Die Bahnstrecke Simbach–Pocking und die Stichbahn nach Kößlarn: stille Halte am Inn

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Bahnstrecke Simbach–Pocking und die Stichbahn nach Kößlarn: stille Halte am Inn

Von Simbach am Inn führte die Nebenbahn über Tutting nach Pocking, von Tutting zweigte die Stichbahn nach Kößlarn ab. 1969 und 1960 endete der Reiseverkehr, heute verläuft ein Radweg auf der Trasse.

Die Hauptgleisanlagen des ehemaligen Kreuzungsbahnhofs Tutting in Kirchham, kurz vor der Demontage 2006.
Die Hauptgleisanlagen des ehemaligen Kreuzungsbahnhofs Tutting in Kirchham, kurz vor der Demontage 2006. Foto: Gemeinde Kirchham, Gemeinde Kirchham at German Wikipedia, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1910
Simbach–Rotthalmünster eröffnet
1914
Tutting–Pocking eröffnet
1969
Reiseverkehr Simbach–Pocking endet
2003
Tutting–Pocking stillgelegt

Lage: Niederbayern, am Inn von Simbach über Tutting nach Pocking, Stichbahn von Tutting nach Kößlarn. Status: Beide Strecken sind stillgelegt und abgebaut. Heute: Auf Tutting–Pocking wurde 2008 ein Bahnradweg errichtet.

Die Bahnstrecke Simbach–Pocking war eine Nebenbahn in Niederbayern und verlief von Simbach am Inn über Tutting nach Pocking.

In Tutting zweigte die Bahnstrecke Tutting–Kößlarn ab, die über Rotthalmünster führte.

Beide Strecken gehören zusammen und werden hier gemeinsam behandelt.

Behandelt werden die Halte Erlach, Prienbach, Ering, Malching, Aigen, Tutting und Schönburg sowie Erlbach, Rotthalmünster, Kühbach und Kößlarn.

Freie alte Fotos der Halte liegen nicht vor, die Bilder zeigen den Rückbau von 2006 und Spuren der Strecke.

Entstehung: ein Tauziehen zwischen Rotthalmünster und Kößlarn

Am 9. April 1894 bat der Markt Rotthalmünster mit den Gemeinden bis Simbach um den Bau einer Lokalbahn von Simbach nach Rotthalmünster.

Am 30. Januar 1897 erteilte das Ministerium die Genehmigung zur Projektierung, die Planung übernahm Staatsbaupraktikant Ernst Arnold.

Die Strecke sollte den Inn entlang führen.

Am 7. Dezember 1897 beantragte das Eisenbahnkomitee Kößlarn dagegen eine Strecke von Simbach durch das Unterbayerische Hügelland über Wittibreut nach Kößlarn.

Die Staatsbahn entschied, dass nur eine Linie gebaut werden könne, und hielt die Linie am Inn entlang für günstiger.

Die Kößlarner Linie wäre 3,7 Kilometer länger gewesen und hätte 153 Meter mehr verlorene Steigungen gehabt.

Am 27. Oktober 1900 schickten Kößlarn und Wittibreut eine neue Petition nach München.

Die Generaldirektion erklärte sich bereit, eine Strecke Rotthalmünster–Kößlarn zu projektieren, wenn dafür 1.000 Mark überwiesen würden, Kößlarn zahlte umgehend.

Im April 1901 begannen die Bauarbeiten in Rotthalmünster.

Pfarrer Franz Xaver Almer beschwerte sich, die Bahn werde zu nahe an den Pfarrhof gebaut, das verzögerte den Bau.

Bei der entscheidenden Verhandlung am 19. Mai 1903 ergab sich, dass 195.000 Mark für den Grunderwerb aufgebracht werden mussten, bis auf 15.000 Mark wurde das Geld erbracht.

Am 10. August 1904 trat das Gesetz über die 23,07 Kilometer lange Lokalbahn Simbach–Tutting–Rotthalmünster in Kraft.

Das Gesetz vom 26. Juni 1908 beschloss die 6,23 Kilometer lange Reststrecke nach Kößlarn.

Am 29. Oktober 1910 wurde die Strecke Simbach–Rotthalmünster eröffnet, am 1. Mai 1911 die Reststrecke nach Kößlarn.

Die Verlängerung nach Pocking

Schon am 27. Juni 1901 hatte ein Eisenbahn-Komitee die Notwendigkeit einer durchgehenden Verbindung von Simbach nach Passau herausgestellt.

Wer mit der Bahn von Simbach nach Passau fahren wollte, musste 84 Kilometer in fünf bis sechs Stunden über österreichisches Gebiet zurücklegen.

Mit einer Strecke von Tutting nach Pocking, so die Argumentation, schrumpfe die Entfernung auf 64 Kilometer und die Fahrzeit auf drei Stunden.

Beklagt wurde auch, dass eine Wallfahrt von Passau nach Altötting 2.000 Mark Fahrgeld an die österreichische Bahn zahlen und die Zollvisite hinnehmen musste.

Ein Antrag der damaligen Gemeinde Hartkirchen, die Strecke über Hartkirchen zu führen, wurde abgelehnt, sie wäre sonst statt acht Kilometern fast 20 Kilometer lang geworden.

Am 2. November 1912 wurde die Strecke Tutting–Pocking beschlossen, am 1. Dezember 1914 ging sie mit 8,87 Kilometern in Betrieb.

Simbach am Inn, Bahnbrücke über die Innstraße, Nordseite.
Simbach am Inn, Bahnbrücke über die Innstraße, Nordseite. Foto: Renardo la vulpo, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.

So sah es vorher aus: langsame Züge am Inn

Die Züge fuhren durchgehend von Simbach nach Pocking und als Stichbahn von Tutting über Rotthalmünster nach Kößlarn.

1921 verkehrten von Simbach nach Pocking vier Zugpaare, die 28,4 Kilometer dauerten 105 Minuten, das ergibt 16 Kilometer pro Stunde.

Auf der Strecke Tutting–Kößlarn fuhren täglich drei Reisezugpaare, die 9,8 Kilometer in 38 Minuten schafften.

Im Winter 1953/54 kamen Uerdinger Schienenbusse, die Fahrzeit sank auf 57 beziehungsweise 22 Minuten.

Damals fuhren täglich je acht Zugpaare auf beiden Strecken.

Dennoch wurde der Betrieb immer unrentabler.

Erlach

Erlach war ein Haltepunkt bei Streckenkilometer 1,66 hinter Simbach.

Weitere Angaben zum Halt sind nicht belegt.

Prienbach

Prienbach, im Streckenplan als Prienbach (Stubenberg) geführt, hatte einen Bahnhof bei Kilometer 5,29.

Weitere Angaben zum Bahnhof sind nicht belegt.

Ering

Ering lag bei Kilometer 10,34, hier zweigte ein Anschlussgleis zum Kraftwerk Ering-Frauenstein ab.

Weitere Angaben zum Halt sind nicht belegt.

Malching

Die Eisenbahnlinie durch Malching wurde 1910 eröffnet.

Der Halt bei Kilometer 13,68 wurde bis 1969 im Personenverkehr bedient.

Seine Schließung am 31. Mai 1969 traf den Ort schwer.

Die Strecke ist inzwischen abgebaut und zu einem Radweg umgewandelt.

Aigen am Inn

Aigen hatte einen Bahnhof bei Kilometer 17,74, zwischen Malching und Tutting.

Weitere Angaben zum Bahnhof sind nicht belegt.

Tutting

Tutting war der Knoten der Strecke, bei Kilometer 19,52 zweigte die Stichbahn nach Kößlarn ab.

Hier lag zudem ein Anschlussgleis zum Kraftwerk Egglfing-Obernberg.

Der Bahnhof Tutting in der Gemeinde Kirchham war ein Kreuzungsbahnhof.

Das Anschlussgleis zur Rottal-Kaserne in Kirchham wurde früh abgebaut, stattdessen verlud man die Bundeswehrtransporte im Bahnhof Tutting, bis die Kaserne 2002 aufgelöst wurde.

Der Güterverkehr von Pocking nach Tutting wurde am 31. Dezember 2001 eingestellt.

Am 23. April 2003 wurde die Strecke Tutting–Pocking stillgelegt.

2006 wurden die Gleise am Bahnhof Tutting zurückgebaut.

Rückbau der Gleisanlagen am ehemaligen Bahnhof Tutting in Kirchham durch einen Schienen-Bagger.
Rückbau der Gleisanlagen am ehemaligen Bahnhof Tutting in Kirchham durch einen Schienen-Bagger. Foto: Gemeinde Kirchham, Gemeinde Kirchham at German Wikipedia, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Bahnhof Tutting in Kirchham während des Gleisrückbaus.
Der Bahnhof Tutting in Kirchham während des Gleisrückbaus. Foto: Gemeinde Kirchham, Gemeinde Kirchham at German Wikipedia, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Hinweisschild auf die ehemalige Bahnstrecke von Tutting nach Rotthalmünster und Kößlarn am Beginn des Radweges in Tutting.
Hinweisschild auf die ehemalige Bahnstrecke von Tutting nach Rotthalmünster und Kößlarn am Beginn des Radweges in Tutting. Foto: Konrad Lackerbeck, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Schönburg

Schönburg war eine Betriebsstelle bei Kilometer 24,34, hinter dem Bahnhof Leithen bei Kilometer 22,37.

Die Strecke endete wenige Kilometer weiter in Pocking bei Kilometer 28,38.

Weitere Angaben zum Halt sind nicht belegt.

Die Stichbahn Tutting–Kößlarn

Von Tutting führte die Stichbahn über Erlbach, Rotthalmünster und Kühbach nach Kößlarn.

Auf der Strecke lag zusätzlich der Haltepunkt Pattenham bei Kilometer 5,63.

Sie war nach der Verlängerung nach Pocking zur Stichbahn geworden, die auch eigenständig betrieben wurde.

Trotz des bis in die 1950er-Jahre relativ hohen Fahrgastaufkommens erwies sie sich als unrentabel.

Die Deutsche Bundesbahn stellte am 2. Oktober 1960 den Reiseverkehr ein.

Die gesamte Strecke ist abgebaut, auf der Trasse verläuft ein Radweg.

Erlbach

Erlbach war ein Haltepunkt bei Kilometer 1,44, kurz hinter Tutting.

Weitere Angaben zum Haltepunkt sind nicht belegt.

Rotthalmünster

Der Bahnhof Rotthalmünster lag bei Kilometer 3,56.

Der Markt hatte 1894 den Anstoß für die Lokalbahn gegeben.

Im April 1901 begannen hier die Bauarbeiten.

Am 1. Januar 1970 endete der Güterverkehr zwischen Rotthalmünster und Kößlarn.

Der Güterverkehr zwischen Pocking und Rotthalmünster lief noch bis zur Stilllegung des Abschnitts Tutting–Rotthalmünster zum 1. Januar 1996.

Davor fuhr dort bisweilen wochenlang kein Zug.

Kühbach

Kühbach war ein Haltepunkt bei Kilometer 7,15, kurz vor dem Endbahnhof.

Weitere Angaben zum Haltepunkt sind nicht belegt.

Kößlarn

Kößlarn war der Endbahnhof der Stichbahn bei Kilometer 9,78.

Der Markt hatte lange um eine eigene Strecke gekämpft.

Bürgermeister Johann Abtmaier führte die Isolation Kößlarns als Grund an, sich gegen ein Eisenbahnprojekt am Inn zu stellen.

1899 legte Kößlarn eine Liste der Güter vor, aus der sich 61.260 Tonnen im Jahr ergaben.

Ministerratsvorsitzender Friedrich Krafft von Crailsheim wies das am 6. Mai 1899 als gewaltige Überschätzung zurück.

Erst am 1. Mai 1911 wurde die Reststrecke nach Kößlarn eröffnet.

Das Ende der Strecke Simbach–Pocking

Zum 2. Oktober 1960 endete der Reiseverkehr auf der Stichbahn, am 1. Juni 1969 folgte die Stilllegung des Reisezugverkehrs zwischen Pocking und Simbach.

Gleichzeitig endete der Güterverkehr zwischen Simbach und Tutting.

Im Februar 1972 begann der Abbau der Strecke.

Nur der Güterverkehr zwischen Pocking und Rotthalmünster blieb zunächst bestehen.

Zuletzt gehörten dazu die Bundeswehrtransporte von der Rottal-Kaserne in Kirchham.

So sieht es jetzt aus

2007 stellte das Eisenbahn-Bundesamt die ehemalige Trasse von Bahnbetriebszwecken frei und gab damit die letzte eisenbahnrechtliche Bindung auf.

An die Strecke erinnern heute nur noch zwei Brücken und Straßen, die nach Bahnhöfen benannt sind.

Auf dem Abschnitt Tutting–Pocking wurde 2008 ein Bahnradweg errichtet.

Vorher und nachher

1910 und 1914 eröffnet, fuhren 1921 vier Zugpaare in 105 Minuten von Simbach nach Pocking.

1969 endete der Personenverkehr.

2001 endete der Güterverkehr nach Tutting, 2003 wurde die Strecke Tutting–Pocking stillgelegt.

2006 wurden bei Tutting die Gleise zurückgebaut.

Heute läuft auf der Trasse ein Bahnradweg.

9. April 1894: Rotthalmünster bittet um eine Lokalbahn von Simbach.

10. August 1904: Das Gesetz über die Lokalbahn Simbach–Tutting–Rotthalmünster tritt in Kraft.

26. Juni 1908: Gesetz zum Bau der Reststrecke nach Kößlarn.

29. Oktober 1910: Simbach–Rotthalmünster wird eröffnet.

1. Mai 1911: Die Reststrecke nach Kößlarn wird eröffnet.

1. Dezember 1914: Tutting–Pocking geht in Betrieb.

2. Oktober 1960: Der Reiseverkehr Tutting–Kößlarn endet.

1. Juni 1969: Der Reiseverkehr Simbach–Pocking endet.

1. Januar 1970: Der Güterverkehr Rotthalmünster–Kößlarn endet.

1. Januar 1996: Tutting–Rotthalmünster wird stillgelegt.

23. April 2003: Tutting–Pocking wird stillgelegt.

2008: Ein Bahnradweg entsteht.

Fährt auf der Strecke Simbach–Pocking noch ein Zug?
Nein, beide Strecken sind stillgelegt und abgebaut.
Wann endete der Personenverkehr?
Auf der Stichbahn Tutting–Kößlarn am 2. Oktober 1960, zwischen Simbach und Pocking am 1. Juni 1969.
Wofür wurde die Strecke nach Pocking gebaut?
Sie sollte eine durchgehende Verbindung von Simbach nach Passau schaffen, ohne österreichisches Gebiet zu durchqueren.
Was erinnert an die Strecke?
Zwei Brücken und Straßen, die nach Bahnhöfen benannt sind, außerdem ein Radweg auf der Trasse.
Wo liegt der Bahnradweg?
Auf dem Abschnitt Tutting–Pocking, er wurde 2008 errichtet.

Von den kleinen Halten am Inn ist wenig mehr als die Lage an der Strecke belegt.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Simbach–Pocking · Wikipedia: Bahnstrecke Tutting–Kößlarn · Wikipedia: Malching · Wikipedia: Pocking · Wikipedia: Simbach am Inn

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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