Der Bahnhof Zollern: Ein Kaiserbahnhof unter der Burg Hohenzollern, an dem kein Zug mehr hält

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Bahnhof Zollern: Ein Kaiserbahnhof unter der Burg Hohenzollern, an dem kein Zug mehr hält

1874 als kleine Burg gebaut, mit Kaisersalon und eigenem Gleis für den Hofzug, seit 1977 ohne Halt: So sah der Bahnhof Zollern früher aus, und das ist heute von ihm übrig.

VORHER · 1977

Die Gleisseite im letzten Betriebsjahr 1977.

Die Gleisseite im letzten Betriebsjahr 1977. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2021

Dieselbe Seite im November 2021: Das Gleis liegt noch, ein Bahnsteig ist nicht mehr zu sehen.

Dieselbe Seite im November 2021: Das Gleis liegt noch, ein Bahnsteig ist nicht mehr zu sehen. Foto: Olga Ernst, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1874
Inbetriebnahme
1977
Letzter Halt
185 m²
Sieben Zimmer
4
Überlieferte Kaiserbesuche

Lage: Am Zollerbahnhof 1, Wessingen, Gemeinde Bisingen, rund zwei Kilometer südwestlich von Hechingen. Status: stillgelegt, Kulturdenkmal, Privatbesitz. Strecke: Tübingen–Sigmaringen, sie ist weiter in Betrieb.

Am Fuß der Schwäbischen Alb steht ein Gebäude, das aussieht, als hätte jemand eine kleine Burg neben die Schienen gesetzt.

Es hat Mauern aus Malmstein, Fachwerk mit roten Balken, Spitzgiebel und schmale Fenster.

Oben auf dem Berg thront die echte Burg Hohenzollern, die Stammburg des preußischen Königshauses.

Unten fahren bis heute Züge vorbei, doch sie halten hier seit 1977 nicht mehr.

Der Bahnhof Zollern war gedacht als Tor zur Burg und als Empfangsraum für den Kaiser.

Genutzt hat Wilhelm II. ihn allerdings nur selten.

Die Geschichte dieses Hauses erzählt von Stolz, von Streit um Fahrgäste und von dem Moment, in dem niemand mehr ein Kaiserzimmer brauchte.

Warum hier ein Bahnhof entstand

Die Strecke von Tübingen nach Sigmaringen war eine politische Besonderheit.

Sie führte durch die Hohenzollernschen Lande, eine preußische Exklave, die rundum von Württemberg umgeben war.

Ein Staatsvertrag vom 3. März 1865 regelte deshalb die Belange zwischen Württemberg und Preußen.

Von den 87,505 Kilometern Strecke lagen 40,409 Kilometer auf preußischem Gebiet.

Gleichzeitig war oben auf dem Berg etwas Neues entstanden.

König Friedrich Wilhelm IV. ließ die Burg ab 1850 nach Plänen von Friedrich August Stüler neu errichten, 1867 war sie fertig.

Zwei Jahre später, am 29. Juni 1869, erreichte die Bahn Hechingen.

Für den Weg zur Burg lag dieser Bahnhof aber ungünstig.

Der Streit um die Station

Am 2. Juli 1872 schlug die württembergische Eisenbahn-Bau-Commission eine Station unterhalb des Hohenzollern vor.

Dahinter stand der Wille von König Karl von Württemberg, und zwar für den deutschen Kaiser.

Die Eisenbahndirektion in Stuttgart lehnte eine Station ohne öffentlichen Verkehr am 18. September 1872 ab.

Darauf folgte Streit zwischen dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und der Direktion.

Am 21. April 1873 kam der Kompromiss: Der Bahnhof wurde bewilligt, sowohl für den Kaiser als auch für die öffentliche Personen- und Gepäckbeförderung.

Güterverkehr war damals nicht vorgesehen.

Auch Hechingen war nicht begeistert, denn die Stadt fürchtete um ihren Fremdenverkehr.

Vom neuen Bahnhof aus halbierte sich der Fußweg zur Burg im Vergleich zum Bahnhof Hechingen.

Am 1. August 1874 ging die Station zusammen mit dem Abschnitt Hechingen–Balingen in Betrieb, nachdem der Deutsch-Französische Krieg den Bau verzögert hatte.

Pläne der Station Zollern mit Ansichten und Grundrissen, um 1873.
Pläne der Station Zollern mit Ansichten und Grundrissen, um 1873. Foto: unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

So sah es vorher aus: eine Burg im Kleinformat

Das Empfangsgebäude entstand 1874 auf der linken Bahnseite, und zwar nach dem Vorbild der Burg.

Wie die Burg besteht es aus Malmstein.

Der Architekt Josef Schlierholz verband ein Fachwerkhaus mit einem daneben stehenden Sandsteingebäude.

Dazwischen ragte bis 1929 ein Turm auf, der dem Bau seine burgartige Silhouette gab.

Auf den alten Plänen und der historischen Aufnahme ist er gut zu sehen.

Für die Reisenden gab es ursprünglich Wartesäle der 1., 2., 3. und 4. Klasse.

Dazu kamen ein Gepäckraum, ein Kassenbereich und eine Wohnung für den Bahnhofsvorsteher.

Neben dem Haus steht bis heute ein aufwendig verziertes Toilettengebäude mit Schnitzwerk.

Seitenansicht der Station mit dem hohen Turm, Blatt der Hohenzollernschen Bahn, um 1873.
Seitenansicht der Station mit dem hohen Turm, Blatt der Hohenzollernschen Bahn, um 1873. Foto: unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Das Nebengebäude mit seinem Schnitzwerk, Aufnahme ohne Datum.
Das Nebengebäude mit seinem Schnitzwerk, Aufnahme ohne Datum. Foto: Muesse, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Kaisersalon

Das Herzstück des Hauses war für die wenigsten Reisenden bestimmt.

Für den Kaiser und sein Gefolge gab es einen Fürstensalon mit Holzdecke und reich verziertem Fries.

Die Fotos zeigen dunkles Holz, rote Wände und kunstvolle Ornamente.

Das Gebäude hat insgesamt sieben Zimmer mit 185 Quadratmetern.

Für den Hofzug wurde neben dem Streckengleis eigens ein langes Stumpfgleis angelegt.

Von hier aus brachten Kutschen die Würdenträger hinauf zur Burg.

Decke und Türbogen im Kaisersalon, Aufnahme ohne Datum.
Decke und Türbogen im Kaisersalon, Aufnahme ohne Datum. Foto: Muesse, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Holzdecke und Wandschmuck im Kaisersalon, Aufnahme ohne Datum.
Holzdecke und Wandschmuck im Kaisersalon, Aufnahme ohne Datum. Foto: Muesse, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Fries und Wandbespannung im Kaisersalon, Aufnahme ohne Datum.
Fries und Wandbespannung im Kaisersalon, Aufnahme ohne Datum. Foto: Muesse, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Hoher Besuch, aber selten

Bis 1914 kamen regelmäßig Adlige und Staatsgäste über diesen Bahnhof.

Kaiser Wilhelm II. selbst nutzte ihn jedoch nur selten.

Überliefert sind seine Besuche in den Jahren 1893, 1899, 1905 und 1911.

Danach war die große Zeit der Station vorbei, auch wenn sie noch Jahrzehnte weiterlief.

Die letzte derartige Nutzung fand 1972 statt.

Damals wurde hier die Nachfeier zum 80. Geburtstag von Viktoria Luise von Preußen begangen, der Tochter Wilhelms II.

Der Alltag: Kreuzungen und Stückgut

Im Alltag war der Kaiserbahnhof ein ganz normaler Betriebsbahnhof mit zwei Bahnsteiggleisen, an dem sich Züge kreuzen konnten.

Das Kreuzungsgleis maß zunächst nur 163 Meter.

1892 kam ein Stellwerk der Maschinenfabrik Esslingen hinzu.

1908 wurde das Kreuzungsgleis auf 239 Meter verlängert.

Das reichte bald nicht mehr, denn die Güterzüge wurden immer länger.

Manche Wagen mussten deshalb in Balingen stehen bleiben, oder Züge warteten in Hechingen und Bisingen.

Gefordert wurden mindestens 550 Meter, und 1930 gab es tatsächlich eine weitere Verlängerung.

Auch beim Stückgut und bei Wagenladungen wurde der Bahnhof zu klein, obwohl Güterverkehr anfangs gar nicht vorgesehen war.

Der Turm verschwand im Jahr 1929, weil dort eine Wohnung angebaut werden sollte.

Diese Wohnung wurde nie gebaut.

Der Rückbau: von 1967 bis 1977

Ende der 1960er-Jahre begann die Deutsche Bundesbahn mit dem Abbau.

1967 baute sie die Weiche Richtung Balingen aus, damit war Schluss mit den Zugkreuzungen.

1972 ging das Stellwerk außer Betrieb, und die Gleisanlagen wurden zurückgebaut.

Aus dem Bahnhof wurde ein unbesetzter Haltepunkt, an dem nur noch gelegentlich Züge hielten, vor allem für Reisegruppen zur Burg.

1977 war auch damit Schluss, und der Haltepunkt wurde aufgelassen.

Damit endete nach 103 Jahren die Geschichte des Bahnhofs.

Leerstand und Rettung

Schon 1976 wurde das Gebäude als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung eingestuft und zum Kauf angeboten.

Doch niemand kümmerte sich darum, und das Haus verkam immer mehr.

Fenster wurden eingeschlagen und Räume demoliert.

Erst 1981 fand sich jemand, der es kaufte und unter den Auflagen der Denkmalbehörde instand setzte.

Bis um das Jahr 2000 gab es auf dem 1.800 Quadratmeter großen Gelände eine rustikale Gartenwirtschaft.

Von 2007 bis 2010 hielt eine Druiden-Loge ihre Sitzungen im Kaisersalon ab.

Ab den 2000er-Jahren diente das Anwesen außerdem als Kulisse für Fotos, gepachtet von einem Fotografenmeister.

2012 wurde es an einen anonymen Käufer verkauft.

Der Portalgiebel aus Malmstein, Aufnahme ohne Datum.
Der Portalgiebel aus Malmstein, Aufnahme ohne Datum. Foto: Muesse, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sieht es jetzt aus

Das Gebäude steht gut erhalten an einer Straße, die seine Geschichte im Namen trägt: Am Zollerbahnhof.

Die Hausnummer ist die 1.

Fachwerk, Malmstein und Spitzgiebel sind noch da, nur der Turm fehlt.

Eine Hecke trennt das Grundstück heute vom Gleis, von einem Bahnsteig ist nichts mehr zu sehen.

Das Haus ist in Privatbesitz, es lässt sich also nur von außen ansehen.

Die Straßenseite im November 2021.
Die Straßenseite im November 2021. Foto: Olga Ernst, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Fachwerktrakt mit den roten Balken, November 2021.
Fachwerktrakt mit den roten Balken, November 2021. Foto: Olga Ernst, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Giebel zur Straße, November 2021.
Der Giebel zur Straße, November 2021. Foto: Olga Ernst, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Strecke selbst lebt weiter.

Sie ist durchgehend eingleisig und nicht elektrifiziert, und für die geplante Regional-Stadtbahn Neckar-Alb soll sie zwischen Tübingen und Albstadt-Ebingen elektrifiziert werden.

Etwas südlich der alten Station liegt die Ausweichanschlussstelle Zollern mit der Abkürzung TZO.

Sie bedient bei Streckenkilometer 31,341 ein Asphaltmischwerk mit Schotterzügen.

Die Burg zieht heute rund 350.000 Besucher im Jahr an, doch mit dem Zug steigt niemand mehr direkt an ihrem Fuß aus.

Der Bahnübergang beim Bahnhof, die Schranke öffnet nur auf Anfrage, Juni 2020.
Der Bahnübergang beim Bahnhof, die Schranke öffnet nur auf Anfrage, Juni 2020. Foto: Zollernalb, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: drei direkte Vergleiche

VORHER · 1977

Die Straßenseite im Jahr 1977, kurz vor dem Ende.

Die Straßenseite im Jahr 1977, kurz vor dem Ende. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2021

Die Straßenseite im November 2021.

Die Straßenseite im November 2021. Foto: Olga Ernst, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Am deutlichsten zeigt das historische Bild, was fehlt: Der Turm in der Mitte ist verschwunden.

VORHER · UM 1900

Der Bahnhof mit seinem Turm.

Der Bahnhof mit seinem Turm. Foto: unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
NACHHER · 2024

Der Bau im Juli 2024, der Turm fehlt seit 1929.

Der Bau im Juli 2024, der Turm fehlt seit 1929. Foto: Zollernalb, CC0 1.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
VORHER · 2006

Die Gleisseite im Juni 2006.

Die Gleisseite im Juni 2006. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2020

Die Gleisseite im Juni 2020, das Haus liegt fast hinter der Hecke.

Die Gleisseite im Juni 2020, das Haus liegt fast hinter der Hecke. Foto: Zollernalb, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Geschichte in Daten

1850–1867: Neubau der Burg Hohenzollern.

3. März 1865: Staatsvertrag zwischen Württemberg und Preußen.

29. Juni 1869: Die Bahn erreicht Hechingen.

2. Juli 1872: Erster Vorschlag für eine Station unter der Burg.

21. April 1873: Die Direktion bewilligt den Bahnhof.

1. August 1874: Inbetriebnahme mit dem Abschnitt Hechingen–Balingen.

1892: Das Stellwerk geht in Betrieb.

1893, 1899, 1905, 1911: Überlieferte Besuche von Wilhelm II.

1908: Das Kreuzungsgleis wächst auf 239 Meter.

1929: Der Turm wird abgerissen.

1967: Die Zugkreuzung endet.

1972: Das Stellwerk geht außer Betrieb, der Bahnhof wird unbesetzter Haltepunkt.

1976: Einstufung als Kulturdenkmal.

1977: Der Haltepunkt wird aufgelassen.

1981: Ein Käufer übernimmt die Instandsetzung.

2012: Das Anwesen wird an einen anonymen Käufer verkauft.

Häufige Fragen zum Bahnhof Zollern

Halten am Bahnhof Zollern noch Züge?
Nein. Der Haltepunkt wurde 1977 aufgelassen, die Züge auf der Strecke Tübingen–Sigmaringen fahren durch.
Wurde der Bahnhof für den Kaiser gebaut?
Nur zum Teil. Angeregt wurde er für den Kaiser, bewilligt aber 1873 auch für den öffentlichen Personenverkehr. Er sollte vor allem die Burg besser erreichbar machen.
Wie oft war Wilhelm II. hier?
Überliefert sind Besuche in den Jahren 1893, 1899, 1905 und 1911.
Wo liegt der Bahnhof genau?
Er liegt auf der Gemarkung von Wessingen, einem Ortsteil von Bisingen, an der Straße Am Zollerbahnhof, rund zwei Kilometer südwestlich von Hechingen.
Kann man das Gebäude besichtigen?
Das Haus wurde 2012 privat verkauft. Es lässt sich von der Straße aus ansehen.
Warum fehlt der Turm?
Er wurde 1929 abgerissen, weil eine Wohnung angebaut werden sollte. Dieser Anbau kam nie zustande.

Was vom Kaiserbahnhof bleibt

Der Bahnhof Zollern hat seinen Kaiser, seinen Turm und seine Fahrgäste verloren.

Geblieben ist ein Haus, das bis heute mehr nach Burg als nach Bahnhof aussieht.

Wer mit dem Zug von Hechingen nach Balingen fährt, sieht es für ein paar Sekunden hinter der Hecke vorbeiziehen.

Quellen und Bildrechte

Bahnhof Zollern, Wikipedia · Bahnstrecke Tübingen–Sigmaringen, Wikipedia · Burg Hohenzollern, Wikipedia · Hohenzollernsche Lande, Wikipedia · Wessingen, Wikipedia

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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