzhafen vor.
Häufige Fragen
Hält in Wallwitzhafen noch ein Zug?
Was befindet sich heute im Wörlitzer Bahnhof?
Kann man heute noch nach Wörlitz fahren?
Bekommt Wallwitzhafen wieder einen Halt?
Was ist von Mildensee West und Dellnau übrig?
Die Bahnhöfe Dessau-Roßlaus zeigen drei Wege nach dem Ende des Reiseverkehrs: Umnutzung, Sanierung durch einen Verein und den Abbau.
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