Die Strecke Celle–Braunschweig: stille Halte von Wathlingen bis Wendezelle
Eine Hauptbahn im Gewand einer Nebenbahn: Die Strecke von Celle nach Braunschweig wurde großzügig gebaut und blieb doch bedeutungslos. Wathlingen und seine Nachbarn erzählen davon.

Lage: zwischen Celle und Braunschweig, durch die Landkreise Celle, Peine und die Region Hannover. Status: Celle–Harvesse stillgelegt, Gliesmarode–Harvesse mit Güterverkehr. Heute: Reaktivierung bis Harvesse wird untersucht.
Die Bahnstrecke Celle–Braunschweig ist eine eingleisige, nicht elektrifizierte Nebenbahn, die einst als Hauptbahn trassiert wurde.
Zwischen Braunschweig-Gliesmarode und einem Anschlussgleis südlich von Harvesse findet seit 2015 wieder Güterverkehr statt.
Der Abschnitt zwischen Harvesse und Celle ist stillgelegt, darunter auch der Bahnhof Wathlingen.
Dessen Empfangsgebäude steht noch und ist durch einen Modellbausatz bekannt geworden.
Freie Fotos vom Bahnhof Wathlingen fehlen, deshalb zeigen die Bilder andere Orte entlang der Strecke.
Entstehung: der Wunsch nach der direkten Linie
Schon beim Bau der ersten Eisenbahnen wollte Braunschweig eine möglichst direkte Verbindung zu den Seehäfen.
Auf Wunsch Hannovers wurde die erste Strecke jedoch über Lehrte gebaut, der dortige Bahnhof war entsprechend überlastet.
Dem ersten Gespräch am 15. Juni 1907 folgten Verhandlungen, die am 13. Januar 1912 zum Staatsvertrag zwischen Preußen und Braunschweig führten.
Nach dem Austausch der Ratifikationsurkunden am 2. Juni 1913 konnte der Bau beginnen, im Ersten Weltkrieg ruhte er zeitweise.
Am 1. September 1920 wurde die Strecke von Celle bis Uetze eröffnet.
Der Abschnitt von Uetze nach Plockhorst folgte am 3. Mai 1921, am 1. März 1923 ging die Strecke bis Gliesmarode in Betrieb.
Dort vereinigte sie sich mit der bestehenden Strecke Gifhorn–Braunschweig.
So sah es vorher aus: großzügig gebaut
Die Strecke wurde nach braunschweigischen Wünschen mit Krümmungs- und Steigungsverhältnissen sowie dem Unterbau einer Hauptbahn gebaut.
Nur der Oberbau war der einer Nebenbahn.
Die großzügige Trassierung zeigt sich an der Dammlage mit mehrfacher Querung der Fuhse zwischen Wathlingen und Eltze.
Die Bahnhofsgebäude wurden großzügig dimensioniert und nach einheitlichem Muster gebaut.
Jeder Bahnhof war für Personen- und Güterverkehr eingerichtet und hatte mindestens ein Ladegleis.
Trotzdem kam die Strecke über eine lokale Bedeutung nicht hinaus.
1962 fuhren im Personenverkehr fünf Zugpaare.
Im Güterverkehr wurden hauptsächlich Zuckerrüben, Kartoffeln und Vieh befördert, empfangen wurden Briketts und Koks.
Dazu kam Stückgut in den Packwagen der Personenzüge.
In den letzten Jahren fuhr nur noch ein Schienenbus mit Beiwagen.
Der Bau des Mittellandkanals verlangte 1929, die Strecke zwischen Wendezelle und Völkenrode nach Westen zu verschwenken.
Die Brücke über den Mittellandkanal wurde bei der Sprengung am 10. April 1945 beschädigt.
Im Februar 1946 zerstörte ein Hochwasser der Oker die Okerflutbrücke.
Ab dem 14. März 1949 gab es wieder durchgehenden Verkehr.

Wathlingen: der Bahnhof als Modell
Das Empfangsgebäude in Wathlingen ist ein zweigeschossiger, verputzter Massivbau von 1920, der Baujahrinschrift nach.
Es hat ein steiles, gestaffeltes Satteldach, die Giebelfelder sind in Fachwerk ausgeführt.
Das westlich stehende, eingeschossige Nebengebäude hat einen H-förmigen Grundriss und stammt von um 1920.
Das Landesdenkmalamt sah in der Architektur Züge des Heimatstils und der Reformarchitektur.
Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Im Mai 1976 wurde der Güterverkehr von Wathlingen nach Uetze eingestellt.
1985 wurde der Bahnhof geschlossen, nachdem die Strecke zwischen Nienhagen und Wathlingen stillgelegt worden war.
Das Empfangsgebäude wird heute zum Wohnen genutzt und ist in Privatbesitz, es ist daher nicht öffentlich zugänglich.
Ab 2010 wurde ein 385-teiliger Modellbausatz des Wathlinger Bahnhofs im Maßstab 1:87 vertrieben.
Nienhagen bis Uetze: Rad- und Fußweg und Viadukt
Auf dem Stück zwischen Westercelle und Nienhagen liegt eine Erdgasleitung der SVO Energie.
Die Trasse ist als privater Weg für Radfahrer und Fußgänger freigegeben.
Der Güterverkehr zwischen Nienhagen und Wathlingen endete am 31. Mai 1985, zwischen Celle und Nienhagen am 29. September 1990.

Plockhorst: der Turmbahnhof
In Plockhorst kreuzte die Strecke als Turmbahnhof die Bahnstrecke von Hannover nach Berlin.
Der Bahnsteig wurde etwa 1984 entfernt.
1994 wurde die letzte Brücke im Turmbahnhof für den Ausbau der Schnellfahrstrecke Hannover–Berlin abgetragen.
Der Personenverkehr zwischen Plockhorst und Braunschweig endete am 27. Mai 1962, zwischen Celle und Plockhorst am 23. Mai 1971.
Harvesse und Wendezelle: das Gleis liegt noch
Von Gliesmarode bis einschließlich Harvesse liegt das Gleis.
Der Güterverkehr zwischen Uetze und Harvesse endete am 30. September 1990, die Stilllegung folgte am 31. Dezember 1991.
Am 31. Dezember 1993 wurde der Güterverkehr zwischen Watenbüttel und Harvesse eingestellt, 1998 wurde der Abschnitt stillgelegt.
Der bislang letzte Personensonderzug fuhr am 11. Dezember 1994 von Braunschweig bis Harvesse.


Niedergang: Schritt für Schritt bis 1998
Die Stilllegung ging von beiden Seiten aus.
Am 30. Mai 1976 endete der Güterverkehr zwischen Wathlingen und Uetze, am 31. Mai 1985 zwischen Nienhagen und Wathlingen.
Am 29. September 1990 folgte Celle–Nienhagen, am 30. September 1990 Uetze–Harvesse.
Die meisten Bahnhofsgebäude sind in Privatbesitz erhalten, teilweise wurden Grundstücke verkauft und überbaut.
So sieht es jetzt aus
Im Herbst 2015 wurde nach einer Ertüchtigung der Strecke der Güterverkehr von Braunschweig-Gliesmarode bis kurz vor Harvesse aufgenommen.
Dort hat der Volkswagen-Konzern ein Logistikzentrum errichtet.
Am Abfallentsorgungszentrum Watenbüttel zweigt ein Industriegleis ab.



Vorher und nachher: eine Strecke für den Personenverkehr
Gedacht war die Strecke für den durchgehenden Verkehr zwischen Celle und Braunschweig.
Heute gibt es zwischen Harvesse und Celle keinen Zugverkehr mehr.
Zwischen Braunschweig und Harvesse untersucht der Regionalverband Großraum Braunschweig seit 2021 eine Reaktivierung für den Personenverkehr.
Harvesse wurde als Endpunkt festgelegt, die Linie RB 45 soll dorthin verlängert werden.
Geplante Stationen sind Harvesse, Wendeburg, Völkenrode, Watenbüttel/PTB und Schwarzer Berg.
Eine vorläufige Untersuchung schätzte bis März 2024 eine positive Wirtschaftlichkeit.
Die Geschichte in Daten
1907: Am 15. Juni findet das erste Gespräch über eine direkte Bahn Celle–Braunschweig statt.
1912: Am 13. Januar wird der Staatsvertrag zwischen Preußen und Braunschweig geschlossen.
1920: Am 1. September wird Celle–Uetze eröffnet.
1921: Am 3. Mai folgt der Abschnitt Uetze–Plockhorst.
1923: Am 1. März geht die Strecke bis Gliesmarode in Betrieb.
1945: Am 10. April wird die Mittellandkanalbrücke gesprengt.
1949: Ab dem 14. März fahren wieder durchgehende Züge.
1962: Am 27. Mai endet der Personenverkehr Plockhorst–Braunschweig.
1971: Am 23. Mai endet der Personenverkehr Celle–Plockhorst.
1985: Der Bahnhof Wathlingen wird geschlossen.
1994: Am 11. Dezember fährt der bislang letzte Personensonderzug nach Harvesse.
2015: Im Herbst beginnt der Güterverkehr Gliesmarode–Harvesse.
Häufige Fragen
Fahren auf der Strecke noch Züge?
Wann endete der Personenverkehr?
Was ist mit dem Bahnhof Wathlingen?
Gibt es Pläne für die Strecke?
Kann man die Trasse zu Fuß oder mit dem Rad nutzen?
Die Strecke Celle–Braunschweig war großzügig geplant und blieb eine Nebenbahn.
Ihre Brücken, Dämme und Bahnhofsgebäude sind geblieben.
Wikipedia: Bahnstrecke Celle–Braunschweig · Wikipedia: Bahnhof Wathlingen
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