Die Balkantrasse: die stillen Halte zwischen Lennep und Opladen
Auf der Strecke von Lennep nach Opladen fahren seit Jahrzehnten keine Personenzüge mehr, heute rollen dort Radfahrer. Von Wermelskirchen bis Bergisch Neukirchen: was aus den Bahnhöfen und Haltepunkten wurde.


Lage: Bergisches Land zwischen Remscheid-Lennep und Leverkusen-Opladen, Nordrhein-Westfalen. Status: Der Abschnitt Lennep–Opladen ist stillgelegt, nur Wuppertal-Oberbarmen–Remscheid-Lennep ist noch in Betrieb. Heute: Die Trasse ist als Panorama-Radweg Balkantrasse ausgebaut, eine Reaktivierung wird geprüft.
Zwischen Remscheid-Lennep und Opladen fahren keine Züge mehr, und die Strecke gilt als einer der bekanntesten stillgelegten Abschnitte im Bergischen Land.
In Betrieb ist nur noch der Teil von Wuppertal-Oberbarmen bis Remscheid-Lennep, dieser Abschnitt ist hier nicht Thema.
Es geht um die Halte dazwischen, von Wermelskirchen bis Bergisch Neukirchen, die zum Teil verschwunden sind und zum Teil bis heute stehen.
Den Namen Balkanexpress oder Balkantrasse erhielt die Strecke wegen ihrer Führung durch dünnbesiedeltes, bergiges Land.
Alte freie Fotos aus der Betriebszeit stehen nicht zur Verfügung, die Bilder in diesem Beitrag stammen aus den Jahren 2006 bis 2021.
Wie die Bahn ins Bergische kam
Gebaut wurde die Strecke von der Bergisch-Märkischen Eisenbahn-Gesellschaft, die am 1. Januar 1882 von der Preußischen Staatsbahn übernommen wurde.
1868 eröffnete sie zuerst die Strecke von Barmen-Rittershausen über Lennep nach Remscheid.
Der Abschnitt von Lennep nach Wermelskirchen folgte am 15. Mai 1876, und am 15. Oktober 1881 ging der Personenverkehr bis Opladen los.
Schon in den zwei Wochen davor verkehrten Güterzüge.
Unterwegshalte gab es zunächst nur in Born, Wermelskirchen, Hilgen und Burscheid, ab dem 15. November 1881 auch in Pattscheid.
Weitere Halte entstanden zwischen 1900 und 1910.
Zwischen Lennep auf 335 Metern und Opladen auf 61 Metern überwand die Strecke den Höhenunterschied vom Bergischen Land ins Rheintal.
Geplant war eine überregionale Verbindung von Wuppertal über Lennep und Opladen nach Köln.
Bis zum 28. April 1910 bekam die Strecke ein zweites Gleis und danach keine höhengleichen Bahnübergänge mehr.
Durchgehende Schnellzüge, wie sie die Kommunen und die Handelskammer in Lennep wünschten, gab es aber nie.
Die Strecke blieb deshalb eine der wenigen zweigleisigen Nebenbahnen.
So sah es vorher aus: Verkehr im Schüler- und Berufstakt
In den ersten Jahren fuhren vier Zugpaare am Tag.
Für die 28 Kilometer von Lennep nach Opladen brauchte ein Zug durchschnittlich 76 Minuten.
1893 waren es neun Zugpaare, 1907 schon 16, und 1914 zählte man 54 Personenzugfahrten und 23 Güterzugleistungen am Tag.
1939 gab es 17 Personenzugpaare.
Ab 1952 setzte die Bundesbahn Uerdinger Schienenbusse ein und baute zusätzliche Haltepunkte, die nur von ihnen bedient wurden.
1955 verkehrten täglich 36 Züge, vor allem im Schüler- und Berufsverkehr am Morgen, Mittag und Abend.
Strategische Bedeutung hatte die Strecke als Umgehung der Linie von Hagen über Wuppertal nach Köln, die Kopframpen in Burscheid wurden für Militärtransporte genutzt.
Wermelskirchen und Wermelskirchen West
Der Bahnhof Wermelskirchen wurde zunächst zu klein gebaut.
Das erste Empfangsgebäude war ein Provisorium, das vorher schon als Bahnhof in Kettwig gedient hatte.
1886 entstand ein zweigeschossiges Empfangsgebäude.
Mit dem zweigleisigen Ausbau kamen 1910 die Unterführung und die Überdachung des Zwischenbahnsteigs.
Vor dem Bahnhof lag von 1890 bis 1930 eine Haltestelle der meterspurigen Wermelskirchener-Burger Eisenbahn.
Das Empfangsgebäude steht noch und wird gewerblich genutzt, das Gelände gehört der Stadt.
2012 wich ein Teil davon einem Lebensmitteldiscounter, dafür wurde der Güterschuppen abgerissen.
Seit 2005 nutzt die Bundesstraße 51 in Wermelskirchen die Trasse, deshalb leiten innerörtliche Straßen Fußgänger und Radfahrer um.

Wermelskirchen West war einer der Bedarfshalte, die nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst nur für Schienenbusse eingerichtet wurden.
Er lag am Neubaugebiet Drosselweg und wurde am 1. Juni 1958 eröffnet.
Mehr ist über ihn nicht belegt.

Tente: ein Haltepunkt auf Wunsch der Bürger
Nach mehreren Anträgen aus Tente und Umgebung ging am 1. Juli 1900 der Personenhaltepunkt Wermelskirchen-Tente in Betrieb.
Die Eisenbahndirektion Elberfeld verpflichtete die Stadt Wermelskirchen, das Gelände unentgeltlich bereitzustellen und die Anlagekosten zu übernehmen.
Im Dezember 1910 wurden eine Unterführung und ein Gebäude mit Warteraum, Fahrkartenverkauf und Gepäckabfertigung gebaut, vorher wurden die Fahrkarten in einem Privathaus verkauft.
Gegen Ende der 1920er Jahre wurde das Bahnhofsgebäude erneuert.
Eine Güterabfertigung, die gewünscht worden war, kam nie.
Im Sommer 1969 diente die Station als Kulisse für den Film „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“.
Unterstraße: ein Schienenbushalt von 1952
Der Haltepunkt Unterstraße wurde im Mai 1952 eröffnet.
Er gehört wie Wermelskirchen West zu den Halten, die mit dem Einsatz der Schienenbusse entstanden.
Weitere Einzelheiten sind nicht belegt.
Hilgen: vom Provisorium zum Endpunkt
Auch der kleine Bahnhof Hilgen begann als Provisorium.
1910 erhielt er ein zweistöckiges Empfangsgebäude, einen überdachten Zwischenbahnsteig und eine Unterführung.
Bis 1975 bestand ein Anschlussgleis zur Hilgener Dampfziegelei.
Zwischen Wermelskirchen und Hilgen stellte die Bundesbahn im Mai 1983 den Personenverkehr ein.
Von 1983 bis 1991 war Hilgen der End- und Wendepunkt für die Akkumulatortriebwagen der Baureihe 515 aus Opladen.
Nach 1985 wurde der Mittelbahnsteig entfernt, 1988 endete die Stückgutverladung.
Heute nutzt unter anderem ein Getränkemarkt den Güterschuppen, und auf der Straßenseite der Rampe finden regelmäßig Oldtimer-Treffen statt.
Am Bahnhof gibt es noch die Beschilderung der Bahnhofsgaststätte, das Gebäude wird weitgehend privat genutzt.
Burscheid, Dünweg und Rathaus
Der Bahnhof Burscheid lag etwas östlich vom Stadtzentrum, mit Rücksicht auf zwei Ziegeleien und mögliche weitere Industrie, ab 1943 kamen die Goetzewerke dazu.
Beim zweigleisigen Ausbau wurde das Empfangsgebäude 1909/10 umgestaltet und erweitert, dazu kamen ein Mittelbahnsteig mit Unterführung und zwei Stellwerke.
1936 wurde die Ladestraße verlängert und erhielt eine zweite Kopframpe.
Mit dem Bedeutungsverlust und der Einstellung des durchgehenden Zugverkehrs ab 1978 wurde der Spurplan schrittweise vereinfacht, Stellwerke und Bahnsteigüberdachung wurden zurückgebaut, die Schalter geschlossen.
Das Empfangsgebäude wurde im Oktober 2010 abgerissen, nachdem Vorschläge der Lokalpolitik zur Umnutzung abgelehnt worden waren.
Auf dem Gelände entstand nach einem Wettbewerb ein Jugendzentrum, das neben einer Gastronomie liegt.


Zwei weitere Haltepunkte in Burscheid entstanden im Mai 1952.
Burscheid Dünweg lag nahe dem Ortsteil Kotten und war vor allem für den Schülerverkehr wichtig.
Burscheid Rathaus lag nah am Stadtzentrum und war dadurch zeitweise sehr beliebt.
Kuckenberg: der Wanderer-Halt
In Kuckenberg gab es auf Betreiben der Bürgerschaft seit dem 1. Juli 1900 einen Haltepunkt.
Die Bahn verpflichtete die Stadt Burscheid, das Land kostenlos bereitzustellen, die Anlagekosten zu übernehmen und den Haltepunkt zu betreiben.
Die Stadt gab einer nahen Gastwirtschaft die Konzession und beauftragte sie mit dem Fahrkartenverkauf.
Kuckenberg war beliebt, auch als Ausgangspunkt für Wanderungen: 1909 wurden hier 45.900 Fahrkarten verkauft.
Deshalb entließ die Bahn 1910 die Stadt aus ihren Verpflichtungen und baute beim zweigleisigen Ausbau ein neues Wartehaus und eine Bahnsteigunterführung.
Eine Gepäck- und Stückgutabfertigung lehnte sie ab.
Pattscheid: der Bahnhof auf zwei Ebenen
In der Nähe von Oberölbach wurde am 15. November 1881 ein erster Haltepunkt Pattscheid eröffnet.
Der heutige Bahnhof liegt 800 Meter weiter östlich.
Über den Zeitpunkt der Verlegung gehen die Angaben auseinander: Genannt werden das Jahr 1897 und die Jahre 1902 und 1903.
Der neue Bahnhof hatte eine Besonderheit: Die beiden durchgehenden Hauptgleise lagen fünf Meter über- und untereinander und waren durch einen Fußgängertunnel verbunden.
Das Empfangsgebäude mit Güterschuppen lag auf halber Höhe zwischen Gleisen und der Landstraße von Opladen nach Burscheid.
Für die Züge bedeutete das Steigungen von 1:43 auf 500 Metern von Opladen aus und 1:74 auf der anderen Seite, einige Züge schafften die Steigung erst im zweiten Anlauf.

Von 1910 bis Mitte der 1930er Jahre bestand eine Drahtseilbahn vom Bahnhof zur Nervenheilanstalt Roderbirken, mit der Baumaterial, Kohle und Lebensmittel hinaufgebracht wurden.
Nach dem eingleisigen Rückbau der Strecke 1958 wurde das obere Gleis zum Stumpfgleis, das noch bis 1966 als Ladegleis für ortsansässige Unternehmen diente.
Das langgestreckte, zweigeschossige Empfangsgebäude ist fast vollständig verschiefert und gilt als gutes Beispiel für die Architektur des Bergischen Landes.
1998 erwarb die Firma Illbruck das Empfangsgebäude samt Güterschuppen, das zwölf Jahre zuvor in die Denkmalliste eingetragen worden war, und baute es zu einem Meeting- und Konferenzzentrum um.


Grund: ein Halt für drei Orte
Der Haltepunkt Grund wurde am 23. Mai 1954 eröffnet.
Er sollte die Bewohner von Grund, Atzlenbach und Hüscheid bedienen.
Weitere Einzelheiten sind nicht belegt.
Bergisch Neukirchen: ein Halt wegen der Beschwerden
Der Haltepunkt Bergisch Neukirchen wurde am 10. Oktober 1903 eröffnet, weil sich Anwohner über die Lage des Bahnhofs Pattscheid beschwert hatten.
Der Ort hieß vorher Neukirchen und wurde mit dem Bau des Haltepunkts in Bergisch Neukirchen umbenannt, heute ist er ein Stadtteil von Leverkusen.
Hier hielten alle Personenzüge der Strecke.
Mit dem zweiten Gleis erhielt der Haltepunkt einen zweiten Bahnsteig mit Unterführung.
Der zweite Bahnsteig ist noch vorhanden, die Unterführung nicht mehr.
Etwa einen Kilometer weiter Richtung Opladen zweigte seit 1883 ein 347 Meter langer Werksanschluss zur Schraubenfabrik Tillmanns ab, den die Bahn am 11. April 1914 aufgab, nachdem zwei Tage zuvor die Kleinbahn Opladen–Lützenkirchen eröffnet worden war.
Warum der Verkehr endete
Seit den 1930er Jahren gab es schienenparallele Buslinien von Radevormwald und Remscheid über Wermelskirchen und Burscheid nach Opladen.
Nach 1958 war die Strecke zwischen Bergisch Born und Opladen nur noch eingleisig, die Höchstgeschwindigkeit wurde von 50 auf 80 Kilometer pro Stunde angehoben.
In den 1970er Jahren fuhr samstags teils nur eine Lokomotive der Baureihe 211 oder 212 mit einem einzigen Wagen.
1983 endete der Personenverkehr zwischen Wermelskirchen und Hilgen, 1991 wurde der Abschnitt zwischen Opladen und Hilgen nach dem Ausfall der Streckenfernsprechverbindung bei einem Sturm stillgelegt.
1997 folgte der Abschnitt von Lennep nach Wermelskirchen.
So sieht es jetzt aus: Radweg und Reaktivierung
Seit 2010 wurde die Trasse zum Panorama-Radweg Balkantrasse umgebaut, einem kombinierten Fuß- und Radweg.
Er ist 29,3 Kilometer lang, davon verlaufen 22,8 Kilometer auf der Bahntrasse.
Der Abschnitt von Remscheid-Lennep bis Burscheid-Kuckenberg wurde am 22. April 2012 eröffnet, das Stück von Kuckenberg bis Opladen folgte am 29. Mai 2014.
Seit 2021 wird über eine Reaktivierung der Bahnstrecke diskutiert.
2023 gab es eine Ausschreibung für eine Machbarkeitsstudie nach dem Karlsruher Modell.
Politiker aus Remscheid und Wermelskirchen teilten im Juli 2025 mit, für das Frühjahr 2026 solle erneut eine tiefgreifende Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden.
1876: Am 15. Mai wird die Strecke von Lennep nach Wermelskirchen eröffnet.
1881: Am 15. Oktober beginnt der Personenverkehr bis Opladen.
1900: Die Haltepunkte Tente und Kuckenberg werden am 1. Juli eröffnet.
1903: Der Haltepunkt Bergisch Neukirchen wird am 10. Oktober eröffnet.
1910: Bis zum 28. April erhält die Strecke ein zweites Gleis.
1952: Mit den Schienenbussen entstehen zusätzliche Haltepunkte, darunter Unterstraße, Dünweg und Rathaus.
1958: Die Strecke wird zwischen Bergisch Born und Opladen eingleisig zurückgebaut.
1983: Der Personenverkehr zwischen Wermelskirchen und Hilgen wird eingestellt.
1991: Der Abschnitt zwischen Opladen und Hilgen wird stillgelegt.
1997: Der Abschnitt Lennep–Wermelskirchen folgt.
2010: Das Empfangsgebäude Burscheid wird im Oktober abgerissen.
2012: Der Radweg von Lennep bis Kuckenberg wird am 22. April eröffnet.
Warum heißt die Strecke Balkantrasse?
Fahren auf der Strecke noch Züge?
Was steht von den Bahnhöfen noch?
Darf man die Gebäude betreten?
Wird die Strecke reaktiviert?
Die Balkantrasse zeigt, wie eine zweigleisige Nebenbahn in drei Jahrzehnten ihren gesamten Verkehr verlor.
Heute erinnern Bahnhofsgebäude wie in Pattscheid und eine 29 Kilometer lange Radroute an sie.
Wikipedia: Bahnstrecke Wuppertal-Oberbarmen–Opladen · KuLaDig: Bahnhof Pattscheid · KuLaDig: Radweg Balkantrasse von Opladen bis Remscheid-Lennep
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