Stillgelegte Stationen der Berliner U-Bahn: Drei Haltestellen ohne Halt
Stralauer Tor, Nürnberger Platz und Französische Straße: drei Berliner U-Bahnhöfe, an denen heute kein Zug mehr hält. Ihre Geschichten enden im Krieg, im Umbau und im Jahr 2020.


Lage: Friedrichshain, Wilmersdorf/Charlottenburg und Mitte. Status: Alle drei Stationen sind ohne Zugverkehr. Heute: Vom Stralauer Tor sind Stützen am Viadukt erkennbar, vom Nürnberger Platz ist nichts erhalten, die Französische Straße besteht als Bauwerk weiter.
Dieser Beitrag stellt drei Berliner U-Bahnhöfe vor, an denen keine Züge mehr halten.
Der Bahnhof Stralauer Tor, der 1924 in Osthafen umbenannt wurde, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut.
Der Bahnhof Nürnberger Platz zwischen Wilmersdorf und Charlottenburg wurde 1959 geschlossen und abgebrochen.
Der Bahnhof Französische Straße in Mitte wurde 2020 stillgelegt, sein Bauwerk besteht aber weiter.
Stralauer Tor und Osthafen sind dabei ein und derselbe Bahnhof, der nur seinen Namen wechselte.
Stralauer Tor und Osthafen: der Hochbahnhof am Oberbaum
Die Berliner Hoch- und Untergrundbahn begann mit einem ersten Spatenstich am 10. September 1896.
Der östliche Abschnitt zwischen Stralauer Thor und Potsdamer Platz wurde im Februar 1902 eröffnet.
Der Bahnhof war damit einer der Ausgangspunkte der Berliner U-Bahn-Geschichte.
Er stand unmittelbar hinter der Oberbaumbrücke, am nordöstlichen Ende der Brücke über die Spree.
Die nach Plänen von Otto Stahn entworfene Brücke war 1896 fertiggestellt.
Der Bahnhof entstand danach zwischen 1898 und 1900 im Auftrag von Siemens & Halske unter der Leitung von Paul Wittig.

Ein einzelner Architekt für das Bauwerk ist nicht festzustellen.
Der Entwurf stammte aus dem Baubüro von Siemens & Halske.
Er entsprach in etwa einer Kombination aus den Bahnhöfen Prinzenstraße und Görlitzer Bahnhof.
So sah es vorher aus: Zwei Seitenbahnsteige am Brückenende
Bei der Eröffnung besaß der Bahnhof zwei Seitenbahnsteige.
Jeder Bahnsteig war 3,5 Meter breit und 73 Meter lang.
Das reichte zunächst für Züge mit sechs Wagen.
Der südliche Treppenaufgang lag 7,5 Meter über dem Straßenniveau und war seitlich angeordnet.
Wegen der engen Platzverhältnisse musste er auf einer einzelnen Verkehrsinsel gebaut werden.
Eine überdachte Brücke führte von dort zum Bahnsteig, ähnlich wie am Bahnhof Prinzenstraße.

Nach der Orthographischen Konferenz von 1901 verschwand das „h“ aus dem Bahnhofsnamen.
Am 15. September 1924 wurde der Bahnhof nach dem Osthafen benannt.
Dieser lag ebenfalls am östlichen Ende der Oberbaumbrücke.

Der Bombentreffer vom 10. März 1945
Am 10. März 1945 traf ein Bombentreffer bei einem alliierten Luftangriff den bis dahin unbeschädigten Hochbahnhof Osthafen.
Das Bauwerk wurde nahezu vollständig zerstört.
Die Hochbahnstrecke zwischen Warschauer Brücke und Schlesischem Tor ging am 14. Oktober 1945 wieder eingleisig in Betrieb.
Die BVG beschloss, den Bahnhof Osthafen wegen der Nähe zur Endstation Warschauer Brücke nicht wieder aufzubauen.
Der heutige Bahnhof Warschauer Straße liegt 320 Meter entfernt.
Das Schlesische Tor liegt 470 Meter entfernt.
Alle Überreste wurden beseitigt.
Mit dem Mauerbau 1961 wurde die Oberbaumbrücke für den gesamten Verkehr gesperrt, auch für die U-Bahn.

So sieht es jetzt aus: Stützen am Viadukt
Heute sind nur noch Stützen am Hochbahnviadukt der Warschauer Straße erkennbar.
Der Bahnhof Warschauer Straße trug bis 1995 den Namen Warschauer Brücke.
Vorher und nachher am Oberbaum
Um 1902 stand am Brückenende ein Hochbahnhof mit zwei Seitenbahnsteigen, einem seitlichen Treppenaufgang und einer überdachten Brücke zum Bahnsteig.
Der Bahnhof Stralauer Tor, später Osthafen, war einer der ersten Bahnhöfe der Berliner U-Bahn.
Nach der Zerstörung 1945 wurde er nicht wieder aufgebaut.
Heute fährt die Hochbahn ohne Station an dieser Stelle über die Oberbaumbrücke.
Nürnberger Platz: der Bahnhof, der der Spichernstraße wich
Der U-Bahnhof Nürnberger Platz gehörte zur Wilmersdorf-Dahlemer Untergrundbahn, der heutigen Linie U3.
Er lag unter dem Nürnberger Platz an der Grenze der Ortsteile Wilmersdorf und Charlottenburg.
Am 12. Oktober 1913 ging er in Betrieb.
Die Nachbarstationen waren Wittenbergplatz und Hohenzollernplatz.
Alfred Grenander plante den Bahnhof nach dem Vorbild der übrigen Bahnhöfe der Hochbahngesellschaft.

So sah es vorher aus: Mittelbahnsteig auf Stahlstützen
Der Nürnberger Platz war ein Tunnelbahnhof mit Mittelbahnsteig.
Er ähnelte dem U-Bahnhof Uhlandstraße.
Stählerne Mittelstützen trugen die Decke.
Die elliptisch gefliesten Stationsfelder und die Reklametafeln waren grün umrandet.
Ein Zugang war mit steinernen Pylonen und einer Steinumwehrung nach einem Entwurf von Wilhelm Leitgebel geschmückt.
Bereits Ende der 1920er Jahre wurde dieser Zugang durch ein schlichtes Eisenportal ersetzt.
Der Abbruch am 1. Juni 1959
Der Bahnhof wurde im Zweiten Weltkrieg erheblich zerstört und danach zunächst wieder aufgebaut.
Am 1. Juni 1959 wurde er geschlossen und abgebrochen.
Grund war der Neubau des U-Bahnhofs Spichernstraße als Kreuzung der damaligen Linien AII und BII sowie der Neubaulinie G.
Der Bahnhof Spichernstraße ging 1959 in Betrieb.
Als Ersatz für den Nürnberger Platz wurde 1961 der U-Bahnhof Augsburger Straße eröffnet.
So sieht es jetzt aus: eine Abstellanlage
An der Stelle des früheren Bahnhofs befindet sich heute die Abstellanlage der Station Spichernstraße.
Vom Bahnhof Nürnberger Platz ist nichts erhalten.
Französische Straße: der Bahnhof der Nord-Süd-Bahn
Schon vor dem Ersten Weltkrieg wollte die Reichshauptstadt eine städtische U-Bahn bauen, unabhängig vom Netz der Hochbahngesellschaft.
Als erste Strecke war eine Nord-Süd-Verbindung unter der Friedrichstraße vorgesehen.
Ende 1912 begannen die ersten Arbeiten.
Der Erste Weltkrieg verzögerte den Weiterbau, bis dieser 1917 ganz zum Erliegen kam.
1921 wurde die Nord-Süd-Bahn AG gegründet, die sich zu 100 Prozent im Besitz der Stadt Berlin befand.
Die Ausführungsplanung nach den Plänen des 1920 verstorbenen Heinrich Jennen übernahmen die Architekten Alfred Grenander und Alfred Fehse.

Grenander wollte jeden Bahnhof mit einer eigenen Farbe kennzeichnen.
Die gewählte Farbfolge lautete Grün, Weiß, Rot, Gelb, Blau.
Der Bahnhof Französische Straße bekam Grün.
Die finanzielle Notlage ließ keine Ausschmückung zu, die Wände sind nur verputzt und nicht gefliest.
Pfeiler sowie die Rahmen der Werbeflächen und Bahnhofsschilder wurden in der Bahnhofsfarbe lackiert.
Eröffnet wurde der Bahnhof am 30. Januar 1923 an der Nord-Süd-Bahn, der späteren Linie C und heutigen U6.
So sah es vorher aus: Unterpflasterbahnhof mit vier Ausgängen
Der Bahnhof war ein Unterpflasterbahnhof mit Mittelbahnsteig in einfacher Tiefenlage.
Er hatte vier Ausgänge auf den Mittelstreifen der Friedrichstraße.
Bis zu seiner Verlängerung in den 1990er Jahren war der Bahnsteig 80 Meter lang.
1939 gab es anfängliche Planungen, den Bahnhof zum Turmbahnhof mit der Linie E, der heutigen U5, zu erweitern.

Geisterbahnhof und Wiedereröffnung
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Bahnhof im sowjetischen Sektor, dem späteren Ost-Berlin.
Nord- und Südende der Linie lagen dagegen in West-Berlin.
Nach dem Bau der Mauer 1961 durchfuhren die West-Berliner Züge den Bahnhof deshalb ohne Halt.
Bis 1990 gehörte er zu den Geisterbahnhöfen der West-Berliner S- und U-Bahn im Ost-Berliner Untergrund.

In den 1970er und 1980er Jahren kam die Idee eines Turmbahnhofs wieder auf.
Die Pläne wurden durch die deutsche Wiedervereinigung hinfällig.
Die Wiedereröffnung des Bahnhofs fand am 1. Juli 1990 zur Währungsunion statt.
In den Folgejahren wurde der Ursprungszustand wiederhergestellt.
Die Bahnsteige wurden von 80 auf 110 Meter verlängert, sodass auch Züge mit sechs Wagen halten konnten.
Der Bahnhof erhielt seine zehneckigen Zugangstransparente zurück, wie Grenander sie 1923 entworfen hatte.
Anders als die übrigen Stationen der U6 bekam er keinen Aufzug.
Der Grund war die damals bereits geplante Verlängerung der U5 unter dem Boulevard Unter den Linden.

Das Ende am 4. Dezember 2020
Am 4. Dezember 2020 wurde der Bahnhof Französische Straße stillgelegt.
An diesem Tag wurde der direkt danebenliegende Bahnhof Unter den Linden eröffnet.
Er entstand bei der Verlängerung der U5 vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor mit Weiterführung zum Hauptbahnhof.
Der Bahnhof Unter den Linden ist ein Kreuzungsbahnhof der Linien U5 und U6.
Grund für die Schließung war der geringe Abstand von weniger als 150 Metern zum neuen Bahnhof.


So sieht es jetzt aus: durchfahren, nicht abgerissen
Der Bahnhof besteht seit der Schließung als Bauwerk weiter.
Die Züge der U6 durchfahren ihn ohne Halt.
Er bleibt ungenutzt und soll in Zukunft zurückgebaut werden.
Die Portale an den Zugängen stehen unter Denkmalschutz und blieben erhalten.
Im Oktober 2023 wurden sie mit vier originalgetreuen Emailleschildern versehen.
Diese entsprechen den Schildern der ersten drei Betriebsjahre.
Statt des Stationsnamens tragen sie die weiße Aufschrift „NORD-SÜD“ auf blauem Grund.
Ein BVG-Sprecher nannte das eine Hommage an die Geschichte.

Die Geschichte in Daten
1896: Erster Spatenstich für die Berliner Hoch- und Untergrundbahn am 10. September.
1898 bis 1900: Der Bahnhof Stralauer Thor entsteht.
1902: Der östliche Abschnitt der Hochbahn wird im Februar eröffnet.
1912: Ende des Jahres beginnen die Arbeiten an der Nord-Süd-Bahn.
1913: Der Bahnhof Nürnberger Platz geht am 12. Oktober in Betrieb.
1923: Der Bahnhof Französische Straße wird am 30. Januar eröffnet.
1924: Aus Stralauer Tor wird am 15. September der Bahnhof Osthafen.
1945: Am 10. März zerstört ein Bombentreffer den Bahnhof Osthafen, er wird nicht wieder aufgebaut.
1959: Der Bahnhof Nürnberger Platz wird am 1. Juni geschlossen und abgebrochen.
1961: Die Oberbaumbrücke wird gesperrt, die Züge durchfahren die Französische Straße ohne Halt, der Bahnhof Augsburger Straße wird eröffnet.
1990: Am 1. Juli wird die Französische Straße wiedereröffnet.
2020: Am 4. Dezember wird die Französische Straße stillgelegt.
2023: Im Oktober erhalten die Zugänge vier Emailleschilder mit der Aufschrift „NORD-SÜD“.
Häufige Fragen
Sind Stralauer Tor und Osthafen zwei Bahnhöfe?
Wann wurde der Bahnhof Osthafen zerstört?
Warum wurde der Nürnberger Platz geschlossen?
Warum wurde die Französische Straße stillgelegt?
Was ist von den drei Stationen geblieben?
Drei Stationen, drei Gründe: Krieg, Neubau und ein Nachbarbahnhof in unmittelbarer Nähe.
Von allen dreien blieb nur an der Französischen Straße das Bauwerk selbst bestehen.
Wikipedia: U-Bahnhof Osthafen · Wikipedia: U-Bahnhof Nürnberger Platz · Wikipedia: U-Bahnhof Französische Straße · Wikipedia (englisch): Stralauer Tor (Berlin U-Bahn) · Wikipedia (englisch): Nürnberger Platz (Berlin U-Bahn) · Berliner Kurier: Darum heißt der U-Bahnhof Französische Straße jetzt Nord-Süd
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