Die stillen Bahnstrecken um Merseburg: Pelzerzüge, Buna und die Auenbahn
Rund um Merseburg fuhren Chemiearbeiter, Kurgäste und Pendler auf Strecken, die heute zum Teil still sind. Dieser Beitrag folgt den Gleisen zu den Buna-Werken, nach Bad Lauchstädt und nach Leipzig-Leutzsch.


Lage: Saalekreis und Leipzig, um Merseburg. Status: Personenverkehr überall eingestellt, Teile stillgelegt, Buna Werke–Holleben im Güterverkehr. Heute: Bahnhof Bad Lauchstädt ein Wohnhaus, Bahndamm bei Wallendorf bebaut.
Östlich von Merseburg liegen die Buna-Werke, und um sie herum entstand ein Netz von Bahnstrecken für Fracht, Chemiearbeiter und Kurgäste.
Die Strecken nach Schafstädt, nach Halle-Nietleben, nach Bad Lauchstädt und Angersdorf sowie nach Leipzig-Leutzsch gehören zu diesem Netz.
Auf allen ist der Personenverkehr eingestellt, und mehrere Abschnitte sind stillgelegt.
Auf einem Stück zwischen Buna Werke und Holleben rollen dagegen weiter Güterzüge, deshalb ist dieser Teil nicht still.
Aus der Zeit der Eröffnung liegen auf Commons nur eine Karte und ein Fahrplan vor, die übrigen Bilder zeigen den Zustand nach 1998.
Merseburg–Schafstädt: die Strecke an der Laucha
Die Strecke von Merseburg nach Schafstädt ging am 1. November 1896 in Betrieb.
Sie folgt weitgehend dem Lauf des Bachs Laucha.
Mit dem Bau der Buna-Werke 1936 gewann ihr östlicher Teil im Güterverkehr an Bedeutung.
Die Werke waren über eine Gleisschleife vom Bahnhof Merseburg Elisabethhöhe bis zum Bahnhof Knapendorf angebunden.
1967 wurde die Strecke ab dem Bahnhof Buna Werke neu trassiert, und der Abschnitt über Knapendorf wurde aufgegeben.
Zugleich ging die bisherige Verbindung Merseburg Elisabethhöhe–Buna Werke in die neue Strecke nach Halle-Nietleben ein.
Durch die neue Linienführung wurde die Strecke nach Schafstädt um 1,2 Kilometer länger.
Buna Werke: ein Bahnhof für Tausende
Der Personenbahnhof Buna Werke wurde zwei Tage vor der Eröffnung der Strecke nach Halle-Nietleben von Zügen der Schafstädter Strecke angefahren.
Er war für den Berufsverkehr der Chemiearbeiter gedacht.
Die Bahnsteiglängen wurden auf die Länge der Züge abgestimmt.
Heute halten dort keine Reisezüge mehr, die Anlage dient dem Güterverkehr.

Merseburg–Halle-Nietleben: die Strecke der Pelzerzüge
Das 1958 verkündete Chemieprogramm der DDR ließ die Standorte Buna und Leuna stark wachsen.
Gleichzeitig entstand ab 1964 als Trabantenstadt das spätere Halle-Neustadt, geplant als Arbeiterwohnstadt für die Chemiebetriebe.
Am 2. Januar 1966 begann der Bau einer Schnellbahnverbindung zwischen Wohn- und Arbeitsstätten.
Sie ging am 24. April 1967 in Betrieb und ersetzte die schon seit 1945 unterbrochene Strecke Bad Lauchstädt–Angersdorf.
Im Berufsverkehr fuhren Personenzüge von Weißenfels über Großkorbetha, Leuna Werke, Merseburg, Buna Werke und Halle-Neustadt nach Halle-Nietleben.
Mit diesen „Pelzerzügen“ wurden in den 1980er Jahren täglich rund 9.600 Chemiearbeiter zwischen Halle-Neustadt und den Buna-Werken befördert.
Ein Zug fasste bis zu 1.200 Personen und bestand in Spitzenzeiten aus drei gekuppelten vierteiligen Doppelstockeinheiten.
Ähnliche Züge fuhren auch zwischen Halle, Merseburg, Leuna Werke und Weißenfels, beide Verbindungen teilten sich bis 1992 die Kursbuchnummer 601.
Nach der Wende wurde die Produktion der Buna-Werke umgestellt, alte Anlagen wurden stillgelegt und abgerissen, und viele Arbeitsplätze entfielen.
Mit ihnen sanken die Fahrgastzahlen deutlich.
Zuletzt bestanden die Züge nur noch aus einer Lokomotive der Baureihe 143 und einem Doppelstocksteuerwagen.
Sie verkehrten nur montags bis freitags morgens und nachmittags, und die Fahrt von Merseburg nach Halle-Nietleben dauerte 22 Minuten.
Zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2007 wurden die Personenzüge abbestellt, die Züge verkehrten letztmals zwei Tage zuvor.
Holleben: ein Bahnhof zwischen Güter- und Stilllegung
Das Teilstück von Holleben bis zum S-Bahn-Haltepunkt Halle Zscherbener Straße wurde 2011 zur Stilllegung ausgeschrieben.
Mit Wirkung zum 31. August 2011 stimmte das Eisenbahn-Bundesamt dem Stilllegungsantrag der DB Netz AG zu.
Dort verkehrten zuvor nur 2010 einige Güterzüge mit Schüttgut für Gleisarbeiten nach Halle-Nietleben.
Anfang Februar 2022 wurden in diesem Abschnitt die Oberleitungsanlagen zurückgebaut.

Auf der anderen Seite behält die Strecke zwischen Merseburg Hbf und Holleben und die Verbindung nach Angersdorf ihre Bedeutung für die Anbindung der Buna-Werke im Güterverkehr.
Der Bahnhof Holleben Süd ist nicht mehr in Betrieb.

Bad Lauchstädt–Angersdorf: die frühere Verbindung
Die Strecke Bad Lauchstädt–Angersdorf wurde am 1. April 1897 durch die Preußisch-Hessische Staatsbahn eröffnet.
Sie führte von Bad Lauchstädt nach Norden zum früheren Schlettau bei Halle, dem heutigen Angersdorf, und verband die Strecke nach Schafstädt mit der Strecke Halle–Hann. Münden.
Ihre Bedeutung lag im lokalen Güterverkehr.

Laut Fahrplan von 1914 verkehrten täglich fünf Personenzugpaare, ein weiteres nur werktags und eins nur an Sonn- und Feiertagen.
Bis Ende der 1920er Jahre sank das Angebot auf drei Zugpaare werktags und eins sonn- und feiertags.
Im Sommer 1934 verzeichnet der Fahrplan keine Reisezüge mehr.
1944 und 1945 diente die Strecke als Umleitung für kriegszerstörte Bahnanlagen und Saalebrücken im Raum Merseburg.

Der Abschnitt von Bad Lauchstädt bis Benkendorf, dem heutigen Holleben Süd, wurde 1945 abgebaut.
Nur das Stück zwischen Holleben und Angersdorf blieb erhalten und wurde Mitte der 1960er Jahre im Zuge des Neubaus der Strecke nach Halle-Nietleben wieder aufgebaut.
Milzau, Knapendorf und Schafstädt
Ab 1967 war der Abschnitt über Knapendorf aufgegeben, damit fehlt dem Streckenverlauf von 1896 sein östlicher Teil.
Der Haltepunkt Milzau lag an der verbliebenen Strecke von Merseburg nach Schafstädt.
In Schafstädt entstand 2009 ein neuer Haltepunkt, um dort einen Bahnübergang einzusparen.

Bad Lauchstädt: Stilllegung in zwei Schritten
Zuletzt fuhren zwischen Merseburg, Buna Werke und Schafstädt Triebwagen der DB Regio im Stundentakt, 13 Zugpaare am Tag.
Im Dezember 2007 sollte der Personenverkehr komplett eingestellt werden, weil die Fahrgastzahlen auf 250 Reisende pro Werktag gefallen waren und Regionalisierungsmittel gestrichen wurden.
Die Verbindung nach Schafstädt wurde auf Wunsch der Region weiter bestellt.
Zum 14. Dezember 2014 wurde der Personenverkehr wegen zu geringer Nachfrage eingestellt, zuletzt nutzten ihn weniger als 150 Fahrgäste am Tag.
Am 6. Februar 2017 genehmigte das Eisenbahn-Bundesamt die Stilllegung des Abschnitts Bad Lauchstädt–Schafstädt, nachdem sich die RegioInfra als einziger Interessent für die gesamte Strecke zurückgezogen hatte.
Der Betrieb wurde am 28. Februar 2017 dauerhaft eingestellt.
Am 18. Januar 2018 genehmigte das Amt auch die Stilllegung des Abschnitts Buna Werke–Bad Lauchstädt, vollzogen wurde sie zum 28. Februar 2018.
Die ZossenRail Betriebsgesellschaft pachtete den Abschnitt Buna Werke bis Schafstädt zum 1. März 2018 und will den Teil Buna Werke–Bad Lauchstädt als Serviceeinrichtung weiterbetreiben.
Im Dezember 2023 gab es öffentliche Sonderfahrten zwischen Merseburg und Bad Lauchstädt mit einem Triebwagen der Baureihe 628.
Das frühere Bahnhofsgebäude in Bad Lauchstädt enthält heute Wohnungen.
Merseburg–Leipzig-Leutzsch: die „Auenbahn“
Die Strecke von Merseburg über Leuna und Böhlitz-Ehrenberg nach Leipzig-Leutzsch wurde auch „Merseburger Eisenbahn“ oder „Auenschreck“ genannt.
Erste Ideen gab es 1896, ab 1906 wurde geplant, und 1910 wurde nur der preußische Abschnitt Merseburg–Zöschen genehmigt.
Der Bau begann 1915 und wurde 1917 kriegsbedingt eingestellt.
Seit 1919 gab es Personen- und seit 1928 Güterverkehr zwischen Merseburg und Leuna.
Nach Verhandlungen mit Sachsen wurde 1928 zunächst die Strecke Merseburg–Zöschen und am 1. Juli 1931 die Gesamtstrecke bis Leutzsch dem Verkehr übergeben.

Anfang der 1990er Jahre wurden die durchgehenden Züge zwischen Leipzig Hbf und Merseburg eingestellt, seither musste in Leipzig-Leutzsch umgestiegen werden.
Sachsen bestellte seinen Streckenteil zwischen Leutzsch und Dölzig 1998 ab, deshalb endete am 23. Mai 1998 der Personenverkehr auch auf der Reststrecke.
Der Güterverkehr zwischen Luppenau und Leutzsch folgte zum 1. Januar 1999.
Die Bahn verkaufte 2012 die Strecke zwischen Friedensdorf und Böhlitz-Ehrenberg an das Sächsische Institut für Regionalentwicklung und Wirtschaft, das auf der Trasse einen Radweg errichten wollte, und die Schienen wurden entfernt.
Bis 2019 wurde der Radweg nicht verwirklicht, inzwischen ist die Strecke an verschiedene Eigentümer verkauft.
2023 wurde auf dem Teilstück zwischen Wallendorf und Zöschen ein Radweg über den Bahndamm geführt.
Zwischen Merseburg und Lochau findet seit 2008 wieder verstärkter Güterverkehr statt, überwiegend zum Kieswerk Lochau.


Vorher und nachher: Wallendorf
Zwischen dem ehemaligen Bahnhof Wallendorf an der Luppe und der Gebrüder-von-Wedel-Straße wurde der Bahndamm abgetragen, an seiner Stelle entstanden Einfamilienhäuser.
Weiter östlich im Ort wurde seit 2017 der Abriss der denkmalgeschützten, dreibogigen Brücke am Tonschacht gefordert, die in der südlichen Verlängerung der Kohlenstraße stand.
Sie wurde im Jahr 2022 beseitigt.
So sieht es jetzt aus
Zwischen Merseburg und Buna Werke und weiter bis Holleben fahren Güterzüge, Reisezüge nicht.
Der Abschnitt Holleben–Halle Zscherbener Straße ist seit 2011 stillgelegt, der Abschnitt Bad Lauchstädt–Schafstädt seit 2017 und Buna Werke–Bad Lauchstädt seit 2018.
Auf der Strecke nach Leipzig-Leutzsch ist der Personenverkehr seit 1998 beendet, ein Teil der Trasse wurde zum Radweg und ein anderer bebaut.
Die Relation Leipzig–Merseburg wird seit dem 13. Dezember 2015 von der PlusBus-Linie 131 bedient.
Die Geschichte in Daten
1896: Die Strecke Merseburg–Schafstädt geht in Betrieb.
1897: Die Strecke Bad Lauchstädt–Angersdorf wird eröffnet.
1931: Die Strecke Merseburg–Leipzig-Leutzsch wird durchgehend eröffnet.
1936: Bau der Buna-Werke, die Strecke nach Schafstädt gewinnt im Güterverkehr an Bedeutung.
1945: Der Abschnitt Bad Lauchstädt–Benkendorf wird abgebaut.
1967: Die Strecke Merseburg–Halle-Nietleben und der Bahnhof Buna Werke gehen in Betrieb.
1998: Der Personenverkehr nach Leipzig-Leutzsch endet.
2007: Die Pelzerzüge verkehren zum letzten Mal.
2011: Stilllegung des Abschnitts Holleben–Halle Zscherbener Straße.
2014: Der Personenverkehr Merseburg–Schafstädt endet.
2017: Stilllegung Bad Lauchstädt–Schafstädt.
2018: Stilllegung Buna Werke–Bad Lauchstädt.
Häufige Fragen
Was waren die Pelzerzüge?
Wann endete der Personenverkehr nach Halle-Nietleben?
Fahren zwischen Merseburg und Buna Werke noch Züge?
Wann wurde die Strecke nach Bad Lauchstädt stillgelegt?
Was ist aus dem Bahnhof Bad Lauchstädt geworden?
Gibt es auf der Leutzscher Strecke einen Radweg?
Die Bahnstrecken um Merseburg erzählen von einer Industrie, die Tausende täglich zur Arbeit bewegte.
Mit dem Rückgang dieser Arbeit wurden die Züge leerer, und Stück für Stück verschwanden die Verbindungen.
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