Balingen–Rottweil: Die stillen Halte einer Strecke, die nie ganz fertig wurde

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Balingen–Rottweil: Die stillen Halte einer Strecke, die nie ganz fertig wurde

Von 1928 bis 1971 fuhren Züge von Balingen bis Rottweil. Der Abschnitt hinter Schömberg ist abgebaut, und an seiner Trasse liegt die KZ-Gedenkstätte Eckerwald.

VORHER · 1909

Der Bau des Schlichem-Viadukts bei Schömberg.

Der Bau des Schlichem-Viadukts bei Schömberg. Foto: Unknown author Unknown author, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2020

Das Schlichem-Viadukt aus der Luft.

Das Schlichem-Viadukt aus der Luft. Foto: RafalZero7, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1928
Eröffnung bis Rottweil
28,93 km
ursprüngliche Länge
1971
Personenverkehr eingestellt
2023
Neubau abgelehnt

Lage: Zollernalbkreis und Landkreis Rottweil. Status: Zwischen Balingen und Schömberg in Betrieb, ab Schömberg abgebaut. Heute: Die Gedenkstätte Eckerwald erinnert an das KZ Schörzingen.

Die Bahnstrecke Balingen–Rottweil war ursprünglich 28,93 Kilometer lang.

Heute besteht sie nur noch zwischen Balingen und Schömberg und wird dort als Schieferbahn bezeichnet.

Auf dem Stück von Schömberg nach Rottweil wurde der Personenverkehr am 26. September 1971 eingestellt, danach wurde es entwidmet und abgebaut.

Dieser Beitrag geht die Halte Endingen, Wellendingen, Schörzingen, Eckerwald und Rottweil Altstadt durch.

Der Eckerwald ist eine KZ-Gedenkstätte, davon handelt ein eigener, knapper Abschnitt.

Die Fotos zeigen Bahnanlagen und Gebäude, keine Opfer.

Eine Strecke, die in Stücken entstand

Schon bei den Planungen der Strecke Tübingen–Sigmaringen in den 1860er Jahren gab es Überlegungen für eine Bahn von Balingen Richtung Rottweil.

Im Februar 1899 gründete sich in Balingen ein Eisenbahn-Komitee, das eine Stichbahn nach Schömberg wollte.

Rottweil verlangte dagegen eine staatliche Durchgangsbahn und setzte sich für eine Trasse über Schörzingen und Wellendingen ein.

1904 erklärte die Regierung, dass zwischen zwei Hauptbahnen keine Privatbahn zugelassen werde.

Mit Gesetz vom 19. August 1907 beschloss Württemberg den Bau bis Schömberg.

Am 25. Oktober 1911 ging dieses Teilstück in Betrieb.

Im Juli 1914 begannen die Arbeiten an der Fortsetzung nach Rottweil, wenige Wochen später stoppte sie der Beginn des Ersten Weltkriegs.

Ab dem Frühjahr 1919 wurde im Zuge der Notstandsarbeit zwischen Schömberg und Wellendingen weitergebaut.

Im Herbst 1923 eröffnete der Güterverkehr auf diesem Stück, im November 1923 folgte wegen der Hyperinflation ein neuer Baustopp.

Erst eine Protestversammlung in Wellendingen im Mai 1926 und ein Beschluss des Verkehrsausschusses des Reichstags einen Monat später brachten den Weiterbau.

Am 26. Oktober 1928 wurde das Teilstück Schömberg–Rottweil eröffnet, 17 Jahre nach dem ersten Abschnitt.

So sah es vorher aus: der Betrieb bis 1971

Schon vor der Fertigstellung entwickelte sich der Arbeiterverkehr gut.

1932 wurden acht Zugpaare am Tag beschlossen.

Das Portlandzementwerk Dotternhausen, das 1939 in Betrieb ging, brachte weiteren Verkehr.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte die Bahn das Vorkriegsniveau nicht mehr.

1952 fuhr ein Bahnbus parallel, 1955 wurde der vereinfachte Nebenbahnbetrieb eingeführt.

Der Güterverkehr wuchs dagegen weiter, vor allem durch Kohle und Zement.

1965 leitete die Bundesbahn ein Stilllegungsverfahren ein, das ohne Erfolg blieb.

Danach fuhr nur noch ein Reisezugpaar täglich von Montag bis Freitag, und der Personenverkehr versiegte.

Endingen

Der Bahnhof Endingen liegt bei Kilometer 2,6 hinter Balingen.

Er gehört zum Abschnitt, der nicht stillgelegt ist.

Das Empfangsgebäude beherbergt heute ein Jugendhaus.

Das ehemalige Empfangsgebäude in Endingen, Steingrüble 6.
Das ehemalige Empfangsgebäude in Endingen, Steingrüble 6. Foto: Rainer Halama, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Wellendingen

Wellendingen bekam 1928 durch die Bahn Anschluss an das überregionale Netz.

Die Strecke führte nicht durch den Ort, sondern nördlich daran vorbei.

Der Bahnhof lag am Ortsrand, wo später das Gewerbegebiet Bahnhof entstand.

Die Bahnhofsanlagen mussten in den 1980er Jahren Gewerbebetrieben weichen, ein Gebäude ist nicht erhalten.

Zwischen Wellendingen und Rottweil war der Untergrund so wenig tragfähig, dass zwei eiserne Brücken von 122 und 89 Metern Länge gebaut werden mussten.

Der Bahnhof Wellendingen um 1925.
Der Bahnhof Wellendingen um 1925. Foto: Unknown author Unknown author, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Strecke zwischen Wellendingen und Rottweil Altstadt mit den beiden Eisenbrücken, vermutlich in den 1960er Jahren.
Die Strecke zwischen Wellendingen und Rottweil Altstadt mit den beiden Eisenbrücken, vermutlich in den 1960er Jahren. Foto: Unknown author Unknown author, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Kurz nach der Stilllegung wurden die beiden Brücken an einen Schrottfabrikanten verkauft.

Er verpflichtete sich dabei, auch die Pfeiler zu beseitigen.

Schörzingen

In Schörzingen bestand ein Anschluss zum ehemaligen Ölschieferwerk.

Das Empfangsgebäude wurde zwischen 2005 und 2008 abgebrochen.

Der Güterschuppen folgte nach 2008, beide mussten einem Industriebetrieb weichen.

Die beiden Aufnahmen zeigen dasselbe Gebäude, 1987 und 2005.

VORHER · 1987

Das Empfangsgebäude Schörzingen im Oktober 1987.

Das Empfangsgebäude Schörzingen im Oktober 1987. Foto: Harald Knauer, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2005

Das Empfangsgebäude 2005, vor dem Abbruch.

Das Empfangsgebäude 2005, vor dem Abbruch. Foto: unknown author, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Eckerwald

Der Gedenkpfad Eckerwald liegt etwa 1,5 Kilometer westlich von Schörzingen.

Die Strecke verlief von Schörzingen oberhalb der Starzel südwestwärts zum Eckerwald.

Von 1944 bis 1945 betrieb das Unternehmen Wüste entlang der Strecke Werke zur Gewinnung von Treibstoff aus Ölschiefer.

Häftlinge der KZ-Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof mussten diese Anlagen unter teils mörderischen Bedingungen aufbauen und betreiben.

Im Herbst 1944 errichteten Häftlinge des KZ Schörzingen im Eckerwald in rund drei Monaten eine Schieferölfabrik.

Sie war eines von zehn Werken des Unternehmens Wüste.

Das KZ Schörzingen bestand von Januar 1944 bis April 1945.

Im November 1944 erreichte die Zahl der Häftlinge dort mit 1.079 den Höchststand.

Die Eisenbahn war Grundlage für Errichtung, Betrieb und Auflösung der Lager und Werke.

Anfang April 1945 begann die Räumung des KZ Schörzingen mit zwei Bahntransporten nach Dachau.

Auf dem Werksgelände wurden in den 1950er Jahren Wälder gepflanzt.

Die Gedenkstätte Eckerwald wurde am 23. April 1989 eröffnet.

Im Jahr darauf richtete die Initiative Gedenkstätte Eckerwald in der Backsteinruine der ehemaligen Gasreinigungsanlage eine Dauerausstellung ein.

In einer von Häftlingen ausgehobenen Mulde steht eine Bronzeplastik des Rottweiler Künstlers Siegfried Haas.

Reste der Gasreinigungsanlage der Schieferölfabrik im Eckerwald.
Reste der Gasreinigungsanlage der Schieferölfabrik im Eckerwald. Foto: Andys, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Rottweil Altstadt

Der Bahnhof Rottweil Altstadt lag unmittelbar hinter der Primtalbrücke.

Er ist nach der ehemaligen Römersiedlung Arae Flaviae benannt, die den Ursprung der Rottweiler Besiedlung bildet.

Von dort fädelte die Strecke von Süden nach Norden in die Strecken Plochingen–Immendingen und Rottweil–Villingen ein.

Zwischen Rottweil und Rottweil Altstadt gab es noch bis zum 1. Januar 2002 Güterverkehr.

Das Bahnhofsgebäude dient heute zu Wohnzwecken.

Der Bahnhof Rottweil Altstadt mit Empfangsgebäude und Güterschuppen.
Der Bahnhof Rottweil Altstadt mit Empfangsgebäude und Güterschuppen. Foto: unknown author, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Niedergang und Ende

Am 26. September 1971 stellte die Bundesbahn den Personenverkehr auf der ganzen Strecke ein.

Den Verkehr übernahm die Bahnbuslinie 7440.

Zwischen Schömberg und Rottweil Altstadt wurde die Strecke entwidmet und abgebaut.

Bahndamm und einzelne Brücken blieben erhalten, darunter die Primtalbrücke bei Rottweil.

Zwischen Balingen und Schömberg wurde nach großem Widerstand der Anliegerkommunen nicht abgebaut.

Seit 2002 betreibt die Hohenzollerische Landesbahn diesen Abschnitt.

So sieht es jetzt aus

Die Primtalbrücke ist heute fast vollständig erhalten und steht unter Denkmalschutz.

Sie ist 145 Meter lang und 15 Meter hoch und hat sechs Bögen, ursprünglich waren es sieben.

Die siebte Öffnung musste wegen der Elektrifizierung der Strecke Plochingen–Immendingen entfernt werden.

2016 versteigerte die Deutsche Bahn die Brücke, der Kaufpreis betrug 1.000 Euro.

Sie befindet sich seitdem in privater Hand.

Das Schlichem-Viadukt bei Schömberg ist 83 Meter lang und rund 19 Meter hoch und gilt als eines der Wahrzeichen des Schlichemtals.

Von den Bahnhöfen Dotternhausen-Dormettingen und Wellendingen sind keine Gebäude erhalten.

In Erzingen und Rottweil Altstadt dienen die Bahnhofsgebäude dem Wohnen, in Schömberg wurde das Stationsgebäude 2020 verkauft.

Vorher und nachher: die Primtalbrücke

VORHER · 1987

Das Primviadukt bei Rottweil im August 1987.

Das Primviadukt bei Rottweil im August 1987. Foto: Harald Knauer, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2015

Das Primtalviadukt im Juni 2015.

Das Primtalviadukt im Juni 2015. Foto: Stefan Karl, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Zwischen den beiden Aufnahmen liegen 28 Jahre.

Die Brücke ist bis heute fast vollständig erhalten.

Pläne zur Reaktivierung

2020 stufte die Potenzialanalyse des Landes die Gesamtstrecke in Kategorie B mit hohem Nachfragepotenzial ein.

Die 2023 abgeschlossene Machbarkeitsstudie empfahl aus wirtschaftlicher Sicht eine Reaktivierung der Gesamtstrecke.

Nur die Nordvariante über Zepfenhan und Neukirch hätte demnach einen gesamtwirtschaftlichen Nutzenüberschuss.

Im November 2023 stimmte der Kreistag des Landkreises Rottweil gegen den Neubau zwischen Schömberg und Rottweil.

Das bedeutete das vorläufige Ende der Neubau- und Reaktivierungspläne.

Die Geschichte in Daten

19. August 1907: Das Königreich Württemberg beschließt den Bau bis Schömberg.

25. Oktober 1911: Eröffnung Balingen–Schömberg.

Juli 1914: Baubeginn Schömberg–Rottweil, wenige Wochen später Baustopp.

Herbst 1923: Güterverkehr bis Wellendingen.

26. Oktober 1928: Eröffnung der Gesamtstrecke bis Rottweil.

1944 bis 1945: Werke des Unternehmens Wüste entlang der Strecke.

26. September 1971: Personenverkehr eingestellt.

23. April 1989: Eröffnung der Gedenkstätte Eckerwald.

1. Januar 2002: Ende des Güterverkehrs zwischen Rottweil und Rottweil Altstadt.

November 2023: Der Kreistag Rottweil lehnt den Neubau ab.

Häufige Fragen

Wann fuhr der letzte Personenzug?
Die Bundesbahn stellte den Personenverkehr am 26. September 1971 ein.
Welcher Teil der Strecke ist noch in Betrieb?
Der Abschnitt zwischen Balingen und Schömberg, mit Güterzügen und dem Rad-Wander-Shuttle.
Was ist das Schlichem-Viadukt?
Eine Bogenbrücke bei Schömberg, knapp 83 Meter lang und etwa 19 Meter hoch.
Gibt es in Wellendingen noch ein Bahnhofsgebäude?
Nein, die Anlagen mussten in den 1980er Jahren Gewerbebetrieben weichen.
Was erinnert am Eckerwald an das KZ Schörzingen?
Die Gedenkstätte Eckerwald mit Gedenkpfad, Ausstellung und Bronzeplastik.

Die Strecke Balingen–Rottweil blieb in ihrer Geschichte lange unfertig und ist heute nur noch zum Teil befahren.

Zu ihren Spuren gehören zwei Brücken, mehrere Bahnhofsgebäude und im Eckerwald ein Ort, an dem an die Häftlinge erinnert wird, die dort arbeiten mussten.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Balingen–Rottweil · Wikipedia: Gedenkstätte Eckerwald · Wikipedia: KZ Schörzingen · Wikipedia: Endingen (Balingen) · Wikipedia: Wellendingen · Wikimedia Commons: Dateibeschreibungen zur Strecke

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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