Die stillen Halte der Bahn Grafing–Glonn: von der Lokalbahn zum Bahndamm
Die Stichbahn von Grafing nach Glonn war nur 10,6 Kilometer lang und fuhr von 1894 bis 1970 mit Personen. Hier stehen ihre Halte Taglaching, Moosach, Zinneberg und Glonn.

Lage: Landkreis Ebersberg in Oberbayern, von Grafing über Moosach nach Glonn. Status: Seit 1971 stillgelegt und abgebaut. Heute: Der alte Bahndamm ist an mehreren Stellen als Weg erhalten.
Die Bahnstrecke Grafing–Glonn war eine 10,6 Kilometer lange Nebenbahn im Landkreis Ebersberg in Oberbayern.
Die Stichbahn zweigte in Grafing Bahnhof von der Bahnstrecke München–Rosenheim ab und führte über Moosach nach Glonn.
Sie wurde 1894 als Lokalbahn eröffnet, der Personenverkehr endete am 31. Mai 1970, der Güterverkehr am 23. Mai 1971.
Grafing Bahnhof ist weiterhin in Betrieb, dieser Beitrag behandelt nur die stillgelegte Stichstrecke und ihre Halte.
Alte freie Fotos gibt es von der Strecke kaum, sie stammen vor allem aus der Zeit nach der Stilllegung.
Entstehung: Glonn wartet auf einen Bahnanschluss
Schon 1840 gab es Pläne, die Bayerische Maximiliansbahn von München nach Salzburg über Glonn zu führen.
1850 wurde aber entschieden, die Strecke über Holzkirchen und das Mangfalltal zu legen, um die Kohlereviere in Miesbach besser anzubinden.
Auch die am 15. Oktober 1871 eröffnete Bahnstrecke von München über Grafing nach Rosenheim bediente Glonn nicht.
Am 28. April 1891 wurde im Gasthaus zur Post in Glonn ein Eisenbahnkomitee unter dem Vorsitz des Landtagsabgeordneten Wolfgang Wagner gegründet.
Es setzte sich für einen Bahnanschluss für Glonn und andere Gemeinden ein.
Das zuständige Staatsministerium genehmigte die Planung im Juni 1891.
Das Komitee beauftragte die Localbahn-Aktiengesellschaft, ein generelles Projekt vorzulegen.
Noch 1891 wurden die Planungen überarbeitet, weil erst dann feststand, dass die Strecke als staatliche Lokalbahn gebaut werden sollte.
Für die Zusicherung der benötigten Grundstücke waren die betroffenen Gemeinden zuständig.
Bau und Eröffnung
Der Bau begann am 2. August 1893.
Beschäftigt waren rund 270 Bauarbeiter, für das Verlegen des Oberbaus sogar 370.
Den Unterbau schüttete man mit Kies aus den Kiesgruben der Umgebung und aus den Bahneinschnitten auf.
Planung und Bau kosteten insgesamt 577.400 Mark, davon waren 27.500 Mark als Reserve eingeplant.
Am 26. Mai 1894 um 12 Uhr rollte der erste Zug in Glonn ein.
Der Tag der Eröffnung wurde in Glonn amtlich zum allgemeinen Feiertag ernannt.
Den regulären Betrieb nahmen die Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen einen Tag nach der Eröffnung auf.
So sah es vorher aus: der Betrieb auf der Stichbahn
Zu Beginn wurden der Strecke zwei Tenderlokomotiven, vier Personenwagen und drei Gepäckwagen zugeteilt.
1902 wurde die Reservelokomotive gestrichen.
Um 1906 wurden versuchsweise Dampfmotorwagen eingesetzt.
Um 1955 lösten Schienenbusse vom Typ VT 98 die Dampfzüge langsam ab.
Im Güterverkehr dominierten zunächst Holz, später Steintransporte aus und nach Moosach.
Der Personenverkehr entwickelte sich in der Anfangszeit positiv, während das Güteraufkommen konstant blieb.
Betriebswirtschaftlich war die Strecke von Anfang an defizitär.
Die bayerische Staatseisenbahn ermittelte für sie regelmäßig eine Kapitalverzinsung von unter einem Prozent.
Das am Kapitalmarkt aufgenommene Kapital musste dagegen mit 4 Prozent verzinst werden, so der Stand von 1912.
In den 1930er Jahren kamen erste Stilllegungsgerüchte auf.
Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Bahn keine größeren Schäden.
Nach dem Krieg verkehrten wieder drei Zugpaare, 1953 waren zehn Zugpaare im Fahrplan vorgesehen.
1963 fuhren werktags zehn und sonntags acht Zugpaare, nun mit Schienenbussen.
Ab dem 30. Mai 1964 gab es keine Güterzüge mit Personenbeförderung mehr.
Niedergang und Stilllegung
Die Deutsche Bundesbahn plante die Einstellung des Betriebs zwischen Glonn und Grafing.
Die Einwohner von Glonn setzten sich für die Bahn ein und konnten die Stilllegung zunächst verhindern.
1958 sank die Zahl der Fahrgäste von 1.200 auf 600 pro Tag.
Um 1965 waren die Züge durchschnittlich mit 30 Reisenden besetzt, und nur 25 Prozent der Kosten wurden gedeckt.
Der Individualverkehr nahm zu, außerdem war eine komplette Sanierung des Oberbaus nötig.
Hinzu kam eine Buslinie von Grafing nach Glonn.
1966 beantragte die Bundesbahn die Stilllegung, der im März 1969 zugestimmt wurde.
Am 31. Mai 1970 stellte sie den Personenverkehr ein, am 23. Mai 1971 folgte der Güterverkehr.
Noch 1971 wurde die Strecke abgebaut.
Grafing Bahnhof: Ausgangspunkt der Stichbahn

Für die Stichstrecke wurden in Grafing Bahnhof die zwei neuen Gleise 5 und 6 samt Zwischenbahnsteig errichtet.
Der Zwischenbahnsteig zwischen Gleis 5 und Gleis 6 war nur über einen Übergang auf dem Gleis erreichbar.
Kurz nach dem Abbau der Strecke wurde er abgetragen.
Gleis 6, an dem die Züge von und nach Glonn hielten, wird heute als Ausweichgleis genutzt.
In Grafing Bahnhof zweigt außerdem die Nebenbahn nach Wasserburg von der Hauptbahn München–Rosenheim ab.


Taglaching: ein Haltepunkt mit Milchsammelstelle
Der Haltepunkt Taglaching lag östlich der Waldstraße von Taglaching nach Aßling, direkt an der Ortschaft.
Er hatte ein Bahnsteiggleis.
Anders als der Haltepunkt Zinneberg war er kein Bedarfshalt.
Die Milchverwertungsgenossenschaft Taglaching und Umgebung verlud mit ihrer hier gegründeten Milchsammelstelle bis 1952 Milch in die Personenzüge, direkt auf dem Hauptgleis.
Das Ladehaus ist samt Bahnsteigkante noch erhalten.
Moosach: Bahnhof mit Gleiswaage und Denkmal

Der Bahnhof Moosach bei Grafing wurde mit einem Ausweich- und einem Stumpfgleis, einer Gleiswaage und einer Seitenrampe gebaut.
Er liegt an der Bahnhofstraße in Moosach, 500 Meter östlich des Ortszentrums.
Später kam ein Gleisanschluss für das Sägewerk in Guterstätt hinzu.
Das Bahnhofsgebäude mit einem Dienst- und einem Warteraum steht noch, an das Gebäude war ein Güterschuppen angebaut.
Heute befindet sich neben der Bahnsteigkante ein Denkmal aus einem Stück Gleis mit einem ehemaligen Personenwagen und dem alten Bahnhofsgebäude.
Zwischen Moosach und Grafing stießen am 20. August 1969 an einem Bahnübergang ein Schienenbus und eine landwirtschaftliche Zugmaschine zusammen.
Der Landwirt am Steuer der Zugmaschine kam dabei ums Leben.
Zinneberg: ein Bedarfshalt unter dem Schloss

Bei Kilometer 9,0 lag der Haltepunkt und Bedarfshalt Adling.
Am 1. Mai 1898 wurde er in Zinneberg-Adling umbenannt.
1923 wurde er geschlossen und im August 1927 als Zinneberg wiedereröffnet.
Er lag nahe der Straße von Grafing über Bruck nach Glonn zwischen Westerndorf und Glonn, unterhalb des Schlosses Zinneberg.
Der Halt hatte ein Bahnsteiggleis, bis 1912 wurde außerdem ein Gleisanschluss gebaut.

Der Bahndamm am Halt ist heute als Fußweg begehbar.
Er ist als geschützter Landschaftsbestandteil „Alter Bahndamm“ ausgewiesen.

Zwischen Zinneberg und Moosach entgleiste am 17. März 1932 der erste Frühzug von Glonn nach Grafing aus ungeklärter Ursache.
Die Tenderlokomotive 70 001 rutschte den Bahndamm hinunter, die verkeilten Wagen verhinderten einen weiteren Absturz.
Nennenswerte Personenschäden gab es nicht.
Glonn: Endbahnhof mit Lokschuppen
Endpunkt der Strecke war der Bahnhof Glonn bei Kilometer 10,6.
Er hatte drei Bahnhofsgleise, zwei Lokschuppengleise, ein Freilade- und ein Güterhallengleis.
Bis zum 22. Mai 1954 gab es hier eine Außenstelle des Bahnbetriebswerks.
Dann wurden die Schienenfahrzeuge in die Außenstelle Wasserburg (Inn) Stadt und das Bahnbetriebswerk Rosenheim umbeheimatet.
Gleis 1 lag als Freiladegleis an einer Ladestraße und hatte eine Gleiswaage.
Gleis 2 war das durchgehende Hauptgleis und zugleich das Bahnsteiggleis.
An Gleis 3 lag eine Seitenrampe zum Ein- und Ausladen von Gütern.
An Gleis 4 standen der Lagerschuppen und der Lokschuppen, vor dem die Dampfloks bekohlt wurden.
Das Empfangsgebäude enthielt einen Dienstraum und zwei Wohnungen.
Im Anbau gab es einen Warteraum, eine offene Wartehalle, eine Waschküche und öffentliche Toiletten.
Der denkmalgeschützte ehemalige Lokschuppen ist erhalten und dient heute als Wohnhaus.
Am Bahnhofplatz in Glonn und an zwei weiteren Stellen informieren Schautafeln über die frühere Strecke.
Vorher und nachher: aus der Bahn wurde ein Weg
Vorher fuhren hier bis 1970 Reisende zwischen Glonn und dem Anschluss in Grafing.
Nachher wurden die Gleise im Mai und Juni 1971 abgebaut.
Der alte Bahndamm blieb an mehreren Stellen erhalten, etwa bei Grafing und bei Zinneberg.
So sieht es jetzt aus
Erhalten sind das Ladehaus mit Bahnsteigkante in Taglaching, das Empfangsgebäude samt Denkmal in Moosach und der Lokschuppen in Glonn.
Der Bahndamm bei Zinneberg ist ein geschützter Landschaftsbestandteil.
Weitere Gebäude der Strecke sind nicht belegt.
15. Oktober 1871: Die Bahn München–Grafing–Rosenheim wird eröffnet, Glonn bleibt ohne Anschluss.
28. April 1891: Gründung des Eisenbahnkomitees in Glonn.
2. August 1893: Baubeginn der Strecke.
26. Mai 1894: Der erste Zug erreicht Glonn.
1. Mai 1898: Der Halt Adling wird in Zinneberg-Adling umbenannt.
1923: Der Haltepunkt Zinneberg-Adling wird geschlossen.
August 1927: Der Haltepunkt wird als Zinneberg wiedereröffnet.
30. Mai 1964: Es fahren keine Güterzüge mit Personenbeförderung mehr.
31. Mai 1970: Die Bundesbahn stellt den Personenverkehr ein.
23. Mai 1971: Der Güterverkehr endet.
Wie lang war die Strecke?
Wann fuhr der letzte Personenzug?
Wann endete der Güterverkehr?
Warum wurde die Strecke stillgelegt?
Was ist vom Bahnhof Moosach erhalten?
Was ist in Glonn erhalten?
Die Stichbahn war nur gut zehn Kilometer lang, doch an Taglaching, Moosach, Zinneberg und Glonn lassen sich ihre Spuren noch finden.
Wikipedia: Bahnstrecke Grafing–Glonn · hurra-draussen.de: Wanderung auf der Bahntrasse Moosach
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