Die Misoxerbahn Bellinzona–Mesocco: Strom aus dem eigenen Kraftwerk, heute Wanderweg
1907 eröffnet, 1972 ohne Personenverkehr, 2013 ohne Museumsbahn: Von der Misoxerbahn sind Stationsgebäude, Brücken, Tunnel und ein Weg auf dem Trassee geblieben.


Lage: Von Bellinzona (Tessin) durch das Misox (Graubünden) nach Mesocco. Status: Stillgelegt, Personenverkehr bis 1972, Güterverkehr bis 2003, Museumsbahn bis 2013. Heute: Gleisreste und Stationsgebäude, auf dem Trassee verlaufen Wanderweg und Radweg.
Die Misoxerbahn führte von Bellinzona im Tessin durch das Misox in Graubünden nach Mesocco.
Sie war 31,3 Kilometer lang und meterspurig.
1907 eröffnet, war sie die erste Schmalspurbahn der Schweiz, die von Anfang an mit 1.500 Volt Gleichstrom fuhr.
Der Personenverkehr endete am 28. Mai 1972, der Güterverkehr 2003.
Bis Ende 2013 fuhr noch eine Museumsbahn auf einem Reststück.
Heute sind die Gleise bis auf Reste entfernt, und auf dem Trassee verlaufen Wanderweg und Radweg.
Weil die Bahn aus vielen kleinen Stationen bestand und der Bahnhof Mesocco ihr Endpunkt war, erzählt dieser Beitrag die Geschichte der ganzen Strecke.
Warum eine Bahn ins Misox
1891 verlangten 25 Motionäre in Mesocco eine Bahnverbindung nach Bellinzona.
1895 gab es erste Planungen für eine Stichbahn ab dem Bahnhof Castione-Arbedo der Gotthardbahn.
Zuerst zog man eine normalspurige Strecke in Betracht.
1899 erteilte der Bundesrat eine Konzession für eine Straßenbahn, die nur zu 20 Prozent auf eigenem Trassee verlaufen sollte.
Auf Vorschlag mehrerer Expertenkommissionen fiel die Entscheidung dann für eine elektrisch betriebene Schmalspurbahn mit eigenem Trassee.
Am 26. Juli 1903 wurde in Lostallo die Betreibergesellschaft gegründet.
Am 13. Mai 1905 schloss sie einen Vertrag mit der Aktiengesellschaft vormals Johann Jakob Rieter als Generalunternehmerin, die den betriebsfertigen Bau übernahm.
Die Bauarbeiten begannen im April 1905.
Am 6. Mai 1907 wurde das erste Teilstück von 21,4 Kilometern Länge eröffnet, von Bellinzona über Castione-Arbedo, Lumino, San Vittore, Roveredo, Grono, Leggia und Cama nach Lostallo.
Die Fortsetzung von 9,9 Kilometern nach Mesocco mit den Stationen Cabbiolo und Soazza folgte knapp drei Monate später und war ab dem 31. Juli 1907 befahrbar.

Die ganze Strecke hatte drei Tunnel, 28 Brücken und 18 Bahnhöfe oder Haltestellen.
Drei der Brücken sind große Viadukte über die Moesa.
Die größte Steigung betrug 60 Promille, der kleinste Kurvenradius 80 Meter.
Betriebsmittelpunkt war Castione-Arbedo, ein weiteres Depot samt Werkstätte stand in Mesocco.
Strom aus dem eigenen Kraftwerk
Von Anfang an war geplant, die Bahn mit einem eigenen Wasserkraftwerk zu betreiben.
Man entschied sich für die Moesa, weil sie auch bei niedrigem Wasserstand genug Leistung bot.
Das Kraftwerk Cebbia hatte bei etwa 560 Litern pro Sekunde eine Wellenleistung von mindestens 1.235 Kilowatt.
Die Wasserfassung lag nahe der Kirche San Giacomo, etwa drei Kilometer vom Bahnhof Mesocco entfernt.
Eine vollständig unterirdisch verlegte Rohrleitung von 1.620 Metern Länge und 50 Zentimetern Durchmesser führte das Wasser zum Maschinenhaus.
Der Gleichstrom mit 1.500 Volt ging über eine 1,5 Kilometer lange Speiseleitung ins Fahrleitungsnetz bei Mesocco.
Eine Freileitung von 22,2 Kilometern Länge brachte Drehstrom mit 10 Kilovolt zum Unterwerk in Roveredo.
Die Anlage reichte, damit zwei Züge mit je bis zu 55 Tonnen gleichzeitig bergwärts fahren konnten.
Damit war die Bahn 1907 die erste Schmalspurbahn der Schweiz mit 1.500 Volt Gleichstrom von Beginn an.
Bis 1961 lieferte das bahneigene Kraftwerk den Strom, am 19. Februar 1961 übernahmen die Misoxer Kraftwerke AG diese Aufgabe.
Zur Eröffnung wurden drei Triebwagen in Betrieb genommen, 1909 kamen zwei weitere dazu.
Für den Güterverkehr gab es einen Gepäcktriebwagen mit der Nummer 501.
Der wagenbauliche Teil aller sechs Triebwagen stammte von der Waggonfabrik Ringhoffer in Prag, der elektrische von der Maschinenfabrik Rieter in Winterthur.

Eine Bahn, die nirgends anschloss
Die Strecke war von Anfang an nicht als isolierte Talbahn gedacht.
1908 beantragte der erste Direktor der Gesellschaft, Silvio Tonella, eine Konzession für eine Bernhardinbahn über den San-Bernardino-Pass nach Thusis.
Am 2. Februar 1923 erteilte die Bundesversammlung die Konzession.
Das Projekt wurde nie verwirklicht, deshalb blieb die Misoxerbahn die einzige Bündner Schmalspurbahn ohne Verbindung zum Stammnetz der Rhätischen Bahn.
Nachdem sich der Verkehr in den 1930er Jahren unbefriedigend entwickelt hatte, ging die Gesellschaft zu Neujahr 1942 in der Rhätischen Bahn auf.
Die Rhätische Bahn modernisierte Fahrzeuge, Gleise und Stromversorgung.
1955 begann der Rollschemelbetrieb, in Castione-Arbedo gab es dafür eine Rollschemelrampe.
Ein Problem konnte auch sie nicht lösen: Die Bahn begann in Bellinzona nicht am Bahnhof der SBB, sondern etwa zehn Minuten zu Fuß entfernt an der Piazza Mesolcina.
In Castione-Arbedo konnte man aber direkt von und zur Gotthardbahn umsteigen.

Das Ende des Personenverkehrs
In den 1960er Jahren entschied man sich dafür, die parallel verlaufende Nationalstraße A13 als wintersichere Verbindung auszubauen, statt weiter in die Bahn zu investieren.
Beim Bau der A13 erschien die Bahn den Straßenplanern als Hindernis, deshalb wurde 1966 erstmals über ihre Aufgabe diskutiert.
Ein Expertenbericht kam 1967 zum Schluss, dass es zweckmäßiger sei, die Bahn zu erhalten.
Er missfiel dem zuständigen Departementschef, und ein zweiter Bericht wurde in Auftrag gegeben.
1969 ordnete der Bund die Einstellung des Personenverkehrs an, Proteste aus dem Tal und eine Petition mit 5.000 Unterschriften konnten das nicht verhindern.
Am 28. Mai 1972 fuhr der letzte Personenzug.
Postautos übernahmen den Verkehr, sie fuhren fortan von Thusis über den San-Bernardino-Pass oder durch den San-Bernardino-Tunnel bis nach Bellinzona.
Das 3,4 Kilometer lange Stück zwischen Bellinzona und Castione wurde nach der Einstellung abgebrochen.
Der Güterverkehr zwischen Castione und Mesocco blieb vorerst bestehen.

Im August 1978 beschädigten schwere Unwetter den oberen Teil der Strecke stark.
Das führte zur Stilllegung und zum Abbruch der Strecke ab Cama.
Die Werkstätte in Mesocco wurde durch eine ausgediente Fabrikhalle in Grono ersetzt.
1987 schloss das Valmoesa-Werk, der größte Industriebetrieb im Tal und wichtigste Auftraggeber für Gütertransporte, und damit endete der Planbetrieb endgültig.
Die verbleibenden Gütertransporte rechtfertigten die Kosten der Strecke nicht mehr.
Die Museumsbahn bis 2013
Seit 1995 betrieb ein Verein, die Società Esercizio Ferroviario Turistico, hier einen touristischen Museumsbetrieb.
Zu Silvester 2003 übertrug die Rhätische Bahn die Strecke und die Konzessionen an den Verein, die Fahrzeuge wurden mit Ferrovia Mesolcinese beschriftet.
Die Strecke zwischen Castione und Cama war elektrisch befahrbar.
Planmäßige Züge verkehrten an Sonntagen von Mai bis Oktober, auf Bestellung gab es Extrafahrten.
Rund zehn Mitarbeiter stellten den Fahrbetrieb sicher, 2011 wurden 2.585 Personen befördert.


Die Gemeinde Roveredo verlangte die Entfernung der Gleise, damit der Ortskern umgestaltet werden konnte.
Die Ortschaft war bis dahin durch Autobahn und Bahnstrecke in der Mitte geteilt.
Die Sanierung der Eisenbahnunterführung wäre mit hohen Kosten oder aufwendigen Umbauten verbunden gewesen.
Im Dezember 2013 wurde der Museumsbetrieb eingestellt, weil die Personenbeförderungskonzession am 14. Dezember 2013 auslief.
2014 verkürzte sich die Strecke auf 3,9 Kilometer zwischen dem Bahnübergang Grono und Cama, 2016 gab der Verein die Konzession für dieses Reststück zurück.

So sieht es jetzt aus: Stationsgebäude, Brücken, Wanderweg
Heute gibt es nur noch vereinzelte Gleisreste, das Trassee selbst ist schienenfrei.
Zwischen Mesocco und Soazza sowie südlich von Soazza wird es als Wanderweg genutzt.
Brücken und Viadukte sind dort seitlich mit Geländern gesichert, an drei Stellen führen kurze Tunnel durch Felshänge.
Der ehemalige Bahndamm dient außerdem als Fuß- und Radweg, der bis nach Lumino im Tessin führt.
Der Weg zwischen Mesocco und Soazza ist gepflegt und mit dem Kinderwagen zu befahren.

Der Bahnhof Mesocco wird nicht mehr genutzt.
Im hinteren Teil des Areals steht eine Busgarage, vor dem Gebäude sind noch Gleisreste zu sehen.
Das Stationsgebäude ist verlassen, die Türen sind verschlossen.
Es darf deshalb nicht betreten werden, das Gelände ist von außen zu besichtigen.

Anders ist es in Soazza: Das alte Stationsgebäude wurde renoviert und dient heute als Dorftreffpunkt.
Der Bahnhof Leggia ist ein privates Wohnhaus, das optisch noch stark an die Bahn erinnert und nicht zugänglich ist.


Auch einige Fahrzeuge sind erhalten.
Der Triebwagen BDe 4/4 491 kam im April 2021 per Tieflader nach Landquart und steht seit Juni 2021 vor dem Bahnmuseum Albula in Bergün, als Teil eines gastronomischen Angebots unter dem Namen Grotto 491.
Der Triebwagen ABe 4/4 Nr. 5 befindet sich seit August 2021 im WAGI Museum in Schlieren.
Der Personenwagen B 51 steht als Café-Bar in Winterthur.
Vorher und nachher: der Bahnhof Mesocco
Das Foto von etwa 1970 zeigt die Station Mesocco mit einem Zug am Bahnsteig, als hier noch Personenzüge fuhren.
Auf dem Foto von 2024 liegen nur noch einzelne Gleise im Asphalt des Areals vor der Remise.
Die Station war Endpunkt einer Strecke, die 65 Jahre lang Personen beförderte.
1891: 25 Motionäre in Mesocco verlangen eine Bahn nach Bellinzona.
26. Juli 1903: Die Betreibergesellschaft wird in Lostallo gegründet.
April 1905: Die Bauarbeiten beginnen.
6. Mai 1907: Bellinzona bis Lostallo wird eröffnet.
31. Juli 1907: Lostallo bis Mesocco wird eröffnet.
1. Januar 1942: Die Gesellschaft geht in der Rhätischen Bahn auf.
1961: Ein fremdes Kraftwerk übernimmt die Stromversorgung.
28. Mai 1972: Der Personenverkehr wird eingestellt.
August 1978: Unwetter führen zur Stilllegung ab Cama.
1987: Das Valmoesa-Werk schließt, der Planbetrieb endet.
2003: Die Strecke geht an den Museumsverein.
Dezember 2013: Der Museumsbetrieb endet.
2016: Die Konzession für das Reststück wird zurückgegeben.
Fährt heute noch ein Zug nach Mesocco?
War die Misoxerbahn die erste Bahn der Schweiz mit 1.500 Volt?
Kann man auf dem Trassee wandern?
Warum wurde die Bahn eingestellt?
Kann man den Bahnhof Mesocco besichtigen?
Was geschah mit dem Bahnhof Soazza?
Die Misoxerbahn war technisch ihrer Zeit voraus und wurde doch von der Straße verdrängt.
Ihr Trassee gibt dem Tal nun einen Weg, den man zu Fuß oder mit dem Rad abfahren kann.
Wikipedia: Bahnstrecke Bellinzona–Mesocco · SRF: Stillgelegte Bahntrassen, vier besondere Ausflugstipps · Südostschweiz: Vergessene Bahnlinie im Misox
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